US-Inkubator: Mit Wagniskapital zum Wahlsieg

Die Diskussion darüber, welche und wieviele Daten die fragwürdige Firma Cambridge Analytica bei Facebook abgegriffen hat, hat auch die deutsche Öffentlichkeit für das Thema „politisches Microtargeting“ sensibilisiert. Dabei sind sich ernstzunehmende Experten einigermaßen einig, dass durch die psychografischen Verfahren der Daten-Analytiker kaum die Manipulation eines willfährigen Wahlvolks durch Donald Trump ins Werk gesetzt wurde. Doch wie Trumps Digitalkampagne vor allem Facebook für seine Zwecke genutzt hat, ermöglichte insbesondere einen effizienten Einsatz seiner finanziellen Ressourcen.

So gelang es, die seit Obama für den datengestützten Wahlkampf wesentlich besser aufgestellten Demokraten, gewissermaßen auf eigenem Terrain zu schlagen. Diese Schmach sitzt bei liberalen US-Techies nun tief und führte bald zur Forderung, die Vorherrschaft auf diesem Gebiet zurückzuerobern. Die selbstkritische Analyse ist dabei wesentlich weitergehender als eine Konzentration auf den Kandidaten Trump nahelegen würde. Dank der Finanzierung durch wohlhabende Sympathisanten ist ein ganzes Netzwerk von Firmen entstanden. Diese können republikanischen Interessenten für alle Aspekte der Kampagnenführung eigene Tools anbieten. Demgegenüber hat die Demokratische Partei sich auf die Präsidentschaftswahlkämpfe fokussiert und dabei die Wahlen sowohl zwischen als auch unterhalb der nationalen Ebene sträflich vernachlässigt.

Auf höheres Niveau heben

In diese Lücke wollen Veteranen aus den Obama-Kampagnen und der progressiven politischen Startup-Szene mittels Wagniskapital stoßen. Unter dem Titel “Higher Ground Labs” investieren sie in einschlägige Startups, betreiben ein betreffendes Akzelerator-Programm und unterstützen Unternehmer-Persönlichkeiten mit Stipendien. Gerade wurde mit 13 Startups eine zweite Gruppe annonciert, die nun durch das Wagniskapital eine viermonatige Förderung erhält. Damit könnten die hier vertretenen Anbieter sogar noch für die Midterm Elections im November 2018 relevant werden. Bei denen wird ein Drittel der Senatoren und das gesamte Repräsentantenhaus neu gewählt.

Vieles von dem, was in der aktuellen Auswahl präsent ist, hört sich noch nach Zukunftsmusik an. Es wirkt gerade aus der Perspektive der deutschen Parteiendemokratie befremdlich. Einerseits geht es dabei um Werkzeuge für die Ansprache von Wählern durch freiwillige Helfer auf diversen Kanälen. Andererseits aber auch um die Nutzung Künstlicher Intelligenz für die Identifizierung affiner Zielgruppen. Der Datafizierung des politischen Wettbewerbs scheinen dabei keine Grenzen gesetzt zu sein.

Dies hört sich am Beispiel einer Datenbank-Anwendung zur Gegnerbeobachtung dann doch nach dem Kauderwelsch an, mit dem auch Cambridge Analytica seine Kunden ködert: “Factba.se lets you own your opposition and live inside their decision curve. It is a transparency engine, allowing any PAC, campaign, organization, or company efficiently track and search every word a person has ever said, publicly or online, in real time. This lets you immediately identify discrepancies, changes in position, tonal shifts and areas of weakness. Every word spoken by your opponent makes your campaign stronger and the opponent weaker.

In den Schutz der Stimmabgabe investieren

Interessant ist schließlich, dass nicht nur Prozesse von denen Kampagnen direkt profitieren kommerziell professionalisiert werden. Auch andere Aspekte der Wahl, die eigentlich von staatlichen Stellen gewährleistet werden sollten werden professionalisiert. Wähler konkurrierender Kandidaten von der Wahrnehmung des Wahlrechts anzuhalten gehört zum politischen Geschäft. In diesem Umfeld ist aber auch der Schutz der Stimmenabgabe eine Dienstleistung, die für Kampagnen so relevant sein kann, dass eine Aufforderung plausibel erscheint, wie sie die “Voter Protection Partners” formulieren: “Investing in Voters’ Last Mile”.


andriano_cz/stock.adobe.com


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