Was uns wirklich dumm macht

Es ist mal wieder soweit. Die Mahner treten gegen die Wünscher an. Fast wäre ich vor Ermüdung eingeschlafen als ich in der FAZ (wo sonst?) den kritischen Artikel vom eigentlich geschätzten Geert Lovink zum Thema Zeit und Informationsüberflutung via Web las. Da ist die Rede von einem externen Zwang zu Echtzeitplattformen wie twitter und facebook. Da ist auch die Rede von all den Informationen, die zwar nicht das Hirn, aber unsere Zeit vermanschen. Auf die andere Seite der Wünscher haben sich Leute wie Clay Shirky und Jeff Jarvis gestellt und werfen mit ihrer Zuversicht und Hoffnung um sich, dass es nur so Feenstaub regnet…


Das Thema Informationsüberflutung ist nirgendwo besser studierbar als bei diesen beiden Gruppen der Ewiggestrigen. Sie haben so viele Bücher gelesen, Studien verfasst und Studentenarbeiten korrigiert, dass ihnen vor lauter kleinsten Differenzierungen Ablagerungen im persönlichen Wissenshorizont passiert sind. Mentale Plaque, an der die immer gleichen Ideen hängen bleiben: Man nimmt nur das als Information, was das eigenen Weltbild stützt.
Man kann sich den persönlichen Wissenshorizont wie ein Flussbett vorstellen. Der Strom der Informationen und Daten knabbert anfangs an den Ufern, wenn aber erstmal große Überschwemmungen Auen geschaffen haben, dann ist das gesamte Flußbett auf ein überschaubares Gebiet beschränkt, weil die Geschwindigkeit herabgesetzt ist durch die Kurven des Mäanderns. Mit Glück wächst dann das Wissen in der Breite.

Leider befleißigt sich bisher keiner fluidmechanischer Betrachtungen. Denn in der tiefen Mitte fließt der Fluß am schnellsten. Das erklärt auch, warum aus den bekannten Mündern nur noch bekannte Ansichten wiedergekäut werden.

In der Folge kann man behaupten, dass Expertise darin besteht, dass Experten nur wenig Informationen aus einem Schwall an Daten benötigen, um ihre kristallisierten Meinungen bestätigt zu sehen. Sie sind daher sehr schnell im Einordnen, aber sie sind auch die Sklaven ihres impliziten Wissens. Denn der Experten-Hintergrund ist ein sehr tiefes Flußbett, dass das Vorbeirauschen der Inhalte extrem beschleunigt.

Informationsverarbeitung ist im Gehirn bisher noch nicht postmechanistisch beschrieben worden. Die Ideen Zuses werden zunehmend von den Netz- und Intelligenzexperten auf Information und die Entstehung von Wissen angewandt. Aber es gibt keinerlei Anlass zu glauben, dass Wissen dadurch entsteht, dass Daten mit anderen Daten solange kalkuliert werden, bis Wahrscheinlichkeiten als Metadaten entstehen und damit quasi als Emergenzphänomen neue Zusatzinformation aus dem Nichts auftaucht. Allein der Gedanke, dass das Gehirn Informationen verarbeitet kann sich ja nur auf Sinnesdaten beziehen. Und spielt es keine Rolle, ob die im Fernseher, an der Straße oder auf der Kirmes einströmen. Das Problem könnte sein, dass Information nicht mehr als reines Außenweltsignal sondern nur noch als codifizierte Sprache oder gestaltete Filme oder Fotos auf uns einströmen. Dies sind dann vermittelte Reize, die nicht unmittelbar der Außenwelt sondern der Innenwelt anderer Menschen entspringen. Das in der Tat ist ein Problem, dass wird nur noch Gedanken und ästhetische Gestaltung als Reize aufnehmen. Da wird die Kultur zur Monokultur. Da hilft einfach ein Spaziergang im Wald. Aber da sind wir schon wieder bei dem grundsätzlichen Problem, das nicht erst seit dem Web entstanden ist. Die städtische Kultur nimmt sich besonders wichtig, weil sie enorm mit Bedeutung aufgeladen ist. Das Netz transportiert diese sensuelle Deprivation, die mit ästhetischer Überreizung einher geht in alle Ecken der Welt. Aber daran ist nicht das Netz schuld sondern die Gläubigen der Religion der Information. Dass diese Religion eine Sekte ist, steht außer Frage. Ob wir deren goldenem Kalb huldigen, bleibt jedem selbst überlassen.

