Lineares Fernsehen? Hat auch seine Vorzüge!

Irgendwie bekommt man das Gefühl, dass altes und neues Fernsehen mehr und mehr religiöse Züge annimmt. Entweder man schaut das eine oder das andere. Entweder ist man ein Ewiggestriger oder schwört der alten Medienwelt vollkommen ab.

Dabei ist es völlig in Ordnung zu sagen, dass man beides liebt. Obwohl wir uns bei den Netzpiloten immer gespannt auf die neuen Trends der Streaming-Anbieter freuen, breche ich hiermit eine Lanze fürs Lineare Fernsehen und sage: Früher wars manchmal wirklich besser. Ganz ohne Kritik geht das ganze aber trotzdem nicht.

Vorfreude als Teil der Vergnügens

Vielleicht bin ich ja auch nur jemand, der seine festen Strukturen braucht, aber ich finde an festen Sendezeiten nichts Schlimmes. Natürlich bedeutet es, dass man seine Lieblingssendung verpassen kann oder Prioritäten setzen muss, was einem wichtiger ist. Aber das macht es ja so besonders. Wenn eine neue Staffel meiner Lieblingsserie kommt, gehört dieser Tag und diese Uhrzeit mir. Ich fiebere darauf hin, lasse andere Sachen womöglich sausen, weil das meine Serie ist.

Binge Watching hat natürlich ebenso seine Vorzüge, wenn man der Geschichte ohne Pausen folgen kann und Charaktere viel besser in Erinnerung bleiben. Aber es macht das Fernsehen teilweise auch zum Massenkonsum und nimmt ihm zum Teil seinen Zauber.

Sehr oft höre ich mittlerweile auch wie nervig Intros sind – sei es bei YouTube-Videos oder auch bei gestreamten Serien. Und auch ich skippe gerne mal das Intro, wenn ich die vierte Folge am Stück schaue. Wenn im linearen Fernsehen jedoch die Titelmelodie erklingt, ist es wie Nachhausekommen. Ich höre die vertrauten Klänge und mein Körper sendet sofort Glückshormone aus. Der Kopf weiß nämlich: „Jetzt kommt etwas Gutes. Darauf habe ich mich gefreut“.

Nicht umsonst heißt es „Vorfreude ist die schönste Freude“. Auf etwas hinzufiebern ist Teil des Genusses. Und wenn man doch nicht direkt schauen kann, gibt es immerhin Aufnahmefunktionen oder etwas zeitgemäßer: Mediatheken.

Einige Serien vom Streaming-Diensten werden aber auch folgenweise veröffentlicht. Und einen Vorteil haben sie gegenüber dem linearen Fernsehen: Deutsche Folgen erscheinen nicht selten zeitgleich oder man hat zumindest die Möglichkeit, im Originalton zu schauen. Gerade bei Game of Thrones konnte einem das Schauen der Premiere vor möglichen Spoilern am Folgetag retten.

Wir gucken alle das gleiche

Ein weiterer Vorteil eines festen Programms ist das damit entstehende Gemeinschaftsgefühl. Jeder schaut das gleiche zur selben Zeit. So kann man sich super über die neueste Folge oder Show unterhalten. Das gilt nicht nur fürs Gespräch mit Freunden und Kollegen am Tag danach, sondern auch für Social Media.

Viele Sendungen, wie etwa die Höhle der Löwen oder das alljährliche Dschungelcamp machen den größten Spaß, wenn man nebenbei die Reaktionen auf Twitter verfolgt. Selbst wenn die Ausgabe an sich enttäuscht, können die dummen Sprüche dazu hingegen für große Unterhaltung sorgen. Das gleiche gilt auch für Live-Shows oder Sport. Der Erfolg der Football-Übertragungen auf Pro7Maxx hat auch zu weiten Teilen mit der aktiven Community zu tun und die Art, wie sie in die Sendung eingebunden wird.

Das Lineare Fernsehen verschenkt viel Potential.

Tragischerweise zerstört das Lineare Fernsehen sich zu weiten Teilen auch selbst. Und damit meine ich weniger die teils absurd übertriebenen Werbeblöcke und die mittlerweile üblichen Werbeeinblendungen direkt in der Sendung. Das größte Problem des linearen Fernsehens ist ihre Ideen- und Mutlosigkeit.

Gerade Liveshows – der Bereich, den YouTube, Netflix und Co in der Form noch nicht erobern konnten – sind derzeit grauenhaft mit anzusehen. Ob Privatsender oder Öffentlich-Rechtliche – es treten die immer gleichen „Promis“ in den immer gleichen Spiel- und Quizformaten an. Völlig Austauschbar, völlig belanglos.

Selbst die ursprünglich rebellischen Shows von Joko und Klaas verlieren mit ihrem Erfolg immer mehr an Kante, wirken immer inszenierter, als wolle man die großen Momente einfach mit Drehbuch erzwingen. Außerdem werden immer weniger Shows live ausgestrahlt. In ihren besten Momenten zeigt „Die beste Show der Welt“ allerdings trotzdem, was etwas mehr Mut in der Showkonzeption bringen könnte.

