Trend: Aufwendige Videoproduktionen oder kreative Musik-Apps

Neues Jahr, neues Glück. Doch wo geht die digitale Reise für die Musikwelt hin? Zwei mögliche Trends: Videos und Apps. // von Thomas Vorreyer

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Es gibt immer mehr und mehr Musik. Der ewige Strom wird auch 2014 nicht abschwellen. Um herauszustechen, dürften sich die Künstler im neuen Jahr verstärkt auf zwei Strategien verlassen: Noch größere und komplexe Videowerke, oder: kreative Apps, die die Songideen interaktiv weiter spinnen.


  • Aufwendige Videoproduktionen oder kreative Musik-Apps sollen Aufmerksamkeit für Musiker produzieren.
  • Auch bereits existierende Smartphone-Apps dienen – wenn thematisch verknüpft – mittlerweile als neue Präsentationskanäle.
  • Das Erlebnis „Musik“ kann sich durch die Verbindung tatsächlich potenzieren.

Die finanzkräftige Musik-Elite entdeckt das Video neu für sich

Die vergangenen Monate wurden dominiert von einer eigentümlichen Renaissance der Musikvideos. Nachdem Pharrell Williams für „Happy“ tatsächlich ein 24-stündiges Nonstop-Video gedreht hatte und Bob Dylan für „Like A Rolling Stone“ satte 16 TV-Kanäle kreieren ließ, veröffentlichte Lana Del Rey den Kurzfilm „Tropico“, eine begleitende Erzählung zu ihrem Mini-Album „Paradise“, für das sie mit Regisseur Anthony Mandler und dem Model den Sündenfall von Adam und Eva nachstellte und -sang.

Und dann kam Beyoncé. Aus dem Nichts brachte sie ein komplettes, nach ihr selbst benanntes „visual album“ – 17 neue Songs, die alle (mit Ausnahme des Bonus-Tracks „Grown Woman“) erstmals überhaupt als Musikvideos publiziert wurden. Eine hochgradig aufwendige Produktion, die die Sängerin mit großen Namen wie u.a. Jonas Åkerlund, Terry Richardson und Hype Williams gestemmt hatte. Interessanter Weise gelang es ihr dabei, zu keinem Zeitpunkt den Eindruck von Füllmaterial entstehen zu lassen.

Die vier genannten Musiker sind allesamt bei den beiden größten Plattenfirmen der Welt unter Vertrag. Natürlich ist diese fast erschlagende Promotion vor allem ein finanzieller Show-off. Und natürlich gab es begleitende Musikfilme bereits den Beatles oder Prince. Dennoch könnten die Beispiele gerade in diesem Jahr wieder verstärkt Schule machen, denn so lange eine Idee vorliegt, könnte diese auch mit viel geringeren Mitteln umgesetzt werden. In der heutigen Schwemme von Musikveröffentlichungen dürfte das zumindest noch für einige Zeit bei der eigenen Profilierung helfen. Schließlich erfährt jeder, der sich auf ein ganzes Album bzw. einen (Kurz-)Film einlässt, auch einen Moment der Abwechslung vom ständigen Weiter-Klicken und Zappen.

Bands mit kleinerem Marketingbudget setzen auf Apps

Ein (noch) interaktivere Alternative könnte das Entwickeln von Apps zur Musik sein. Bereits 2011 hatte Björk zu jedem Stück ihres Albums „Biophilia“ je eine App mit eigenen Visualisierungen programmieren lassen, Jay-Z und Lady Gaga verkauften 2013 zunächst ihre neuen Alben durch passende Album-Apps, die zusätzliches Material – etwa die Songtexte – oder Spielereien wie einen individualisierbaren Plattenspieler enthielten. Ein netter Service zwar, der aber nur bedingt Mehrwert bot und eher Testballons für neue Vertriebswege auf die Reise schickte. Kreativer gingen da zuletzt zwei vergleichsweise kleinere Bands zu Werke – wenn auch zunächst nur für einzelne Songs.

So nutzten Metronomy, eine britische Synth-Pop-Band, für die erstmalige Präsentation ihrer neuen Single „I’m Aquarius“ einen ungewöhnlichen Kanal. Wer die iOS-App „The Night Sky“ auf seinem iPhone oder Android-Handy installiert hatte, um damit die diversen Sternbilder am Nachthimmel bestimmen zu können, konnte ab dem Abend dem 11. November den Song hören, wenn er seinen Blick bzw. Mobilgerät auf eben jenen aquarius, also Wassermann, richtete. Zwar war und ist die App kostenpflichtig, allerdings mit einem Preis von 99 Cent ebenso teuer wie ein MP3-Kauf. Und das Produkt hatte schon vor der Aktion eine bereits siebenstellige Nutzerzahl. Aufregender als der Klick auf einen schnöden Soundcloud-Stream war diese musikalische Erstbegegnung allemal. Im später veröffentlichten Video sah man die Band dann passender Weise als Astronauten.

Die dänische Band WhoMadeWho ließ wiederum, um ihren Song „The Morning“ vorzustellen, gleich eine eigene, thematisch passende App entwickeln. Diese setzte den Weckruf des herunterladenen Smartphones für den 25. November auf exakt 7 Uhr Ortszeit. Als Alarmmelodie erklang dann die Single. Und wer dieses schöne Gimmick verpasst hat, kann sich bis heute immerhin noch am Musikvideo zum Song beteiligen: Mit #WMWTHEMORNING getaggte Instagram-Fotos und -Videos werden dem sich so im ständigen Wandel begriffenen Video automatisch hinzugefügt.

What’s next?

Wird, wer 2014 also ein Lied über – sagen wir mal – Vögel veröffentlichen will, bei den „Angry Birds“ anklopfen? Präsentiert uns „Doodle Jump“ demnächst nebenbei auch neue Musik über den Aufstieg und Fall diverser Protagonisten? Oder wird jetzt in den Proberäumen dieser Welt schon beim Songschreiben daran gedacht, wie man einen Titel passend digital vermarkten kann? Warten wir es ab.


Teaser & Image by Blockflöte des Todes (Video „iPummelchen„)


Thomas Vorreyer

schreibt als freier Journalist vor allem über Kultur und Gesellschaft im Angesicht der Digitalisierung.


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