All posts under Generation

Wie Kinder auf der ganzen Welt das Internet nutzen

Kind, Kinder, Tablet, Smartphone, Internet, Social Media

Das Internet hat fast alle Ecken der Erde erreicht, aber der Großteil der Forschung über die Verwendung des Internets, insbesondere bei Kindern, konzentriert sich auf die USA und Europa. Das ist ein Problem, da Schätzungen zufolge jedes dritte Kind weltweit das Internet nutzt – und die meisten von ihnen leben nicht im sogenannten Westen. Ein zunehmendes weltweites Interesse verlangt nach internationalen Verfahrensweisen, die auf globalen Beweisen fußen.

Der Bericht von „Global Kids Online“ ist der erste Schritt eines ambitionierten Projekts, um herauszufinden, welche Kinder das Internet verwenden, was sie lernen und um die Möglichkeiten und Risiken zu erforschen, die es beinhaltet. Um ihre Perspektive zu erfahren, führte das Projekt Interviews und Umfragen mit Kindern im Alter von neun bis 17 Jahren in Südafrika, den Philippinen und Serbien durch. Wir befragten zusätzlich argentinische Kinder im Alter von 13 bis 17 Jahren. In diesem Video erfahren wir mehr über die Erlebnissen südafrikanischer Kinder und ihrer Eltern mit dem Internet.

Wir wussten nicht, was auf uns zukam, obwohl uns ein paar der Probleme bewusst waren. In Lateinamerika leben Kinder in unterschiedlichen urbanen und ländlichen Gegenden und in enormem Wohlstand und Reichtum. Die südafrikanische Gesellschaft weist hohe Gewalttaten auf, die sich nun auch online ausweiten. Die Philippinen sehen sich einer wachsenden Herausforderung der sexuellen Ausbeutung von Kindern und des Kindesmissbrauchs gegenüber, während Serbien mit dem sozialen Ausschluss der Roma-Bevölkerung zu kämpfen hat. Hilft ein Internetanschluss Kindern und ihren Familien dabei, diesen Problemen die Stirn zu bieten – oder macht er diese nur noch schlimmer?

Nimm mir nicht mein Internet weg

Es gibt keinen Zweifel daran, dass Kinder auf der ganzen Welt das Internet in ihre Leben integriert haben, selbst wenn es kostspielig und unzuverlässig ist oder wenn es nur mit geliehenen Geräten oder durch die Bereitstellung der Wohngemeinde genutzt werden kann – ganz im Gegensatz zum verhältnismäßig einfachen Zugang, den die Kinder im Westen genießen. Eine weltweite Studie, die vor Kurzem erschienen ist, hat gezeigt, dass die Kinder das Internet gewissermaßen als Menschenrecht verstehen. Für sie ist es eine echte Notwendigkeit. Gleichermaßen sehen einige der Kinder, mit denen wir gesprochen haben, das Internet als einen untrennbaren Bestandteil ihres Lebens – es ist etwas, auf das sie stolz sind. Ein 15-jähriger Junge aus Serbien meinte dazu: „Wir sind mit dem Internet aufgewachsen. Ich meine, das Internet war immer hier bei uns. Die Erwachsenen sagen ‚Wow, das Internet ist aufgetaucht‘, während es für uns ganz normal ist.“

Eine Fokusgruppe, bestehend aus 14- bis 17-Jährigen vom Ostkap in Südafrika stimmte dem zu: „Ich würde sagen, dass die heutige Generation mehr weiß als unsere Eltern. Wir sind viel schlauer als die vorangegangene Generation.“ Es ist nicht verwunderlich, dass Kinder die Freiheit und Bandbreite an Möglichkeiten zu schätzen wissen, dank derer sie lernen oder teilen können, was sie interessiert und wann immer sie wollen – wie diese Gruppe Jugendlicher aus Argentinien erklärt: „Ich wollte Gitarre spielen lernen und bin online gegangen.“ Ein andrees Kind sagt, es wolle „Immer mit anderen in Kontakt sein und wissen, was die anderen machen“. Vielen war ein Aspekt besonders wichtig: „Über Skype oder mit einem Videoanruf kann man zu jemandem Kontakt aufnehmen, der weit weg ist.“

Angesichts moralischer Panikmache über die Risiken des Internets sollten wir uns jedoch zurückerinnern, dass Kinder vor allem lernen und mit anderen Leuten in Kontakt treten möchten. Es ist wichtig, dass Erwachsene – egal, ob Eltern oder Politiker – ihnen diese Möglichkeiten nicht nehmen.

Das Gute und das Schlechte

In vielerlei Hinsicht teilen Kinder aus sehr verschiedenen Ländern ähnliche Interessen, was das Netz anbelangt. Auf den Philippinen lieben Kinder beispielsweise Facebook und YouTube, am liebsten lernen sie etwas Neues, außerdem sind soziale Medien und Videoclips sehr beliebt. Sie nutzen das Internet für Schularbeiten und um Online-Spiele zu spielen – also ein ziemlich ähnliches Ergebnis wie bei den Kindern in Europa.

Es ist einfach nachzuvollziehen, dass es durchaus ein Problem darstellen kann, dass dieselben, übergreifenden Technologiefirmen ihre Reichweite und ihren Profit durch Kinder weltweit vergrößern können. Auch ist bisher noch nicht klar, was Kinder online genau lernen – oder ob sie tatsächlich davon profitieren. Aber ein Internetanschluss bietet ganz klar eine Menge Möglichkeiten.

In Südafrika sucht etwa jeder dritte Jugendliche mindestens einmal die Woche online nach  Informationen über Gesundheitsthemen. Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, dass Teenager es zu schätzen wissen, dass sie diese Informationen online schnell und einfach und vor allem anonym finden können. Hier stellt sich die Frage, woher sie sich solche Informationen in einer Zeit vor dem Internet besorgt haben könnten. Dennoch ist die Informationsqualität im Netz problematisch.

Und ist es überhaupt das, was sie tatsächlich brauchen? Verfügen sie über die kritischen Fähigkeiten, vertrauenswürdige von missverständlichen Infos zu unterscheiden? Wir wissen es nicht. Aber das, was wir herausgefunden haben, liefert Grund zur Besorgnis hinsichtlich der digitalen und kritischen Fähigkeiten junger Nutzer. Auf die Frage, ob im vergangenen Jahr irgendetwas im Netz geschehen ist, worüber sie sich ärgerten, antworteten drei Viertel der befragten Kinder in Argentinien mit ‚ja‘ – zweimal so viele, wie in Serbien und auf den Philippinen. In Südafrika war es nur eines von fünf. Einige Beispiele für die Inhalte könnten sein:

  • Lästereien über andere Menschen und dass es hässliche Kommentare über andere gibt
  • Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Morde
  • Einladungen von fremden, älteren Menschen oder Werbung mit nackten Menschen

Auf den Philippinen wurden die Kinder sogar direkt bedroht: „Auf Facebook hat sich jemand vor einiger Zeit für mich ausgegeben. Der Nutzer hatte mein Foto als Profilbild eingerichtet, allerdings mit einem anderen Namen“, berichtete ein Mädchen zwischen 12 bis 14 Jahren.

„Ich habe es einmal erlebt, dass ein Fremder nach ‚meinem Preis‘ fragte – was natürlich  bedeutete, wie viel es den Fremden kosten würde, mit mir Sex haben zu können“, erfuhren wir von einem Jungen zwischen 15 bis 17 Jahren.

Damit Eltern nun jedoch nicht in Versuchung geraten, ihren Kindern das Internet zu verbieten, sei ihnen gesagt: Wir haben auch viele positive Rückmeldungen erhalten. Zwei Drittel der befragten Jugendlichen aus Argentinien waren sich sehr sicher, dass es „viele Dinge im Internet gibt, die gut für Kinder in meinem Alter sind.“ Jugendliche in Serbien und auf den Philippinen waren davon nicht ganz so überzeugt und die südafrikanischen Kinder waren diesbezüglich deutlich gespalten. Es ist wahrscheinlich schwer, die richtige Balance zwischen Risiko und Bereicherung zu halten.