Auch die Rocket Beans haben beispielsweise mit der Flummi Open gezeigt, wie man selbst mit geringem Budget tolle Formate inszenieren kann. Warum sparen TV-Sender trotz eigener Studios und großem Budget ausgerechnet in der Kreativabteilung? Die Sender müssen endlich anfangen, ihre Stärken konsequent auszuspielen.

Die Angst, den Zuschauer zu überraschen

Die größte Sünde des linearen Fernsehens ist jedoch die Angst der Sender, den Zuschauer zu überraschen. Kurz vor der Werbung wird dem Zuschauer gezeigt, was danach kommt. Bloß nicht den Zuschauer überraschen! Besonders katastrophal war es in der Pro7-Show „Beginner gegen Gewinner“ wo Laien gegen Profis antreten und aus drei möglichen Handicaps für den Profi wählen können. Vor der Werbung wurden Szenen gezeigt, die die ganze Spannung um die Wahl des Handicaps ad absurdum führen.

Das ist der Grund, warum für mich Andreas Kümmerts spontane Absage nach dem Sieg beim Eurovision-Vorentscheid einer der tollsten TV-Momente bleibt. Die ganze Sendung war streng durchgeplant und am Ende wirft der Sieger alles über den Haufen und die Moderation weiß gar nicht, wie es weitergehen soll. Das war Fernsehen das echt und überraschend war. Fernsehen wie ich es gerne öfter sehen möchte. Und ich wünsche mir wieder mehr Überraschungsmomente – die aber von sich aus kommen müssen.

So ganz kann man die Werbung allerdings auch nicht aus der Kritik lassen. Damit meine ich nicht einmal ihre Existenz an sich – irgendwie muss der Spaß ja auch bezahlt werden. Doch auch Fernsehsendern kann nicht entgehen, wie genervt die Zuschauer sind, wenn beispielsweise „bei Schlag den [XYZ]“ mitten in einem laufenden Spiel eine Werbepause gemacht wird. Ich kenne einige, die deshalb mehr und mehr das Interesse verloren haben und abends dann lieber was anderes schauen.

Auch in sozialen Netzwerken hagelt es immer mehr direkt an die Sender adressierte Beschwerden. Dass diese das also nicht wahrnehmen: Unwahrscheinlich. Stattdessen loten die Sender immer weiter aus, wie weit man es mit der Werbung treiben kann. Sogar wenn die Einschaltquoten konsequent weiter sinken.

Das lineare Fernsehen hat noch eine Zukunft – Wenn es seine Stärken ausspielt

Zwischen der alten und neuen Fernsehwelt klafft mittlerweile eine große Kluft. Auf der einen Seite steht die Generation Netflix, auf der anderen jene, die am alten Fernsehen festhalten. Wer sich in beiden Welten wohlfühlt, droht in diese unbarmherzige Tiefe zu fallen. Die neue Medienwelt ersetzt die alte nicht komplett und die alte scheint nicht immer zu wissen, wohin es gehen soll.

Zugegeben sitzt das lineare Fernsehen ein Stück weit zwischen den Stühlen. Auf der einen Seite möchte man die alten und treuen Zuschauer behalten, auf der anderen Seite möchte man irgendwas unternehmen, um auch die Generation Netflix nicht völlig zu verlieren. Die Fernsehsender treten auf der Stelle und gehen den einfachsten Weg. Die Serien die seit jeher gut laufen werden bis zum Erbrechen wiederholt, Shows recycelt und sich am üblichen Pool nerviger und weniger nerviger „Prominenter“ bedient. 

Auf der anderen Seite versuchen die Sender mit Portalen wie Joyn oder TVnow auch in der Streaming-Welt Fuß zu fassen. Beide Portale scheinen offenbar sehr gut zu funktionieren, auch wenn sie mich selbst nicht wirklich ansprechen. Ich bin eher regelrecht genervt, wenn mitten in der Sendung die Joyn-Einblendung mit Sound kommt. In diesen Momenten bin selbst ich am überlegen abzuschalten und lieber irgendwas auf Amazon Prime zu schauen, wo ich nicht ständig von Einblendungen gestört werde. Dabei mag ich das lineare Fernsehen und wünsche mir eher, dass man einfach das Angebot wieder attraktiver macht.

Ich möchte wieder öfter den Fernseher anschalten. Das alte Ritual, die Zeit die mir und meiner aktuellen Lieblingssendung gehört. Ich möchte Woche für Woche wieder auf etwas hinfiebern. Denn Vorfreude ist nicht selten wirklich die schönste Freude.


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Stefan Reismann

Das Internet ist sein Zuhause, die Gaming-Welt sein Wohnzimmer. Der Multifunktions-Nerd machte eine Ausbildung zum Programmierer, entdeckte dann aber vor allem die inhaltliche Seite für sich. Nun schreibt er für die Netzpiloten und betreibt nebenher einen Let's Play-Kanal, auf dem reichlich gedaddelt wird.


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