My Time at Portia im Test: Harvest Moon in der Werkstatt

Am 12. September startete die Kickstarter-Finanzierung von My Time at Portia. Bereits zuvor gab es auf Steam eine frühe Demo-Version, in der sich Spieler einen ersten Eindruck vom Spiel verschaffen konnten. Die 146.697 Dollar reichten, um das Spiel zu finanzieren, und sogar ein paar zusätzliche Features freizuschalten.

Das kleine Entwicklerstudio Pathea Games aus China ist übrigens nicht völlig neu im Geschäft. Zuvor entwickelten sie das Open World Sandbox-Spiel Planet Explorers. Dieses musste jedoch auch einige Kritik einstecken, weil es zwar eine tolle Grundlage bot, für viele jedoch praktisch nie fertig entwickelt wurde. Konnte Pathea Games bei My Time at Portia das Spiel besser zum Abschluss bringen?

Handwerk statt Landwirtschaft

Doch worum geht es denn eigentlich in My Time at Portia? Am einfachsten lässt sich der Indie-Titel mit Harvest Moon vergleichen. Der große Unterschied: Statt einer eigenen Farm, bauen wir unsere eigene Werkstatt auf. Das Ganze spielt in einer postapokalyptischen, aber doch recht farbenfrohen Welt, in der viele technische Errungenschaften verloren gegangen sind.

Fast schon klischeehaft, startet das Spiel mit unserer Ankunft in der freien Handelsstadt Portia, in der wir die heruntergekommene Werkstatt unseres Vaters wieder aufbauen sollen. Dieser zieht derweil auf der Suche nach Abenteuer durch die Welt. Glücklicherweise ist Presley, der Handelsbeauftragte der örtlichen Handelsgilde, ein guter Freund unseres alten Herren und hilft uns bei den ersten Schritten. Ebenso hat unser Vater einige Anleitungen hinterlassen, mit denen wir unsere ersten Aufträge bewältigen sollen.

Es beginnt ziemlich einfach. Wir sammeln Rohstoffe vorerst vom Boden auf, einige Zweige und Steine, und bauen daraus unser erstes, primitives Werkzeug. Das ermöglicht uns nicht nur den Abbau von Steinvorkommen und Bäumen, sondern dient zugleich als erster Test, um unsere Handwerkskünste zu beweisen. Haben wir auch noch einen ersten Schmelzofen gebaut, werden wir offiziell als Baumeister anerkannt und dürfen unserer Werkstatt darüber hinaus einen Namen geben.

Das haben wir gebaut

Fortan werden wir alle Hände voll zu tun haben, Dinge zu bauen. Dafür gibt es unter anderem das Auftragsbrett der Handelsgilde. Dort dürfen wir täglich einen Auftrag nehmen, der uns nicht nur Geld, sondern auch den Bewohnern ein wenig näher bringt. Einige Bewohner sind allerdings auch Konkurrenten von uns, da wir nicht die einzige Werkstatt betreiben.

Für jeden Auftrag gibt es neben Geld auch eine Anzahl Rufpunkte. Bis Quartalsende sollte man auf der Rangliste der Handelsgilde mehr Punkte haben als die Konkurrenz, da je nach Platzierung ein paar Belohnungen für euch rausspringen. Snooker-Fans werden sich übrigens über die Namensgebung der anderen Handwerker amüsieren.

Neben den generischen Aufträgen vom schwarzen Brett, gibt es übrigens auch zahlreiche Aufträge aus der Geschichte heraus. Einige stehen für sich und drehen sich um unsere Mitbürger, andere treiben die Hauptstory voran, in der ihr helft, Portia zu einer florierenden Handelsstadt zu machen. Nicht selten steht ihr dabei auch in Konkurrenz mit eurem Erzrivalen Higgins.

Diese Quests sind oft größere Bauprojekte, die teils mehrstufig aufgebaut sind. Dafür bekommen wir meist spezielle Baupläne für unsere Fertigungsstation. Diese Aufträge bringen nicht nur mehr Geld und Rufpunkte, sondern erweitern auch Stück für Stück die Welt. Als ersten großen Auftrag sollen wir eine Brücke zu einer kleinen Insel bauen. Anschließend können wir auf der Insel ein paar zusätzliche Ressourcen abbauen. Außerdem gibt es dort noch eine ominöse Höhle.

Nach und nach hinterlassen wir ziemlich große Fußabdrücke in der farbenfrohen Postapokalypse. Kaum ein Spiel schafft es so schön, die eigenen Errungenschaften vor Augen zu führen. Mit Fortschreiten des Spiels sehen wir überall in der Welt verteilt die Werke, die wir selbst erschaffen haben. Und verdammt, es fühlt sich besser als irgendwelche aufploppenden Achievements an.

Unser Privatleben

Doch wo ist jetzt die Verbindung zu Harvest Moon, wenn wir doch Basteln anstatt die Felder zu bestellen? Zwar können wir tatsächlich auch diverse Pflanzen anbauen, doch ist es eher die Gesamterfahrung, die an die kultige Landwirtschaftssimulation erinnert. Die Jahreszeiten bestehen auch hier aus je vier Wochen und der Tag vergeht ähnlich schnell. Außerdem kann man sich mit jedem Bewohner der Stadt anfreunden oder gar eine romantische Beziehung beginnen.

