Oculus Quest im Test – Was kann die Standalone-VR-Brille?

Facebook hat vor sechs Jahren Oculus gekauft, Apple und Facebook investieren verstärkt in Augmented- und Virtual Reality-Technologien – Auch HTC, Valve und sogar Sony haben eigene VR-Brillen auf dem Markt, die es Nutzern ermöglichen sollen, in die Virtuelle Realität einzutauchen. Das Manko dabei: Die meisten dieser Brillen benötigen leistungsstarke und dadurch sehr teure Peripheriegeräte. Trotz eher schleppender Verkaufszahlen bei Oculus, HTC und Valve lässt sich ablesen, dass AR- und VR-Technologien im Kommen sind. Geräte wie die Oculus Quest sind dabei gerade für „Normal-Anwender“ attraktiv. Sie liefern ein Standalone-VR-Erlebnis, das einen teuren PC oder den Besitz einer Playstation überflüssig macht. So bietet die Oculus Quest für den Preis von rund 500 Euro ein komplettes VR-Erlebnis und schafft es dabei durchaus, an das Spielgefühl ihres großen Bruders, der Oculus Rift S, heranzukommen. In unserem Test zur Oculus Quest verraten wir, was die VR-Brille drauf hat und ob sich die Investition für VR-Fans lohnt.

Optik und Design

Die Oculus Quest sieht aus wie ein weiteres, ganz normales VR-Headset. Vor unseren Augen haben wir einen schwarzen Kasten, der mit einer Kopfhalterung an unserem Kopf befestigt ist. Die Front des Headsets hebt sich durch ein schwarzes Plastikteil hervor. An ihr befinden sich vier Kameras, die für das Inside-Out-Tracking verantwortlich sind. An den Seiten des Plastikteils befinden sich außerdem ein USB-C Anschluss, über den die Brille mit dem PC verbunden oder aufgeladen wird sowie der Ein- und Ausschalter.

Im inneren der Brille sind die beiden Linsen angebracht, durch die wir das Bild des Displays zu sehen bekommen. Diese lassen sich über einen Regler an der Unterseite weiter zusammen oder auseinander schieben, um so die Sicht optimal einzustellen. Während ich die Oculus Quest im Test hatte, ist mir aufgefallen, dass der Sweet Spot, also der Bereich, in dem wir das Bild scharf sehen, ist dabei aber relativ klein ist. Zusätzlich befinden sich an der Unterseite der Quest die Volume-Buttons, mit denen wir die Lautstärke verändern können.

Sitz und Tragekomfort

Das Gehäuse der Oculus Quest ist bis auf die Front mit dunkelgrauem Stoff überzogen, was dem Gerät ein wertiges und angenehmes Gefühl verleiht. Die Brille liegt mit einem Schaumstoffpolster auf dem Gesicht auf und kann über verschiedene Gurte an den Seiten und oben auf dem Kopf an die Kopfform angepasst werden. Die Polsterung ist allerdings mit Stoff überzogen, der eine sehr raue Struktur aufweist. Zum einen lassen sich die Polster somit nicht gut abwischen und zum anderen scheuerte dieser in unserem Test zur Oculus Quest bei längerem Tragen etwas. Ein wirkliches Manko der Brille ist jedoch, dass sie teilweise durch den eigenen Atem beschlägt. So hatte ich trotz des richtigen Sitzes immer wieder das Problem, dass eine der beiden Linsen beschlagen ist. Hier musste ich dann dazu übergehen, ausschließlich durch den Mund zu atmen. 

Die Hitzeentwicklung unter der Brille macht sich zwar durchaus bemerkbar, ist aber nicht deutlich stärker als bei anderen Headsets. Zumal sich hier die sämtliche Technik zum Ausführen der Anwendungen im Headset befindet. Auch saß die Oculus Quest im Test durchaus angenehm auf dem Gesicht. Wie jedoch bei vielen VR-Brillen kann das Tragen auf Dauer etwas unangenehm werden.

