Kein JMStV – Chance für die Medienkompetenz?

Als Rheinland-Pfälzer ist man nun erfahrungsgemäß nicht gerade in Gefahr, im Zentrum der Netzdiskussion zu stehen. Und als Rheinland-Pfälzer blickte ich in den letzten Wochen gespannt in die anderen Bundesländer – in meinem Bundesland war aus nachvollziehbaren Gründen in der Frage nach dem Jugendmedienschutzstaatsvertrag (JMStV) bereits alles entschieden. Nun ist der ungeliebte Vertrag vom Tisch – doch wie geht es weiter?


Ministerpräsident Kurt Beck, dessen Staatskanzlei den Vorschlag ausgearbeitet hat, reagierte vor allem trotzig. Zunächst schiebt er den schwarzen Peter der CDU zu – wobei doch alle Fraktionen den JMStV ablehnen wollen. Leider steht kein Veröffentlichungszeitpunkt bei der Meldung, so dass ich nicht überprüfen kann, ob das zum Zeitpunkt der Meldung schon bekannt war – wenn ihr es wisst, gerne in die Kommentare damit. Die angedrohten Sperrverfügungen scheinen nach Einschätzung Simon Möllers auf Telemedicus eher heiße Luft zu sein. Vorschläge, was man nun tun könnte, gibt Beck keine. Ich möchte daher im Folgenden versuchen, einige konstruktive Denkanstöße zu geben.

Zunächst muss ich – sofern die Abstimmung heute nicht anders läuft als angekündigt – einmal ein dickes Dankeschön an unsere nordrhein-westfälischen Nachbarn aussprechen – und ein noch viel dickeres an die vielen Aktiven, die bei der Diskussion mitgemacht haben. Es ist die Arbeit vieler Netzaktivisten, die eine als reine Formsache geltende Abstimmung noch verändert hat – Arbeit von denen, die so gerne als „Netzgemeinde“ bezeichnet werden.

Doch gibt es noch immer einiges zu tun. Da wäre nämlich der noch bestehende alte JMStV – schön zusammengefasst beim Telemedicus. Große Herausforderung dabei: eine Alternative auszuarbeiten. Auf diesen spannenden Gedanken hat mich Thorsten Philipp – ich hoffe, ich habe die Stimme richtig erkannt – in der letzten „Bits und so“-Folge gebracht, als er die Debatte um den JMStV mit der um die Netzsperren verglichen hat. These dabei: Damals hatte die Netzgemeinde praktikable Gegenvorschläge – und heute, beim JMStV? Seine Kinder nicht ins Netz zu lassen ist wohl kaum eine Option – das wäre in etwa so sinnvoll, wie sie nicht vor die Tür zu lassen, weil sie sich dort ja Drogen kaufen könnten. Technische Lösungen scheiden auch weitgehend aus, sie wären allenfalls für sehr junge Kinder wirksam, die noch nicht wissen, wie sie zu umgehen sind. Haben wir also Antworten auf die Frage nach dem „Was nun“?

Auf den ersten Blick durchaus – „Medienkompetenz“ heißt das viel bemühte Zauberwort. Dessen Inhalt scheint mir jedoch etwas abstrakt zu sein – es geht darum, Medien nutzen und bewerten zu können, doch wie erreicht man das? Nun gibt es selbstverständlich Spezialisten für die Vermittlung von Medienkompetenz, ganze Studiengänge basieren auf dieser Idee. Doch was kann man auch ohne Studium tun? Welche Möglichkeiten gibt es, Kinder schon möglichst früh in interaktive Diskussionen im Netz einzubinden, und welche Projekte und Seiten sind diesbezüglich empfehlenswert? Gibt es Blogs und Projekte, die zum Aufbau von Medienkompetenz geeignet sind – und bloggen oder twittern wir selbst ausreichend darüber, um sie bekannt zu machen? Wenn wir selbst Inhalte erstellen, die sich auch an Kinder und Jugendliche richten können, achten wir dann ausreichend darauf, sie entsprechend aufzubereiten? Das kann schon mit einfachen Maßnahmen anfangen, wie sie für jeden Inhalte-Ersteller selbstverständlich sein sollten. Hintergründe erklären oder verlinken, die eigene Position zu einem Thema explizit genug machen (wie es etwa Richard Gutjahr in seinem Blog tut) und die eigene Quelle nennen oder verlinken – eine Tugend, die offenbar gerne vergessen wird in jüngerer Zeit.

Es geht mir hier nicht darum, allumfassende Lösungsvorschläge anzubieten – eher ist es mein Anliegen, eine Diskussionsanregung zu geben. Ich glaube, dass wir als Netzgemeinde in der Pflicht sind, solche Projekte und Ideen weiter voranzutreiben – weil wir uns mit der Netzkultur auskennen, sie mitgestalten und weitertragen müssen. Und ich hoffe, dass wir dies mit ähnlicher Energie tun werden wie den Protest gegen den JMStV. Denn ohne die realen Gefahren für Kinder und Jugendliche im Netz ignorieren zu wollen: Das Internet bietet für Heranwachsende wesentlich größere Chancen als Risiken. Helfen wir dabei, dass das nicht vergessen wird.

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Björn Rohles

ist Medienwissenschaftler und beobachtet als Autor („Grundkurs Gutes Webdesign“) und Berater den digitalen Wandel. Seine Themenschwerpunkte sind User Experience, anwenderfreundliches Design und digitale Strategien. Er schreibt regelmäßig für Fachmedien wie das t3n Magazin, die Netzpiloten oder Screenguide. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.


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