Nicht nur mit Aufträgen, sondern auch mit gelegentlichen Geschenken kann man so nach und nach in der Gunst der Bewohner steigen, die einem mit der Zeit richtig ans Herz wachsen. Ein Blick in die My Time at Portia-Wiki ist da nicht schlecht, um zu schauen, womit man den Bewohnern die größte Freude machen kann. Außerdem stehen dort auch die Geburtstage, die man sonst erst ab einer gewissen Freundschaftsstufe im spielinternen Kalender angezeigt bekommt. Ein Geschenk zum Geburtstag gibt besonders viele Beziehungspunkte.

Viel zu tun in My Time at Portia

Wie der geistige Bruder, leidet aber auch My Time at Portia unter repetitiven Tätigkeiten, wenn es um Handwerk und die Pflege sozialer Kontakte geht, auch wenn man für Dates auch ein paar gemeinsame Aktivitäten zur Verfügung hat. Hier kommt dem Spiel zu Gute, dass es eine sehr breite Palette an Tätigkeiten bietet.

Um die Materialien zu sammeln, ziehen wir durch die Welt oder steigen mit der Spitzhacke in alte Ruinen ab, um dort diverse Erze abzubauen. Vergraben sind aber nicht nur Metalle, sondern auch Relikte aus „alter Zeit“, die wir wieder zusammensetzen können, wenn wir alle Teile zusammen haben. Außerdem gibt es auch noch Dungeons, in denen wir die Spitzhacke für das Schwert eintauschen und fiesen Monstern eins über die Rübe ziehen.

Auch innerhalb der Welt gibt es viele absurde Kreaturen zu sehen, darunter bunte Lamas und „Herr Marienkäfer“ – zugegeben, das englische „Mr Ladybug“ funktioniert als Wortwitz deutlich besser. Diese geben uns übrigens auch wichtige Zutaten fürs Handwerk. Da der Spaß an diesen Tätigkeiten sich irgendwann abnutzt und immer mehr Materialien gebraucht werden, gibt einen das Spiel später genug Möglichkeiten, automatisiert an Ressourcen zu gelangen.

Damit der Handwerker-Alltag nicht zu eintönig wird, hat My Time at Portia viele Minispiele versteckt. Außerdem finden in jeder Jahreszeit diverse Events statt, bei denen ihr auch zusätzliche Kleidungsstücke und Dekorationen erspielen könnt. Da muss gelegentlich auch schonmal das Haus oder das Grundstück vergrößert werden, um alle Möbel, Werkbänke und Dekorationen unter zu bekommen.

Fazit: Meine Zeit in Portia

Ich kann stolz sagen, dass ich Spieler der ersten Stunde bin. Bereits vor der Kickstarter-Finanzierung spielte ich die Demo und war skeptisch. Damals gab es noch wenig zu tun und die Technik hatte noch deutliche Macken. Doch so wie sich dem Spieler nach und nach die Welt entfaltet, fügte Pathea Games immer wieder neue Inhalte hinzu und ging dabei vorbildlich auf Spielerfeedback ein. Vor allem die Quality of Life-Verbesserungen am Truhen-Management haben wahre Wunder gewirkt.

Zwar sind viele Mechaniken Genre-typisch flach und repetitiv, doch das Gesamtbild ist am Ende stimmig und es gibt immer etwas zu tun. Die Storyquests sind einer der größten Vorteile gegenüber Harvest Moon und Stardew Valley und lassen uns die Charaktere richtig ans Herz wachsen. My Time at Portia findet außerdem das richtige Tempo, die Welt Stück für Stück zu öffnen und neue Charaktere einzuführen.

Meine Zeit in Portia war auf keinen Fall verschwendet. Ich muss mich nur umschauen und sehe in allen Himmelsrichtungen große und kleine Bauwerke, die durch meiner eigenen Arbeit entstanden sind – wobei die Werkstatt mittlerweile über eine automatisierte Fabrik verfügt. Mit den Einwohnern bin ich schon längst per du und Portia ist mittlerweile eine ernstzunehmende Handels-Stadt geworden. Da ich bald nicht mehr alleine wohne, sollte ich aber vielleicht noch mein Haus etwas vergrößern.

Ich habe das umstrittene Planet Explorers zugegeben nicht gespielt, aber mit My Time at Portia ist Pathea Games ein großartiges Spiel gelungen, das nun zurecht endlich seinen Release feiert. Konsolenspieler müssen sich allerdings noch gedulden. Für PS4, Xbox One und Switch erscheint das Spiel erst später im Frühjahr.


Image by Pathea Games

Stefan Reismann

Das Internet ist sein Zuhause, die Gaming-Welt sein Wohnzimmer. Der Multifunktions-Nerd machte eine Ausbildung zum Programmierer, entdeckte dann aber vor allem die inhaltliche Seite für sich. Nun schreibt er für die Netzpiloten und betreibt nebenher einen Let’s Play-Kanal, auf dem reichlich gedaddelt wird.


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