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Zwischen Geschäftsmodell und Selbstverwirklichung: Der DIY-Trend im Internet

Nähen (adapted) (Image by ranii [CC0 Public Domain] via pixabay)

DIY steht für „do it yourself“ und bedeutet so viel wie: Mach es einfach selbst! Während viele vermuten mögen, dass selber kochen, basteln, werkeln und nähen eher ein Thema unter Baumarktfans und Hausfrauen ist, hat der DIY-Trend weltweit im Netz sehr viele Fans. So viele, dass vor allem internetgewandte Millennials die DIY-Produkte als Online-Geschäftsmodell erkannt haben – und damit zum Teil fünfstellige Summen im Monat einfahren. Was steckt hinter diesem Trend?

Nähen, Stricken, Häkeln. Wer glaubt, dass diese Themen vor allem in der Generation 50+ oder unter Hippies diskutiert werden, der irrt. Kleidung selber machen ist ein riesiger Trend – gerade unter Millennials. Die Initiative Handarbeit schätzt den Gesamtmarkt für Handarbeitsbedarf in Deutschland für das Jahr 2016 auf rund 1,25 Milliarden Euro.

marktsegmente
Marktsegment Handarbeit. Image by Initiative Handarbeit

Von Onlinemarktplätzen und Nähstars

Die hohen Verkaufszahlen von Onlinemarktplätzen für Selbstgemachtes wie Etsy oder DaWanda belegen, wie sehr diese Produkte gerade über das Internet vermittelt und verkauft werden. Das US-Unternehmen Etsy sprach von einem Anstieg von 19,5 Prozent der aktiven Verkäufer im letzten Geschäftsquartal im Jahr 2015 – und einem gleichzeitigen Anstieg von 25 Prozent von aktiven Käufern auf dem Portal. Dann gibt es noch DaWanda. Das Portal wird von vielen als die deutsche Version von Etsy angesehen. DaWanda wurde 2006 gegründet und verzeichnet nach Angaben des Unternehmens aktuell 7,3 Millionen Mitglieder und 360.000 registrierte Händler, die insgesamt 6 Millionen handgemachte Produkte anbieten. Angeblich kommen jeden Tag 15.000 neue Produkte hinzu. DaWanda behauptet außerdem, dass auf der Webseite jede Minute eine Tasche, alle 30 Sekunden ein Baby- oder Kinderprodukt und alle 20 Sekunden ein Schmuckstück verkauft wird.

Selbstgemachtes ist also nicht nur ein Trend, es ist ein Verkaufsschlager. Längst findet der Verkauf von selbstgemachten Produkten aber nicht mehr nur auf Online-Plattformen wie Etsy und DaWanda statt, sondern auch über Eigenvermarktung per Blog, Social Media oder der eigenen Webseite. Gerade Millennials verstehen hier sehr gut, wie sie die DIY-Produkte in Eigenregie für Internetnutzer vermarkten und verkaufen können.

Zu ihnen zählt auch Ricarda Masuhr. Sie ist eine der bekanntesten und erfolgreichsten DIY-Näherinnen Deutschlands. Die Hamburgerin fährt über ihre Webseite Pech & Schwefel (Untertitel: „Einfach machen“) nach Informationen von Online Marketing Rockstars vor allem über ihre Näh-E-Books fünfstellige Summen im Monat ein. Das Online-Ranking ihrer Seite scheint das zu bestätigen.

Ranking Ricarda Masuhr
Ranking Ricarda Masuhr. Image by Laura Waste

DIY: Viel mehr als nur Nähen und Stricken

Dabei beschränkt sich die Beliebtheit des Selbstgemachten nicht allein auf Handarbeiten im Modebereich. Basteln, Bauen, Backen, Kochen – die DIY-Welle scheint kein Ende zu kennen. Der BHB – Handelsverband Heimwerken, Bauen und Garten e.V. etwa vermeldete für das Geschäftsjahr 2016 einen Gesamtbruttoumsatz von 18,24 Milliarden Euro im Baumarkthandel in Deutschland. Damit stieg der Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um 1,5 Prozent. Die Tendenz ist dabei laut BHB steigend.

Kein Wunder, dass immer mehr Menschen mit DIY-Produkten Geld verdienen. Vor allem online. Und vor allem die junge Generation im Alter zwischen 15 und 25 Jahren.

DIY als Geschäftsmodell für Millennials im Netz?

Johannes Wobus
Image by Laura Waste via LinkedIn

Der DIY-Trend ist definitiv auch ein lukraktives Geschäftsmodell, bestätigt Marketingexpertin und Content-Marketing-Beraterin Laura Waste im Gespräch mit den Netzpiloten. Gerade die Mischung der Zielgruppen aus einer Generation 50+ und dem neu erwachten Interesse der Millennials an allem Selbstgemachten mache diesen Trend so spannend. „Ich unterscheide zwischen den traditionellen Kunsthandwerk-Fans mit Filzstulpen und selbst gestalteter Brosche und den heutigen Hipstern mit Paletten-Möbeln und Chunky-Knit-Riesendecke. Die Erstgenannten waren schon immer da und werden auch weiter bleiben. Diese Gruppe freut sich maximal über die Möglichkeiten der neuen Medien. Die anderen wiederum werden gerade zu einer gigantischen Zielgruppe und sind die eigentlichen Träger des Trends. Diese Kombination macht das Thema gerade zum Megatrend.

Vor allem, da die Digital Natives es verstehen, die Arbeit aus der eigenen Hand geschickt im Netz zu präsentieren und zu vermarkten. Gerade Social-Media-Plattformen wie Pinterest und Instagram, aber auch YouTube sind die Kanäle, auf denen der DIY-Trend aktuell besonders boomt.

Doch das sei nur der Anfang, glaubt Waste: „Amazon startet gerade ein weltweites Rollout von Amazon Handmade – eine Plattform für Selbstgemachtes. Das lässt erahnen, welches Potential der DIY-Trend noch für uns parat hält.“

Der seltsame Erfolg des DIY-Slime im Netz

Wie groß dieses Potential tatsächlich ist, kann man jetzt schon an einigen sehr merkwürdigen Auswüchsen dieses Trends erkennen. Schleim. Beziehungsweise „Slime“. Diese glibberige Masse in Neonfarben war unter Kindern bereits in den 70er und dann nochmals in den 90er Jahren beliebt. Ein Trend, der jeweils nur kurze Zeit anhielt und dann wieder verschwand. Bis ihn jetzt Millennials wieder ausgegraben haben – in Form von DIY-Slime.

Der Trend kommt ursprünglich aus Thailand, es sind aber vor allem Jugendliche aus den USA, die mit dem Verkauf von selbstgemachtem Slime, in einigen Fällen sogar Tausende von Dollar im Monat verdienen. Der Verkauf findet auf Online-Marktplätzen wie Etsy, die Vermarktung vorwiegend auf Instagram statt. Aktuell lassen sich auf Instagram unter dem Hashtag #slime über 3 Millionen Posts finden, die sich überwiegend mit dem DIY-Slime befassen.

Auch in Deutschland wird dieser Trend von YouTube-Stars wie Bianca Heinicke aufgegriffen. Auf YouTube ist Heinicke unter dem Kanal „BibisBeautyPalace“ aktiv. Hier zeigt sie ihren Fans beispielsweise, wie man einen „Galaxy Slime“ selbst zubereiten kann.

Für viele Experten ist es sehr spannend zu sehen, wie einzelne Nutzer mit DIY-Produkten oder Anleitungen genau so viel – oder sogar noch mehr – verdienen wie etablierte Unternehmen. Wenn früher Konzerne wie Burda die Handarbeitswelt dominiert hat, sind es heute Millennials wie Ricarda Masuhr oder Bianca Heinicke, erklärt Laura Waste. „Online kann es zurzeit jeder mit den angestammten Medien-Goliaths wie Burda aufnehmen. Klassische Medienhäuser haben vor zehn Jahren verschlafen, ein gutes Bezahlmodell zu entwickeln, um ihre Inhalte auch online anzubieten. Vor allem Nischen lassen sich jetzt von kleinen Davids monetarisieren – mit E-Books, Abos und anderen Formaten.

Das liegt vor allem daran, dass die DIY-Entrepreneure besser und aktiver mit ihrer Zielgruppe kommunizieren, vermutet Waste. „Besonders spannend finde ich daher, dass zurzeit dieses Community-Building richtig Fahrt aufnimmt und mittlerweile im Mainstream angekommen ist. Wo früher nur Nerds in Foren unterwegs waren, tauschen sich jetzt auch DIY-Queens in Facebook-Gruppen aus und verlieren in einem halbwegs geschlossenen Kreis die Scheu, selbst Inhalte zu posten.

Gesellschaftskritik oder purer Individualismus?

Johannes Wobus
Image by Johannes Wobus

Die Beliebtheit der DIY-Produkte im Netz hat aber sicher nicht nur damit zu tun, dass Millennials diese besonders gut online vermarkten und präsentieren können. Es ist vielmehr ein Mix aus gesellschaftlichen und generationsbedingten Phänomenen, die im DIY-Trend im Netz zusammenkommen. „Hinter dem DIY-Trend steckt meiner Meinung nach auch der Wunsch nach Individualität und Authentizität“ , sagt Johannes Wobus, Geschäftsführer und Mitgründer der Onlinemarketingagentur Wobus & Lehmann GbR im Netzpiloten-Interview. Wobus beobachtet den DIY-Trend seit einiger Zeit und glaubt, dass vor allem Fotoplattformen wie Pinterest für eine große Wiederbelebung gesorgt haben.

Die Initiative Handarbeit hat wiederum drei Haupttrends ausgemacht: Individualisierung und Differenzierung, Post-Materialismus und Freizeitorientierung sowie Authentizität und Nachhaltigkeit. Geht es also doch um mehr als um das Herausstechen aus der Masse durch einen selbstgestrickten Pulli oder die selbstgewerkelte Küche?

Möglicherweise haben Einkaufspaläste wie H&M, Zara oder Mango für die individualistischen Millennials ausgedient. Viele mögen auch vom Überangebot an Waren schlichtweg überfordert sein, sodass sie sich lieber auf einfache, beinahe häusliche Werte besinnen. Für andere mag wiederum die Arbeit mit der Hand einfach ein schönes Hobby sein – und eine willkommene Abwechslung zum dauerhaften Starren auf den Bildschirm.