So benutzte sich die Oculus Quest im Test

In Sachen Benutzbarkeit hat die Oculus Quest den entscheidenden Vorteil, dass hier auf ein Kabel verzichtet werden kann. So können wir uns munter um die eigene Achse drehen, ohne dabei Gefahr zu laufen, uns in dem Kabel zu verheddern, dass die VR-Brille mit unserem PC verbindet. Ansonsten fiel bei der Benutzung der Oculus Quest im Test auf, dass viele Anwendungen optisch deutlich weniger ansprechend wirken, als auf der Rift S zum Beispiel. Das ist natürlich der Tatsache geschuldet, dass sich die Quest nur auf die Hardware verlassen kann, die sich in ihrem Inneren befindet.

Auch die etwas niedrigere Bildwiederholungsrate des Displays wirkt sich mit 72 Hz etwas unangenehm aus. Zwar hatte ich auch bei der Oculus Rift S mit Motion Sickness zu kämpfen, allerdings wirkte die Oculus Quest im Test dafür etwas anfälliger auf mich. Eine wirkliche Wucht sind allerdings die Oculus Touch Controller, die ebenso mit der Rift S benutzt werden. Die Buttons sind sehr filigran und erlauben sehr präzise Eingaben. Zudem funktioniert das Tracking der Finger sehr gut und im Test immer zuverlässig. Bei der Oculus Quest, wie auch bei der Rift S, können wir hier den Daumen, den Zeigefinger und die hinteren drei Finger separat voneinander bewegen.

Aufnahme der Oculus Touchcontroller / Image by Moritz Stoll
Die Touchcontroller von Oculus machen wirklich Spaß! / Image by Moritz Stoll

Das Tracking

Das Besondere an der Oculus Quest ist die Tatsache, dass das mobile VR-Head-Mounted-Display sogenanntes Roomscale VR erlaubt. Das bedeutet, nicht bloß unsere Kopfbewegung wird von der Brille getrackt, sondern ebenso unsere Position innerhalb des Raumes.

Sowohl das Umgebungs-, als auch das Controllertracking übernehmen die vier Kameras, die an der Vorderseite des Headsets angebracht sind. Dieses Inside-Out-Tracking kam bereits bei der Rift S zum Einsatz und funktionierte bereits dort sehr zuverlässig. Allerdings haben die externen Sensoren der HTC Vive in Sachen Präzision und Zuverlässigkeit noch die Nase vorne. Sie benötigen jedoch mehr Platz und sind im Alltag etwas unhandlicher.

Zudem habe ich das Tracking der Oculus Quest während des Tests manchmal als etwas Lichtempfindlich empfunden. So arbeiten die Kameras beim Tracking mit Kontrasten im Bild. Bei zu schwachem oder auch zu starkem Licht gehen diese Kontraste verloren. Darunter leidet das Tracking hin und wieder, auch wenn sich dieses Problem relativ einfach durch eine herkömmliche Deckenlampe beheben lässt.

Auch die Touchcontroller wurden in meinem Fall eigentlich immer zuverlässig erkannt. Lediglich, wenn sie sich längere Zeit außerhalb der Kameras befanden, litt die Erkennung etwas. Das kam in meinem Test der Oculus Quest aber so gut wie nie vor.

Was steck drin? Die technischen Details

Die Auflösung

Das OLED Display in der Oculus Quest hat auf jedem Auge eine Auflösung von 1440 x 1600 Pixeln. Zum Vergleich: Die Rift S kommt lediglich auf 1280 x 1440 Pixel pro Auge. Dafür kommt sie immerhin auf eine Bildwiederholungsrate von 80 Hz. Die Oculus Quest schafft dagegen nur 72 Hz. Das ist nichts, was man direkt bemerken würde. Jedoch wird die Refresh Rate von Virtual Reality-Headsets häufig mit der „Motion Sickness“ in Verbindung gebracht. Konkret macht sich das in sehr hektischen Spielen bemerkbar. So musste ich das Spiel Creed: Rise to Glory für die Oculus Quest im Test nach wenigen Minuten abbrechen, da mir etwas flau im Magen wurde.

