Die Generation Soz(us)agen

Die Generation Soz(us)agen

Eine ganze Generation tritt ab aus dem Mediengewese. Bald. Noch tritt sie hier und da auf in Gestalt von Peter Sloterdijk oder einem anderen selbst ernannten oder per öffentlichem Dekret bestellten Experten um die 60. Sie zeichnen sich aus durch ein hingemurmeltes „Sozagen“ was die Kurzform für sozusagen ist. Kein „Ähm“ und kein „Eigentlich“ geht ihnen über die Lippen, dafür eben ein tausendfaches Sozusagen. Ein Schelm, wer darin freudsches
Fehlverhalten sehen will, das amerikafeindlich ist. Das ist dann doch überschießende Deutung. Es geht um etwas Anderes.

Die Herren und sehr wenigen Damen (in dieser Generation denken zumeist nur die Herren öffentlich) verlassen das sinkende Schiff der Massenmedien. Zufällig aus Lüdenscheid wie „unser Lehrer Dr. Precht“ (FAZ) und andere vom Bildungsfernsehen angespülte Randexistenzen des universitären Elfenbeinturms bevölkern zunehmend den sterbenden Schwan der Sendeanstalten. Da müssen diejenigen weichen, die sozusagen murmelnd tiefe Weisheiten ins Volk exkrementieren wollen. Denn Dr. Precht und Konsorten wollen aufrütteln und verstören, wo die Generation Sozagen noch an System und andere holistische Ersatzreligionen appellieren wollte. Es wird Zeit für sie, das Packerl zu schnüren und sich auf zu machen – in andere Dimensionen.

Die Aufgabe, das Volk mithilfe der Kamera und ein paar rhetorischen Spielereien als Ersatzkirche jeden Sonntag an die vornehmste Nebentätigkeit namens Nachdenken zu erinnern, die ist vorbei. Heute trägt man mit Larmoyanz vor, dass es nichts zu retten gibt und man bestenfalls soweit außerhalb von allem stehen kann, dass man seine Hilflosigkeit als Weg der Achtsamkeit unter den Schutzschirm des Buddhismus stellt.

Denn neben den Schutzschirmen für die Banken haben heutzutage vor allem die Allesverachter Konjunktur. Sie kommen aus den ehemaligen Leitideologien wie dem Liberalismus, der Linken oder gar dem ländlichen Konservativismus. Sie vertreiben die Generation Sozagen mit ihrem verquasten Jargon in das Nirwana des Bildungsbürgertums und stellen sich stattdessen mitten in die Gesellschaft und verbreiten die banalsten Formen des Humanismus mit einer Prise Esoterik als Alltagsteflon. Damit imprägnieren sich all diejenigen, die schon vor Jahren in die innere Mongolei ausgewandert sind und das wahre Leben nur noch mit der oder dem geheimen – auch verheirateten – Liebhaber(in) gemeinsam ad absurdum führen wollen. Für die soziale Kamera liefert man jedes Jahr zwei Urlaube, eine Bio-Kiste, Musikunterricht für Kinder und einen Wintschunterschlupf für Igel hinter der Garage.

Das Lamentieren hat ein Ende. Jetzt wird pragmatisch an allem vorbei gelebt, was der abgehenden Generation noch heilig war, sozusagen. Denn es gibt nichts mehr zu sagen, weil der hedonistische Metrosexuelle der Generation X nach Douglas Coupland die Option Paralysis wählt: „Die Neigung, sich bei unbegrenzter Auswahl für nichts zu entscheiden.“

Unter dem Deckmantel der Verachtung und des Desinteresses für das große Ganze, werden alltägliche Heilungsriten für eine bessere Zukunft beschworen. Dabei sehnt man sich nach der guten alten Zeit als es noch keine Handys/SUVs/Essensskandale gab und vergisst dabei das Einzige, was zählt: Die Gegenwart, sozusagen.


Foto: hotblack


Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)


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5 comments

  1. @MaxIch kaufe ein t und tausche einen Punkt gegen ein Komma.

    @Lena Hä?

    @Alle
    Finde den Artikel jetzt nur für diejenigen lustig, die Bildungsfernsehen sehen, also anspruchsvolle Talkshows und Philosophisches Quartett und so. Der Rest wird nur Bahnhof verstehen…

  2. Ich frage mich eigentlich nur, was das mit „Gedanken zu Netz-Themen und dem digitalen Wandel von Jörg Wittkewitz“ zu tun hat?!

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