Free Beer (Bild: Duncan Hull [CC BY 2.0], via Flickr)

Umsonst ist umsonst – das lehrt uns die Umsonstkultur

Die Umsonstkultur nimmt immer seltsamere Züge an. Mittlerweile kann selbst Gratis-Musik manche Konsumenten nicht mehr befriedigen. // von Thomas Vorreyer

Free Beer (Bild: Duncan Hull [CC BY 2.0], via Flickr)

Während Finanz-Selbstbediener Uli Hoeneß vor Gericht steht und in den Supermärkten die Taschentüchervorräte schwinden, schwenkt das Magazin de:bug im Angesicht mit der grassierenden Umsonstkultur die weiße Fahne. Der Produzent Skrillex veröffentlicht derweil sein neues Album „Recess“ mit einer Gratis-App – und erntet dafür paradoxer Weise den Unmut zahlreicher Fans.


Warum ist das wichtig? Alben vor ihrer offiziellen Veröffentlichung gratis im Netz oder in einer App zu streamen, gehört schon länger zum Standard-Musikgeschäft.

  • Grammy-Gewinner Skrillex präsentiert sein neues Album umsonst und ohne Marketingverschränkungen oder Datenabfragen vorab in einer App.
  • Sonderlich kreativ ist die App „Alien-Ride“ nicht, aber sie lässt sich unkompliziert spielen.
  • Wenn selbst derart kleine, spielerische Hürden bei manchen Nutzern allerdings auf Unverständnis stoßen, wohin soll die Umsonstkultur dann eigentlich noch führen?

Skrillex: Ein rasanter Aufstieg – auch dank der Umsonstkultur

GO to www.skrillex.com right now and play with my little alien..N download this free app! But hurry! he’s lonely and needs somebody to chill w!“ Die Nachricht, die Skrillex am Samstag verbreitete, begleitet vom Abbild eines treuherzigen Aliens, wirkte in allen Belangen harmlos. Gut, der Produzent hatte gerade erst die Veröffentlichung eines neuen Albums namens „Recess“ angekündigt, davon war hier aber zunächst nichts zu lesen, und auch dann nicht, wenn man die „Alien Ride“ getaufte Android-App (Beschreibung: „Realize your true potential as an alien (…). Fresh graphics and killer audio will make this your new addiction.„) startete. Wenn man die – zugegeben – nicht unbedingt einladende Ästethik des simplen Arcade-Spiels, bei dem mit einem Alienraumschiff Asteroiden abgeschossen werden müssen, lange genug übersteht (und nicht stirbt), schaltete das Spiel nach und nach die einzelnen Songs von „Recess“ zum Streamen frei. Skrillex bot so seinen Fans eine spielerische und kostenlose Möglichkeit, seine Musik vorab (wenn auch nicht unbegrenzt) zu hören, auch wenn „Alien Ride“ wahrlich nicht in den hier bereits vorhergesagten Trend kreativer Musik-Apps fällt.

Der 26-jährige hat einen der rasantesten Aufstiege der Musikgeschichte hinter sich. Sonny John Moore, wie Skrillex bürgerlich heißt, spielte früher in der Post-Hardcore-Band From First To Last, dann widmete er sich dem Produzieren von elektronischer Musik – mit bahnbrechendem Erfolg. Über 15 Millionen Fans hat er auf Facebook. Sein Song „Scary Monsters And Nice Sprites“ wurde auf YouTube zehnmal so oft abgespielt, zu Hause stehen bereits sechs Grammys. Erreicht hat er das alles lediglich mit einigen EPs und Singles, das offiziell am Freitag erscheinende „Recess“ ist tatsächlich sein erstes Studioalbum.

Dass seine Musik besonders über eben YouTube und Torrent-Netzwerke zirkuliert, hat Skrillex Popularität sicherlich stärker geholfen als dass ihn diese Umsonstkultur geschadet hätte. Und dennoch ist es wohl ein Teil dieser dort gewonnen Fans, der jetzt App-Bewertungen schreibt wie: „Pile of shit This is as primitive as a highschool coding project. No. Worse.„, oder: „Bad game. Inaccurate controls and non impressive graphics lower the fun of this game immediately. Deleted it right away.“ Dabei ist das Spiel nun wahrlich nicht schwer zu spielen.

Ist es möglich, dass der nimmersatte Konsument selbst das Problem ist?

Und wenn jemand etwas, an dem er monatelang gearbeitet hat, nämlich in Skrillex Falle seine Musik, kostenlos anbietet, wie kann man sich dann ernsthaft über eine kleine, ausschließlich spielerische Hürde beschweren? Anders als etwa Jay Z, der sein letztes Album „Magna Carta Holy Grail“ ebenfalls vorab mit einer App veröffentlichte, jedoch nur auf einem bestimmten Smartphonetyp eines bestimmten Elektronikherstellers, für den der Rapper gleichzeitig ausgiebig warb, präsentiert Skrillex „Recess“ ohne jegliche Marketingverschränkungen. „Alien Ride“ fragt ja noch nicht einmal irgendwelche Nutzerdaten ab. Auch hier hakte es bei Jay Z.

Als de:bug, das stets wagemutige und aufgeschlossene „Magazin für elektronische Lebensaspekte“, am Dienstag nach 16 Jahren sein voraussichtliches Ende verkündete, führte Mitgründer Sascha Kösch in seiner Erklärung für das wirtschaftliche Scheitern auch die heutige Umsonstkultur an: „Die Welt explodiert in Medien, die Konkurrenz für umsonst ist überall (…).“ Dass das Kernproblem neben dem veränderten Wettbewerbsbedingungen aber auch, wenn nicht gar ganz wesentlich in der Mentalität der nimmersatten Konsumenten liegt – wie es Johnny Hauesler richtigerweise anmerkt –, verschwieg Kösch gnädigst. Aber die derart (Nicht-)Angesprochenen haben den Bauch und Kopf für derlei Überlegungen wahrscheinlich gerade nicht frei. Es gilt schließlich, den Live-Ticker zum „Gerichtsprozess des Jahres“ zu verfolgen.


Teaser & Image by Duncan Hull (CC BY 2.0)


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Thomas Vorreyer

Thomas Vorreyer

schreibt als freier Journalist vor allem über Kultur und Gesellschaft im Angesicht der Digitalisierung.

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