Wie die Huffington Post ihre Leser zum Mitmachen animiert

Eines der Markenzeichen der Washington Post ist die große Experimentierfreudigkeit, die das Unternehmen erfasst hat, seit Amazon-Gründer Jeff Bezos mit an Bord ist. Die Washington Post hat in den letzten Jahren hauptsächlich wie ein Start-up agiert, sich schnell aufgebaut und neue Produkte eingeführt – auch wenn immer die Chance eines Fehlschlags bestand. Dieser Geist, der die Washington Post neu belebt hat, ist es auch, den Julia Beizer, die neue Leiterin des Produktbereichs der Huffington Post, in ihrem neuen Unternehmen weiter ausbauen will. Beizer, frühere Leiterin der Mobilprodukte der Washington Post, wechselte im März zur Huffington Post. Sie war einer der Köpfe hinter den Trump Cards, eines neuen einbettungsfähigen Features, das einige der ausgefalleneren Bemerkungen des wahrscheinlichen republikanischen Präsidentschaftskandidaten hervorhebt. Beizer hat außerdem die Neugestaltung der Website der Huffington Post verantwortet, die sehr offensiv Videos einbindet und den Inhalt der 100.000 Mitwirkenden der Huffington Post-Plattform besser hervorhebt. Ich sprach mit Beizer darüber, wie sie sich der Idee eines Produktes nähert, wie sich das im Zeitalter des Distributed Content geändert hat und wie sie eine neue Denkweise über Produkte dazu nutzen will, den Lesern eine Interaktion mit den Berichten zu ermöglichen und sie nicht nur zu lesen.

RICARDO BILTON (RB): Sie sind erst seit ein paar Monaten in Ihrem neuen Job, aber was war bisher das größte Problem, dass Sie zu lösen hatten?

JULIA BEIZER (JB): Was so interessant an dieser Marke ist und was mich so anzieht, ist die Art und Weise, wie wir schreiben, wie wir Videos aufnehmen und Berichte behandeln – alles ist so lebendig. Ich möchte dieses Einfühlungsvermögen auf alle unsere Produkte ausweiten. Das ist eine große Herausforderung – dass Presseartikel so lebendig wie das Geschriebene auf der Website werden.

RB: Bauen Sie bestimmte Produkte um diese Idee herum auf?

JB: Wir werfen zurzeit einen sehr genauen Blick darauf, wie wir den Nutzern diesen nächsten Schritt ermöglichen können. Wir wollen nicht, dass die Berichte enden, wenn der Artikel oder das Video zu Ende ist. Wir wollen nicht, dass die Leute etwas lesen und davon bewegt sind und dann aber nur die Option haben, die Site zu verlassen, sie zu teilen oder was auch immer. Was für andere Optionen können wir Ihnen bieten?

RB: Wie definieren Sie heutzutage, wo ein großer Teil der Besucher über Drittplattformen auf die Websites von Verlagen gelangt und nicht direkt, den Begriff „Produkt“? Wie gehen Sie eine Produktumstellung an, wenn das traditionelle Kernprodukt nicht mehr so wichtig ist?

JB: Es fängt damit an, die Besucher der Plattformen ganz anders wahrzunehmen als Internetnutzer, die diese Plattformen nicht besuchen. Natürlich würden wir uns sehr freuen, wenn die Nutzer, die die Plattformen nicht nutzen, die Website wieder besuchen und dann auch zu täglichen Nutzern der Plattformen werden. Aber selbst wenn nicht, haben wir tolle Möglichkeiten, diese Besucher ganz anders wahrzunehmen und unterschiedlichste Erfahrungen für sie zu kreieren.

RB: Die Huffington Post ist eine der wenigen Websites die immer noch viel direkten Traffic hat. Wir reden schon seit einer Weile über den Zerfall von Websites. Hat sich deren Rolle gewandelt?

JB: Einer der Vorteile von Distributed Content (deutsch etwa: geteilter Inhalt) ist, das die Inhalte immer einen Leserkreis finden. Das lässt der Website ein bisschen mehr Freiheit darin, wie wir darstellen wollen, worum es uns geht. Das ist wirklich ein sehr mächtiges Instrument. Es wird zu einer Markenaussage. Deshalb haben die Redakteure, die an unserer Website arbeiten, unglaublich stark ausgeprägte Standpunkte. Die Nachrichten gehen in die gleiche Richtung. Den Redakteuren die Freiheit zu geben, sich nicht nur als verlängerten Arm der Nachrichtenredaktion zu fühlen, sondern selbst zu steuern, wie wir die wichtigsten Neuigkeiten des Tages präsentieren – das ist eine echte Chance.

