Flummi Open: Rocket Beans TV erweckt den Geist alter Raab-Events wieder

Vergangenen Samstag war es so weit: Der Streaming-Sender Rocket Beans TV ließ die Flummis springen. Die Flummi Open wurde als Live-Event ausgestrahlt und unterhielt neben den gut 100 Zuschauern vor Ort auch bis zu 20.000 Zuschauer an den heimischen Geräten. Beim von Ninja Warrior-Kommentator Jan Köppen und AI-Enthusiast Lukas Gehner erdachten Sportspektakel, traten zwölf Teams in mehreren Disziplinen an, bei denen natürlich immer der namensgebende Ball im Vordergrund stand.

Hier geht es übrigens zum YouTube-Video des vierstündigen Events.

Dort, wo den Fernsehsendern der Mut verlässt

Bevor Fragen aufkommen: Ich selbst bewege mich zwar gerne auf YouTube und Amazon Prime, sehe das lineare Fernsehen aber keinesfalls als Überflüssig an. Programm zu festen Zeiten baut eine ganz andere Vorfreude auf und große Showformate finden bislang auch vorwiegend in den klassischen Medien statt. Doch die Samstagabend-Show hat ein großes Problem: Es fehlt ihr an Mut. Es sind die immer gleichen Prominenten, die in den immer gleichen Spiel- und Quizformaten gegeneinander antreten. Lediglich die Yoko & Klass-Formate „Duell um die Welt“ oder „Die beste Show der Welt“ setzen kreative Impulse, leiden aber trotzdem unter immer mehr gescripteter Herbeiführung der Momente, die diese Shows groß gemacht haben.

Die Flummi Open von Rocket Beans TV bringt frischen Wind in die Showlandschaft. Dabei wird das Rad nicht wirklich neu erfunden. 24 Teilnehmer in zwölf Teams, die in einer unterhaltsamen Sportart gegeneinander antreten. Das kennen wir von den Spaßveranstaltungen des Stefan Raab. Es ist das gleiche Grundprinzip, wie wir es von der Wok-WM oder der Stock Car Crash Challenge kennen.

Die Ausführung des Konzepts ist es, die den Unterschied macht. Obwohl ich sonst bei vielen Shows keine Einspieler mehr sehen kann, gehören sie bei der Flummi Open zu den klaren Highlights. Man merkt einfach, dass die Teams selbst für ihre Vorstellung verantwortlich waren. Auch Moderation, Kommentar und Interviews funktionieren deutlich besser. Kaum ein schlechtes Wortspiel wurde ausgelassen und schlagfertige Erwiderungen hagelt es auf beiden Seiten des Mikrofons. Das funktioniert, weil man sich nicht krampfhaft an eine Vorlage hält und die großen Momente nicht künstlich inszeniert werden – sie geschehen einfach.

Viel Raum zur Verbesserung

Bei aller Euphorie möchte ich trotzdem nicht die Schwächen der Sendung ignorieren. Die „erste liebe studios“ im Hamburger Oberhafenquartier waren schlecht ausgeleuchtet und die leider ebenfalls eher dunklen Flummis damit oft schlecht zu erkennen. Hier hätte man das schwache Licht mit floreszierenden Flummis sogar gewinnbringend nutzen können.

Außerdem fehlte während der punktebasierenden Geschicklichkeitsspiele ein Counter, der den aktuellen Stand anzeigt. Ich muss allerdings zugeben, dass es eine gewisse Spannung erzeugt, wenn man als Zuschauer auch erst nach dem Spiel erfährt, wer überhaupt gewonnen hat.

Die Spiele selbst waren ebenfalls nicht alle gut durchdacht. Die lange Erklärung welcher Spieler wann seine Position wohin wechselt, verwirrte zuerst sowohl Teilnehmer, als auch Zuschauer. Das Spiel, bei dem die Spieler Lichtschalter anwerfen mussten, war hingegen schnell erklärt, aber ein wenig zu anspruchsvoll in der Ausführung.