Sicherlich spielt auch der Kostenfaktor eine Rolle. Wer kann sich schließlich im Alter von 20 Jahren ein Designerkleid von Yves Saint Laurent kaufen? Vermutlich sehr wenige. Das Nähmuster für das gleiche Kleid im Preis von 20 Euro ist dagegen erschwinglich.

Darüber hinaus macht sich die junge Generation vermehrt Gedanken über Themen wie Umwelt und Nachhaltigkeit. Das zeigt sich am Nutzen von Angeboten wie Carsharing, dem bewussten Verzicht auf Autos – und eben auch im Erstellen und Kauf von DIY-Produkten im Netz. Eine ausgeprägte Konsum- und Gesellschaftskritik wie unter den Do-It-Yourselfern der 60er und 70er Jahre sieht Laura Waste dennoch nicht. Sie glaubt vielmehr, dass auch hinter der DIY-Welle letztlich der Traum der Selbstverwirklichung der jungen Generation steckt: „Früher steckte mehr dahinter: Kritik an der Konsumgesellschaft, Abkehr von der Industrie und den Massenmedien. Heute ist das Selbermachen ein Hobby. Es dient der Selbstverwirklichung, wie Meditation oder andere Trend-Hobbys.


Image (adapted) „Nähen“ by ranii (CC0 Public Domain)


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betatestr.de: Karma-Punkte für Early Adopter

betatestr Release Party

Wer als Käufer eines unfertigen Produkts unfreiwillig als Beta-Tester fungiert, ärgert sich. Und das zu recht. Wer hingegen schon während der Entwicklung des Prototyps ganz eng mitwirken darf, wird später vielleicht ein umso glücklicherer Kunde. Auf diese Mechanik setzt die Crowdsourcing-Plattform betatestr.de. Die Webseite ging jetzt in überarbeiteter Form live. Die Webseite vernetzt Erfinderunternehmer, sogenannte Maker, mit potenziellen Nutzern ihrer Produkte. Und dies sowohl online als auch offline.

betatestr Release Party
Betatestr setzt auf den Crowdsourcing-Gedanken. Auf der Release-Party erklärt Geschäftsführerin Anna Gubanova die Plattform. Image by Kevin Münkel

Unter betatestr.de können Maker ihre Projekte vorstellen und von Seitenbesuchern mit schriftlichem Feedback bewerten lassen. Zugelassen wird praktisch jede Idee, die bereits als Prototyp existiert und in die Rubriken Fashion, Produktdesign, Gadget oder Social passt.

betatestr.de Webseite
Stellt der Maker seinen Prototyp an einer Teststation aus, können Nutzer ihn dort ausprobieren und ihr Feedback auf der Webseite von betatestr mitteilen. Screenshot by Berti Kolbow-Lehradt

Eine Beurteilung hinterlassen kann jeder Seitenbesucher, der die Angabenfelder für dem Namen, E-Mail-Adresse und Feedback in der Webmaske ausfüllt. Hauptsache, es ist eine echte E-Mail-Adresse, andernfalls lässt sich der Bestätigungslink nicht aktivieren. Selbst, wer also nur die Projektbeschreibung liest, kann seine Meinung dazu kundtun.

Bei betatestr gibt es Karma-Punkte als Belohnung

Für das aus ihrer Sicht hilfreichste Feedback losen die Maker eine Belohnung aus, zum Beispiel ein persönliches Exemplar des Prototyps. Als Trostpflaster liefert eine E-Mail ein gutes Gewissen frei Haus. Für mein Feedback zahlt mir betatestr „100 Punkte auf dein Karma-Konto“ ein. Für andere Nutzer vielleicht wichtiger: Trendsetter können bei dieser Form des Crowdsourcings schon früh die Zukunft eines etwaigen Kultprodukts mitgestalten. Somit ist betatestr eine Art Spielwiese für Early Adopter.

betatestr E-Mail
Screenshot by Berti Kolbow-Lehradt

Nicht kaufen, nur anfassen

Am wertvollsten für die Entwickler sind natürlich Eindrücke aus erster Hand. Daher können sie Testexemplare an „Prototype Spots“ ausstellen und Besucher diese leibhaftig ausprobieren lassen. Ihr Feedback geben die Nutzer in jedem Fall online ab. Wo die Vorab-Exemplare stehen, listet die Projektbeschreibung im Web auf.

Kaufen können die Probanden die Produkte in der Regel nicht, da es sich ja um noch nicht serienreife Modelle handelt. Eine Ausnahme ist beispielsweise Papa Türk, ein Molkenmischgetränk, das Mundgeruch nach ausgiebigem Konsum von Döner und anderen olfaktorisch intensiven Speisen neutralisieren soll. Während der Release-Party von betatestr im Coworking-Space K14 konnte ich neben Papa Türk zudem die originelle Aufbewahrungsschale Snug.Bowl in die Hand nehmen.

betatestr.de Webseite
Screenshot by Berti Kolbow-Lehradt
betatestr Release Party
Nichts geht über Feedback aus erster Hand. Auf der Release-Party von betatestr konnten Gäste eine app-gesteuerte Cocktailmaschine, ein Anti-Mundgeruch-Getränk und eine Design-Schale aus Pappe testen. Image by Kevin Münkel

Mein Feedback habe ich bereits eingetippt. Aber ich verrate es nicht. Generell veröffentlicht betatestr keine Rückmeldung, sondern macht sie nur den Entwicklern zugänglich. Das soll die Offenheit fördern.

Maker bezahlen für das Feedback zunächst einmal nichts. Im Blog von betatestr erhalten sie sogar kostenlose Tipps von Experten. Die Plattform-Betreiber setzen schließlich auf ein Freemium-Geschäftsmodell. Mittelfristig wollen sie anhand der Informationen, die sämtliche Tester hinterlassen, den Makern beispielsweise kostenpflichtige Markt- und Trendanalysen anbieten. Vorerst deckt das Start-up die Kosten durch Vermittlungsgebühren. Sie fallen an, wenn sich ein Maker entscheidet, seine Entwicklung an einer lokalen Teststation auszustellen.

Von Hannover in die weite Welt

Zunächst gibt es elf Prototype Spots bei Cafés, Einzelhändlern und auch Coworking-Spaces in Hannover. Auf sie fiel die Wahl, weil sie die Heimatstadt des betatestr-Teams ist. „Die Maker-Szene ist in Hannover sehr lebendig“, beantwortet betatestr-Sprecher Ubbo Störmer die unvermeidliche Frage, warum die Wahl für den Gründungsort nicht auf das hippe Berlin fiel. Weitere Prototype Spots plant das sechsköpfige Gründerteam um Geschäftsführerin Anna Gubanova außerdem in Osnabrück, Kiel, Hamburg und im niedersächsischen Oldenburg zu eröffnen.

Perspektivisch will betatestr aber international expandieren und nach Russland und China aufbrechen. Dort seien Maker noch viel eher als in Deutschland bereit, schon in der Produktentwicklung Einblick zu geben und von Interessierten wertvolles Feedback zu erhalten.


Images by Kevin Münkel

Screenshots by Berti Kolbow-Lehradt


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Uber zerstört die Share Economy mit seinen fahrerlosen Autos

Taxi Cabs vs Uber (adapted) (Image by Aaron Parecki [CC BY 20] via Flickr)

Die Ankündigung von Uber, dass das Unternehmen in Pittsburgh, USA, fahrerlose Autos einführen will, stellt nicht nur die Zukunft der Share Economy, die auch durch Ubers Hilfe etabliert wurde, sondern auch die Zukunft von Beschäftigungsverhältnissen im weiteren Sinne in Frage. Eines ist aber sicher: Obwohl sich Uber verändert, wird die Art, wie es unsere Arbeitsweise verändert hat, bestehen bleiben.

Uber ist praktisch zum Synonym für Ideen für neue Geschäftsmodelle geworden. Es ist so bekannt, dass tatsächlich sogar ein neues Wort daraus entstanden ist – „ubersation“ – das die Art von Arbeit beschreibt, die über Online-Plattformen in sogenannten Share Economies verwaltet wird. Die Firma ist in vielerlei Hinsicht ein Sinnbild des flinken Ideenreichtums, mit dem der Kapitalismus es schafft, von der Technologie gestützt Wirtschaftskrisen zu überleben, neue kreative Lösungen für alte Probleme zu finden und sich am laufenden Band selbst neu zu erfinden.

Fahrerlose Autos sind nur ein weiteres Beispiel dafür. Nachdem es 2009 gegründet wurde, ein Jahr nach Airbnb und Taskrabbit, war Uber eines der ersten Serviceunternehmen, das einen Weg fand, Investitionen großer Mengen in abwertenden Anlagen zu vermeiden, wie zum Beispiel einen Fuhrpark, spezielle Werkzeuge oder teure Immobilien. Die Lösung? Das Risiko wurde ausgelagert und die Vermögenswerte anderer Leute genutzt.

Im Original-Modell von Uber fielen die Kosten des Kaufens und Wartens der Autos den Fahrern, beziehungsweise Eigentümern, zu, nicht der Firma. Die Einstellung gegenüber Arbeitern war ähnlich: wieso in die eigene Arbeitskraft investieren, mit all der Verantwortung die damit einhergeht, ein Arbeitgeber zu sein, wenn man den Service von Menschen nutzen kann, die für ihre eigene Ausbildung, ihre Ferien und ihre Rente zahlen und die Verantwortung für ihre Ausfallzeit selbst tragen?

Onlineplattformen behaupten, dass sie keine Arbeitgeber seien – sie seien nur ein Hightech-Gesprächspartner zur Bereitstellung und Anforderung von Diensten. Sie profitieren, indem sie bei allen Transaktionen Reduzierungen durchführen. Und sie können mit minimalen Investitionen schnell in neue Märkte expandieren.

Vorteile nutzen

Einer der Gründe, warum Uber so viel mehr öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat als andere Plattformen die Arbeit auf Abruf anbieten (wie Taskrabbit, Handy, Upwork oder PeoplePerHour) ist, dass es einen Bereich betreten hat – den der Taxiservices – wo die Arbeiter bereits organisiert waren. Taxifahrer in vielen Städten haben eine lange Geschichte des Zusammenschlusses vorzuweisen, um Regeln festzulegen und mit öffentlichen Behörden über Dinge wie Standardtarife, die Standorte der Taxistände und die Bedingungen für den Erhalt einer Lizenz zu verhandeln.

