Gigaset GS185: Comeback für ein Smartphone „made in Germany“

Die Zeiten, als Siemens Handys in Deutschland fertigte, sind lange vorbei. Der aus Siemens hervorgegangene Hersteller Gigaset will diese Tradition jetzt wieder aufleben lassen. Mit dem Gigaset GS185 stellt das Unternehmen derzeit ein Smartphone im Werk im nordrhein-westfälischen Bocholt her. Das ist eines von einst zwei Werken, aus dem früher Siemens-Handys stammten. Für 179 Euro soll es ab Anfang Juli in den weltmännisch betitelten Farben Midnight Blue und Cognac Blue im Handel erscheinen.

Das Gigaset GS185 soll für das Unternehmen der Auftakt zu einer ganzen Reihe von Produkten mit dem Siegel „made in Germany“ sein und dem Newcomer im Wettbewerb um Smartphone-Kunden einen psychologischen Vorteil bieten. Technisch ist das neue Gerät genauso wie die beiden anderen Modelle GS180 und GS100, die Gigaset heute vorgestellt hat, jedoch wenig aufregend und in der Einstiegsklasse einzuordnen. Wie das GS185 hergestellt wird, konnten wir während eines Werksbesuchs in Bocholt mit eigenen Augen erleben. Ausführlich getestet haben wir das Gerät inzwischen auch. 

Das Erbe der Siemens-Handys

Siemens hatte sich 2005 aus dem Handy-Geschäft zurückgezogen, weil sich die Mobiltelefone nicht mehr so gut verkauften und die Konkurrenz technisch davoneilte. Zwischenzeitlich führte die taiwanesische Firma BenQ die Handy-Fertigung fort, verhob sich damit aber spektakulär und ließ bei der Schließung der deutschen Produktion Ende 2006 einen Scherbenhaufen zurück. Die Handy-Produktion am Standort Kamp-Lintforth machte dicht und ließ tausende Mitarbeiter ohne Arbeitsplatz zurück. Bocholt überlebte, weil dort weiterhin Gigaset-Festnetztelefone das Werk verließen.

Die Marke Gigaset wurde Firmenname und steht unter neuem Eigentümer seit dem Jahr 2015 auch wieder auf Android-Smartphones. Branchenüblich wurden die Smartphones bis dato jedoch in Asien hergestellt. Das nun erfolgende Comeback für Mobiltelefone und die Schaffung neuer Arbeitsplätze in Bocholt hat also auch eine emotionale Komponente.

Roboter machen erschwingliche Produktion am Standort Deutschland möglich

Mehr als um Nostalgie geht es für Gigaset aber natürlich um Kaufmännisches. Produziert Gigaset hier und nicht in Fernost, kann es besser planen, schneller liefern und Großkunden mehr Varianten bieten. Ökologisch ist es natürlich auch sinnvoll, wenn Güter nicht mehr so weit transportiert werden müssen. Zudem ist der Werbeeffekt von Produkten „made in Germany“ gewichtig.

Und was ist mit den Produktionskosten? Dass die Lohnkosten in Asien günstiger sind als hierzulande, kann natürlich auch Gigaset nicht ignorieren. Daher geht die Firma einen anderen Weg und setzt auf eine neue Generation von Fertigungsrobotern. Sie übernehmen viele Aufgaben von Menschen, sodass die Anzahl der Arbeitskräfte in Bocholt überschaubar bleibt. 24 Menschen wird die Smartphone-Fertigung beschäftigen.

Gigaset Bocholt Smartphone Fertigung
Bei der Smartphone-Fertigung in Bocholt unterstützt Robotertechnik menschliche Arbeitskräfte, damit die Kosten niedrig bleiben können. Image by Gigaset

Die Fertigungsstrecke ist mit einer Kapazität von bis zu 6.000 Geräten pro Woche zudem vergleichsweise klein, weil Gigaset nur eines von derzeit fünf Smartphone-Modellen in Deutschland fertigt. Das andere Quartett kommt wie gehabt von Fertigungspartnern aus Asien. Dazu zählen neben den beiden neuen Geräten das GS270 und das GS370.

Selbst das GS185 entsteht nicht komplett in Bocholt. Viele Komponenten werden aus Asien angeliefert, weil sie dort entwickelt und gefertigt werden. Schließlich ist Asien längst nicht nur eine Werkbank, sondern auch ein Technologiestandort. Diese Strukturen kann Gigaset als kleiner Player in der Smartphone-Branche nicht mal eben umwerfen.

Abgesehen davon ist das Investitionsrisiko auch deshalb überschaubar, weil Gigaset sich mit dem technologisch durchschnittlichen Smartphone-Modell GS185 in bekanntes Terrain wagt und keine neuen Produktionsverfahren aus dem Boden stampfen muss.

Deutsche Hausmannskost: Gigaset GS185 mit solider Durchschnittstechnik

Vor diesem Hintergrund bietet das GS185 nicht mehr und nicht weniger als die biederen Leistungsdaten eines Einsteiger-Smartphones. So ist das Display mit einer Diagonale von 5,5 Zoll zwar schön groß und dank des trendigen Seitenverhältnisses von 18:9 auch angenehm kompakt in der Hand zu halten. Mit der Auflösung von 1.440 x 720 Pixeln (HD+) bleibt Gigaset aber am unteren Ende. Weil es sich um ein IPS-Display handelt, ist damit zu rechnen, dass es auch keine Grauschleier bildet, wenn man es von der Seite betrachtet.