Risiken und Möglichkeiten greifen ineinander

Um das zu verstehen, müssen wir das Wesen des Internets berücksichtigen. Man schaue sich nur einmal die sozialen Netzwerke an: Kinder können diese nutzen, um mit ihren Freunden in Verbindung zu bleiben, aber sie sind auch für Unbekannte sichtbar. Als wir die Risiken und Vorteile auswerteten, die die Kinder in verschiedenen Ländern erlebten, gaben 92 Prozent der befragten Kinder aus Argentinien, aber nur 65 Prozent der Kinder aus Südafrika an, dass sie das Netz jederzeit nutzen durften. In Serbien waren es 85 Prozent und auf den Philippinen 79 Prozent.

Also macht es durchaus einen Unterschied, ob die Eltern eine restriktive oder eine lockere Herangehensweise an das Netz haben. Doch auch das ist für die Eltern keine einfache Wahl. Zum Teil schätzen viele Eltern die digitalen Kenntnisse ihrer Kinder als höher ein als ihre eigenen. Manche Eltern versuchen, sich den kulturellen Normen und Erziehungsstilen anzupassen und zugleich den spezifischen Bedürfnissen ihrer Kinder gerecht zu werden.

Natürlich kann auch ein unregelmäßiger und teurer Internetzugang ein Problem sein. Unsere Kollegen aus Südafrika haben die Ergebnisse der Studie dazu genutzt, um angesichts der hohen Datenkosten erschwinglichere Internetanschlüsse einzufordern. Dieses Ziel wurde in den nationalen Entwicklungsplan für Südafrika bis zum Jahr 2030 aufgenommen. In Argentinien berichteten die Kinder zudem davon, dass sie das Internet meist für die Schule verwenden, also forderten unsere argentinischen Kollegen mehr Unterstützung durch ein nationales digitales Bildungsprogramm.

Global Kids Online“ ist eine gemeinsame Initiative von Innocenti, dem Forschungszweig der UNICEF, des EU Kinder Online-Netzwerks und der London School of Economics and Political Science, die durch die „WeProtect Global Alliance“ unterstützt wird. Diese Untersuchungen sind erst der Anfang. Um noch mehr kulturübergreifende Tendenzen zu erforschen, müsssten allerdings noch ein paar Länder mehr teilnehmen. Jedoch würden wir den Gesetzgebern in den entsprechenden Ländern, in denen noch zu wenig zuverlässige Untersuchungsergebnisse existieren, raten, keine weitergehende Gesetzgebung zu überstürzen, bevor sie nicht verstehen, wie Kinder und Eltern die Chancen und Risiken, die das Netz bietet, ausgewogen nutzen können.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image “child” by NadineDoerle (CC0 Public Domain)


Weiterlesen »

Gefährden Altmedien den Digitalstandort Deutschland?

Kaum ist der von der Bundesregierung angekündigte „Digitalpakt“ Gegenstand der (veröffentlichten) öffentlichen Diskussion, schon finden sich die üblichen KulturpessimistInnen und bemühen sich um die altbekannten Gefahrennarrative der Förderung des „Häppchenwissens“ und der digitalen Überforderung der jüngeren Generationen dieses Landes.

Pensionierte Lehrer in einflussreichen Positionen meinen, immer noch auf der Höhe der Pädagogik zu sein, und verbauen mit ihrer Ignoranz gegenüber aktuellen Entwicklungen den Schülerinnen und Schülern die Chancen auf dem globalisierten Arbeitsmarkt. Die Gewerkschaften möchten sowieso lieber Schul-Klos repariert wissen, obwohl nicht zuletzt die aktuelle Studie der Initiative D21 zum Stand der Digitalisierung in deutschen Schulen große Defizite identifiziert hat.

Rückwärtsgewandtheit der Entscheiderinnen ist ein Problem für Deutschland

Damit fügt sich die aktuelle Debatte in eine lange Kette von Drohszenarien, die digital nicht aktive Menschen, die in Deutschland in EntscheiderInnenpositionen sitzen, gegenüber dem Internet aufbauen. Pokémon Go trackt Jugendliche und erhöht das Risiko, im Straßenverkehr unter die Räder zu kommen. Ein altbekanntes Printmedium spricht vom „Feind in meiner Hand“ und meint das Smartphone. Lehrer können sich in diesem Medium mit der Meinung breitmachen, dass Eltern Schuld an der „Internetsucht“ der Kinder seien.

Das Morgenmagazin von ARD und ZDF stellt die Teilnehmerinnen der Gamescom als der Kindheit verhaftete Deppen dar und warnt vor der – natürlich – übermäßigen Nutzung von Videospielen. Ebenfalls im Morgenmagazin wird vor den Gefahren der VR-Brillen gewarnt („Auswirkungen auf das Gehirn“). Während IBM verkündet, dass IBM-Watson nun auch im Kampf gegen den Krebs helfen wird, warnen deutsche Altmedien vor der Nutzung von Gesundheits-Apps.

Wissen die VertreterInnen der Altmedien eigentlich, was sie mit diesem Kampf gegen das Netz und gegen das Digitale indirekt auch unseren Kindern antun? Kinder und Eltern sind in einer rückwärtsgewandten Meinungs-Bubble gefangen, die sie davon abhält, sich offensiv und frühzeitig mit den Gefahren und den Chancen des Netzes zu befassen. Unsere Kinder werden, wenn sie nicht rechtzeitig digitale Kompetenzen erwerben, von den gleichaltrigen Jugendlichen und Berufsanfängern aus den USA, Asien und Russland übertrumpft.

Wir als Eltern entlassen sie aber auch gleichzeitig ungeschützt in eine Welt, in der es natürlich Risiken und Gefahren gibt; da wir sie aber nicht darauf vorbereitet haben (außer der Strategie: schaltet den PC am besten aus), werden sie unvorbereitet auf die digitale Welt außerhalb von Deutschland treffen.

Beispiel Pokémon Go: Gefahren und Chancen der Augmented Reality

Spätestens seit der Verfilmung der Stephen King-Kurzgeschichte über den Rasenmähermann im Jahr 1992 kann eine breite Masse etwas mit der Idee der Virtual Reality anfangen. Auch wenn eine Umsetzung mittels Brille und Kopfhörer vorerst weit hinter dem angepeilten Ziel der startrekschen Holdecks zurückbleibt, sind in den vergangenen 20 Jahren alle Versuche, einen komfortablen Einstieg zu schaffen, mehr oder weniger grandios gescheitert.

Letztendlich scheint es, als habe es das Jahr 2016 gebraucht – in dem alle technischen Errungenschaften wie Prozessorminiaturisierung, Grafikleistung, Rechenpower zur Erfassung des Raums und die Vorarbeit der Konsolenhersteller mit Sonys Play und Microsofts Move sowie der Druck durch den Occulus-Rift-Kickstarter zusammentrafen – um der Virtual Reality im Konsumentenmarkt zum Durchbruch zu verhelfen. Wobei bei den abgerufenenen Preisen eine schnelle Marktdurchdringung zumindest für das kommende Weihnachtsgeschäft noch fraglich bleibt.

Umso erstaunlicher erscheint es, dass diesem zukunftsträchtigen Vorstoß zumindest in der breiten öffentlichen Wahrnehmung der Rang durch eine weitere visionäre Technik abgelaufen wurde. Der Erfolg des Smartphonespiels Pokémon Go hat der Augmented Reality den Einzug auf die Endgeräte und in die Presse beschert. Der Entwickler Niantic stellte mit dem Spiel Ingress bereits seit Ende 2013 eine Augmented Reality App zur Verfügung. Auch hierbei bewegen sich die Spieler durch den öffentlichen Raum, das Kartenmaterial basiert auf Daten von Google Maps und die Bewegungen der Spieler werden zur Auswertung an die Server des Spiels zurückgemeldet.

Schon Ingress konnte in den vergangenen Jahren eine große und äußerst aktive (vornehmlich erwachsene) Spielergemeinde gewinnen. Der wirkliche Durchbruch erfolgte aber durch die Zusammenführung der Spielprinzipien von Ingress gepaart mit der Pokémon Lizenz von Nintendo.

