Niko Backspin: „Hip-Hop und Digitalisierung sind eng verwoben“

Musikjournalist Niko Backspin hat zusammen mit Porsche für die Doku Back 2 Tape europäische Pioniere des Hip-Hop besucht, als Reisen noch selbstverständlich war. Derzeit wäre das nicht so ohne Weiteres möglich. Die Szene muss sich im Web statt von Angesicht zu Angesicht austauschen. Uns Netzpiloten interessiert die Frage: Wie digital ist Hip-Hop eigentlich? Daher sprachen wir mit Niko Backspin, der im wahren Leben den Nachnamen Hüls trägt, und Julian Hoffmann vom Porsche Newsroom über die Digitalisierung des Hip-Hop und modernes Storytelling für Marken auf digitalen Kanälen.

Herr Hüls, Sie dokumentieren mit der Serie Back to Tape gemeinsam mit Porsche die Wurzeln des Hip-Hop in Deutschland und Europa. Abgesehen vom DJing sind diese analog. Wie digital ist Hip-Hop heute geworden?

Niko Hüls: Ich denke, das virtuelle Live-Konzert von Travis Scott in Fortnite mit mehr als 12 Millionen Zuschauern hat bewiesen, wie eng Hip-Hop mit der Digitalisierung und der Adaption von Social-Media-Plattformen verwebt ist. Der gleiche Künstler hat ja bereits im Februar dieses Jahres gemeinsam mit der Kreativagentur Space150 Künstliche Intelligenz und Rap verbunden und einen seiner Songs von einem KI-Roboter performen lassen. Das war schon verrückt. Ob man das gut findet und wie einzelne Künstler mit smarten Technologien und der Nutzung von Streaming-Plattformen umgehen, bleibt jedem selbst überlassen. Hier gibt es ein Für und Wider, genau wie in jeder anderen Branche auch. Dieser Diskurs und die ehrliche Auseinandersetzung ist ja per se nichts Schlechtes.

In Zeiten von Musik-Streaming muss niemand mehr Mix-Tapes tauschen, um neue Musik zu entdecken. Erleichtern Algorithmen digitaler Kanäle Neues zu entdecken oder zementieren sie den Massengeschmack im Hip-Hop?

NH: In erster Linie macht es den Konsum schneller, den Zugang leichter. Gleichzeitig geht aber auch ein Stück Individualität verloren, etwas Nostalgie. Damit einhergehend verliert der DJ nach und nach seinen Status als „Selektor“. Aber klar, ich mag auch, dass ich jetzt alles überall und zu jeder Zeit hören und teilen kann.

Inwiefern trägt Social Media dazu bei, Sprachbarrieren einzureißen, wie Sie es in Back 2 Tape beispielsweise bei den dänischen Newcomern Gebuhr andeuten?

NH: Die Möglichkeiten machen es leicht, von überall in der Welt mit allen zu arbeiten. Häufig ist der Produzent und Impulsgeber für eine neue kreative Facette ja nur noch einen Klick entfernt. Und unabhängig von der Technologie oder dem Stand der Digitalisierung, ist es ja auch das, was Hip-Hop ausmacht. Die kurzen Wege werden genutzt. Hauptsache du machst gutes Zeug.

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Sie sind mit einem Porsche Cayenne Coupé S im Herbst 2019 durch Europa getourt, um Ihre Gesprächspartner persönlich zu interviewen – also weit vor dem Ausbruch der COVID-19-Pandemie. Wie gut können digitale Kanäle die kreative Zusammenarbeit ersetzen, wenn Reisen vorerst nicht so möglich sind wie gewohnt?

NH: Der Aspekt des persönlichen Kontakts darf nie unterschätzt werden. Ich lege da sehr viel Wert darauf, weil man nur so Geschichten auserzählen kann. Und übertragen Sie mal das Gefühl eines Roadtrips als kreative und sehr freie Art des Reisens in die digitale Welt – kaum vorstellbar. Aber natürlich helfen uns soziale Medien, diese Reise möglich zu machen, mit den Künstlern in Kontakt zu bleiben und allen davon zu erzählen.

Sie bezeichnen die europäische Hip-Hop-Szene als Trendsetter. Inwiefern lässt sich diese Betrachtung auch auf den Einsatz digitaler Kommunikation und Technik beziehen?

NH: Ich glaube das ist ein globales Phänomen, kein rein europäisches. Denn die digitale Vernetzung macht den Zugang zu Sounds von überall leichter. Und es verbindet die Menschen, über Grenzen und Sprachen hinweg. Der Vorteil für europäische Künstler ist aber, leichter selbst in den USA Fuß zu fassen. Früher waren heutige Erfolge wie beispielsweise von OZ, einem Musikproduzenten aus der Schweiz, undenkbar.

Back 2 Tape dreht sich vor allem um Zusammenarbeit und Toleranz über Grenzen hinweg. Sie vertreten darin die These, dass Hip-Hop für mehr europäischen Zusammenhalt als Politik sorgt. Was könnte Europa in der Corona-Krise von Hip-Hop lernen?