Das steht im Gegensatz zu Menschen, die Dienstleistungen wie das Putzen von Fenstern, Gartenarbeit, Kinderhüten oder Möbelmontage zur Verfügung stellen, wie es andere Plattformen anbieten. Londoner Taxifahrer der „Black Cabs“ verbringen normalerweise 4 Jahre damit, sich das „Wissen“ anzueignen, also alle möglichen Routen durch die Stadt zu kennen. Dies ist eine Voraussetzung für den Erhalt einer Lizenz. Es ist daher nicht überraschend, dass der Einstieg von Uber in ihren Markt einen Proteststurm hervorrief.

Der Erfolg von GPS machte vieles von dem hart erarbeiteten Wissen obsolet und öffnete das zuvor wohlgehütete Gebiet des Taxifahrens jedem Menschen mit einem Auto und einem Smartphone, der sich etwas dazuverdienen wollte. Niedrigere Preise machten private Fahrten außerdem für die Menschen erschwinglich, die früher eine Taxifahrt als gelegentlichen Luxus angesehen haben.

Diese Vorteile konnten aber nicht für immer anhalten. Wettbewerber erschienen auf der Bühne. Öffentliche Behörden wurden für die Notwendigkeit, diese neue Art von Taxiservice zu reglementieren, sensibilisiert – was, wenn es einen tödlichen Unfall gäbe? Was, wenn der Fahrer oder der Fahrgast angegriffen würden? Wer wäre für die Versicherung zuständig? Auch die Fahrer fingen bald an, sich wie ausgebeutete Arbeiter zu fühlen, statt unbeschwerte Unternehmer sein zu können.

Wenn Uber schon die Gebühren festlegte und vorschrieb, wie sie zu arbeiten hatten, sollten sie dann nicht auch anfangen, die Verantwortungen eines Arbeitgebers zu übernehmen? Uber war deshalb sowohl in den USA als auch in Großbritannien mit gerichtlichen Verfahren konfrontiert. Manche der Uber-Fahrer aus den USA haben sogar als Alternative ihre eigene Kooperation mit Fahrern von Lyft, einem ähnlichen Service, aufgebaut.

Ruhig bleiben und weitermachen

In der Zwischenzeit ist Uber zu einem riesigen Unternehmen mit weltweiter Ausbreitung und einem Umsatz von 1,5 Milliarden US-Dollar im Jahr 2015 geworden. Sein letzter Versuch, sich selbst neu zu erfinden, nimmt interessanterweise eine der klassischen Strategien der Industrie aus der Vergangenheit auf, um den Profit zu steigern – die Automatisierung. Während es den Plan der Vergangenheit, die Arbeiter die Investitionen allein machen zu lassen, beiseite schiebt, steckt Uber sein eigenes Geld in eine neue Technologie: fahrerlose Autos. Wenn sich das Risiko auszahlt, wird dies wahrscheinlich mehrere Auswirkungen haben.

Die Position traditioneller Taxiunternehmen wird weiterhin unterminiert werden, indem günstigerer Service angeboten wird (möglicherweise auch die Stellen von Ubers eigenen Eigentümern oder Fahrern). Zudem werden auch Wettbewerber verdrängt werden. Neuanbieter auf diesem Markt der fahrerlosen Taxis würden in eine Flotte solcher Fahrzeuge investieren müssen. Dies könnte die Nahezu-Monopolstellung, die Uber schon in manchen Städten hat, festigen und den Namen Uber so zum Synonym für Taxiservice machen, wie es zum Beispiel Hoover für Staubsauger oder Kleenex für Taschentücher ist. Wenn uns die Geschichte eines lehrt, dann ist es, dass dies nicht zu Massenarbeitslosigkeit führen wird.

Bereits vorhandene Uber-Fahrer würden möglicherweise arbeitslos werden, aber diese Form von Restrukturierung verheißt nur, dass neue Jobs geschaffen werden, während und obwohl sie andere zerstört. Fahrerlose Autos könnten aus professionellen Fahrern das machen, was Waschmaschinen aus Wäschereiarbeitern machten. Der Kapitalismus aber, zerstörerisch wie immer, macht weiter wie zuvor.

Wenn das nun aber die Zukunft von Uber ist, was wird dann aus der Zukunft der ‚uberisation‘? Die Beweise sprechen dafür, dass es Teil eines großen Trends ist, der unaufhaltsam wächst. In allen Wirtschaftsbereichen wird Arbeit auf Abruf als neue Form für Jobs gelten, die von Aushilfslehrern über Agentur-Krankenschwestern und Supermarktkassierern bis hin zu Callcenter-Angestellten reichen.

Eine neue Studie mit 2238 Menschen, die wir an der Hertfordshire Business School durchführten, legte nahe, dass drei Prozent der erwachsenen Bevölkerung Großbritanniens „mindestens wöchentlich“ für Online-Plattformen arbeiten, während viele mehr (etwa elf Prozent) dies hin und wieder tun. Geschätzte 2,5 Prozent der Arbeitnehmer haben Null-Stunden-Verträge und sechs Prozent haben einen befristeten Vertrag.

Die letzten Statistiken der Regierung des Vereinigten Königreichs zeigen, dass mehr als eine Million Menschen einen Zweitjob haben und knapp fünf Millionen Menschen selbstständig sind. Uber mag sich verändern, solange es aber keine radikalen Veränderungen in der Arbeitsregelung und des Sozialsystems gibt, sieht es so aus, als wäre die ‚uberisation‘ gekommen, um zu bleiben.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Taxi Cabs vs Uber“ by Aaron Parecki (CC BY 2.0)


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Der Buzzword-Check: Wie innovativ ist der Commerce-Sektor in Deutschland?

lightbulb (image by Unsplash [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Einen guten Eindruck über die Innovationskraft der deutschen Gründerszene vermitteln Plattformen wie die Bits&Pretzels, die vom vergangenen Sonntag bis Dienstag in München stattgefunden hat. In sechs Themen-Clustern haben Startups Besucher und Investoren mit ihren Drei-Minuten-Pitches von ihrer Geschäftsidee überzeugt – oder eben nicht. Die von den Veranstaltern ausgemachten Innovationsfelder waren Future Commerce, Fast Mobility, Hot Lifestyle, Sophisticated IoT, Smart Company und Big Money.

„Im Vergleich zu den anderen Clustern war der Commerce Cluster mit Abstand der am weitesten Entwickelte. Das gilt sowohl für die Qualität der Pitches als auch die Innovationskraft“, so Marie Hélène Ametsreiter, Partner beim Seed-Investor Speedinvest und Mitglied in der Jury, die den besten Pitch gekürt hat.

So hat es dann auch ein Startup, das im Commerce-Cluster angetreten ist, geschafft, den Sieg im kategorieübergreifenden Pitch-Wettbewerb mit nach Hause zu nehmen. Freya Oehle begeisterte die Jury mit ihrer Plattform für individuelle Preisbildung Spottster. Das Prinzip dahinter ist einleuchtend: Kunden geben einen Wunschpreis an, zu dem sie ein Produkt kaufen möchten. Der Händler kann dann wiederum entscheiden, ob er das Produkt zum reduzierten Preis abgibt und erhält außerdem wertvolle Daten für seine Preisgestaltung. „Es war das ausgereifteste Produkt und eines, das erfolgreiche Kennzahlen zeigen konnten“, meint Ametsreiter, die sich über erfolgreiche Female Founder freut.

Freya Oehle bei der Siegerkür (Image by Freya Oehle)
Freya Oehle bei der Siegerkür (Image by Gesine Märten)

#Plattformen

Die vorgestellten Ideen hinterließen den Eindruck, dass die Stärke deutscher Gründer und Gründerinnen im E-Commerce in der Weiterentwicklung von Plattformansätzen liegt, die Anbieter und Kunden in unterschiedlicher Weise in der Nische oder der Fläche zusammenbringen und provisionsbasiert verdienen. Von acht vorgestellten Geschäftsideen lag sechs ein Plattformgedanke zugrunde. Erfolgsgeschichten wie die von airbnb, uber oder Helpling haben die neuen Gründer offensichtlich inspiriert, ihr Glück in Vermittlungsmodellen zu suchen.

Spottster im Pitch-Finale (Image by Gesine Märten)
Spottster im Pitch-Finale (Image by Gesine Märten)

#Shareconomy

Viele Plattformen eint der Gedanke, Menschen zu verbinden, um Produkte gemeinsam zu nutzen. Recommerce und Collaborative-Consumption-Ansätze sind nicht neu, doch die Umsetzung wird ausgefeilter. So hat Mark Kugel mit seinem Team ein Prinzip gesucht, mit dem Privatpersonen ihre Besitztümer möglichst unkompliziert verleihen können, wenn sie nicht in Gebrauch sind. Bei der Entwicklung der Geschäftsidee seines Startups Useley hat er deshalb einen Fokus auf die logistische Umsetzung gelegt. „Der Trend geht für uns klar dahin, den Produkten einen längeren Lebenszyklus zu geben. Unsere Mitglieder wissen es außerdem zu schätzen, Stücke von Menschen zu erwerben, die eine Geschichte zu erzählen haben“, so Martina Löhner von Kleiderkreisel, einer Recommerce-Plattform, die seit 2008 am Markt ist.

„We put the sharing back into the shareconomy“ sei auch der häufigste Satz, den er gehört habe, bestätigt Raphael Thierschmann von Rakuten. Das Unternehmen aus Japan tätigt strategische Zukäufe unter anderem mit der Absicht, Innovationsfelder zu erschließen. Auf der Bits&Pretzels hat Rakuten die Pitches daher auch durch die Investorenbrille verfolgt.

Wer mit der Erwartung kam, dass sich die Startups im Commerce Cluster mit den neuen Spielzeugen – hier seien die Stichworte künstliche Intelligenz, Virtual Reality und Blockchain genannt – austoben, kam nicht ganz auf seine Kosten. Auch Raphael Thierschmann hat Ansätze vermisst, die „die virtuelle Welt noch besser in die Kohlenstoffwelt integrieren, vor allem, wenn man weiß, was wir gerade vorantreiben.“ Rakuten sei sehr aktiv mit eigenen Research Instituten, doch dabei noch nicht einmal der größte Player im Forschungsbereich.

