PlayStation Vita – Das ungeliebte Kind

Wer von Handhelds hört, muss unweigerlich zuerst an Nintendo denken. Seit dem ersten Game Boy ist der japanische Hersteller der Inbegriff transportabler Spielfreude. Während zu Anfangszeiten des Handhelds das Sega Game Gear und der Atari Lynx noch halbwegs Paroli bieten konnten, gab es danach niemanden, der Nintendo auch nur ansatzweise hat gefährlich werden können.

Bis 2004 Konsolen-Dauer-Rivale Sony mit ihrer PlayStation Portable um die Ecke kam. Zu der Zeit brannte schon der „Console War“, also der Fan-Krieg darüber, welche Konsole die bessere ist. Mit der PlayStation Portable gab es endlich auch einen Wettstreit auf dem Handheld-Markt. Und Sony schlug sich dabei äußerst gut.

Während Nintendo mit dem Nintendo DS kreative Wege ging, setzte Sony mehr auf Leistung und Multimedia. Mit ihr konnte man nicht nur spielen, sondern auch Fotos und Filme betrachten, Musik hören und im Internet surfen. 81 Millionen Einheiten konnte Sony von seinem Erstling absetzen. Das reicht zwar nicht an die 154 Millionen Einheiten des Nintendo DS ran, aber dieser gilt bis heute auch als die am zweitmeisten verkaufte Konsole der Welt.

Dann kam die PlayStation Vita

Der Erfolg der PlayStation Portable sorgte natürlich dafür, dass Sony mit einem Nachfolgemodell daran anknüpfen wollte. Dezember 2011 erschien die Playstation Vita in Japan, im Februar folgte der Stapellauf in Europa und den USA. Sony entwickelte die PlayStation Vita von Grund auf neu und forcierte den Multimedia-Aspekt abermals. Es gab eine Variante mit Wifi-Modul und eine weitere, die zudem auch über den Mobilfunkstandard 3G verfügte. Damit setzte sich Sony nicht nur in Konkurrenz mit Nintendo, sondern auch mit dem damals boomenden Smartphone- und Tablet-Markt. Es gab sogar bereits ein Remote Play Feature, mit dem sich Spiele von der PlayStation auf die PlayStation Vita streamen ließen. Durch die leichte Verzögerung lohnte das Remote Play aber nur für Titel, in denen keine schnellen Reaktionen gefragt waren.

Die Wiederholung des Erfolges scheiterte. Statt der geplanten 10 Millionen Geräte bis März 2013, setzte Sony lediglich 4,5 Millionen Geräte ab. März 2019 gab Sony bekannt, Auslieferung und Produktion der PS Vita eingestellt zu haben. Zu diesem Zeitpunkt waren die PS Vita-Abteilungen in Geschäften bereits seit langem gähnend leer oder im Regelfall gar nicht mehr existent.

Zu früh den Kopf in den Sand gesteckt

Es ist ein Jammer. Die Playstation Vita war ein so schönes Stück Hardware, dass sich genug von Nintendo abgrenzte, um seine eigene Daseinsberechtigung zu haben. Kein zweiter Bildschirm, kein großes Getouche, dafür aber mehr Multimedia und eine im Vergleich zum Konkurrenten beeindruckende Grafikleistung. Die Vita brillierte also auch mobil genau dort, wo Sony auch mit den stationären Konsolen die Nase vorn hat.

Ich sehe das Problem der Vita darin, dass Sony nicht konsequent genug versucht hat, sein Sorgenkind wieder auf die rechte Bahn zu bekommen. Bereits auf der E3 2013 vernachlässigte man den kleinen Bruder richtiggehend. Dabei hätte Sony selbst viel bewirken können. Ohne wirkliche Systemseller gab es für viele einfach nicht den ausschlaggebenden Grund, sich die Playstation Vita zu holen. Da hat Nintendo mit zahlreichen Eigenentwicklungen für seine Handhelds deutlich bessere Arbeit geleistet. Und wirklich katastrophal waren die Absatzzahlen auch nicht – sogar noch ein Stück weit vor denen von Nintendos ebenfalls missglückter Wii U, die aber trotzdem besser gepflegt wurde.

Ein bisschen mehr Kante und man hätte sich gut vom Smartphone-Markt abgrenzen können. Sony spricht seit jeher eher den Coregamer an, der mit dem Spielprinzip der meisten Mobile Games herzlich wenig anfangen kann. Zwar genießt der Coregamer seine Spiele auch vorzugsweise lieber stationär, aber dass es eine genügend große Nische gibt, zeigte allein schon der Erfolg der Playstation Portable.