Seit der Veröffentlichung von Pokémon Go im Juli diesen Jahres sind insbesondere in den Ballungsräumen Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene der Aufforderung der Eltern gefolgt, doch endlich mal wieder rauszugehen, und fangen die Taschenmonster mit dem Blick durch die Bildschirme und Kameras ihrer Smartphones. Hierbei werden die Pokémon vom Spiel in die Abbildung der den Spieler umgebenden Realität projiziert.

Eine äußerst erfreuliche Folge des Pokémon-Go-Hypes war die Rückeroberung des öffentlichen Raums durch spielende Menschen aller Altersklassen bis zu Kindern, welche Ihr erstes Smartphone daran ausprobierten. Schon in der Woche vor dem Deutschlandstart aber machten Meldungen aus den USA über Verkehrsunfälle und Überfälle in hiesigen Medien schnell die Runde.

Das Gefährdungspotential für junge Spieler wird bei genauer Betrachtung schnell offensichtlich: Hand in Hand mit dem Austritt der Onlinespieler in die reale Welt erfolgt, zusätzlich zu den Gefahren des Straßenverkehrs, eine Übertragung der virtuellen Risiken. Was eben noch Grooming in einem Chatroom war, kann jetzt schnell eine persönliche Kontaktaufnahme werden. Hierbei ist insbesondere die schnelle Erkennbarkeit der Spieler und das gemeinsame Thema, über welches ein Kontakt hergestellt werden kann, eine nicht zu unterschätzende Komponente.

Panikmache vor Medien hat noch nie etwas gebracht

Die logische Schlussfolgerung kann aber eben nicht mediale Panikmache und pauschalisierte Warnung vor der Nutzung des Spiels sein, sondern muss eine Aufklärung der Spieler über die mit dem Spiel verbundenen Risiken sein – auch wenn die althergebrachten Grundsätze des Jugendschutzes in Bezug auf Medien hierzulande am ehesten in einer Verbotsdebatte gipfeln. Aufbauend auf dem „Gesetz zur Bewahrung der Jugend vor Schund- und Schmutzschriften“ von 1926 verfestigte sich die Debatte um eine moralisch-sittliche Gefährdung der Jugend in den 50er-Jahren mit der pädagogisch wie feuilletonistisch vorgetragenen Kritik an Groschenromanen und Comics.

Sie wurde in den folgenden Jahrzehnten auf Videofilme erweitert und gipfelt seit den 80ern in der Diskussion um Computerspiele. Die konsequente Aberkennung des Kunstbegriffs, welcher unabhängig vom Inhalt nur bestimmten Medien vorbehalten bleibt, sagt schon viel über den Stellenwert neuartiger Technologien aus.

In Zeiten, in denen die moralisch-sittliche Verfestigung der Kinder und Jugendlich allenthalben bestritten wird, ist wohl mit deren Bedrohung kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Folglich stürzen sich die Altmedien auf die „reale“ Gefährdung von Kindern, und die Reaktion von Eltern und Pädagogen folgt – wie auch in vorhergehenden Generationen – auf dem Fuße. Unsere Eltern haben Comics und Groschenromane genauso gelesen, wie wir Videofilme sahen und Computerspiele spielten und immer noch spielen. Heute vertreiben sich die Kinder und Jugendlichen die Zeit auf Youtube, in Chaträumen und eben mit Pokémon Go. Und morgen in der Virtual Reality der Spielekonsolen und Augmented Reality der Smartphones.

Die Gründe für den rückwärtsgewandten Blick in deutschen Altmedien sind vielfältig:

  1. Wir leben in dem Land mit der zweitältesten Bevölkerung weltweit. Da kann man keine EntscheiderInnen erwarten, die in der Mehrzahl jünger und innovativer sind.
  2. „Bildung“ ist in Deutschland eine Attitüde, die man vor sich herträgt. Das Buch noch „riechen zu wollen“ und das gefüllte Bücherregal im heimischen Wohnzimmer gelten nach wie vor als Ausdruck von Belesenheit. Wobei dies letztlich auf dem Missverständnis beruht, „digital“ und „Lesen“ würden sich gegenseitig ausschließen.
  3. Ohne vorherige Studien und konsensual abgesegnete Standards wagen wir nichts (s.a. Tesla-Debatte).
  4. Die derzeit in den Schulen befindlichen LehrerInnen gehören vor allem der technikskeptischen Baby-Boomer-Generation an, die in den 1970ern in die Laufbahnen eingetreten ist. Erinnert sich jemand noch an die damalig dominierende Debatte um die sogenannte „Technikfolgenabschätzung“? Auf Basis dieser Sozialisation kann man nicht wirklich Offenheit gegenüber den Internetfirmen des Silicon Valleys erwarten.

Pokémon Go schult die neue Generation

Sollte der Umgang mit neuen Technologien und Inhalten denn nicht besser von der Betrachtung des Potentials (unter Abwägung der Risiken) getragen werden?

Online-Spiele und digitale Tools stellen die Zukunft dar; seien es Google Docs, Keynote Live-Funktion, soziale Medien, Mikro-Blogs, Snapchat oder sonstige Plattformen, auf denen sich Menschen weltweit zusammenfinden. All diesen Plattformen sind einige Merkmale gemein, die für den zukünftigen Arbeitsmarkt von übergeordneter Bedeutung sind:

1. Der Wille zum Teilen muss vorhanden sein. Ohne Teilen kann es keine nachhaltige Interaktion geben.

2. Multilingualität ist Grundvoraussetzung für alle Menschen weltweit, um sich in mehreren Meinungs- und Inhaltesphären ausreichend austauschen zu können.

3. Kommunikationsfähigkeit auf mehreren digitalen Kanälen gleichzeitig ist eine der Grundbedingungen für die Nutzung digitaler Tools und dafür, dass man überhaupt noch auf der Höhe der Zeit in seinem Beruf tätig sein kann.

4. Ohne Teamfähigkeit geht nichts mehr. Als Teammitglied muss man sich jederzeit einordnen können. Dafür kann man aber auch gezielter seine eigenen Kompetenzen einbringen. „Aufgabenteilung“ ist dabei auf gar keinen Fall mit dem altbackenen „Zuständigkeit“ zu verwechseln!

5. Der Spruch „Für die Technik ist mein Kollege zuständig“ funktioniert nicht mehr. Um zu wissen, wie ich zu Ergebnissen gelangen kann, muss ich auch die dahinter stehende Technologie ansatzweise verstehen lernen.

6. Nicht mehr das Alter ist relevant für die eigenen Relevanz, sondern mein Beitrag für das Ganze. Das eröffnet sowohl für Jung als auch Alt, aus dem „Wahrnehmungsfängnis“ und damit seiner durch das Alter selbst zugeschriebenen Rolle auszubrechen.

All diese Kompetenzen zählen wohlgemerkt sowohl für beruflich genutzte Plattformen (wie Google Docs und andere) als auch Spieleplattformen (wie beispielsweise Lol). Wenn wir also die Kinder und Jugendlichen nicht rechtzeitig auf diese digitalisierte Arbeitswelt vorbereiten und stattdessen „Internet“ und “Digital” nur kulturpessimistisch bewerten, entziehen wir unseren Kindern die zukünftige gleichberechtigte Teilhabe am globalisierten Arbeitsmarkt. Daran können wir alle kein Interesse haben.

Die Kinder vorbereiten auf eine Zukunft der Arbeit

Stattdessen sollte man aber vielleicht mal einfach seinen Kindern beim Spielen über die Schulter schauen, um zu verstehen, in welcher Weise digitale Tools und auch Spiele dazu geeignet sind, sie auf eine Zukunft der Arbeit vorzubereiten, mit der sie sich später befassen müssen. Spiele, Apps, Services, Plattformen und der gezielte Blick auf die dahinterstehende Technik sind notwendig, um zu verstehen, in welcher Weise zukünftige Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt und die Art und Weise von Bildung eigentlich schon heute zusammenhängen, ohne dass dieser Blick von den Entscheiderinnen tatsächlich auch erkannt wird.