#Blockchain

Thierschmann glaubt an das Potenzial von Kryptowährungen, da es noch keine wirklich kundenfreundliche Lösung gibt, die tatsächlich unabhängiges, länderübergreifendes Zahlungswesen bietet. Rakuten, das seit 2015 die Zahlung mit Bitcoins ermöglicht, hat erst kürzlich ein Blockchain Lab in Belfast eröffnet. Hier beschäftigt man sich mit dem Potenzial der Blockchain-Technologie unter anderem für den E-Commerce-Sektor. Damit ist Rakuten nicht allein: Auch der chinesische E-Commerce-Riese Alibaba entwickelt über den unternehmenseigenen Zahlungsdienst Alipay gerade eine blockchain-basierte Cloud-Plattform.

#VirtualReality

Nicht nur Kevin Spacey sieht in Virtual Reality einen „Game Changer“, wie er in seiner Keynote auf der Bits&Pretzels betonte. Auch für Ametsreiter und Thierschmann ist es eines der großen Buzzwords. „Virtual Reality macht einfach Spaß. Gemeinsam mit unserem Online-Markplatz Priceminister hat unser Institute of Technology in Paris eine virtuelle Shopping-Boutique entwickelt, in der Kunden mit VR-Brille einkaufen können. Aktuell ist das noch ein Prototyp, aber die ersten Tests waren vielversprechend. Ich bin sehr gespannt, was dabei herauskommt“, so Thierschmann über die Pläne von Rakuten.

#ArtificialIntelligence

Die Marketing- und Commerce-Branche sieht in AI kurzfristig ein Einsatzszenario für Chatbot-Lösungen. Schon auf der dmexco wurden Chatbots zum nächsten großen Trend erklärt. Und auch Rakuten streckt die Fühler in diesem Bereich aus. In den Startup-Pitches im Commerce-Cluster auf der Bits&Pretzels waren diesbezüglich noch keine Ansätze zu sehen.

Auf dem Gründer-Festival in München zeigen sich die deutschen Newcomer stattdessen mit pragmatischen, soliden Ansätzen. „Das Niveau der technischen Entwicklungen in Deutschland ist sehr hoch. Wir sehen, dass die Entwicklungen in Europa sehr oft viel nachhaltiger und durchdachter sind“, so Ametsreiter. Die entscheidende Frage sei, wann der richtige Zeitpunkt für AI, Machine Learning und Virtual-Reality-Anwendungen gekommen ist. Es sei für alle schwer abzuschätzen, wann ein Trend in die Breite geht und die Usability gegeben ist, die es kommerziell tragfähig macht. Martina Löhner von Kleiderkreisel hingegen hat die Hoffnung, künftig nicht nur technologische Innovationen zu sehen, sondern neue ideelle Ansätze, die authentisch und nah am Menschen sind.


Image „Lightbulb“ by Unsplash (CC0 Public Domain)


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Industrie 4.0 – Gehirn-Vernebelung am Fabriktor

Indtustrie-Skyline (adapted) (Image by Nico Kaiser [CC BY-SA 2.0] via flickr)

Industrie 4.0 ist nach Auffassung von Thomas Sattelberger der deutsche Kastrat für Digitalisierung. Man könnte auch von einer Gehirn-Vernebelung sprechen. „Die ganze Frage, wie es mit Smart Services aussieht, mit Dienstleistungen allgemein, mit Bildung, Pflege oder Gesundheit, wird total vernachlässigt“, monierte Sattelberger auf der Next Economy Open in Bonn. Es ist tragisch, dass die Industrie 4.0-Prediger im alten Effizienz-Denken der Massenfertigung verharren.

Fordismus verpuffte vor 60 Jahren

Dabei war die Dynamik des fordistischen Produktionsmusters bereits in den 1960er Jahre verpufft, wie der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser in seinem Standardwerk „Deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1945 belegt“. Seit rund 50 Jahren schrumpft die Zahl der Arbeitsplätze in der Massenproduktion. Da ist keine Umkehr in Sicht.

Industrie 4.0-Denkfehler

Wenn wir unsere fabrik-fixierte Nabelschau mit dem ausschließlichen Ziel der Effizienzverbesserung nicht ablegen, schaffen wir keine Perspektiven für neue Arbeitsplätze und für neue Märkte. Am Beispiel der Speed Factory, die Adidas mit dem fränkischen Unternehmen Oechsler realisiert, kann man das eindrücklich nachvollziehen. Ziel ist es, den ‚individuellen’ Schuh in Ansbach zu produzieren. Nur 160 Mitarbeiter werden in den nächsten Jahren eine halbe Million Sneakers produzieren. Wenn wir uns dabei nur auf den Akt der Fertigung fokussieren, sieht die Beschäftigungsbilanz eher mickrig aus. „Wenn wir blindlings den Protagonisten von ‚4.0’ folgen, gibt es keine Arbeit mehr für die allermeisten in unserer Gesellschaft“, moniert Ralf Volkmer in einem Thesenpapier für den YouBusiness-Talk, der am 6. September in Bonn stattfindet. Ein Denkfehler. Auch der Autor von Lean-Knowledge-Base reduziert den Blickwinkel auf die Fabrikproduktion und sitzt damit im gleichen Boot wie die Industrie 4.0-Denker.

Vernetzung für Kunden

Die Amerikaner machen es anders und nennen dieses Thema ‚Industrial Internet‘, schreiben Andreas Syska und Philippe Lièvre in ihrem Buch „Illusion 4.0“: „Sie vernetzen intelligente Produkte, Supply Chains und Fabriken. Das ist aus unserer Sicht auch der richtige Ansatz.“ Deutsche Ingenieure denken in technischen Schnittstellen. Der Gedankenschritt reicht nur von Maschinen zu übergeordneten Steuerungssystemen. „Wir sehen hierzulande größtenteils fabrikinterne Lösungen….Der eigentliche Sinn der digitalen Vernetzung und ihre enormes Potenzial liegt vielmehr in datenbasierten Geschäftsmodellen und damit außerhalb der Fabrik. Das hat man in Deutschland noch nicht verstanden, weshalb in Deutschland auch nichts Entsprechendes zu sehen ist. Industrie 4.0 kommt hierzulande gedanklich einfach nicht aus dem kleinen Karo der Fabrik heraus“, monieren Syska und Lièvre. In den USA werden Plattformen geschaffen und mit intelligenten Produkten sowie Services vernetzt.

Schnittstellen schaffen keine neuen Märkte

Die Deutschen hingegen tüfteln an Schnittstellen, faseln von höherer Produktivität, ergötzen sich an neuen Maschinen und vertrödeln ihre Zeit mit der Frage, wie man das Ganze technisch ans Laufen bringt. Die Amerikaner fragen, welches Geschäft damit gemacht werden kann. Die Rollenverteilung ist für uns nicht lukrativ. Jenseits des Atlantiks werden die digitalen Claims abgesteckt und das Gold geschürft, Deutschland liefert als verlängerte Werkbank die Spitzhacken und Spaten. Die deutsche Industrie hat sich widerstandslos in die zweite Reihe drängen lassen – zum austauschbaren Hardware-Lieferanten.

Die eigentliche Produktion findet außerhalb der Fabriken statt. Das erkennt man aber nicht, wenn der eigene Denkhorizont am Werkstor endet, führen die Illusion 4.0-Autoren aus.

Rollrasen, Mähdrescher und grüne Beratung

Wir laufen immer noch dem industriekapitalistischen Irrtum hinterher, dass Maschinen und Fabriken das eigentliche Geschäft sind. Sie sind aber nur Mittel zum Zweck. Plattformen und Anwendungen sind der Umsatztreiber. Wir marschieren in kleinen Schritten in ein Desaster, wenn das perfekt produzierte, aber nicht digitalisierte Produkt nicht mehr nachgefragt wird. Die reine Herstellung eines iPhones bringt doch für Apple nicht die Wertschöpfung. Design, nutzerfreundliches Interface, Vertrieb, Marketing, Software-Applikationen und die höchst erfolgreiche Internetplattform iTunes waren entscheidend für den Erfolg von Steve Jobs. Beim Landmaschinenhersteller John Deere war man bis in die 1990er Jahre auf den Maschinenverkauf fokussiert. Der Landmaschinenhersteller erkannte frühzeitig die Wachstumspotenziale auf dem gesamten Green Market und kaufte mehrere Unternehmen aus dem Garten- und Landschaftssegment. Aus John Deere wurde JDL. Die frühere Mähdrescherfirma verkauft jetzt Rollrasen, Landschaftskonzepte, Beratung, vergibt Kredite für Gartenbauunternehmen und baute eine Fortbildungsakademie auf. Mit der reinen Maschinen-Zentrierung wäre das Unternehmen schon längst untergegangen.

Die größte Niederlage unserer jüngeren Wirtschaftsgeschichte

Und wer machte und macht aus dem vom Fraunhofer-Forscher Karlheinz Brandenburg erfundenen Musikstandard mp3 in Kombination mit Produkten, Software und Plattform noch mal das größte Geschäft auf diesem Planeten? Das Notiz-Amt kennt die Antwort und sieht dieses Faktum nicht als Erfolgsbilanz einer deutschen Instanz für Grundlagenforschung, sondern als eine der schlimmsten Niederlagen in der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Man hört, sieht und streamt sich zu dieser Debatte am 6. September um 16 Uhr.


Image (adapted) „Industrie-Skyline“ by Nico Kaiser (CC BY-SA 2.0)


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Eine Studie gliedert und analysiert Podcasting-Geschäftsmodelle

Mikrophon (Teaser_ martinsandofer [CC0 Public Domain], via Pixabay)

Podcasting war ein Trend des Jahres 2015. Das Tow Center For Digital Journalism hat die Geschäftsmodelle verschiedener Podcasts genauer analysiert.

Im Jahr 2015 gab es immer wieder Neuigkeiten über Podcasts – wenn man sich aber die besagten Nachrichten genauer durchliest, ist es schwierig, größere Trends auszumachen. Deshalb ist der Bericht des Mitglieds des Tow Center for Digital Journalism, Vanessa Quirk, so wertvoll. Der Bericht befasst sich mit aktuellen Geschäftsmodellen in der Podcasting-Industrie, indem er diese in Verbindung mit seiner Geschichte und einer coolen, interaktiven Chronik bringt.

