Rocket Beans: Mission Luna – Sowjetische Mondlandung als Rollenspiel

Am 21. Juli feierte die Mondlandung der Apollo 11 Mission ihr 50. Jubiläum. Grund für Rocket Beans TV, das Ereignis mit ihrer beliebten #SpitzeStifte-Reihe aufzugreifen. In Zusammenarbeit mit funk, einem Online-Angebot von ARD und ZDF sowie den Kirchen, schickte Spielleiter Hauke Gerdes seine Spieler auf ein Abenteuer zum Mond. Die Runde spielte aber nicht die Mondlandung der Apollo 11 nach, sondern den fiktionalen Versuch der Sowjetunion, den Amerikanern zuvorzukommen. Bei der Mission Luna handelt es sich zudem um eine Geheimoperation, um im Falle eines Fehlschlags noch immer das Gesicht wahren zu können.

Zwischenzeitlich 15.000 Zuschauer verfolgten die Raummission und konnten sogar selbst aktiv ins Geschehen eingreifen. Ein Abenteuer zwischen Regimetreue und persönlichen Motivationen. Natürlich stellten sich dabei auch zahlreiche Probleme, welche die Crew gemeinsam meistern musste.

Pen & Paper als Liveformat

Bei Mission Luna handelt es sich um ein Pen & Paper Rollenspiel. Jeder Spieler der Runde schlüpft in die Rolle eines zuvor erstellten Charakters, der über einen eigenen Hintergrund und individuelle Fähigkeiten verfügt. Alle Nichtspielerfiguren und überhaupt die Welt drumherum wird vom Spielleiter verkörpert, der quasi den roten Faden der Geschichte für die Spieler auslegt. Was sie mit dem Faden anstellen, ist wieder eine andere Sache. Hauke Gerdes verwendet für seine Rollenspiel-Runden ein eigens entwickeltes Regelwerk, das im Vergleich zu „klassischen“ Vertretern des Genres recht simpel aufgebaut ist, sich aber genau deswegen gut für Live-Formate eignet. Sowohl Zuschauer als auch Spieler verstehen schnell, wie es funktioniert und etwaige Proben auf Fähigkeiten sind schnell gewürfelt.

Die Crew der Mission Luna

Die illustre Spielrunde bestand aus Bohne und #spitzestifte-Veteran Nils Bomhoff, Ex-Bohne Gunnar Krupp (STRG_F), Reporterin und Moderatorin Eva Schulz (Deutschland3000 Podcast) und dem katholischen Priester Hanno „Kirchendude“ Rother. Die beiden letztgenannten nahmen bereits an anderen funk-Kooperationen teil.

Gunnar spielte Alexej Jerkov, genannt Joschka, einen Kampfpiloten und Astrophysik-Studenten. Bereits vor dem Start bekleckerte er sich beim letzten Eignungstest nicht mit Ruhm, sah dabei aber richtig cool aus. Hanno spielte den Ingenieur für Raketentriebwerke Piotr Georgiwic Kalumnanov. Eva begleitete die Mission als mathematik-begabte Näherin Ljuba Vasilievna, ein sowjetisches Propagandaprojekt. Mit ihr will die Union beweisen, dass selbst einfache Arbeiterinnen in der Union erfolgreiche Kosmonauten abgeben. Nils verkörpert Gnadi Spatakovic Slistovka, Spross einer Heldenfamilie in dritter Generation. Nach dem Tod seines Bruders ruhen alle Erwartungen auf ihm, der aber eigentlich weitaus weniger talentiert ist. Für ihn gilt es, auf der Mission seine Unzulänglichkeiten geschickt zu umschiffen.

Der Zuschauer als Teil der Mission Luna

Rocket Beans-Formate sind bekannt dafür, den Zuschauer gelegentlich an der Sendung teilnehmen zu lassen. Für die Mission Luna wurde sich aber etwas ganz Besonderes ausgedacht. Ohne dass die Spieler davon wussten, konnten die Zuschauer als „Bodencrew“ mitwirken. Immer wieder gab es Einblendungen für Abstimmungen, die darüber entschieden, was die Bodenstation mitteilen sollte. Der Clou: farbliche Markierungen zeigten, wie regimekonform die Antwort ist. Entschied man sich für die grüne Antwort, war alles in Ordnung, nahm man gelb, orange oder gar rot, erlangte man das Misstrauen des Regimes und künftige Abstimmungen gegen die grüne Antwort wurden erschwert.

So waren die Zuschauer anfangs noch sehr regimetreu, um sich nicht gleich Nachteile einzuhandeln. Soll die Bodencrew am Start mitteilen, dass die Treibstoffanzeige nicht ganz korrekt funktioniert? Aber nicht doch, das wird die Crew doch sicherlich selbst bemerken. Ohne zu viel verraten zu wollen: Der Crew ist es nicht sofort aufgefallen.