Kinder haben einen entscheidenden Vorteil im Umgang mit neuen Technologien: sie betrachten diese nicht als „neu“. Sie werden weder von einem Gefühl zurückgehalten, dass es „früher alles besser war“, noch vom Gedanken „Wir leben in der Zukunft“ verunsichert.

Sie stehen mit beiden Beinen in der Gegenwart und es ist unfair, ihnen den Weg in Ihre Zukunft mit den sie begleitenden Technologien zu verbauen. Statt in den Medien der Vergangenheit zu verweilen, sollten wir uns als die wissensvermittelnde Generation viel mehr damit beschäftigen, wie wir die Inhalte mit den Medien der Zukunft transportieren können.


Image “girl” by nastya_gepp (CC BY 2.0)


Weiterlesen »

Wie Roboter die Evolution lernten – und was wir davon haben

Hölzener Roboter (Image by kaboompics (CC0 Public Domain) via Pixabay)

Die Roboter kommen, um uns zu vernichten, heisst es oft in dystopischen Filmen. Jetzt können sie auch noch eigene Nachkommen bauen – doch daran ist nicht Schlechtes. Im Gegenteil! Oft wird die moderne Forschung dargestellt, als sei sie nur einen Schritt von der unaufhaltsamen Roboterapokalypse entfernt, wie man sie aus den Terminator-Filmen kennt. Obgleich bei der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz Risiken bestehen, die ernst genommen werden müssen, könnte eine übermäßig ängstliche Reaktion auf jede Neuerung im Bereich der Robotikforschung und Kreativität behindern.

Zum Beispiel könnte eine Künstliche Intelligenz, die in der Lage ist, zukünftige Versionen von sich zu entwerfen – also ein Roboter, der sich selbst reproduzieren und weiterentwickeln kann – uns unter Umständen dabei hilft, Innovationen zu entwickeln, auf die wir alleine nie gestoßen wären. Eine solche Künstliche Intelligenz würde sorgfältiger Beobachtung und Kontrolle bedürfen, und doch hätten wir keinen Anlass zur Sorge. Vielmehr könnte sie uns zu einem tieferen Verständnis der physischen Welt und unserer eigenen Entwicklung verhelfen.

Unnatürliche Auslese

Der Einsatz Künstlicher Intelligenz zur Verbesserung eines Designs, indem man es wiederholt, vervielfältigt und jedes Mal ein klein wenig abwandelt (iteratives Design), ist keine neue Herangehensweise, fand bisher aber nur bei Computersimulationen Anwendung.

Indem man eine Gruppe von Lebensformen entwirft, die zur Reproduktion fähig sind, kann man einen Prozess simulieren, der der natürlichen Auslese der echten biologischen Evolution ähnelt. Die erfolgreichsten Individuen pflanzen sich mit größerer Wahrscheinlichkeit fort und verbreiten so ihr ganz eigenes Design. Auf diese Weise wird man nach ein paar Generationen zu einer optimierten Version der Lebensform gelangt sein, die ein menschlicher Entwickler vielleicht so nicht hätte konstruieren können.

Computersimulationen der natürlichen Auslese und Evolution bringen eine Reihe von Vorteilen mit sich. Wie viele Generationen produziert werden und wie schnell das vonstatten geht, hängt theoretisch nur von der Geschwindigkeit des Computers ab. Wenig versprechende Modelle können einfach verworfen, Modelle mit großem Potenzial schnell ausgetestet werden. Zudem besteht kein großer Bedarf an Rohstoffen, denn Computerspeicher ist im Überfluss vorhanden, kostengünstig und platzsparend.

Das Problem dabei ist, dass die simulierten Lebensformen eventuell nur beschränkt dem ähneln, was in der echten Welt existieren kann. Andererseits sind Roboter, die tatsächlich gebaut werden können, für gewöhnlich ihre gesamte Existenz über an eine physische Form gebunden.

Robo-Babies-Image-by-Fumiya-Iida
So sehen die ersten Robo-Babies aus (Image by Fumiya Iida)

Um diese Probleme zu überwinden, haben meine Kollegen und ich einen „Mutter“-Roboter gebaut, der seine eigenen „Kinder“ auch ohne menschlichen Eingriff herstellen kann, wie vor Kurzem in der Fachzeitschrift PLOS One (Public Library of Science) berichtet wurde. Wir haben ihn so programmiert, dass er einfache Roboter produzieren kann, die aus einem bis fünf kriechfähigen Plastikwürfeln mit eingebautem kleinem Motor bestehen. Die Kinderroboter werden im weiteren Verlauf automatisch getestet, um herauszufinden, welches Modell die beste Leistung erbringt.

Auf Grundlage dieser Ergebnisse produzierte der Mutterroboter dann nach dem Prinzip der natürlichen Auslese eine zweite Generation. Er benutzte die „virtuelle DNS“ der besten Kinder der ersten Generation als Ausgangspunkt für seine Entwürfe, um die bevorzugten Eigenschaften weiterzugeben. Dieser Prozess wurde hunderte Male wiederholt, bis schließlich die stärksten Individuen aus der letzten Generation eine bestimmte Bewegungsabfolge doppelt so schnell absolvieren konnten wie die stärksten Individuen aus der ersten Generation.

Die Mutter der Erfindung

Indem man dem Mutterroboter die Möglichkeit gab, unentwegt Hunderte neuer Formen und Gangarten für seine Kinder zu entwickeln, erschuf er Modelle, zu deren Konstruktion ein menschlicher Entwickler wohl nie in der Lage gewesen wäre. Die interessanteste und wichtigste Erkenntnis ist, dass der Roboter dabei echte Kreativität unter Beweis stellte.

Anders als herkömmliche mechanische Systeme wie Verpackungsroboter in Fabriken, die von Menschen programmierte Bewegungen wiederholen, war unser Mutterroboter in der Lage, eigenständig, ohne Einflussnahme menschlicher Entwickler, Kinderroboter herzustellen. Er kann folglich neue Modelle „erfinden“.

Momentan sind die Kinderroboter noch zu simpel und ihre Fähigkeiten zu eingeschränkt, daher handelt es sich nicht um eine vollständige Entsprechung der natürlichen Evolution. Nichtsdestotrotz gibt es angesichts der fortschreitenden Technologie keinen Grund anzunehmen, dass dies nicht in Zukunft möglich sein wird.

Blocks-Image-by-Funiya-Iida
Wenn er groß ist, will er mal ein Roboter werden: Klötze, die kriechen können. (Image by Fumiya Iida)

Aber stellen Roboter, die sich eigenständig weiterentwickeln, nicht eine zu große Gefahr dar? Wir glauben nicht. Das Ziel unserer Forschung ist es, grundlegende Funktionsweisen der Kreativität auf Maschinen anzuwenden. Wir wollten herausfinden, wie Maschinen mit unbekannten Objekten umgehen, wie neue Ideen und Entwürfe aus einem statistischen Prozess heraus entstehen können, und wie viel Energie, Rohstoffe und andere Ressourcen benötigt werden, um etwas wirklich Innovatives zu erschaffen.

Die bisher erstellten Roboterkinder haben uns mit ihren einzigartigen Designs und ihrer Beweglichkeit einige Überraschungen beschert, da menschliche Ingenieure kaum je auf solche Ideen gekommen wären. Entwicklung ist ja immer ein fortschreitender Prozess, bei dem Technologie Stück für Stück aufgebaut wird und man hinterfragt, warum und wie Dinge funktionieren. Darum befinden sich unsere intelligenten Roboter, anders als biologische Lebewesen, noch immer innerhalb der von uns gesetzten Grenzen und unter unserer Kontrolle. Und dort werden sie auch immer bleiben.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Teaser & Image “Robot Wood” (adapted) by kaboompics (CC0 Public Domain)


Weiterlesen »

Zwischen Supporthotline und Smartphonenostalgie

All about smartphones (adapted) (Image by Denis Dervisevic [CC BY 2.0] via Flickr)

Das neue Handy ist kaputt. Es ist erstaunlich, wie sich die Rückkehr zu einem aus der Mode gekommenen Handy anfühlt und welche neuen Erkenntnisse über längst vergessene Einfachheit gewonnen werden.