Die Performance

Im inneren der Quest ist ein Qualcomm Snapdragon 835 Prozessor verbaut, der auf eine Maximale Taktrate von 2,45 GHz kommt. Dieser wurde beispielsweise auch in dem mittlerweile etwas in die Jahre gekommenen Google Pixel 2 verbaut. Ihm zur Seite stehen 4 GB RAM. Der Akku der Oculus Quest hält laut Hersteller etwa zwei bis drei Stunden, wobei diese Angabe auch stark mit der jeweiligen Anwendung zusammenhängt. Während ich die Oculus Quest im Test hatte, ist mir allerdings nie während des Spielens der Akku ausgegangen. Was allerdings auch daran liegen dürfte, dass eine durchschnittliche VR-Session bei mir nicht länger als 1,5 Stunden dauert. Die übersteht der Akku aber locker.

Oculus Quest Games

Natürlich spielt die Auswahl der verfügbaren Spiele eine entscheidende Rolle beim Kauf einer VR-Brille. Tatsächlich bietet Oculus für seine unterschiedlichen Produkte verschiedene Stores an. So ist nicht alles aus dem Oculus Rift-Store auch im Oculus Quest-Store verfügbar. Das bezieht sich gerade auf grafisch anspruchsvollere Spiele wie zum Beispiel Stormland.

Wobei hier direkt gesagt werden kann, dass die meisten Spiele, die es auf der Rift S gibt, auch auf der Quest verfügbar sind. Wer sich also auf die momentan beliebtesten Spiele aus dem Oculus Rift-Store freut, kann in den meisten Fällen beruhigt aufatmen. Über einen Testaccount hatte ich zugriff auf eine sehr große Auswahl an Spielen während ich die Oculus Quest im Test hatte. Dabei liefen alle Spiele sehr flüssig und es gab, dank der Optimierung auf die Quest, keine spürbaren Probleme in der Performance.

Oculus Quest und SteamVR

Anders als bei der Rift S- oder den HTC Vive-Modellen ist es bei der Oculus Quest nicht ganz ersichtlich, wie hier das zusammenspiel mit SteamVR funktionieren soll. Auch ist das Standalone-Headset gar nicht dafür gedacht. Wer aber trotzdem VR-Spiele wie Skyrim VR, Fallout VR oder Boneworks aus dem Steam-Store spielen möchte, bekommt dafür die Möglichkeit.

Bis Ende letzten Jahres bedurfte es dafür allerdings noch Drittanbietersoftware wie RiftCat, die kompliziert einzurichten war. Mithilfe dieser wird das Bild, das der PC berechnet über Wifi auf die Quest übertragen. RiftCat unterstützt dabei sowohl Roomscale VR, als auch das Tracking der Touchcontroller.

Ende September 2019 stellte Facebook auf der Oculus Connect 6 Oculus Link vor. Mit diesem USB-C-Kabel lässt sich eine Verbindung zwischen einem PC und der Quest herstellen. Nun können die VR-Spiele auf der PC ausgeführt und das Bild anschließend über das Kabel auf die Quest übertragen werden. Wer allerdings eine vollwertige Desktop VR-Erfahrung möchte, bekommt hier mit der Rift S nach wie vor das bessere Produkt. So ist die Latenz hier zum Beispiel deutlich geringer. Ich hatte allerdings keine Möglichkeit die Verbindung zu SteamVR zu testen, solange ich die Oculus Quest im Test hatte, weshalb ich mir hier kein abschließendes Urteil erlauben kann.

Zu der kabellosen Verbindung mit RiftCat gibt es hier ein ausführliches Tutorial des YouTub-Kanals Virtual Reality Oasis:

Richtiges oder mobiles VR?