Großartige Kulisse, asynchrones Bild

Ein großes Lob an der Mission Luna geht an die Requisite. Diese hat sich mal wieder selbst übertroffen und ein richtig stimmiges Set für die Mondmission errichtet. Dafür sorgte auch die Location selbst. Das Abenteuer fand nämlich in der alten Schaltwarte Leipzig statt. Der ohnehin schon sehr historisch-industrielle Look wurde zusätzlich noch mit passenden Monitoren, Schreibtischen und Lampen ergänzt und machte damit richtig was her.

Da war es schade, dass der Stream bei vielen Nutzern etwas asynchron daherkam. Im mittlerweile verfügbaren Video ist das jedoch kein Problem mehr – nachträgliches schauen der Mission Luna lohnt sich also auch.

Gelegentlich ergänzten kleine Animationen der einzelnen Stufen der Rakete das Rollenspiel. Auch einige Effekte sorgten für Atmosphäre, als zum Beispiel plötzlich ein Alarm mit roter Notbeleuchtung erklang. 

Das Problem mit Sprache und Werten

Bereits im Vorfeld stellte Spielleiter Hauke klar, dass man im Zuge des Spielspaßes zwar versucht, alles möglichst realistisch zu halten, es aber auch nicht überall so ganz genau nimmt. Das machte auch in Hinblick darauf, dass die Spieler selbst das Hintergrundwissen nicht haben können, mehr als Sinn. Angenehm war, dass man bewusst auf russischen Akzent verzichtete. Da die Charaktere alle in ihrer Muttersprache reden, wäre ein Akzent fehl am Platz gewesen und wäre auf die lange Dauer der Sendung auch anstrengend geworden.

Etwas mehr Einfühlungsvermögen für das Setting hätte ich mir dennoch hier und da gewünscht. Obwohl die Rolle der Frau in der Sowjetunion zugegeben in vielen Bereichen enorm fortgeschritten war, gab es mir zu viele emanzipatorische Gespräche, wie sie aus den aktuellen #MeToo-Debatten hätten stammen können. Auch mit der Regimetreue tat sich die Gruppe schwer, gerade wenn man bedenkt, dass die Bodenbasis fast ständig zuhörte. Ebenso nahmen die Anglizismen gelegentlich überhand, auch wenn man bei einem Charakter recht bald den Verdacht hatte, dass die nicht völlig grundlos gewählt waren. Am besten fand sich Rollenspiel-Veteran Nils in die Rolle ein und stellte das Wohl seiner stolzen Nation auch mal über den persönlichen Ruhm.

Relativierend muss ich aber auch zugestehen, dass ich selbst beim Pen & Paper Rollenspiel auch dazu neige, eher freier denkende Charaktere zu spielen und Konzepte, die strenges Befolgen von Regeln beinhalten, nur selten anrühre. Die persönlichen Ambitionen der Charaktere gaben zudem mehr Möglichkeit, mit ihnen mitzufühlen, als wären sie nur sture Marionetten.

Nur eine Sache war unverzeihlich: Dass „Sittje“, der Wellensittich, sträflich vernachlässigt wurde. Dabei gab es im Vorfeld der Sendung bereits zahlreiche amüsante Bilder zum Space-Sittich im Raumanzug. Andererseits hätte es das Spiel auch zu stark auf eine Comedy-Schiene bringen können.

War die Mission Luna ein Erfolg?

Ob die fünfköpfige Crew (den Sittich eingerechnet) mit ihrer Mission erfolgreich war, verrate ich an dieser Stelle nicht. Das dürft ihr euch am besten selbst anschauen. Das Konzept selbst war für mich allerdings ein Erfolg. Natürlich war nicht alles historisch akkurat ausgearbeitet, aber das muss es bei einem Unterhaltungsformat auch nicht. Mission Luna war trotz seiner langen Laufzeit eine kurzweilige Sendung und konnte dem Zuschauer ein Stück weit sogar einen Eindruck von den Herausforderungen einer Mondmission geben. Außerdem zogen sowohl die Entscheidungen der Zuschauer als auch die der Spieler Konsequenzen mit sich – manche direkt, andere erst später.

Die funk-Kooperationen befassten sich nun bereits mit dem schwarzen Tod, dem Krieg und Frieden Anno 1648 und nun eben auch der Mondlandung. Ich bin gespannt, welche historischen Ereignisse noch in Form eines Rollenspiels unterhaltsam aufgearbeitet werden. Mitunter könnte auch das geteilte Deutschland oder ein Katastrophendrama wie Pompeji Ausgangspunkt für ein spannendes Rollenspiel bieten. Rollenspiel muss eben nicht immer Zwerge, Elfen und Orks bedeuten.


Image by Alex White via stock.adobe.com

Stefan Reismann

Das Internet ist sein Zuhause, die Gaming-Welt sein Wohnzimmer. Der Multifunktions-Nerd machte eine Ausbildung zum Programmierer, entdeckte dann aber vor allem die inhaltliche Seite für sich. Nun schreibt er für die Netzpiloten und betreibt nebenher einen Let's Play-Kanal, auf dem reichlich gedaddelt wird.


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