Das Internet und mein Smartphone – das sind zwei wichtige Bestandteile meines Lebens. Und da bin ich nicht die Einzige. Meine ganze Generation hängt doch permanent am Handy. Und nein, darauf bin ich nicht stolz. Ganz und gar nicht. Was trotzdem nichts an der Tatsache ändert, dass ich unruhig werde, wenn ich das Ding mal nicht finde oder es nicht so funktioniert, wie ich es möchte.

Vor ein paar Tagen hat sich dann eine kleine Katastrophe ereignet. Nach einem (offenbar missglückten) Update startete mein Gerät nicht mehr, sondern zeigte lediglich den eingefrorenen Startbildschirm an. Und das über Stunden, bis der Akku leer war. Auch ein Neustart mit angeschlossenem Ladegerät brachte nichts.

Panik machte sich in mir breit. Was tun? Immerhin bin ich darauf angewiesen, erreichbar zu sein – allein schon, weil wir bei unseren Uniprojekten hauptsächlich auf digitalem Weg kommunizieren. Ich brauchte also Ersatz.

Zum Glück hatte ich noch mein altes Smartphone in einer Schublade liegen. Knapp vier Jahre alt, leichte Gebrauchsspuren, Android Gingerbread. Damals war das topaktuell, heute würde es wahrscheinlich noch nicht mal mehr jemand geschenkt haben wollen. Wahnsinn, wie schnell heutzutage Geräte weiterentwickelt werden.

Und wie schnell wir uns von ihnen trennen, nur weil die neuen größer, schneller, innovativer sind. Im Vergleich zu meinem neuen Handy ist das Display des älteren Modells richtig klein. Das ist erstmal gewöhnungsbedürftig.

Und auch das Design und die Ausstattung waren vor ein paar Jahren noch relativ einfach gehalten. Viele Apps unterstützen diese Version gar nicht mehr, wie ich feststellen musste. Zum Glück ließen sich zumindest Whatsapp und der Facebook Messenger problemlos installieren. Puh. Eine Sorge weniger. Als Ersatz taugt es allemal. Aber was mache ich jetzt mit dem anderen?

Im Internet (wo sonst?) stoße ich in verschiedenen Fachforen auf Lösungsvorschläge für das “Hilfe-mein-Smartphone-geht-nicht-mehr-an”-Problem. Super. Schnell mal ausprobiert. Eine Stunde später bin ich aber immer noch nicht weitergekommen. Vibration, Startbildschirm, Display aus. Und dann das ganze Spiel von vorn. War es das etwa? Aber vielleicht bin ich als Laie und absolute Technik-Null auch einfach zu doof für so etwas.

Also fix bei der Supporthotline angerufen. Nach 10 Minuten Gedudel wieder aufgelegt. “Noch einen Moment Geduld”. Nein, danke.

Ich glaube, ich werde es einfach einschicken und erstmal abwarten. Nach sieben Tagen ist das Ding repariert wieder bei mir, verspricht mir der Hersteller auf seiner Seite. Das klingt gut. Bis dahin kann ich noch ein bisschen in Smartphonenostalgie schwelgen. Naja, jedenfalls nenne ich es so.


Image (adapted) „All about smartphones“ by Denis Dervisevic (CC BY 2.0)


 

Weiterlesen »

Nur Deutsche dürfen über Deutschland reden

Passentzug (adapted) (Image by Metropolico.org [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

Wer keinen “deutschen” Namen hat, macht sich verdächtig, wenn er bei der Einwanderungs- und Flüchtlingsfrage nicht “deutsche” Positionen und das “deutsche Vaterland” verteidigt. Das riecht nach Interessenkonflikt. Wer nicht die richtige Abstammung hat, sollte sich doch mit seinen öffentlichen Äußerungen zurückhalten. Jedenfalls meint das eine Kölner Juristin im Disput mit meiner Frau. Ein Patriot sei der, der sein Vaterland liebt. “Vaterland hingegen ist das Land, wo die eigenen Vorfahren herkommen. Also Bitte beteilige dich an einem Sinti- und/oder Roma-Diskurs. Danke”, schreibt Frau Schmidt, also waschechter germanischer Adel, der im Zuge der Völkerwanderung aus Zentralafrika irgendwann mal in nordische Regionen vorgedrungen ist. Es kommt halt immer auf die zeitliche Einordnung der Vorfahren an. Hier empfiehlt das Notiz-Amt einen Blick in Wikipedia. Was sagt denn der Blut- und Boden-Lehrmeisterin der Name “Gunnar Sohn”? Klingt doch irgendwie ok, um von Frau Schmidt nicht aus dem “Diskurs” über Einwanderung und Flüchtlinge ausgeschlossen zu werden?

Erinnerungskultur im „Vaterland“

Wenn wir schon von Vorfahren sprechen, sollte dabei die Erinnerungskultur nicht fragmentarisch ausfallen. Die Erinnerungskultur muss an die nächste Generation weiter gegeben werden. Meine Großeltern Frieda und Wilhelm Sohn zogen 1932 nach Kuschkow/Spreewald und kauften dort eine Gast- und Landwirtschaft. Hier begann 1935 die Schulzeit meines Vaters. Da mein Opa Jude war, zwang man die Familie Sohn durch Boykottaktionen zum Verkauf des Geschäftes. 1936 zogen die Sohns nach Österreich und eröffneten auf dem Danielsberg in Kärnten eine Hotelpension – den Herkuleshof. Anfang des Jahres 1939 – also kurz nach dem “Anschluss” Österreichs – wurde das Hotel meiner Familie auf dem Wege der sogenannten Arisierung weggenommen und eine Kärntnerin als Eigentümerin eingesetzt. Mein Opa kam in das KZ Dachau – später dann in die “Heil- und Pflegeanstalt der Reichsvereinigung der Juden in Bendorf-Sayn” bei Koblenz.

Krankenmorde im „Vaterland“

Der Krankenmord an jüdischen Patienten war Teil der von Hitler befohlenen “Aktion T4”, einer Mordaktion, der von Januar 1940 bis August 1941 70.000 Insassen aus Heil- und Pflegeanstalten zum Opfer fielen. Sie wurde als geheime Reichssache von einer Bürozentrale in der Tiergartenstraße 4 in Berlin (daher die Bezeichnung “T4”) aus organisiert. Die “T4”-Zentrale selektierte anhand von “Meldebogen” vor allem die nicht arbeitsfähigen Patienten und schickte sie mit Sammeltransporten über “Zwischenanstalten” in sechs der ihr unterstehenden Tötungsanstalten. Hier wurden die Menschen meist am Tag ihrer Ankunft in einer als Duschraum getarnten Gaskammer ermordet und ihre Leichen sofort in Verbrennungsöfen eingeäschert.

Ein „vaterländischer“ Erlaß

Noch während die “T4”-Sonderaktion lief, ordnete das Reichsinnenministerium mit einem “Runderlaß” am 12. Dezember 1940 an, dass jüdische Patienten künftig nicht mehr in die staatlichen Heil- und Pflegeanstalten aufzunehmen seien, sondern nur noch in die “Heil- und Pflegeanstalt der Reichsvereinigung der Juden in Bendorf-Sayn”. Begründet wurde die Anordnung wie beim “Erlaß” vom 30. August 1940, dass “Juden mit Deutschen” nicht mehr gemeinsam untergebracht sein sollten. Der “Erlaß” vom Dezember konnte jedoch aus organisatorischen Gründen nicht im geforderten Umfang umgesetzt werden. Obwohl die Bettenzahl in Bendorf-Sayn Anfang 1940 durch Aufstellung von Baracken von 190 auf 474 erhöht worden war, blieb die Anstalt überfüllt. Allein zwischen Januar und November 1941 waren 251 Neuaufnahmen zu verzeichnen. Die Deportationen der jüdischen Bürger nach dem Osten ab Frühjahr 1942 bedeuteten das Ende von Bendorf-Sayn. Die Anstalt wurde schrittweise geräumt.

Ohne Beruf, israelitisch und mit neuem Vornamen

Waggons mit den Patienten wurden an die Züge gekoppelt, mit denen die Koblenzer Juden im März, April, Juni und Juli 1942 deportiert wurden. Mit dem 10. November 1942 hörte die jüdische Anstalt auf zu bestehen.