Tolle Spiele für die PlayStation Vita – meist jedoch nur aufgewärmt

Auch wenn Sony es nicht getan hat – ICH liebe meine Vita und habe dafür etliche tolle Spiele. Schade dass es sich dabei vorzugsweise um Ports von Spielen für Playstation 3 und 4 handelt. Aber gerade als Freund japanischer Rollenspiele, habe ich einige echte Bretter wie Persona 4 oder Final Fantasy 10 mobil spielen dürfen. Auch die Trails of Cold Steel-Reihe und die verrückten Tactic-Spiele der Disgaea-Reihe habe ich mit Freude auf meiner Vita gezockt.

JRPGs eignen sich einfach hervorragend, um sie auf dem täglichen Weg zur Arbeit zu spielen. Selbst wenn man gerade keinen Speicherpunkt in Reichweite hat, tut’s dann der Stand-By-Modus – klarer Vorteil gegenüber der stationären Konsole, wo eine Spielsession stets am Speicherpunkt endet. Zieht man Pokémon ab, habe ich mit Sicherheit mehr Zeit mit der Vita verbracht, als mit DS und 3DS zusammen. Und das, obwohl es sich fast ausschließlich um Ports handelte.

Hätte, hätte – Ende der Kette

Ich wünschte mir wirklich, Sony hätte etwas mehr Biss bewiesen, als es darum ging, die Playstation Vita auf den richtigen Kurs zu bringen. Die Hardware war da und der Zielgruppe hätte man sich ebenfalls bewusst sein können.

Ja, Nintendo brachte 3D auf den Bildschirm und einige Entwickler orientierten sich tatsächlich mehr in Richtung Smartphone. Trotzdem zeigt gerade Nintendo mit den Verkaufszahlen seiner 3DS und 2DS, welches Marktpotential Handhelds zu dem Zeitpunkt trotzdem noch besaßen. Eine neue Version hätte auch noch Schwächen anpacken können, die oft bemängelt worden. Ein lichtunempfindlicheres Display oder SD-Karten statt des teuren eigenen Formats für Speicherkarten hätten schon viel ausmachen können.

Mir kam diese Aufgabe viel zu früh. Auf der anderen Seite hielt Sony seinen Komapatienten aber überraschend lange noch am Leben. Auch wenn man Spiele irgendwann kaum mehr physisch erstehen konnte, gab es ab und an doch noch neue Titel und die Vita wurde sogar weiterhin produziert.

Sony-Comeback auf dem Handheld-Markt?

Gibt es noch Hoffnung auf ein Comeback der Sony Handhelds? Das ist vorerst unwahrscheinlich. Vergangenes Jahr erklärte Senior Vice President Hiroyuki Oda gegenüber dem japanischen Magazin Famitsu, dass es aktuell keine Pläne für einen neuen Handheld gebe.

Einfacher wird der Handheld-Markt nun ohnehin nicht, da unter anderem Streaming-Dienste wie Google Stadia in den Startlöchern stehen. Mit ihnen kommen auch Spiele für den Coregamer auf quasi jedes beliebige Gerät. Sämtliche Berechnungen finden dann in der Cloud statt.

Doch so interessant ein Dienst ist, der jedes Gerät zur Daddelkiste macht: Es ist doch was anderes, einen Handheld zu besitzen, dessen Ergonomie fürs Spielen ausgelegt ist und dessen Spiele wiederum für die Bedienung des Handhelds ausgelegt ist. Außerdem ist der Mobilfunkausbau in Deutschland mangelhaft und spätestens in der U-Bahn bekommt man auch innerhalb großer Städte trotzdem Probleme mit der Übertragungsrate.

Leider wird Sony wohl kaum noch einen Versuch unternehmen und das Feld Nintendo und dem Streaming überlassen. Es ist wirklich schade, denn trotz Nintendo Switch wird die PlayStation Vita trotzdem immer mal wieder rausgeholt. 

Da die Vita nicht mehr hergestellt wird, empfehlen wir stattdessen die Nintendo Switch (Provisionslink)


Image by Aleks Dorohovic via Unsplash

Stefan Reismann

Das Internet ist sein Zuhause, die Gaming-Welt sein Wohnzimmer. Der Multifunktions-Nerd machte eine Ausbildung zum Programmierer, entdeckte dann aber vor allem die inhaltliche Seite für sich. Nun schreibt er für die Netzpiloten und betreibt nebenher einen Let's Play-Kanal, auf dem reichlich gedaddelt wird.


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