Quirks Bericht ist besonders nützlich bei der Gliederung und Analyse von Geschäftsmodellen, die von verschieden Podcast-Formen verwendet werden. Einige dieser Modelle führt sie in dem Abschnitt “Operating Philosophies” am Ende des Berichts auf. Der Bericht kann hier nachgelesen werden.

Es sind keine “festen und schnelllebigen” Kategorien, schreibt Quirk, sondern “allgemeine Philosophien, die Wege beeinflussen, wie Podcasts Umsätze erzielen und Umsatzströme priorisieren”.

Universell: Erreiche jeden, den du erreichen kannst.

Beispiele: This American Life, New York Public Radio, Intelligence Squared.

Wir wollen keine Bezahlschranke vor dem tatsächlichen Inhalt, da das nicht unserer Idee entspricht, den Inhalt an das größtmögliche Publikum heranzubringen”, zitiert Quirk den Betriebsvorstand bei This American Life, Seth Lind. Universal-Podcasts verfolgen eine Reihe unterschiedlicher Umsatzströme, einschließlich des direkten Supports und Stiftungspreise, “vertrauen aber stark auf sowohl statische als auch dynamische Werbung.”

Premium: Stelle eine Beziehung zum Publikum her.

Beispiele: Gimlet Media, Earwolf (Howl), Slate (Slate Plus), 99% Invisible

Podcasts und Netzwerke in dieser Kategorie zielen darauf ab, die Beziehung mit dem ihrem Publikum zu kultivieren und die “Premium-Erfahrungen” zu steigern. Die Podcasts selbst können kostenlos angehört werden, es wird aber zu Spenden und Abonnements ermutigt.

“Die Mehrheit derjenigen, die Slate Plus beitreten, sind Podcast-Hörer”, erklärt Andy Bowers, Content Manager der Panoply Media Group. “Sie können VIP-Tickets zu Live-Shows bekommen und die Gastgeber dort treffen. Das sind unsere Hardcore-Fans.” Quirk fügt hinzu, dass “Podcasts, die auf diese Weise ohne Abonnements arbeiten (vielleicht, weil sie zudem nach einer universellen Philosophie handeln), stark auf Live-Events und Crowdfunding-Kampagnen setzen, um die Hörerschaft zu vergrößern und das Gemeinschaftsgefühl zu stärken.

Wertbeitrag: Verändere deinen Inhalt/deine Marke.

Beispiele: BuzzFeed, Audible (deutschsprachige Version), Panoply (Podcasts schaffen Wert für die Publikationspartner)

Nach diesem Modell “werden Podcasts als Möglichkeit gesehen, Werte sowohl für die Konsumenten als auch die Netzwerk-Marke zu schaffen. Die Hörspielfirma Audible zum Beispiel baut derzeit eine Sammlung hochwertiger Originalinhalte auf, um das Angebot für seine Nutzer zu vergrößern.

Jenna Weiss-Berman, Vorstand des Audio-Bereichs von BuzzFeed, erklärt Quirk, warum BuzzFeeds Podcasts nicht unbedingt viral gehen müssen:

Wir versuchen nicht, 10 Millionen Zuhörer zu bekommen. Wir haben Dinge auf unserer Seite, die ganz einfach 10 Millionen Klicks bekommen. Wir versuchen etwas zu tun, das zeigt, dass BuzzFeed vielseitig ist. Wir versuchen weiter zu gehen… Darin ist BuzzFeed erfolgreich – Dinge, die eine Menge Geld einbringen, subventionieren die Dinge, die weniger lukrativ sind.

Der komplette Bericht kann hier eingesehen werden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf NiemanLab unter CC BY-NC-SA 3.0 US. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image “Mikrophon” by martinsandofer (CC0 Public Domain)


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Riesenchancen: neue Geschäftsmodelle im Medienumfeld

Dirk Herzbach (Image by Next Media Accelerators)

Dirk Herzbach, CEO des Next Media Accelerators in Hamburg, spricht in einem spannenden Interview über die Chancen von Medien-Startups. Sie heißen Blendle, LaterPay oder De Correspondent und sind auf der europäischen Startup-Landkarte noch ziemlich in der Minderheit: Medien-Startups. Um das zu ändern, ist im August der Next Media Accelerator in Hamburg gestartet und hat eine ganze Reihe an großen Namen aus der Medienbranche davon überzeugen können, den ersten Fonds zu finanzieren. Mit dabei sind als Investoren bzw. Partner die dpa, Axel Springer, Gruner & Jahr, Die Zeit sowie Facebook, Google, Twitter und Amazon.

Als Geschäftsführer fungiert Dirk Herzbach, der die Startups platzda.de, homewhere.io und UmzugEasy gründete und außerdem das YouIsNow Lab für Immobilienscout24 und den E.ON:agile Accelerator umgesetzt hat. Beim Mediencamp 2015 war Herzbach in Wien und hat TrendingTopics.at ein Interview gegeben.

Jakob Steinschaden (JS): Beschreiben Sie mal in kurzen den Next Media Accelerator, worum geht es da?

Dirk Herzbach (DH): Unser Startup-Förderprogramm dreht sich rund um mediennahe Geschäftsmodelle, wobei wir das nicht nur auf News beschränken. Es kann also auch eine B2B-Software sein, die man als Konsument überhaupt nicht sieht, oder ein Marktplatz für Influencer. Wir nehmen Startups auf, versorgen sie mit Geld, Mentoren und Kontakten in die Industrie und helfen ihnen in einem Sechs-Monats-Programm, schnell und stark zu werden.

JS: Wie viel Geld bekommen die Startups?

DH: Wir geben für zehn Prozent der Firmenanteile 50.000 Euro her, also bei einer Bewertung von 500.000 Euro. Wir vergeben das pauschal, weil wir nicht jedes Mal diskutieren wollen, ob das Startup jetzt 700.000, 500.000 oder 300.000 wert ist. Startups, die mit den 50.000 Euro nichts anfangen können , weil sie vielleicht schon Umsatz haben, aber von unserem Netzwerk profitieren wollen, können uns drei Prozent geben und trotzdem mitmachen, um das Netzwerk und die Mentoren zu nutzen.

JS: Wie sollten die Teams, die der Accelerator aufnimmt, aufgestellt sein?

DH: Ganz wichtig sind komplementäre Skills. Am besten einer, der Business kann, einer der das Produkt versteht und User Experience kann, und ein Techie. Was wir nicht gerne sehen, sind Startups, die mit externen Agenturen arbeiten. Der Idealfall ist, dass das Team das Produkt alleine am Mond entwickeln und auf den Markt bringen könnte. Die Idee ist viel weniger wert als das Team, das Team muss uns versichern, dass sie zu diesem Zeitpunkt in der Konstellation morgen die Welt rocken können, wenn sie morgen starten.

JS: Für das sechsmonatige Programm muss man nach Hamburg kommen. Was passiert dort genau?

DH: Wir suchen europaweit Startups, Pflicht ist aber, nach Hamburg zu kommen. Das Programm findet im Betahaus, also mitten in der Hamburger Startup-Szene, statt. Man kriegt ein Büro, Internet, und zu Beginn Workshops zu grundlegenden Dingen wie Firmengründung oder Urheberrecht. Dann diversifizieren wir das Programm, wir haben etwa 100 Mentoren, die von Datenbanktechnologie über Pitch-Training bis hin zu Storytelling in allen Bereichen des Startup-Lebens helfen können. Die wichtigsten Veranstaltungen sind die Demo-Days, wo man potenziellen Investoren seine Idee und seinen Fortschritt zeigt. Nach sechs Monaten geht es dann um die Wurst, nämlich um eine Anschlussfinanzierung.

JS: Welche Startups sind bis dato aufgenommen worden?

DH: Zum Beispiel Spectrm aus Berlin, die machen einen kuratierten Newsfeed über WhatsApp, wo ein Redaktions-Team zu bestimmten Themen oder sogar zu bestimmten Autoren einmal am Tag eine Nachricht mit den fünf wichtigsten Stories schickt. Das zweite ist AdTriba, die machen Attribution-Modelling als Software-As-A-Service und können Werbern damit sagen, über welche Kanäle es sich lohnt, mehr oder weniger Werbe-Budget auszugeben. Das dritte ist Spotgun aus Stuttgart, die einerseits eine Second-Screen-Quiz-App und andererseits eine Software, die Werbespots erkennen kann. Und das vierte und letzte Startup ist Nqyer, ein Marktplatz für Influencer-Marketing. Dort können Brands Instagrammer, Facebooker und YouTuber finden, die dann für die Brands als Testimonials arbeiten. Nqyer haben in Deutschland schon ein paar hundert Influencer auf der Plattform. Diese vier illustrieren ganz schön, welche Bandbreite wir haben.

JS: Welche Kriterien sind die wichtigsten für eine Aufnahme in den Accelerator?

DH: Wir schauen vor allem, ob wir ihnen helfen können. Es geht gar nicht so sehr darum, ob wir an ihre Idee glauben, sondern wir haben in unserem Investorennetzwerk große Verlage wie Axel Springer, Gruner & Jahr, Spiegel oder Zeit dabei, die unterschiedlichste Interessen haben. Klar wenn ein Startup mit Hardware oder einem Health-Thema kommt, schicken wir es weiter, aber alles, was den Strategien unserer Investoren hilft, wird zumindest angeschaut.

JS: Welche Erwartungen stellen die investierten Medienhäuser an den Accelerator?

DH: Es gibt zwei Motive: Einerseits der Return of Investment, wobei denen klar ist, dass wir bei diesen Ticketgrößen nie vor das Komma bei deren Umsatzzahlen kommen werden, aber die wollen schon Geld damit verdienen. Das zweite Wichtige ist: Die wollen sehen, was geht. Wir schauen ja jedes Jahr in ein paar Hundert Startups rein und sehen neue Geschäftsmodelle und neue Ideen. Auch wichtig ist, dass Leute aus den Verlagen kommen und direkt mit den Startups zusammenarbeiten, da entstehen Kooperationen, da wird ausprobiert. Und last but not least: Die Medien kommen natürlich auch als strategische Investoren in Frage.