Mein Großvater starb unter ungeklärten Umständen kurz vor seiner Deportation nach Auschwitz am 23. Mai 1942. In der Sterbeurkunde nannte man meinen Opa übrigens Wilhelm Alfons Israel Sohn – “ohne Beruf, israelitisch”. Das war die perfide Praxis der Nazis. Ein zusätzlicher Vorname, der die Stigmatisierung schon im Ausweis kenntlich machte. Israel für Männer und Sara für Frauen. Und selbst seinen erlernten Beruf als Land- und Gastwirt hat man in der Sterbeurkunde unterschlagen.

Mein persönliches Vater- und Großvaterland

Mein Groß-Onkel konnte sich noch nach London absetzen und überlebte. Für meinen Opa reichte das Geld nicht mehr, um den Nazi-Schergen noch zu entkommen. 1939 wurden meine Oma und mein Vater aus der “Ostmark” in das “Altreich” ausgewiesen. Sie zogen nach Berlin. Mein Vater besuchte die 6. Volksschule in Berlin Mitte. Da er nach dem Rassegesetz ein Mischling I. Grades war (meine Oma war Protestantin), durfte er keine höhere Lehranstalt besuchen. Im November 1943 wurden Oma und Paps ausgebombt und zogen zu den Großeltern mütterlicherseits nach Eggersdorf. Hier wollte mein Vater eine Laufbahn als Maschinenbauer beginnen, durfte aber, da das Rassegesetz verbot, einen handwerklichen Beruf zu ergreifen, seine Lehrstelle in Müncheberg bei der Firma Paul Sellin nicht antreten.

Daraufhin wurde ihm eine Lehrstelle als Landwirtschaftslehrling beim Landwirt Kurt Ehlert in Grünberg/Neumark zugewiesen. Als im Januar 1945 dort die Russen einmarschierten, wurde mein Vater als Gefangener nach Landsberg gebracht, kam aber im Juli 1945 wieder zurück nach Berlin. Er arbeitete zunächst in einem Elektrowerk in Köpenick, bis er am 25. September 1945 einen Straßenbahn-Unfall erlitt. Die Folge davon war ein steifes Bein. Nach seiner Genesung und einem langen Aufenthalt in Schweden (daher meine “nordischen” Vornamen Gunnar Erik) bei Onkel Pelle (so nannte ich den Sohn der Gastfamilie) wurde mein Vater ab dem 22. April 1947 Fahrscheinausgeber bei der BVG. Hier gelang ihm später unter sehr großen Anstrengungen eine Karriere in der Verwaltung als Dienstzuteiler – bis zu seiner Pensionierung, die er nur ein knappes Jahr genießen konnte. Er starb nach einem Unfall im August 1990. Das ist mein “Vater- und Großvaterland”, werte Frau Schmidt.

Und ich sehe es als meine Aufgabe als Sohn und Enkel meines persönlichen “Vaterlandes” an, Blut- und Boden-Rhetorikern entgegenzutreten.

Die Ausgrenzungsideologen

Wer Individuen auf die Zugehörigkeit zu einer Gruppe reduziert, wer Menschen nur über die Einteilung in Kategorien beurteilt und über Namen selektiert, speist eine Ideologie der Abgrenzung und Ausgrenzung. Es geht um bequeme Denkhaltungen, um sich abzugrenzen und abzuschotten. Es geht um Sündenböcke, die man als Allzweckwaffe benutzt. Nur nichts zulassen, um das vorurteilsbeladene Weltbild zu erschüttern. Kritisches Denken ist anstrengend. Am Schluss stellt sich vielleicht heraus, dass ja doch alles ein wenig komplexer ist als man anfänglich dachte. Einzelne Bäume will Frau Schmidt vor lauter Wald gar nicht wahrnehmen. Darum geht es, wenn von der Nation, von Vaterland, Patriotismus oder der sogenannten nationalen Identität gesprochen wird. Es sind Feindbilder, die in einer bequemen Komfortzone kultiviert werden. Der französische Philosoph Michel Serres hat das sehr gut auf den Punkt gebracht. Es geht um die Verwechslung von Identität und Zugehörigkeit. Ich gehöre zur Gruppe der Volleyball-Vereinsspieler. Ich gehöre zur Gruppe, die sich mit Livestreaming beschäftigt. Organisieren. Ich gehöre zur Gruppe, die gerne Himbeer-Marmelade mag. Ich gehöre zur Gruppe, die in Berlin geboren wurde.

An dieser Aufzählung merkt man sehr schnell, wie wenig die Zugehörigkeit über meine Identität aussagt. Ich bin ich. Das ist es. Herkunft und Vaterland sind Chimären, die nichts, aber auch gar nichts über den einzelnen Menschen aussagen.


Image (adapted) „Passentzug“ by Metropolico.org (CC BY-SA 2.0)


 

Weiterlesen »

Zwischen Apps und QR-Codes – Bekenntnisse der Generation Online

Smartphones (adapted) (Image by Esther Vargas [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

“Passen Sie doch uff!” Oha. Ich habe neulich eine Autofahrerin verärgert. WhatsApp war wichtiger und so bin ich fast vor ein Auto gelaufen. Bin also nicht multitaskingfähig. Wohl eher smartphoneabhängig. Aber sind wir das nicht alle? Wieso machen wir es dann eigentlich nicht wie die Chinesen und bauen extra Fußwege für Menschen mit Smartphones? Wäre doch mal sinnvoll. Jetzt mal Spaß beiseite. Wir reden hier von einem ernsten Problem. Ja, ich gebe es zu: Ohne mein Handy fühle ich mich leer und einsam. Gäbe es eine Gruppentherapie für Smartphoneabhängige, ich glaube, ich würde dort mal vorbeischauen. Lasst es uns mal kurz visualisieren. Also. Ein karger, grauer Raum, in der Mitte ein Stuhlkreis. Am Eingang muss ich sämtliche technische Geräte abgeben. Dann muss ich mich vorstellen. “Ich heiße Ann-Kathrin und…ich bin smartphonesüchtig”. Kurz Stille. Dann: “Hi Ann-Kathrin”, murmeln die anderen Mitglieder. Neugierige Blicke treffen mich.

Unter der Leitung irgendeines Hippiepädagogen tanzen wir dann unsere Namen, spielen Brettspiele, gehen wandern und finden so Stück für Stück zu unserem normalen Leben zurück. Einem Leben ohne Smartphoneabhängigkeit. Solche Kurse soll es in den USA bereits geben. Beschäftigungstherapie quasi. Grusel. Dennoch: In Zeiten, in denen das Internet zum wichtigsten Informationsmedium geworden ist, WhatsApp die SMS fast vollständig ersetzt hat und uns von jeder Plakatwand QR-Codes angrinsen, erscheint uns das Leben von vor fünf Jahren irgendwie paradiesisch. Oder? Aber auch ruhig und friedlich. Da wird man glatt wehmütig. Nicht ständig erreichbar sein müssen. Nicht immer das Ding mit sich herumschleppen müssen. Ach, herrlich!

Wenn ich hier etwas definieren müsste, würde ich sagen, wir sind die Generation Online. Wir, das sind die 90er-Babies. Mit dem Internet aufgewachsen und dementsprechend verblödet. Keine Bücher mehr im Regal, dafür 100 Apps auf dem Handy.

Wobei ich noch Glück gehabt habe. Mitte der 90er geboren, hatte ich trotzdem das Privileg (okay, damals kam es mir wie eine Strafe vor), meine Kindheit ohne Handy und ohne Internetzugang verbringen zu dürfen. Meine Mama war der Meinung, das mache dumm. Und so langsam glaube ich, sie hatte Recht. Denn ohne mein Smartphone und meinen Laptop geht bei mir inzwischen so gut wie gar nichts mehr. Ich bin gefühlt 24 Stunden am Tag online und ich liebe es.

Ich liebe es, wie mein Handy viele Gegenstände überflüssig macht. Einen Fotoapparat zum Beispiel. Oder den Duden. Denn für beides habe ich ja eine App. Apropos App – ich habe gerade mal nachgezählt. Ich habe 73 Apps auf meinem Handy, etwa die Hälfte davon nutze ich regelmäßig. Allen voran der Facebook Messenger und Whatsapp. Ständig poppt irgendwas auf, blinkt oder vibriert. Irgendwie aufregend.