Die Oculus Quest versucht den Spagat zwischen „richtigem“ VR und mobilem VR zu schaffen. Also praktisch eine mobile VR-Brille mit dem vollen Funktionsumfang von Desktop VR. Schlussendlich bleibt nun die Frage: Schafft sie das auch? Wenn auf einer Skala von 0-10 die 10 klassisches Desktop VR mit einer Oculus Rift S oder der HTC Vive und die 0 mobiles VR mit der Google Cardboard ist, dann würde ich der Oculus Quest eine 4,5 geben. Eine völlig Wertfreie 4,5.

Die VR-Erfahrung mit der Oculus Quest fühlte sich im Test nämlich durchaus nach „vollwertigem“ VR an. Mit der Quest haben wir das Raumtracking, die präzisen Touchcontroller und viele der Spiele, die wir auch mit gängigen Desktop VR-Headsets spielen können. Mit etwas Aufwand ist es sogar möglich, SteamVR-Spiele auf der Quest zu spielen.

Allerdings ist die Oculus Quest kein vollwertiges VR-Headset. Wer noch nie eine der Brillen von Vive oder Oculus aufhatte, wird das vermutlich nicht direkt unterschreiben können. Doch vor der Oculus Quest, hatte ich bereits die Oculus Rift im Test. Damit ist einfach noch ein Quäntchen VR mehr möglich. Gerade die grafische Ausgereiftheit der Anwendungen leidet bei der Quest enorm. Im Spielfluss stört das aber nicht. Am ehesten lässt sich die Quest gegenüber den aktuellen Desktop VR-Möglichkeiten mit einem HD- und einem 4K- Fernseher vergleichen. Beide ermöglichen eine ähnliche Erfahrung, beide tun ihren Job und wer nur HD kennt, wird vermutlich nichts vermissen.

Nur auf der Quest: Das optische Fingertracking

Der Vergleich zur Rift S liegt für die Quest Nahe. Da macht es Sinn eines der Features zu erwähnen, das die Oculus Quest derzeit noch für sich beanspruchen kann. So können wir bei der Quest in den experimentellen Einstellungen das optische Fingertracking aktivieren. Das erkennt unsere Hände auch ganz ohne Controller und trackt jeden einzelnen Finger. Für Spiele eignet sich das zwar noch nicht, es ist allerdings beeindruckend zu sehen und hat im Test auf der Oculus Quest sehr gut funktioniert:

Das Fingertracking der Oculus Quest / Screenrecording from Oculus Quest by Moritz Stoll
Das Fingertracking der Oculus Quest ist erstaunlich präzise, eignet sich aber nicht zum Spielen. / Screenrecording from Oculus Quest by Moritz Stoll

Lohnt sich die Oculus Quest?

Die Frage aller Fragen: Lohnt sich der Kauf einer Quest? Die Antwort darauf ist: „Je nachdem“. Nachdem ich die Oculus Quest im Test hatte kann ich sagen: Wer die volle VR-Experience möchte und ohnehin einen Leistungsstarken Computer besitzt, der sollte sich die Rift S besorgen! Wer allerdings eine beinahe ebenso vollwertige VR-Erfahrung möchte oder gar einen Einstieg in Virtual Reality sucht, für den ist die Oculus Quest unter Umständen das bessere Gerät. Sie richtet sich klar an Normalanwender, die mehr wollen, als mit einer Google Cardboard 360°-Filme zu schauen.

Zwar kann die Oculus Quest auch Desktop VR, darin liegt allerdings nicht ihre Stärke. User, für die VR am PC eine Option ist, sollten zur Rift S greifen. Zumal beide Brillen preislich recht nah beieinander liegen. Die Geräte der anderen Hersteller sind in der Regel deutlich teurer. Wer in erster Linie einfach und unkompliziert eine mobile und doch „vollwertige“ VR-Erfahrung möchte, der macht mit der Oculus Quest nichts falsch.

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Moritz Stoll

hat Medieninformatik studiert und ist als Redakteur fester Bestandteil der Netzpiloten-Redaktion. Nebenbei arbeitet er als freiberuflicher Programmierer. Die Digitale Welt ist für ihn ein Ort voller Möglichkeiten und spannender Technologien, um damit Neues zu erschaffen und ganz viel auszuprobieren.


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