HighNoon im BarCamp-Land – Weihnachtliche Gedanken zur Unzeit

Der Barcamp-Wahnsinn im Oktober geht weiter. Das „MonsterCamp“ BarCampBerlin3 wird das Format wohl an seine Grenzen oder vielleicht schon darüber hinaus katapultieren. Ich muss sagen: ich freue mich riesig auf all die Events, auf Berlin, auf Szene, auf Web 2.0-Fuzzies und Nicht-Fuzzies, auf Weihrauch der Selbstbelobhudelung, auf gute Gespräche und fachliches Gesimpel, auf Twitterwalls, auf überlastete W-Lans, auf Buttons, Flyer, Shirts, Mogulus-Sessions, Twitter-Wars, rumge-qik-e, das Schaulaufen der neusten Geadgets, Crumpler-Taschen und Designerbrillen.

Doch wie an den danach ja schon anstehenden Feiertagen wird hinterher doch wieder die Katerstimmung zuschlagen. Angeekelt wie von zu viel Weihnachtsgans und dem Neujahrsgetrinke werde ich am Ende des Jahres nichts mehr mit dem Web zu tun haben wollen. Zu „durch“ (wie ein zu lang gebratenes Steak) werden die Themen sein. Man giert nach Neuem, doch wo soll es herkommen? Was werden die Trends im Jahr 2009 sein? Twitter ist klasse, aber angekommen in der Szene. Mogulus und Co., die im Laufe des Jahres mal richtig brummten, sind wie die neuen Spielzeuge ein paar Wochen nach Weihnachten längst schmollig in die Ecke gefeuert worden. Neues muss her.

Mir fällt gerade auf, dass diese Zeilen „stream-of-conciousness-mäßig“ in die Tastatur, ins Eingabeformular, ins Blog und dann schlussendlich ins Web gleiten werden – Flüchtigkeit des Gedankens in Blogs, Wikis, Networks, Twitter, Clones… vielleicht mit brillianten Ecken und Kanten, aber die Highlights verpuffen doch meist im längsten Tunnel der Welt, dem Longtail. Mal innehalten wie in der Neujahrsnacht würde gut tun, doch dieser eine Moment im Jahr ist bei all der Schnelllebigkeit im Web, dem Zwang zu Bloggen, hier und da seinen Status upzudaten, den neuesten Buzz im Auge zu behalten und alle Kommunikationsschnipsel mit einem eben solchen zurückzukontern, definitiv zu wenig.

Aus dem flüchtigen Moment sollte idealerweiser nicht nur ein Stohhalm, sondern eine permanent verfügbare Reißleine werden, die die Webzeit einfriert und den Takt der Echtzeit wieder ins Leben zurückkehren lässt: Sonnenaufgang, Sonnenuntergang, Winter, Frühling, Herbst und Winter statt Blogupdates um 8, 12 und 16 Uhr, US- und Asientweets in den frühen Morgenstunden, als erstes den neusten Buzz auf Rivva und Co. aufgreifen und kommentieren – Entstressen, entzerren, entschleunigen, entwebben wäre angesagt. Ich weiß nicht, wie das die Junkies der Junkies der Web-Kernszene hinbekommen. Leben im Web? Second Life? Third Life? Wo bleibt da the third place? Im echten Leben, im Meatspace, meine ich…

Der doppelte Kater aus Webüberdruss und festtäglicher Völlerei wird uns alle wieder in ein Frühjahrsloch stürzen. Depression mal anders – so lange bis am Ende des Longtail-Tunnels mal wieder ein Lichtlein auftwittert, das wir als die neue Sonne ver-web-göttern können. Halluzinationen in der Hall of Fame namens Web! Ich bin heute schon von den Jahresrückblicken genervt, die in Blogs, im Fernsehen und in Zeitungen gesendet werden werden. Früher habe ich mich auf „Die Bilder des Jahres“ – oder wie die Reihe hieß – gefreut, schön nach Kalendermonat gegliedert; oder die Outtakes vom Sportstudio, mit den schönsten Momenten und peinlichsten Pannen. In Zeiten von Youtube und Co. mutiert das komplette Web zu einem riesigen Outtake. Outtake = Rauslassen. Alles wird rausgelassen in einer Hülle die leer und einer Fülle die übersättigend ist. Wie wäre es mal mit Drinlassen! In diesem Sinne halte ich jetzt auch die Klappe! Frohe BarCamp-Zeit.

Steffen Büffel

ist freiberuflich als Medien- & Verlagsberater, Trainer und Medienwissenschaftler tätig. Schwerpunkte: Crossmedia, Social Media und E-Learning. Seine Blogheimat ist der media-ocean. Außerdem ist er einer der Gründer der hardbloggingscientists. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.


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