Schlimm ist es, wenn die Statusleiste ganz leer ist. Dann fühle ich mich auch leer. Leer und sehr, sehr einsam. Noch schlimmer: Es zeigt irgendwas Deprimierendes an. “Akku schwach”. Oder “10 Aufgaben überfällig” zum Beispiel.

 

Schon irgendwie komisch, dass ein relativ kleines Gerät so viel leisten und unsere Gewohnheiten so sehr verändern kann. Heutzutage tippen wir lieber auf unserem Handy herum, als uns mit unseren Freunden zu unterhalten. Immer häufiger sehe ich auch Pärchen zusammensitzen, jeder einzeln mit seinem Smartphone beschäftigt. DAS muss wahre Liebe sein.


Image (adapted) “Smartphones” by Esther Vargas (CC BY-SA 2.0)

 


 

 

Weiterlesen »

Die 68er-Generation in Politik und Wirtschaft

Hippies giving flower away (adapted) (Image by CasparGirl [CC BY 2.0] via Flickr)

Obwohl als „Alt-Hippies“ verrufen, bringen die 68er frischen Wind in die Führungsebenen. Aber auch sie stoßen an ihre Grenzen – wie das Beispiel Telekom zeigt. Die 68er-Bewegung war wohl weit mehr als eine Protestnote der revoltierenden Studenten gegen die Biedermeier-Atmosphäre der Adenauer-Ära. Liest man die jüngst herausgegebenen Autobiografien des Politik-Managers Peter Radunski und des früheren Telekom-Personalvorstandes Thomas Sattelberger, war diese Phase des universitären Daseins ein Trainee-Programm fürs Leben. Der Eine nutzte sie als „alternativer 68er“ für eine Karriere in der CDU, der Andere brachte es zu einflussreichen Posten in DAX-Konzernen.

Rudi Dutschke als Lehrmeister

Für den früheren CDU-Bundesgeschäftsführer Radunski galt der Studentenführer Rudi Dutschke als Vorbild, Lehrmeister und Motivator. Er habe dabei gelernt, Autoritäten nicht zu überschätzen, Politik mit und in den Institutionen zu machen, als Einzelner etwas bewegen zu können, politische Alternativen mit eigenen Gedanken zu entwickeln, Revolutionen als Reformen in kleiner Dosis zu verabreichen und Idealismus mit Pragmatismus zu verbinden, schreibt Radunski in seinem Buch „Aus der politischen Kulisse“ (Siebenhaar Verlag).

Zudem galt das Otto-Suhr-Institut an der FU Berlin als wichtiges Pflaster für die Bildung von Netzwerken, auf die man in späteren Konstellationen als Wahlkampf-Organisator für Helmut Kohl und Heiner Geißler sowie als Senator unter Eberhard Diepgen zurückgreifen konnte. Bei Thomas Sattelberger entwickelte sich der Marsch durch die Institutionen als „echter 68er“ in einer linken Studentenorganisation allerdings etwas untypisch für deutsche Verhältnisse.

Wirtschaftskarriere statt Ministerposten

Statt Studienrat, Parteisoldat oder Minister zu werden, wählte er die Laufbahn eines Managers und liegt damit eher beim Lebensentwurf der amerikanischen Hippies, die mit ihrem anarchischen Selbstverständnis die Bastionen des Kapitalismus stürmten und erfolgreiche Unternehmer im Silicon Valley wurden. Die Außerparlamentarische Opposition war für Sattelberger ein Territorium, auf dem er Grenzerfahrungen machen durfte. „Für mich waren diese APO-Jahre, insbesondere noch in der antiautoritären Phase, auch einzigartige Lehrjahre für Führen und Managen„, schreibt Sattelberger in seinem Opus „Ich halte nicht die Klappe„, erschienen im Murmann-Verlag.

Wieder tauchen Klugheitslehren auf, die man auch bei Radunski nachlesen kann: „Gelehrt haben mich diese Jahre, wie man Netzwerke aufbaut, wie man unabhängige Geister mit unterschiedlichem, spezifischem Interessenhintergrund unter einem gemeinsamen Dach versammelt und für Sinn vergemeinschaftet. Da habe ich Großprojekte zu managen gelernt.“ Etwa, wie man 15.000 Flugblätter von 60 Leuten an 30 verschiedenen Orten morgens um fünf Uhr zur Verteilung bringt. Auch so etwas erforderte saubere Planung, Logistik, Organisationstalent und Überzeugungskraft gegenüber Langschläfern.

Wie man sich in Kaderstrukturen durchsetzt

Er lernte, wie man sich in machtvollen Kaderstrukturen durchsetzt – was in der Wirtschaft an der Tagesordnung ist. Nur machtorientierte Menschen können Machtorganisationen ändern. Was es heißt, gegen das sektenhafte Mantra der Positionselite der Deutschland AG anzurennen, lernte er nicht erst als Personalvorstand der Telekom kennen. Aber das Thema Frauenquote für Funktionen im Top-Management, die er gemeinsam mit Telekom-Chef René Obermann auf den Weg brachte, erzeugte die üblichen Pawlowschen Reflexe der elitären männlichen Dirigenten in den Chefetagen der deutschen Konzerne.

Beide wurden zu Parias unter den DAX-30-Konzernen erklärt. „Ich habe selten erlebt, wie nachtragend die deutsche Wirtschaftselite sein kann. Bei Obermann hieß es zum Beispiel hinter vorgehaltener Hand, ihm habe wohl seine Frau, die TV-Moderatorin Maybrit Illner, die Leviten gelesen, damit er sich für die Frauenquote starkmache. Bei mir hieß es: Der will sich nur politisch in Szene setzen und bei den Fraktionsfrauen jeglicher Couleur punkten, um nach seiner Zeit als Manager politisch Karriere zu machen„, so Sattelberger.

Stahlgewitter beim Arbeitgeberverband

Den Tiefpunkt des Stahlgewitters der Macho-Chefs erlebte er bei der Jahresversammlung der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Hauptgeschäftsführer Reinhard Göhner hat ihn von der Bühne herab abgekanzelt. Es ging um die Frage, wie man mit anonymen Bewerbungen diskriminierungsfreie und chancengerechte Karrierewege ermöglicht. Ein Versuch, mehr nicht. Für Göhner reichte das, um Sattelberger vor den BDA-Mitgliedern bloßzustellen.

Ich saß ja im Publikum und konnte nicht öffentlich auf der Bühne Stellung beziehen.“ Ein in seiner Art einzigartiger Vorgang in der Geschichte des BDAs. Solche brüsken Zurückweisungen erntete sonst nur der „gewerkschaftliche Klassenfeind“. Das war der erste, aber nicht der einzige Versuch seiner verbandsöffentlichen Demontage. Bis heute habe sich das nicht geändert. Die Arme eines geschlossenen Systems sind lang und reichen weit. Normabweichler versucht man abzustrafen und zu verfolgen. Im Gefüge der Telekom konnte sich Sattelberge erfolgreicher durchsetzen.

Bolschewistische Starrheit durchbrechen

Etwa bei der Rekrutierung junger Menschen mit Migrationshintergrund. Er habe dafür Sorge getragen, dass signifikant mehr Mitarbeiter mit biografischen Brüchen eingestellt wurden. Darüber hinaus wurden mehr Kandidaten in die Organisation geholt, die nicht von ökonomischen, juristischen oder technischen Fakultäten kamen. Also Philosophen, Soziologen und Kulturwissenschaftler. Facharbeitern bot er mit dem Projekt Bologna@Telekom die berufsbegleitende Hochschulausbildung an.

Nach wie vor ist es in Deutschland so, dass Akademikerkinder mit einer bis zu siebenmal größeren Wahrscheinlichkeit studieren werden als Arbeiterkinder. Die Hochschulen bleiben ihnen als Berufstätige ebenso weitgehend verschlossen. Ein hochundurchlässiges System also.“ Als aktiver Ruheständler hat er sich der Aufgabe verschrieben, die geschlossenen Systeme der Deutschland AG aufzubrechen und zu transformieren. Der politische und zivilgesellschaftliche Druck auf Unternehmen müsse zunehmen.