Allerdings muss man hier auch sehen, dass die Rocket Beans nur ganz selten derart große Live-Veranstaltungen produzieren und das Budget nicht mit dem der großen Fernsehsender zu vergleichen ist. Was die Requisiteure hier neben ihren gewohnten Tätigkeiten geleistet haben, ist schon beeindruckend und hat sicherlich auch einige Überstunden bedeutet.

Zerrissene Anzüge, Handwärmer und Taktiererei

Bei der Flummi Open merkte man, wie sehr solche Shows auch von den Teilnehmern abhängen. Und da war einfach alles vertreten, was eine solche Show braucht. Die Schöpfer Jan Köppen und Lukas Gehner gaben sich humorvoll-professionell, indem sie ihre Spielhand außerhalb des Einsatzes immer mit einem auffälligen Ofenhandschuh warm hielten. Andere Teams waren hingegen Stimmungskanonen oder wahre Taktikfüchse. Team Tantra ließ ihre Grafik-Expertise beispielsweise in einen sehr einprägsamen Einspieler fließen, der den Teamnamen nachdrücklich ins Gedächtnis prägte. Da das Teilnehmerfeld aus den bekannten Bohnen und engen Freunden bestand, hatten die Zuschauer ohnehin einen starken Bezug zu den Flummisportlern.

Die bunten Trainingsanzüge hielten indes nicht den harten Belastungen des Events stand. Bohne Etienne Gardé hatte bereits beim ersten Spiel eine unfreiwillige Lüftung am Gesäß und auch sein Teamkollege, YouTuber und MMA-Kämpfer Flying Uwe, ließ den Anzug immer mehr aus seinen Nähten platzen. Statt sich zu ärgern wurde der Umstand lieber als Aufhänger für neckende Bemerkungen genutzt.

Auch die Community tat ihr übriges dazu. Es ist nicht unüblich große Shows live auf Twitter zu kommentieren. Da Rocket Beans TV über YouTube läuft, hat man als Zuschauer aber auch noch den Livechat, der zusätzliche Unterhaltung bringt – und sogar einmal zur Rate gezogen wurde, als Moderation und Regie den Überblick verloren hat, wie viele Versuche den Teilnehmern noch blieben.

Flummi Open 2020?

Wenn es nach mir ginge, könnte es die Flummi Open gerne in einem weiteren Jahr geben. Es gab bei der Premiere zwar einige Ungereimtheiten, die sich aber für eine Neuauflage relativ einfach beheben ließen. Es war nicht die große Innovation, aber dennoch eine angenehme Abwechslung. Durchweg gelungene Moderation, fern der glattgezogenen Fernsehschule, durchweg unterhaltsame Kandidaten, und keine Werbung mitten in einem Spiel, wie man es zuletzt beispielsweise von Schlag den Star kannte. Außerdem sah ich endlich mal wieder Kandidatenvorstellungen, die einfach lustig waren.

Es wehte ein wenig der Geist der alten Raab-Shows durch die Sendung. 24 Personen, größtenteils Ü30, werden mit einem springenden Ball wieder zu kleinen Kindern. Obwohl ich es anfangs schade fand, dass Spruch-Kanone Jan Köppen als Teilnehmer und nicht als Kommentator an den Start ging, standen ihm Moderation und Kommentar der Sendung in nichts nach.

Auch abseits der Flummi Open darf Rocket Beans TV gerne weitere Liveshows durchführen. Schon letztes Jahr konnte das „Battle of the Beans“ zum dreijährigen Senderjubiläum ähnlich überzeugen. Damals traten die vier Bohnen Etienne, Budi, Simon und Nils in einer Art Live-Version ihres Gaming-Formats Royal Beef gegeneinander an. Da kann sich so mancher Fernsehsender noch eine große Scheibe von abschneiden. 


Image by GioRez via stock.adobe.com

Stefan Reismann

Das Internet ist sein Zuhause, die Gaming-Welt sein Wohnzimmer. Der Multifunktions-Nerd machte eine Ausbildung zum Programmierer, entdeckte dann aber vor allem die inhaltliche Seite für sich. Nun schreibt er für die Netzpiloten und betreibt nebenher einen Let's Play-Kanal, auf dem reichlich gedaddelt wird.


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