Lovink jedenfalls verharrt mit dem italienischen Netzintellektuellen Franco Berardi weiterhin bei den Grabenkämpfen. In diesem Fall gegen die marktliberalen Kräfte, wenn er den Italiener in der FAZ folgerndermaßen zitiert: “Im Marktwettbewerb müssen wir stets die Ersten und Besten sein. Was wirklich krank macht, ist nicht die Informationsüberflutung, sondern der neoliberale Druck mit seinen unmöglichen Arbeitsbedingungen.“ Das ist nett gegenüber den Bedeutungsvermanschungen die Schirrmacher mit seiner Hirnvermanschung in die Welt tragen will. Aber es verstellt noch immer den Blick auf den Kern: unseren Umgang mit den mentalen Absonderungen der Mitmenschen. Es ist nämlich keineswegs so, dass man gezwungen ist jede Meinungsäußerung oder jedes Angebot zur Kommunikation einzuordnen. Es sei denn, man hat Angst etwas zu verpassen. Das allerdings ist eine längst bekannte behandelbare pathologische Eigenschaft des modernen Menschen. Einige Intellektuelle haben sie längst mit Lyotards Buch über das Postmoderne Wissen von 1979 behandelt: Man bewertet Wissen und seine Vorstufen einfach nicht mehr als Ware. Das könnten endlich auch mal andere probieren. Es hilft sehr gut gegen Zwangserkrankungen und Phobien. Und man kann getrost den Zeitgeist seine Bahnen kreisen lassen, ab und zu kommt er wieder mal vorbei und man kann ihm zuwinken.

Bildnachweis: FlyingPete

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)


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11 comments

  1. Kann ich unterschreiben, bis auf den letzten Absatz: Sicher ist theoretisch niemand gezwungen, „jede Meinungsäußerung oder jedes Angebot zur Kommunikation einzuordnen.“ Ist es aber in der Praxis nicht eher der real existierende Konkurrenzdruck als die Angst, etwas zu verpassen, mit der die so genannte Aufmerksamkeitsökonomie auf die Arbeitsbedingungen durschlägt? Anders gesagt: Ich würde die marktliberale Komponente des Informationszeitalters nicht in die Schublade „Grabenkämpfe“ einordnen – dafür finde ich die zu wichtig (und von einigen Netzapologeten zu unterschätzt).

  2. Und ist der Konkurrenzzwang ein Teil der Natur? Ist er Gegebenes oder Geschaffenes? Ist er zuhanden, ist er Gestell oder ist er einfach nur Selektionsdruck aus der Evolution, wie manche es gerne hätten? Ich würde gerne eine Diskussion begleiten, die mehr Differenz aufweist. Aktuell sehe ich immer nur die Grabenkämpfe derjenigen, die das Glas halbvoll sehen und denjenigen, die es halbleer sehen. Eine Diskussion auf einer tieferen oder gar einer höheren Ebene wäre sicher spannender , vllt. sogar konstruktiver, aktuell sehe ich das aber noch nicht oder es erscheint einfach nicht in den Massenmedien bzw. im Web, weil es zu differenziert wäre und damit die Lagerbildung verhindert.

  3. Das Bild vom Waldspaziergang hat mir gut gefallen. Etwas Abstand tut immer gut, um sich nicht von Ideenformungen mitreißen zu lassen. Es soll ja auch etliche Künstler und Philosophen geben, die diese Abstandnehmen kann bewusst praktiziert haben, um nicht an Tiefe zu verlieren.

  4. Wenn ich merke, dass die Informationsflut mich überwältigt ist es als mündiger Bürger eigentlich meine Pflicht, den Bedeutungswahn auf Distanz zu halten. Seltsam, dass gerade in den radikalbürgerlichen Medien so wenig auf die paar wirklich anerkannt hilfreichen und guten Reste der Aufklärung gepfiffen wird…
    Für mich ist auch jeder Spaziergang (ich jogge 4-5 mal in der Woche) oder Ähnliches beste Achtsamkeitsübung…

  5. Ich hab’s vor 10 Jahren nicht mehr ausgehalten, immer vor Grau gucken zu müssen. Jetzt mache ich alle Fenster auf, es duftet nach gemähter Wiese, Sonne, Regen, Bäumen oder Mist, und ich bin häppi, obwohl ich ein Newsjunkie bin. Aber im Grünen.

  6. Exakt. Genau das ist der Grund, warum ich meine aktuelle Bleibe nach Kilometern Sicht aus dem Fenster ausgesucht habe. Küche ca. 3km, Schlafzimmer 1,5 km, Wohnzimmer mehr als 6km…