JS: Haben die Medienhäuser ein Vorkaufsrecht?

DH: Wir als Fonds haben ein Recht aufs sogenannte “first refusal”, wir könnten also noch eine Runde weitergehen, bevor jemand anderer einsteigen kann.

JS: Der Next Media Accelerator ist im August 2015 gestartet, also zu einem Zeitpunkt, an dem der Druck auf die Medienbranche so hoch wie selten zuvor war. Soll der Accelerator der Rettungsanker für die Branche werden?

DH: Das ist oft über uns geschrieben worden, und es würde uns freuen, wenn durch uns jemand seinen etablierten Verlag oder alte Geschäftsmodelle retten kann. Das ist aber nicht unsere Intention. Wir sehen Riesenchancen für neue Geschäftsmodelle und Produktideen im Medienumfeld, weil alle geilen Content am besten den ganzen Tag wollen. Wir haben einfach Bock darauf, in dem Bereich neue Dinge zu entdecken, und mit etwas Glück funktionieren diese Dinge dann auch. Unsere Motivation ist nicht, der Rettungsanker zu sein.

JS: Wenn Sie konkret an Digitaljournalismus denken: Welchem Geschäftsmodell geben Sie mehr Chancen, der Werbefinanzierung oder Paid Content?

DH: Schwer zu sagen. Ich würde es nicht an den Geschäftsmodellen festmachen. Ich möchte Produkte sehen, die das beste Nutzererlebnis bieten, vielleicht sogar über mehrere Geschäftsmodelle hinweg. Die müssen so gut sein, dass sie den User ownen und er sie freiwillig seinen Freunden weiterempfiehlt. Der Schlüssel ist immer die Nutzererfahrung. Wir wollen immer feststellen, ob das Produkt den Nutzer auch noch morgen fesselt und sie ständig das Handy rausholen, um es noch Mal zu benutzen.

JS: Beim Thema Freunde sind wir auch gleich bei Facebook. Online-Medien geraten immer mehr in ein Abhängigkeitsverhältnis zu dem Social-Network, weil von dort immer mehr Traffic kommt und es gleichzeitig ein Konkurrent der Medien am digitalen Werbemarkt ist. Sehen Sie das Problem als Problem im Startup-Bereich, wo es kaum mehr Ideen gibt, die nicht auf Facebook aufbauen?

DH: Ich finde es schade, dass es so weit gekommen ist. Zuerst war Facebook ja so ein Ding zum Fotos herzeigen, ist dann aber zu einer Login-Maschine für alle möglichen Dienste geworden. Dadurch hat Facebook die Messpunkte bekommen, um herauszufinden, was die Leute interessiert. Ich glaube aber immer noch, dass es gelingen kann, Produkte außerhalb von Facebook zu machen, die anders als ein blau umrahmter News Feed funktionieren. Ich würde immer nach etwas suchen, dass Standalone ohne Facebook funktioniert. Schnell kopierbare Dinge werden alle zu Facebook wandern.

JS: Welche Medien-Startups finden Sie derzeit besonders spannend?

DH: Eines ist Blendle, weil die genau in die richtige Richtung gehen. Mir gefällt die Idee, für einen Artikel einen fairen Preis zu bezahlen. Die machen einiges richtig.

JS: In den USA setzen sich derzeit besonders Vice, Buzzfeed und Vox Media im Digitalbereich durch. Alle drei setzen stark auf Native Advertising und bedienen Werbekunden mit Inhouse-Agenturen. Ist das der Weg, den man heute gehen muss?

DH: Die schaffen es auf jeden Fall, den richtigen Content zu bauen, wenn der nicht gut wäre, würde ihn keiner anschauen. Ich finde es schade, dass sich ganz viele Player von so einem Weltverbesserungsmotiv leiten lassen und sagen, dass die Welt ein besserer Ort wird, wenn sie diesen total neutralen, lehrbuchartigen Journalismus machen, aber dann in vielen Fällen nur Fakten vermitteln. Natürlich ist neutraler Journalismus wichtig, aber die von Ihnen genannten Medien zeigen, dass man Themen, die komplexer sind, auch knackig hinkriegt. Dort, wo die Nutzer landen, zeigt einen, was Sache ist, und da muss man sich hin entwickeln. Ob diese rein durch Monetarisierung getriebenen Modelle das Richtige sind, glaube ich auch nicht.


Teaser & Image “Dirk Herzbach” by Next Media Accelerators .


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Gelegenheit schlägt Planung

Dice (adapted) (Image by Daniel Dionne [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

In der Vergangenheit getroffene Entscheidungen werden oft nachträglich rationalisiert. Statt es sich in dieser Schein-Rationalität gemütlich zu machen, sollten Organisationen lieber die Chance des Zufalls nutzen. Liebwerteste Controlling-Gichtlinge hassen Kontrollverlust und Zufall. Sie sind krampfhaft auf der Suche nach Leitplanken, Plänen und Strategien, um den schönen Schein der Berechenbarkeit ihres Daseins zu erhalten. Führungskräfte in Organisationen umgeben sich gerne mit Mythen der Rationalität und konstruierten Kausalketten, um ihre Entscheidungsfähigkeit unter Beweis zu stellen. Zufall, Glück und Unberechenbarkeit sind die natürlichen Feinde des allwissenden Dirigenten in Politik und Wirtschaft. Der Glaube an Kontrolle und Steuerung zählt dennoch hartnäckig zum Bullshit-Einmaleins der Positionselite, um am Ruder zu bleiben. Oder in den Worten des Philosophen Harry G. Frankfurt: Bullshitting ließe den Klugscheißer klug erscheinen und sei immer dann unvermeidlich, wenn die Umstände es erfordern zu reden, ohne zu wissen worüber. 

Der magische Glaube muss in Organisationen durch Beschwörungen, Zeremonien, Mythen und Legenden des Erfolgs gefestigt werden“, schreibt der Organisationstheoretiker Professor Günther Ortmann in seinem Opus „Kunst des Entscheidens“ (Verlag Velbrück Wissenschaft). Zweifler und Skeptiker stören die Aura pseudo-rationaler Entscheidungen – sie werden abserviert. Man klopft sich lieber gegenseitig auf die Schultern und erzählt sich nette Geschichten über die Vernunft vergangener Entscheidungen – in Wahrheit sind es billige Ex-post-Prognosen nach dem Motto: „Das musste ja so kommen.Mit der Pyrenäen-Karte durch die Alpen Der Wissenschaftler Karl Weick hat für diese Schein-Rationalität eine hübsche Allegorie auf Lager: So erzählt er vom Militärmanöver einer ungarischen Aufklärungseinheit in den Schweizer Alpen. Zwei Tage galten die Soldaten als verschollen, aber am dritten Tag kehrten sie unversehrt zurück. Wie war das möglich? „Wir waren eingeschneit und hatten uns schon aufgegeben, aber dann fand einer von uns eine Karte in seiner Tasche, und wir beruhigten uns. Wir schlugen ein Lager auf, überstanden den Schneesturm und fanden mit Hilfe der Karte den Rückweg.“ Der Vorgesetzte ließ sich das bemerkenswerte Dokument zeigen und war überrascht: Auf der Karte waren nicht die Alpen verzeichnet, sondern die Pyrenäen. Entscheidend war also nicht der Plan, sondern das situative Handeln. Viele Führungskräfte verlassen sich nach Auffassung von Ortmann auf das Falsche, den Plan, verbringen, gestützt auf diesen Irrtum, noch mehr Zeit mit Planung und weniger mit Handeln, und sind am Ende sehr erstaunt, wenn mehr Planung nichts besser macht. Besonders erfindungsreich sind die Controlling-Geister bei der Schönfärberei mit Kennzahlen: „Erst untertreibt man, was erreicht werden kann/soll, dann übertreibt man, was erreicht worden ist“, so Ortmann. Der Harvard-Ökonom Michael Jensen nennt diese Art der Erbsenzählerei auch „Paying people to lie“. Führungskräfte mit falschen Karten, vieldeutigen Plänen, Kalenderweisheiten und leeren Strategiekonzepten erinnern Ortmann an den vielzitierten nackten Kaiser und seine neuen Kleider. Es geht um das Management von Symbolen mit Placebo-Wirkung. In der digitalen Sphäre ist es sogar noch schwieriger, irgendwelche visionären Ziele zu verfolgen: „Alle Thesen und Prognosen, die wir in der Vergangenheit aufgestellt haben, sind nicht in Erfüllung gegangen“, so der ernüchternde Rückblick von Jochen Wegner, Chefredakteur von „Zeit Online“, auf seine 23-jährige Berufserfahrungen mit Internet-Trends. „Nichts von dem, was wir prognostiziert haben, ist wahr. Nur eine einzige These ist übrig geblieben und die lautet: Alle Thesen im digitalen Journalismus sind falsch.“ Dennoch gibt es eine Sehnsucht nach einfachen und allgemeingültigen Thesen, die immer wieder in die Öffentlichkeit geblasen werden – was wohl am schlechten Gedächtnis der Thesenautoren liegt. Wegner benennt einen Springer-Vorstand, der beklagte, dass es in den frühen Tagen des World Wide Web nicht gelungen sei, eine Bezahlinfrastruktur zu etablieren. Solche Leute saßen damals wohl in Meetings ihrer Kinderkrippe. Es gab ein Wettrennen zwischen AOL mit geschlossenen, kostenpflichtigen sowie exklusiven Medieninhalten und dem freien Internet. Apple: verschlossen bis zur ParanoiaDas offene Internet hat damals gewonnen. Alle Online-Verlagsmodelle dieser Zeit sind gescheitert, wenn sie Geld verlangt haben“, erläutert Wegner bei seinem Eröffnungsvortrag auf dem Besser-Online-Fachkongress des Deutschen Journalisten Verbandes in Mainz. Selbst Internet-Guru Howard Rheingold, der den Begriff der virtuellen Gemeinschaft prägte, ist grandios gescheitert. Er habe, so Wegner, für sehr viel Geld eines japanischen Risikokapitalgebers bewiesen, dass Communities kein Geschäftsmodell sind. Das Projekt hieß Electric Minds. Auch Wegner war davon überzeugt, mit Community-Projekten kein Geld machen zu können. Einige Internet-Blasen später kam dann Mark Zuckerberg mit Facebook und mittlerweile sei der Community-Redakteur wieder ein gefragter Beruf. Dann gebe es da noch Apple. „Das ist eine Firma, die nach unseren Thesen alles falsch gemacht hat – genau deswegen ist sie vielleicht so erfolgreich. Die Firma wird diktatorisch geführt, ist verschlossen bis zur Paranoia und ignoriert jegliche Marktforschung – sagen sie das mal einem Verleger. Apple betreibt eine komplett geschlossene Plattform, kultiviert einen Kontrollwahn, setzt nicht auf Open-Source-Standards. Apple ist eigentlich böse und wird dafür geliebt. Und Apple will Geld für Content“, führt Wegner weiter aus, der mittlerweile weghört, wenn sich Experten gegenseitig das Netz erklären. Er ist thesenmüde, was allerdings zu einer anderen Form von Wachheit führt. Zu einer Wachheit, die genau beobachtet, was jetzt und hier passiert. Diese Thesen-Aversion führt zur Konzentration auf das, was ist. Alle drei Monate passieren Sachen, wo man sich grundsätzlich fragt, ob der eingeschlagene Weg noch richtig ist. Deshalb hat „Zeit Online“ seinen Redaktionsbetrieb komplett auf einen zweiwöchigen Rhythmus umgestellt. Nutze den Augenblick Es ist also viel wichtiger, sich mit dem Phänomen der Kontingenz auseinanderzusetzen: Am Reißbrett lässt sich die Zukunft nicht zimmern. Kontingenz heißt: Es geht auch anders – es gibt mehrere Möglichkeiten. Statt die Zeit mit dümmlichen Visionen, Strategien und Plänen zu verschwenden, sollten sich Organisationen als Beobachter des Zufalls bewähren. Gelegenheiten erkennen, statt einer Schimäre der rationalen Entscheidung hinterherzulaufen. Ein Unternehmer ist für den Ökonomen Israel Kirzner ein Häscher des Okkasionellen – ein Chancenverwerter. Occasio ist die Göttin der Gelegenheit mit einem nach vorne fallenden Haarschopf, an dem man sie zu ergreifen hat; wer diesen Augenblick verpennt, hat keine zweite Chance, denn von hinten ist die Dame kahl.