Gigaset GS185 Midnight Blue
Das Gigaset GS185 ist zum Preis von 179 Euro ein durchschnittliches Einsteigergerät. Image by Gigaset

Aufgespielt hat Gigaset das aktuelle Android 8.1, ein Update auf Android P ist angesichts der Preisklasse ausgeschlossen. Unter der Haube rechnet der Mittelklasse-Prozessor Snapdragon 425 von Qualcomm, womit Gigaset erstmals nicht zum Zulieferer Mediatek greift. Dem Prozessor zur Seite stehen 2 GB Arbeitsspeicher. Diese Ausstattung ist stark genug für Alltagsaufgaben, aber nicht für aufwendige Spiele oder App-Multitasking geeignet. Zum Speichern von Apps, Musik und anderen Dateien stehen nur 16 GB zur Verfügung, was Nutzer schnell veranlassen dürfte, den Speicher um bis zu 256 GB durch eine Micro-SD-Karte zu erweitern.

In der Kamera-Abteilung lösen die Einheiten vorne und hinten jeweils mit 13 Megapixel auf, wobei die Hauptkamera noch einen Phasenautofokus für schnelleres Scharfstellen an Bord hat. Über 4G-LTE lassen sich die Bilder schnell im Social Web teilen. Ein schlankes Metallgehäuse kann Gigaset zu diesem Preis nicht realisieren. Das Chassis aus Kunststoff ist mit 8,8 Millimetern Dicke eher gut genährt.

Praktisch ist der Fingerabdrucksensor auf der Rückseite, weil er nicht nur das Display entsperren, sondern auch andere Funktionen steuern kann. Aus der Masse heraus sticht das Gigaset GS185 aber vor allem durch den starken Akku. Mit 4.000 mAh bietet er eine größere Kapazität als vergleichbare Smartphones. Weil das Gigaset GS185 zudem über einen Micro-USB-Anschluss mit On-The-Go-Technik verfügt, kann das Smartphone in der Rolle einer Powerbank andere Geräte aufladen.

Gigaset GS100 und Gigaset GS180: Budget-Modelle für Teenager

Parallel zum „deutschen“ Smartphone hat Gigaset zwei weitere Einsteigergeräte angekündigt. Das Gigaset GS180 für 149 Euro ist eine verbesserte Version des GS170 und GS160. Neu ist ein noch günstigeres Einstiegsmodell für 119 Euro – das Gigaset GS100. Beide liegen in punkto Preis und Leistung unter dem GS185. Sie richten sich an Jugendliche mit begrenztem Budget.

Gigaset GS180 Champagne
Das Gigaset GS180 hat im Vergleich zum GS185 einen kleineren Akku und ein kleineres Display. Image by Gigaset

Das GS180 bietet ein 5 Zoll großes HD-Display (1.280 x 720 Pixel) und ein klassisches Seitenverhältnis von 16:9. Das 5,5-Zoll-Display im günstigeren GS100 ist mit 18:9 länglicher und löst auf größerer Fläche nominell etwas höher auf (1.440 x 720 Pixel, HD+). In beiden Fällen handelt es sich um blickwinkelstabile IPS-Displays.

Beide Geräte rechnen mit einem vierkernigen Mediatek-Prozessor, der mit bis zu 1,3 Ghz taktet. Dem GS180 stehen zudem 2 GB Arbeitsspeicher zur Verfügung, dem GS100 nur die Hälfte davon. Für Mailen, Surfen und Social Media ist das ok. LTE-Internet unterstützen beide Geräte.

Beim GS180 löst die Hauptkamera mit 13 Megapixeln auf und schärft mit schnellem Phasenautofokus, die Selfie-Kamera knipst mit 8 MP. Weil das GS180 über einen Fingerabdrucksensor mit Multifunktion verfügt, lässt sich die Kamera über dessen Sensorpad auslösen. Im GS100 sind die Kameras mit 8 und 5 MP aufgelöst.

Gigaset GS100 Lemon Green
Für 119 Euro bietet das Gigaset GS100 nur einfachste Ausstattung aber bunte Gehäusefarben. Image by Gigaset

Das Duo ist jeweils mit 16 GB Nutzerdatenspeicher ausgestattet, der sich per Micro-SD-Karte um 128 GB erweitern lässt. Mit 3.000 mAh ist der Akku beider Geräte kleiner als beim Gigaset GS185, lässt sich aber wechseln. Das teurere Modell GS180 soll über einen für diese Preisklasse überdurchschnittlich lauten und verzerrungsfreien Lautsprecher verfügen.

Die beiden Kunststoffgehäuse sind mit 9 Millimetern in der Tiefe relativ wuchtig, dafür aber schick anzusehen. Das GS180 kommt in den Farbvarianten Silver Grey und Champagne, das GS100 erscheint im Vergleich dazu als bunteres Trio in Graphite Grey, Cobalt Blue und Lemon Green. Beide Geräte starten im Juni in den Handel.

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Images by Gigaset


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Berti Kolbow-Lehradt

Berti Kolbow-Lehradt

ist Freier Technikjournalist. Für die Netzpiloten sowie unsere Geschwisterseiten Netzpiloten Apple und Netzpiloten Android befasst er sich mit vielen Aspekten rund ums Digitale. Die Dissertation zur Geschichte der Fotoindustrie hat der Wirtschaftshistoriker erfolgreich abgebrochen, um sich der Digitalen Fotografie, Smartphones, der Apple-Welt, dem Smart Home und vielen anderen Bereichen der Consumer Electronics und IT in der Gegenwart zu widmen. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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