NH: Diese Frage hat uns oft erreicht. Bei Hip-Hop geht es um ein Mindset. Um das Zusammentreffen von Menschen. Es geht darum, nicht auf Hautfarbe, Status, Glaube, Liebe, Geschlecht oder Herkunft zu schauen. Das ist genau das, was ich bis heute liebe, was Hip-Hop für mich ausmacht. Und genau das wollten wir mit Back 2 Tape zeigen. Diesen Spirit gibt es überall in Europa. Und klar, davon kann man jede Menge lernen.

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Im Interview mit Josi Miller und Miriam Davoudvandi thematisieren sie den Sexismus im Hip-Hop. Was muss sich ändern, damit Frauen als Hip-Hop-Schaffende in der Szene mehr wertgeschätzt und in gleicher Zahl repräsentiert sind?

NH: Da ist alles schon auf einem sehr guten Weg und es gibt viele Vertreter(innen), die auch dafür sorgen, dass mehr Licht auf weibliche Talente und Menschen mit Haltung fällt, die auch die Frage nach Frauen im Rap zu (k)einem Thema machen, das nicht mehr hinterfragt werden muss. Es gibt eine solche Vielfalt, die mich sehr glücklich macht. Und die Gäste Miriam und Josi sind sehr starke Beispiele dafür, dass hier etwas in die richtige Richtung geht.

Herr Hoffmann, Porsche ist Publisher der Dokumentation. In der Pre-Release-Phase wurde bereits der Porsche Newsroom als zentraler Storytelling-Hub etabliert, inklusive Spotify-Playlist, Video-Teasern via newsTV und Social-Media-Aktivitäten, auch auf TikTok – alles direkt neben klassischen Porsche-Meldungen. Ein ungewöhnlicher Kommunikationsansatz. Welche Idee steckt hinter diesem Storytelling rund um Back 2 Tape?

Julian Hoffmann: Für uns ist dieser Ansatz gar nicht so ungewöhnlich. Der Porsche Newsroom ist, wie Sie sagen, das Zentrum unserer Kommunikation, der Content-Hub. Dort bilden wir transparent alle Facetten des Unternehmens ab, wozu neben Meldungen wie Auslieferungszahlen oder Ergebnisse aus dem Motorsport auch Storytelling wie Back 2 Tape gehört. Grundsätzlich denken wir immer als erstes an die Inhalte, die wir erzählen wollen, und überlegen dann, wie wir diese möglichst kanalspezifisch über unser Medienökosystem ausspielen können. Back 2 Tape war – genau wie der erste Teil Back to Tape – besonders prädestiniert, um eine crossmediale Strategie zu verfolgen: Musik auf Spotify, kurze Teaser-Clips auf TikTok und Instagram, eine Menge toller Fotos für alle Kanäle – schließlich gebündelt in unserem Newsroom und auf den Backspin-Medien.

Julian B. Hoffmann Porsche Newsroom Redaktionsleiter
Das Publishing einer Doku über Hip-Hop neben Nachrichten über Auslieferungszahlen widerspricht sich in einer modernen Markenkommunikation nicht, sagt Julian B. Hoffmann, Redaktionsleiter des Porsche Newsroom. Image by Porsche

Wenn nicht alle Leser Hip-Hop direkt mit der Marke Porsche assoziieren, könnten wir das nachvollziehen. Wie haben Sie die Kampagne gegenüber der jugendkulturell geprägten Szene kommuniziert, um Vereinnahmungs- und Kommerzialisierungsvorwürfen vorzubeugen?

JH: Zuschauer egal welcher Altersklasse haben ein feines Gespür dafür, welche Intention hinter einem Produkt steht. Deshalb sei gleich an dieser Stelle gesagt: Es geht in diesem Film um Hip-Hop und nicht um platte Werbebotschaften von Porsche. Wir sind von Niko Backspin und seiner Arbeit überzeugt. Deshalb war es unser Ziel, mit ihm zusammen eine ehrliche und inhaltlich wertvolle Dokumentation über die globale Jugendkultur Hip-Hop zu kreieren. Wir treten bei seinem Roadtrip nur als Katalysator im Hintergrund auf. Niko spricht mit den Künstlern über ihre Leidenschaft – und das ist in der Regel Musik, Tanz oder Graffiti, nicht Porsche. Gestalterisch hatte Niko zu jeder Zeit alle Freiheiten, schließlich ist er der Experte auf dem Gebiet. Wenn Backspin mal etwas über Automobilproduktion machen will, drehen wir den Spieß gerne um. ;-)

Das Interview zu Back 2 Tape haben wir in Kooperation mit Niko Backspin und Porsche schriftlich geführt. Weitere Aspekte beleuchtet der Musikjournalist im Gespräch mit Moritz Stoll in Folge 9 des Netzpiloten-Podcasts Tech und Trara.

Niko Backspin über Hip-Hop und Digitalisierung im Netzpiloten-Podcast


Images by Porsche

Berti Kolbow-Lehradt

ist Freier Technikjournalist. Für die Netzpiloten befasst er sich mit vielen Aspekten rund ums Digitale. Dazu gehören das Smart Home, die Fotografie, Smartphones, die Apple-Welt sowie weitere Bereiche der Consumer Electronics und IT. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.


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