Dieser Beitrag ist zuerst erschienen auf The European.


Image (adapted) „Dice“ by Daniel Dionne (CC BY-SA 2.0)


 

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“Future of Data”: Daten-Debatten jenseits von Vorurteilen

Statt Debatten über die “Datensammelwut” von Unternehmen zu führen, sollte das Sammeln und die Verwendung von Daten ganzheitlicher gesehen werden. Das Szenario Building ist zu einem beliebten Werkzeug geworden und ersetzt das bekannte Bonmot “Wenn du mal nicht weiter weißt, dann gründe einen Arbeitskreis”. So ist auf Ebene der politischen und wirtschaftlichen Entscheider als entsprechend geschulter Berater leichtes Geld damit zu verdienen, wenn der Unsicherheit dieser Entscheider in einem globalisierten Weltgeschehen, die Scheinsicherheit eines Szenarios entgegen gehalten werden kann. Dass diese Szenarien allzu häufig in der Banalität zwischen “Kalter Marktwirtschaft” und “Sozialer Marktwirtschaft” oder auch gern “Vernetzte Welt” versus “Mensch steht trotz Technologie im Zentrum” enden, scheint nicht zu stören, fehlt doch allzu oft die Erfahrung, mehrfach einem solchen Prozess beigewohnt zu haben.

Daten sammeln: Wo stehen wir im Jahre 2025?

Der globale not-for-profit Future Agenda Foresight Prozess hat bewusst einen anderen Weg gewählt, konzentriert sich auf einzelne Schwerpunktthemen und verzichtet auch darauf, alle Meinungen in irgendwelche Matrizen einspeisen zu wollen, um am Ende ein Ergebnis zu bekommen, dass der PC scheinbar “genau” errechnet hat. In inzwischen über 100 Workshops, in über 50 Ländern, werden in einem strukturierten Diskurs bis zu 30 Themen (je Workshop aber nur ein Schwerpunktthema) besprochen und qualitativ zusammengefasst. Im Zuge der Workshop-Reihe hatte vor einiger Zeit in Köln ein “Future of Data”- Treffen stattgefunden.

Aufgrund eines ersten Brainstormings, wurden vor Ort die folgenden Entwicklungstendenzen bis zum Jahre 2025 identifiziert:

  • Datenapathie angesichts der nicht zu bewältigenden und zu interpretierenden Datenmenge

  • Gefahr simplifizierender Analysen aufgrund mangelnder Fähigkeit zur Operationalisierung der Möglichkeit zum Datensammeln

  • Daten werden verhaltensbestimmende Variablen

  • Big Data führt zu mehr Transparenz; Auswirkung auf bestehende Geschäftsmodelle unklar

  • #dataforgood wird immer relevanter

  • menschliches Miteinander, das immer mehr datenbestimmt ablaufen wird, muss neu definiert werden

  • steigende menschliche Abhängigkeit von datenbasierter Interpretation der (Um) Welt

  • Aufkommen von datengetriebenen Lebensstilen

  • Bindung der Lebenszyklen von Produkten an deren Datensammelfähigkeit

  • Dateninterpretation als neue Form der “Weisheit”

  • Sicherheit von Mobilität wird essenziell

  • Daten als Grundlage der Vermittlung von Bildung

  • Ethik der Daten

  • datengetriebene Anpassungen von Unternehmen statt durch Vorstandsentscheidungen

  • Suche nach der Grenze der Anwendung von Daten

  • potenzieller Backlash gegen die Nutzung von Daten

In einem nächsten Schritt wurden nun diese Aspekte aggregiert und mit Blick auf die mögliche Relevanz im Jahre 2025 priorisiert. Auffällig daran war, dass auch im Kreis der dem Thema gegenüber eigentlich eher aufgeschlossenen Teilnehmern, die spannungsgeladenen Fragen der Datensicherheit, der Privatsphäre und der durch Daten eventuell intendierten Ungleichheit dominierten.

Tabelle: Abstimmungsverhalten der Teilnehmer bezüglich der Frage nach der Relevanz der vorab genannten Unterthemen bis zum Jahre 2025

 

Zwang zur Konformität und Daten-Darwinismus?

Dieses Ergebnis war insofern spannend, als dass Daten(schutz) nicht, wie so häufig üblich, als Selbstzweck betrachtet wurde, sondern das Ziel eine politische, wie auch gesellschaftspolitische Einordnung der Datenthemen darstellte, was sich in der abschließenden qualitativen Debatte über die Priorisierung auch zeigte:

1. Intelligentes Sammeln von Daten statt blinder Datensammelwut: Das Internet der Dinge wird zu einem weiteren Anstieg der gesammelten Daten führen. Mehr denn je muss sich aber rechtzeitig Gedanken darüber gemacht werden, welche Daten denn überhaupt sinnvoll ausgewertet werden können. Während man im Einführungskurs zur “Empirischen Sozialforschung” an der Uni bereits zu hören bekommt, dass die Forschungsfrage vor dem Sammeln von Daten bekannt sein muss, gehen manche Datenanalysten anscheinend allzu oft den Weg, im Datenkonvolut nach interpretierbaren Mustern zu suchen, um das Datensammeln gegenüber den Investoren und den Usern im Nachhinein zu rechtfertigen.

2. Juristische Rules of the Game: Es bedarf – unabhängig von der Art der Daten und der sammelnden Institution – dringend weltweit gültiger Spielregeln zum Umgang mit diesen Daten. Nur datenbezogene Grundrechte, wie der jederzeitige Zugang zu den eigenen Daten bei Unternehmen oder staatlichen Verwaltungen, werden auf Dauer die Akzeptanz der Datensammlungen erhalten. Das Spannungsfeld zwischen nationalen politischen Regelungssystemen und kulturellen Unterschieden im Umgang mit personenbezogenen Daten, lässt diese Aufgabe aber auch utopisch erscheinen. Wie wäre es daher, eine Art Global Governance in diesem Bereich aufzubauen und zu legitimieren?

3. Digital Literacy: Der Umgang mit und der Zugang zu den eigenen Daten, muss Bestandteil der schulischen Bildung werden. Nur damit kann Datensouveränität im Sinne des Verständnisses der Relevanz der eigenen Daten in einem ökonomischen und politischen Kontext erreicht werden.

4. Moralische Dimension datenbasierter Entscheidungen: Wie sind datenbasierte Entscheidungen, wie das schon häufig vorgebrachte Unfall-Vermeidungsszenario selbstfahrender Autos und das mit einhergehende Entscheidungsdilemma moralisch zu bewerten? Wer entscheidet vor welchem kulturellen Hintergrund, welche Entscheidung die moralisch “richtige” ist? Wie kann Transparenz über die moralischen Eckpunkte von Algorithmen, die solchen Entscheidungen zugrunde liegen, hergestellt werden, ohne das jeweilige Geschäftsmodell zu gefährden?

5. Daten-Darwinismus: Der Umgang mit Daten, sei es auf unternehmerischer, politischer oder individueller Ebene, wird schon bald über die Überlebensfähigkeit, insbesondere von Unternehmen und die Lebensqualität, des Einzelnen entscheiden. Datenungleichheit kann damit zu Ungleichheit in den unterschiedlichsten Lebensbereichen führen. Wie gehen wir mit diesem Daten-Darwinismus um, die aus der gekonnten Anwendung von Human-Data-Teaming Einzelner entsteht? Die aktuelle Debatte um die finanzielle Beteiligung von Krankenkassen am Kauf von Wearables und Health Apps, deuten den sich abzeichnenden Kontext von digitaler Affinität und daraus resultierender persönlicher Livelihood an.

6. Dateninduzierter Druck zur Konformität: Wenn wir Big Data nutzen, um Generalisierungen, Muster in großen Datenmengen oder aber Gruppen von Menschen zu kategorisieren, steigt die Gefahr, dass das Individuum mit abweichenden Verhalten, Meinungen, Leistungsindikatoren oder Gesundheitsdaten negativ auffällt. Die Kosten der Abweichung können beim “Abweichler” oder auch in der Gesellschaft anfallen. Wie geht eine Gesellschaft damit um? Wie können wir trotz allem Individualität in ein Zeitalter von Big Data hinüber retten? “Habe ich ein individuelles Recht auf eine ungesunde Lebensführung?”. Könnte dieser Blickwinkel überspitzt beschrieben werden? Wie weit wird unsere Toleranz dem Individualisten gegenüber im Zeitalter des Datensammelns gehen?