Die Digitalisierung wirke dabei wie ein Transmissionsriemen. Die Internetökonomie mit Netzcommunities durchpflügen tradierte Geschäfte, Machtstrukturen und Prozesse. Es werde immer schwieriger, als verschworene Gemeinschaft zu agieren, sich von der Außenwelt abzuschotten und zu glauben, mit Versteckspielchen über die Runden zu kommen. Die Vielfalt einer Organisation müsse noch vielfältiger sein als die Umwelt, in der sie agiert. Wer auf den Wandel mit bolschewistischer Starrheit reagiert wie die Funktionäre des BDA, Dialoge auf eine Propagandamaschinerie reduziert, wer die Führungskultur weiter auf Stromlinienförmigkeit trimmt, Vielfalt nicht erträgt, sondern ausschwitzt, wird als Unternehmen keine gute Zukunft erleben.

Club der toten Dichter für unternehmerische Freidenker

Diesen Wandel wollte Sattelberger mit der „Telekom School of Transformation“ vorantreiben. Sie sollte hierarchielos sein, sie sollte offen sein für alle gesellschaftlichen Milieus auch außerhalb der Firma, sie sollte eingebunden sein in deren Trends und Dispute – auch nach dem Motto „Bürger entwickeln Telekom mit„. „Also Formate, bei denen Bürger aus ihrer Perspektive die Unternehmensentwicklung der Telekom mitdiskutieren.

So eine Art „Club der toten Dichter“, wie in dem gleichnamigen Film von Peter Weir: „Darin ermuntert der Lehrer John Keating – gespielt von Robin Williams – seine Schüler mit ungewöhnlichen Methoden zu freiem Denken und selbständigen Handeln.“ Ein soziales Laboratorium, um sich der Außenwelt zu öffnen. Leider haben die liebwertesten Gichtlinge der Telekom-Chefetage dieses Vorhaben vor wenigen Monaten beerdigt. Höttges und Co. lamentieren lieber über die Marktmacht von Google statt sich neuen Konzepten in der vernetzten Ökonomie zu widmen.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf The European.


Image (adapted) „Hippies giving flower away“ by CasparGirl (CC BY 2.0)


Weiterlesen »

Videokolumne vom 23. Februar 2014

Bildempfangsstörung (Bild Paulae [CC-BY-3.0], via Wikimedia Commons)

In der Videokolumne geht es heute um
einen besonnenen Professor, eine quirlige Großstadtclique und
brechende Gletscher. Am Ende fährt ein Hund Auto. // von

Hannes Richter

Kein Täter werden - Screenshot

Wie geht die Gesellschaft mit
Pädophilen um? Diese Frage wird wieder heiß diskutiert seit der
Fall Edathy die politische Szene durcheinander gewirbelt hat. Mit
dem Projekt Kein Täter werden hilft Professor
Dr. Dr. Klaus Beier Betroffenen dabei, ihrem Verlangen nicht
nachzugehen. In einem ungewöhnlich langen Interview erklärt er
seine schwierige Aufgabe. Der Klimawandel ist in vollem Gänge,
jedenfalls gewinnt man diesen Eindruck beim Betrachten des Videos
eines gigantischen Gletscherabbruchs. Und ob die Protagonisten des
quirligen Generationenporträts 3 Zimmer/
Küche/Bad
den Zerfall ihrer Freundschaft vor lauter
Ichbezogenheit noch aufhalten können, bleibt bis zum Schluss
spannend.

Weiterlesen »

Weiterlesen »

Die Generation Soz(us)agen

Die Generation Soz(us)agen

Eine ganze Generation tritt ab aus dem Mediengewese. Bald. Noch tritt sie hier und da auf in Gestalt von Peter Sloterdijk oder einem anderen selbst ernannten oder per öffentlichem Dekret bestellten Experten um die 60. Sie zeichnen sich aus durch ein hingemurmeltes „Sozagen“ was die Kurzform für sozusagen ist. Kein „Ähm“ und kein „Eigentlich“ geht ihnen über die Lippen, dafür eben ein tausendfaches Sozusagen. Ein Schelm, wer darin freudsches
Fehlverhalten sehen will, das amerikafeindlich ist. Das ist dann doch überschießende Deutung. Es geht um etwas Anderes.

Weiterlesen »

Weiterlesen »

Wir, die Netz-Kinder

Der Dichter Piotr Czerski beschreibt einmal was die Generation „Netz“ so auszeichnet und wie es um das Lebensgefühl dieser Personen, die es betrifft, bestellt ist. Der Text ist ein wirklich lesenswertes Schaubild und auch ich konnte es mir nicht verkneifen, diesen für euch, liebe Netzpiloten-Leser, noch einmal zu crossposten.


Wir, die Netz-Kinder

Es gibt wohl keinen anderen Begriff, der im medialen Diskurs ähnlich überstrapaziert worden ist, wie der Begriff “Generation”. Ich habe einmal versucht, die “Generationen” zu zählen, die in den vergangenen zehn Jahren ausgerufen worden sind, seit diesem berühmten Artikel über die sogenannte “Generation Nichts”. Ich glaube, es waren stolze zwölf. Eines hatten sie alle gemeinsam: Sie existierten nur auf dem Papier. In der Realität gab es diesen einzigartigen, greifbaren, unvergesslichen Impuls nicht, diese gemeinsame Erfahrung, durch die wir uns bleibend von allen vorangegangenen Generationen unterscheiden würden. Wir haben danach Ausschau gehalten, doch stattdessen kam der grundlegende Wandel unbemerkt, zusammen mit den Kabeln, mit denen das Kabelfernsehen das Land umspannte, der Verdrängung des Festnetzes durch das Mobiltelefon und vor allem mit dem allgemeinen Zugang zum Internet. Erst heute verstehen wir wirklich, wie viel sich in den vergangenen 15 Jahren verändert hat.

Wir, die Netz-Kinder; die mit dem Internet und im Internet aufgewachsen sind, wir sind eine Generation, welche die Kriterien für diesen Begriff gleichsam in einer Art Umkehrung erfüllt. Es gab in unserem Leben keinen Auslöser dafür, eher eine Metamorphose des Lebens selbst. Es ist kein gemeinsamer, begrenzter kultureller Kontext, der uns eint – sondern das Gefühl, diesen Kontext und seinen Rahmen frei definieren zu können.

Indem ich das so schreibe, ist mir bewusst, dass ich das Wort “wir” missbrauche. Denn unser “wir” ist veränderlich, unscharf, früher hätte man gesagt: vorläufig. Wenn ich “wir” sage, meine ich “viele von uns” oder “einige von uns”. Wenn ich sage “wir sind”, meine ich “es kommt vor, dass wir sind”. Ich sage nur deshalb “wir”, damit ich überhaupt über uns schreiben kann.

Weiterlesen »

Weiterlesen »

GENERATION TRASH

Es ist soweit. Wir bringen den Müll nicht mehr vor die Tür, wir holen ihn uns direkt ins Haus. Wir leben ihn, feiern ihn, kleiden uns darin ein. Eine ganze Generation huldigt dem Trash. Trash-TV, Trash-Musik, Trash-Literatur, Trash-Design, Trash-Talk, Trash-Fashion Party-Trash, Trash-Kultur.

Trash ist nicht Vintage, Used oder Second-Hand. Trash ist nicht Punk, Schlager oder Pop. Trash ist Trash.

Der Trash hat nicht nur als blaue, grüne und gelbe Tonne den Sprung in die Postmoderne geschafft. Er steht ebenfalls für ein geistloses, kulturelles Produkt, das sich in (un)gewollte, niveaulose Komik hüllt.

Sein Markenzeichen: hauptsache billig, absurd und ordinär. Und quasi über Nacht allgegenwärtig. Wir versinken im Trash.

Bei einer so extraordinären Präsenz stellt sich die Frage: Warum jetzt? Warum in dieser Intensität?
Weiterlesen »

Weiterlesen »