RB: Wie verhält es sich mit dem Produkt auf Plattformen wie Instant Articles, Apple News und Snapchat? Als Herausgeben können Sie nicht die ganze Erfahrung kontrollieren. Ändert das, was Sie tun?

JB: Es gibt die Grundidee, außerhalb der Plattform zu veröffentlichen und dabei sicherzustellen, dass der Inhalt aussieht wie deine Marke, sich anfühlt wie deine Marke und das Wesen dessen, was du tust, in sich hat. Das ist die notwendige Grundlage für Distributed Content und Herausgeber müssen noch mehr tun als nur das. Grade heute haben wir darüber gesprochen, wie wir ein wenig Bewegung in unsere Instant Articles bringen, indem wir Gifs in unsere Berichte einbinden. Wir finden, dass es durch die schnell generierte Erfahrung sehr ansprechend ist. Wenn Sie auf die neue Produktpalette vom letzten Sommer schauen: damals wollten alle auf die Plattformen und fragten sich: „Wie kommen wir da hin? Wie optimieren wir unsere Sites für die vielen Plattformen auf denen unsere Inhalte jetzt verteilt werden können?“ Nun ja, jetzt sind wir an dem Punkt angekommen und die Frage ist, was wir aus dem, was wir gelernt haben, machen können. Für mich ist genau das die Arbeit am Produkt. Es ist das Betrachten von Besuchern, das Aufspüren von Trends und das Bemühen, die Erfahrung für die Besucher zu verbessern, neue Erfahrungen zu kreieren und die, die sie bereits haben, zu optimieren.

RB: Wo wir gerade über Nutzererfahrungen reden: Adblocking ist ein Thema, über das die Branche im letzten Jahr sehr besorgt, fast schon besessen war. Aus der Produktperspektive ist das eine Frage, die sich aus einem grundlegenden Abkoppeln der redaktionellen Erfahrung von der Werbeerfahrung ergibt. Was muss sich in der Branche ändern, um dieses Problem zu lösen?

JB: Ich bin nicht die Erste, die sagt, dass sie denkt, dass wir nicht in dieser Situation wären, wenn Werbung nicht zu einer unterdurchschnittlichen Nutzererfahrung im Allgemeinen beigetragen hätte. Irgendwie ist es ein bisschen beängstigend, dass Herausgeber und ihre Partner im Vertrieb und in den Agenturen dazu gezwungen werden, darüber nachzudenken, wie sie diese Werbeerfahrung kreieren – was auch eine gute Sache sein kann. Du schaust auf so etwas wie das letzte Snapchat-Update und wie dort Werbung direkt in die Erzählungen deiner Freunde integriert wird. Obwohl du dort auch Werbungen siehst, fügen sie sich so in die Inhalte ein, dass sie als weniger störend wahrgenommen werden.

RB: Wie ist Ihre generelle Vorgehensweise, um bei der Huffington Post neue Produkte zu erschaffen? Wie wollen Sie die Denkweise dort ändern?

JB: Ich versuche, unsere Teams um Nutzer-zentrierte Produkte auszurichten, statt an den Technologien. Ich habe nach beiden Herangehensweisen gearbeitet: Dort, wo die Teams um die Plattformen organisiert sind, wo hier die Frage ist, wie diese Plattformen angepasst werden, und auch dort, wo sich die Teams um ein Produkt organisieren und herausgearbeitet wird, wie sie dieses Produkt für einen Nutzer erstellen wollen. Ich denke, es ist die zweite Herangehensweise, die ich hier nutzen möchte, um sicherzustellen, dass wir für ein kontinuierliches Fortschreiten und Verbessern gerüstet sind. Das ist sehr tief in den Wurzeln der Nachrichtenredaktion verankert und ich möchte das noch weiter ausbauen. Dieser Artikel erschien zuerst auf “Nieman Journalism Lab” unter CC BY-NC-SA 3.0 US. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „fashion-legs-notebook-working“ by www.Pixel.la Free Stock Photos (CC0 Public Domain)


Ricardo Bilton

ist Journalist und schreibt für das Nieman Journalism Lab. Er setzt sich stark mit dem Thema "Virtual Reality" auseinander. Zuvor war er als Reporter bei Digiday zuständig und schrieb unter anderem Artikel für VentureBeat, ZDNet, The New York Observer and The Japan Times.


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