Die Ergebnisse aller globalen Workshops zum Thema Future of Data können hier nachgelesen werden.

“Datenkrake” als politischer Kampfbegriff?

Sowohl beim Blick auf die Ergebnisse des Treffens in Deutschland als auch der weiteren globalen Workshops wird deutlich, dass wir die in den deutschen Traditionsmedien stets nur unter dem Hinweis die “Datenkraken” Facebook und Google vollkommen verengt geführte Debatte, dringend ausweiten müssen. Netzpolitik.org hat erst gerade wieder auf das Lobbying der US-Regierung hingewiesen, mit dem versucht wird, der Welt einseitig die amerikanischen Vorstellungen zum Umgang mit personenbezogenen Daten aufzudrücken.

Im Rahmen der vor kurzem stattgefundenen Telemedicus Sommer Konferenz, wurde eine Übersicht über die verschiedenen Daten(schutz)-Aspekte in den sozialen Medien herumgereicht, die ebenfalls sehr schön die Komplexität des Themas darstellt, die natürlich sehr weit über die dumpfe Datenkranken-Sematik hinausreicht. Wir sollten versuchen, die Daten-Debatte im Interesse einer sehr viel weiter reichenden Verwendung als der Analyse persönlichen Like-Verhaltens auf Facebook zu führen. Die oben genannten Aspekte, die keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit erheben, deuten dabei an, dass “Daten” immer in einem inhaltlichen Kontext gesehen werden sollten. Überlassen wir dieses wichtige Thema nicht den Traditionsmedien.

Der Beitrag basiert auf den seit August 2015 vollständig vorliegenden Ergebnissen eines Treffens von Experten im Zuge des Foresight-Prozesses “Future Agenda” zu dem übergeordneten Thema “Zukunft der Arbeit/Datennutzung” im April diesen Jahres.


 


 

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Google: Gar nicht so allmächtig

Google (Bild: Simon [CC0 Publc Domain], via Pixabay)

Unbesiegbar wirkte der Internet-Konzern lange Zeit. Doch bei neuen digitalen Trends und Geschäftsfeldern ist Google nur mehr eine von vielen Firmen, die auf Expansionskurs sind. Ist der Riese angeschlagen? // von Jakob Steinschaden

Google (Bild: Simon [CC0 Publc Domain], via Pixabay)

Google ist nach wie vor der König der Online-Werbung und dominiert mit seiner Suchmaschine, dem mobilen Betriebssystem Android, dem Videoportal YouTube und dem Browser Chrome die jeweiligen Teilmärkte. Doch in anderen neuen digitalen Geschäftsfeldern wie Social Media, Messaging, Wearables oder mobilen Payments ist der Konzern aus Mountain View nur eines von mehreren Unternehmen – und muss dort anderen vorläufig die Marktführerschaft überlassen.

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Der Kunde als Produkt – Apple kritisiert Facebook & Co.

Apple CEO Tim Cook (adapted) (Image by Mike Deerkoski [CC BY 2.0] via Flickr)

Nach dem iCloud-Hack versprach Apple-CEO Tim Cook Besserung und kritisierte gleichzeitig das Geschäftsmodell von Facebook, Google & Co. Im Herbst diesen Jahres, kurz nach dem iCloud-Hack bei dem zahlreiche Promibilder gestohlen wurden, versprach Tim Cook eine Datenschutzoffensive. Bisher hielt man sich an diese, erhöhte die Sicherheitsstandards aller Betriebssysteme und schloss sich selber aus den Systemen und der iCloud aus. Zeitgleich kritisierte Tim Cook jedoch das Modell der Konkurrenz, denn keiner würde den Service kostenlos anbieten. Hier sei schlussendlich der Kunde das Produkt und die Bezahlung erfolge durch persönliche Daten. Auch ohne Namensnennung kommt man schnell auf Google und Facebook – letzterer reagierte nun empört.

Tim Cook kritisiert kostenlose Angebote

Im Rahmen der Apple Datenschutz-Offensive kritisierte Tim Cook aufs Äußerste das Angebot der Konkurrenz: „Wenn sie ihr Geld vor allem damit verdienen, einen Haufen persönlicher Daten zu sammeln, dann glaube ich, besteht wirklich Grund zur Sorge.“ Weiter ein offenen Brief von Tim Cook: „Vor einigen Jahren begannen die Nutzer von Internetdiensten zu verstehen, dass sie bei kostenlosen Diensten nicht der Kunde sind. Sondern das Produkt.“

Unmissverständlich gemeint sind damit: Google, Facebook & Co., die tatsächlich kostenlose Angebote im Web veröffentlichen. Doch wird der Kunde damit automatisch zum Produkt? „Nein“, meint Mark Zuckerberg.

Facebook schießt zurück

Facebook Gründer und CEO Mark Zuckerberg scheint diese Behauptung nicht auf sich sitzen lassen zu wollen und äußerte sich dazu im Rahmen des aktuellen Time Magazine Interviews. Laut seinem Verständnis ist Facebook dafür da, Menschen miteinander zu verbinden und dies wäre mit einem Bezahlmodell schlichtweg nicht möglich, die Aussage von Tim Cook sei lächerlich. Würde Apple ein gutes Verhältnis mit seinen Kunden haben, „[…] würden sie ihre Produkte deutlich billiger machen.“ Nur weil man bezahlt, sei das Verhältnis zwischen Firma und Kunde nicht besser.

Gegen die Aussage von Mark Zuckerberg spricht jedoch die neuste Trackingtechnologie, die ab Januar 2015 Google den Platz streitig machen soll: Mit jedem Like-Button werden Facebook-Nutzer auch außerhalb von Facebook getrackt. Diese Daten sollen Werbetreibenden zur Optimierung ihrer Anzeigen zur Verfügung gestellt werden. Die Möglichkeit zum Widerspruch besteht nicht – ein Dorn im Auge für zahlreiche Datenschützer und eine Bestätigung, dass mit den Nutzern Geld verdient wird: Der Kunde wird zum Produkt.

Die Möglichkeiten: Bezahlen oder bezahlen

So wie es ausschaut gibt es für Nutzer in der Zukunft zwei Möglichkeiten, für die Verwendung eines Internetdienstes zu bezahlen; entweder mit ihrem Geld oder durch die Freigabe der eigenen Daten. Die Auswahl liegt schlussendlich beim Nutzer und der breiten Masse selbst. Da vielen die Konsequenzen dieser Struktur jedoch nicht bekannt sind, oder sie sich vor einer Gebühr scheuen, haben Dienste wie Google und Facebook auch in Zukunft weiterhin die Chance mit Nutzern Geld zu verdienen: Der Kunde wird zum Produkt für die Werbeindustrie.

Dieser Artikel ist ein Ergebnis der Kooperation von Netzpiloten.de mit dem renommierten Apple-Watchblog Appleunity.de. Appleunity ist auch auf FacebookYouTube, Google+ und Twitter zu finden.


Image (adapted) „Apple CEO Tim Cook“ by Mike Deerkoski (CC BY 2.0)


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Google baut seit 2009 an der Post-Werbe-Ära

Google (Bild: Hebi65 [CC0], via pixabay)

Google diversifiziert seine Geschäftsfelder und Erlösquellen zunehmend. Spätestens 2009 hat man erkannt, dass die Internetwerbung nicht für immer die Cashcow bleiben wird. // von Jakob Steinschaden

Google (Bild: Hebi65 [CC0], via pixabay)

Google ist der Werberiese im Internet, richtig? Ja, auch 2013 verdiente der Internetkonzern aus Mountain View etwa 91 Prozent seines Umsatzes mit Online-Anzeigen. Doch spätestens 2009 wurde der Firma bewusst, dass es mit der Internetwerbung nicht ewig so weiter gehen kann – und richtete die Google X Labs ein, um in völlig neue Geschäftsfelder einsteigen zu können. Deswegen staunen die Menschen heute über selbstfahrende Autos, Datenbrillen und noch futuristischere Ideen wie Weltraumaufzüge und Teleportation.

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Ello: Dank Datenschutz zum neuen Netzwerk?

Das neue soziale Netzwerk Ello verspricht guten Datenschutz und Verzicht auf Werbung. Wie groß sind seine Chancen? // von Björn Rohles

Das neue soziale NEtzwerk Ello setzt auf Datenschutz

Wer Ello aufruft und nach unten scrollt, wird mit wenigen Zeilen konfrontiert, die aufzeigen, was Ello einzigartig machen soll: „Dein soziales Netzwerk gehört den Werbetreibenden. … Wir glauben, es gibt einen besseren Weg. … Wir glauben, dass die Betreiber und die Nutzer Partner sein sollten. … Du bist kein Produkt.“ Ein werbefreies Netzwerk, das auf Datenschutz setzt – das ist ungewöhnlich, aber die Ello-Macher haben gute Ideen.

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Voting: 5 digitale Geschäftsmodelle

1. Like-Machine

Wer sagt denn, das virtuelle und reale Welt immer getrennt zu betrachten sind? Im Coca-Cola Village, ein vom amerikanischen Getränkehersteller errichtetes Erlebniscamp in Israel, werden sie zusammengeführt. Und zwar über die von E-dologic entwickelten „Like-Machines“ vor Ort, die wiederum direkt mit dem Social Network Facebook verbunden sind. Die bekannte Facebook Like-Funktion kann dabei von den jugendlichen Besuchern durch spezielle RFID-Armbänder im Village in Echtzeit genutzt werden. Wem beispielsweise gerade Pool, Essen oder Massage im Coca Cola-Village gefällt, hält einfach sein Armband mit den gespeicherten Facebook-Nutzerdaten an die Like-Machine. Dadurch wird eine Statusmeldung erstellt, in der zu lesen ist, wie gut das jeweilige Angebot ist. Ebenso können an den Stationen Fotos vom Camp direkt auf die Seite hochgeladen und getaggt werden. Fazit: Ein schnell adaptierbares, nützliches Tool, das weltweit bei Events zum Einsatz kommen kann…

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