NO LOGIN

Vor einer Woche wurde offenbar, was viele bereits ahnten: geolocation und location based services verbindet die Sammelwut der Webdienste mit dem realen, physischen Leben der Nutzer. Ich habe mich bisher immer vor dem Begriff user gesträubt, weil ich aus der der Generation komme, die aufgewachsen ist mit Heroinabhägigen, die als user bezeichnet wurden. Ich empfand das Nutzen des Internet bisher nicht als Ausdruck einer Drogenkarriere. Ein lustiger Mitmensch hat mir einmal gesagt, dass diese Jungs und Mädels damals deswegen Heroin spritzen mussten, weil sie sonst die extrem engen Hosen nicht ohne heftige Schmerzen tragen konnten. Die aktuell erneut modernen engen Hosen schlagen offenbar wieder aufs Gemüt einiger Zeitgenossen.

Wenn man die rasende Geschwindigkeit betrachtet mit der Daten aller Art in den Orkus geschleudert werden, dann hat man den Eindruck, dass es entweder nie sensible Daten gegeben hat oder schlicht keine Zeit für solche Fisematenten ist, weil man gerade Geschichte macht. Ersteres beschreibt die Welt der zwanghaft Transparenten und letzteres die Welt der Apple-Nutzer.

Das Lachen bleibt einem im Hals stecken…

Es gibt nicht erst seit letztem Jahr Software, die speicherresident im RAM von Datenbankservern liegt und seltsame Zugrifsmustter abfängt. So ein Zugriffsmuster wird unabhängig vom Status des Benutzers überprüft. Wer also einfach mal eine gesamte Kundentabelle mit allen Daten auslesen will, bekommt einfach ein Stoppschild. Der Hinweis auf Administratorrechte ist dabei hinfällig, weil Superuser fast immer zu heftigen Attacken genutzt werden. So eine bezahlbare Software können sich aber Weltfirmen wie Sony oder einige deutsche DAX-Unternehmen offenbar nicht leisten.

Das „Feature“ von iOS, einfach mal alle Positionsdaten als Klartext in einer consolidated.db zu speichern, kann sich eigentlich nur leisten, wer im Auftrag des Herrn unterwegs ist. Und wir wissen alle, dass alle amerikanischen Firmen bei Anfrage eines der vielen Geheimdienste der USA bereitwillig die Hose öffnen und runterlassen. Man braucht also gar keine Verschwörungstheorie, um zu verstehen, warum besonders amerikanische Firmen darauf bestehen, dass man gefälligst besser weiß, wie man wann und wo mit den gesammelten Daten der weltweiten Nutzer umgeht. Insofern ist die Tatsache, dass Android ähnliche Daten sammelt wie die 3G-Geräte iPhone und iPad, gar kein Wunder.

Für ein Web ohne Login

Angesichts der lächerlichen Handlungen der japanischen Regierung und nicht zuletzt auch von TEPCO angesichts der Katastrophe in und um Fukushima ist auch offenbar, warum bei Sony die strenge Hierachisierung von Verantwortung in keiner Weise zur Verbesserung der Infrastruktur beiträgt.

Grundlegender wäre zu fragen, warum überhaupt Webseiten in einzelne Apps verwandelt werden müssen? Früher in der Zeit vor dem mobile web gab es Millionen von Websites und Funktionen im Netz. Dann gab es dieselben Funktionen und Websites aufgeteilt in einzelne Apps bei Google und Apple. Zu jeder trivialen Funktion gibt es seither quasi oder real einen Login per Smartphone. Damit umgeht man das blöde Monitoring per Analyse-Tool, weil diese Statistiken haben nun die beiden Vertreiber mobile Betriebssysteme ganz allein für sich und geben Teile der Daten an die Hersteller der Apps heraus. Dreiecksgeschäfte sind ja immer dann besonders gut, wenn man von beiden Seiten die Gelder einsacken kann. Das haben die Verleger mit den Anzeigekunden und den Lesern schön vorgemacht.

Dass heutzutage facebook und Konsorten noch bessere Datensammler wurden, weil sie die Offenbarungsplattform von Krethi und Plethi sind macht keinen Unterschied – außer dem, dass nun jeder Geheimdienst mit guten Kontakten zur NSA Dossiers bekommen kann, die Zielpersonen selbst erstellt haben inklusive einer detaillierten Karte des individuellen persönlichen Netzwerks. Man könnte das so beschreiben: Früher musste man zur Bank. Die freundliche Dame hat den Überweisungsträger ausgefüllt und dann musste man zur Kasse und Geld einzahlen. Heute schreibt man das Ganze selbst per online-banking und zahlt für diese Einsparung aufseiten der Bank höhere jährliche Beiträge für die Bankadministration, da allen klar ist, dass der Würgegriff der Softwarefirmen auf die Banken deutlich schlimmer ist als Mieten und Gehälter.

Analog muss heute auch kein Agent mehr Dutzende Archive und Menschen befragen, um ein Dossier zu einer beliebigen Person zu erstellen. Das tun heute alle Menschen via VZ, facebook (Facebook Law Enforcement Guidelines) und twitter selbst. Aber die enormen Kosten für die Datenhaltung und die Retrievalsoftware, die müssen die Steuerzahler tragen.

Wer sich also irgendwo einloggt, sei es bei einer Firma, einer Bank oder einem Netzwerk, der kann sicher sein, dass sie/er Tausende Arbeitsplätze auf dem Gewissen hat, aber die Lizenzkosten für eben diese Firmen, Banken und öffentlichen Verwaltungen in schwindelerregende Höhen treibt. Und wenn IBM das will, dann werden auch noch die letzten „dummen Berater“ mit ihren Monitoren in den Verkaufsräumen entlassen. Denn dann haben noch mehr Firmen die Illusion, durch Entlassung Geld gespart zu haben – zumindest bis zum nächsten Upgrade der Datenbanken, Archivsysteme und Prozessautomationssoftware.

Und die Webnutzer glauben, dieser Akt der Einsparung ist ein Akt der Freiheit des Web, also der Beratung per Web. Und das Ganze funktioniert nur, weil die Berater sowieso wenig Schulungen und noch weniger neutrale Informationen an die Hand bekamen.

Der nächste Schritt soll das Check-In (gowalla, foursquare, fb plazes, brightkite etc.) sein, also das Zusammenbringen von Namen, realen Ortsdaten und mit digitalen Prozessdaten. Denn dann kann man den Firmen, Banken und Verwaltungen endlich neue Datenbanken verkaufen und viele schöne Analysetools.

Es ist herrlich, diese Freiheit im Netz. So schön. Und ganz ohne blöde Bildschirmrückseitenberater, die nur dummes Geld verdienen wollen ohne besser zu sein als das schlaue Internet. Oh, wie wird das herrlich, wenn man endlich keinen mehr hat, der einem real helfen kann sondern nur noch schöne Kontaktformen wie: Wenn Sie Produkt kaufen wollen, drücken sie die EINS, wenn sie eine Adressänderungen mitteilen wollen, drücken Sie die ZWEI, in allen anderen Fällen nutzen sie bitte das Kontaktformular auf der Website.

Es könnte sein, dass dem einen oder der anderen auffällt, dass das Internet ein herrliches Mittel darstellt, um Intransparenz zu realisieren.

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)


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