  7. Tja, was soll ich sagen? Tatsache scheint doch zumindest, dass eine Art öffentliche Diskussion über all diese rumort. Eigentlich noch viel zu wenig und nur in einigen – wenn auch interessanten – Foren. Ich habe mich schon mit vielen Leuten darüber unterhalten. Ein Personalchef eines größeren Unternehmens sagte mir einmal (jetzt nicht direkt auf Twitter & Co. bezogen): „Wenn meine Führungskräfte zu mir kommen und über zuviel Arbeit klagen, dann sage ich denen, sie sollten zuerst mal ihren Blackberry ausschalten.“
    Das, was viele der Netzjunkies (nicht böse gemeint) schreiben und tun und auch „die Macht“ von Bloggern, Social Networking, Information Overkill und all das passiert einfach. Es ist wohl auch nicht mehr zu stoppen. Warum auch? Dennoch: Was mir fehlt, ist eine möglichst breite Diskussion zu diesem Thema. Neulich war ich auf einer Veranstaltung von „news aktuell“ (einer dpa Tochter) bei der es um das Thema „Kommunikation 2020“ gehen sollte. Mehrere Hundert waren anwesend. Die Diskutanten auf dem Podium wurden von einem Internet-Geek moderiert. Alle durften twittern – was dann hinter den Diskutanten auf einer großen Leinwand 4×4 Tweets runterlief. Die Anwesenden twitterten fleißig mit. Ich sah mich etwas um, denn das, was auf dem Podium geschah, war für mich nicht wirklich interessant und auch nicht neu (wenn ja wenigstens „etwas“ rübergekommen wäre). Ich merkte, dass die Anwesenden Zuhörer/Zuschauer eigentlich mehr den Tweets als der Diskussion folgten – oh je, und was das so alles die Leinwand runtertriefte… Fragen aus dem Publikum wurden nicht zugelassen. Das durfte oder sollte in Tweets geschehen. Bis dann mal einer aus dem Publikum sich nach gut einer Stunde erdreistete, den Moderator zu fragen, wann es denn jetzt mal um das Thema des Abends ginge. Irritiert und etwas perplex (so schien mir), stammelte der etwas und fragte dann: „Äh, ja, um was ging es denn da nochmal?“ Ich bin dann gegangen. Wenn das auch ein Resultat des grassierenden Spieltriebs mit hohem Suchtpotenzial ist, dann freue ich mich auf die Unternehmen, deren Mitarbeiter eigentlich kaum noch zum Arbeiten kommen, weil die ständig in irgendwelchen Social Networks surfen und rumzwitschern und sowas. Die Produktivität in den Unternehmen wird massiv sinken – vermute ich. Ich hab´s schon so oft gesagt, aber ich sag´s hier nochmal: Wenn alleine der Schaden, der durch den überbordenden E-Mailverkehr in Unternehmen entsteht, jährlich auf mehrere Billionen (!) Euro beziffert wird (also mehr als alle Kriege und alle Naturkatastrophen zusammen kosten bzw. an Schaden verursachen), dann frage ich mich, wie das mit dem Vögelchen und anderen iGadgets wohl weitergehen wird? Deshalb eine breite Diskussion – keine Grabenkämpfe bitte. Das bringt doch überhaupt nichts! Ich persönlich halte das alles eher für eine narzistische Selbstüberschätzung stark Suchtgefährdeter ohne eigene Zukunftsvisionen. Aber das ist nur meine Meinung. Ich habe selbst keine Bedeutung bei all dem was da so passiert. „Wir sind alle Individualisten!“ schreit die Menge. „Ich dann wohl eher nicht…“ ;-)

  8. …ach so, ja, hab vergessen zu erwähnen, dass sich der orwellianische Aspekt im Netz natürlich potenziert… und fleißig schuften die Arbeiterbienen in den Marketing- und PR-Waben an ihren Guerillataktikten, um noch mehr – ähem – schwachen Sinn nach Draußen zu blasen…

  9. Man muss aber auch sagen, dass das ewig Umtrsukturieren als Existenzgrund des mittleren Managements nicht unbedingt die Effizienz erhöht – genausowenig, wie just-in-time einfach die Kosten senkt. Jeder Streik der LKW-Fahrer bringt so die Produktion zum Erliegen. Jede Neustrukturierung verwirrt und steigert den Drang zur inneren Kündigung oder gar zur inneren Mongolei…

  10. Tja, und GENAU das sollte man doch wenigstens mal versuchen, zu eruieren. Ich versteh Sie wohl. Aber deshalb macht man sich ja auch Gedanken darum, wie man bspw. besser umstrukturieren kann und so weiter. Bei diesem Thema fehlt mir aber doch etwas das Nachdenken. Da können ruhig Herr Schirmacher, Herr Kruse und auch Frau Meckel, Sie und viele Andere daran teilnehmen (was wir ja auch schon ein wenig hiermit tun … ;-) …) Herr Kollege, Sie kennen ja vielleicht die iorg.org. Die Leute sind ja nicht dumm. Im Gegenteil: Die machen ja wenigstens den Versuch. Ich meine, mir geht´s einfach nur darum, mal ab und an inne zu halten und mal nachzudenken. Schaden kann´s nicht. Im Moment wird mir zu wenig nachgedacht und einfach nur konsumiert. Gut für die Marketingstrategen (und vielleicht letztlich auch die Psychoanalytiker? Who knows?), aber na ja…

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