Interview: „Foren sind die Urväter des Web2.0“

Blogs, Wikis und Foren gelten als die drei großen Genres des Web 2.0. Während es mit Wikipedia zumindest einen extrem prominenten Wiki-Vertreter gibt und große Medien immer öfters über Blogs berichten, bleiben Foren größtenteils unter dem Radar der öffentlichen Wahrnehmung. Die pfälzische Firma ForumHome betreibt an die hundert Foren zu verschiedensten Themen, wie Abnehmen, Esoterik oder Schach. Carsten Grentrup und Tanja Krystof erklären das Foren-Geschäft und die deutsche Foren-Landschaft.


Forumhome GmbH betreibt etwa 100 große und kleinere Foren. Wie ist diese Menge zusammen gekommen?

Carsten: Das Ganze hat vor Jahren als Hobby angefangen. Ich habe interessante Domains registriert und dort ein Forum aufgesetzt. Etwa die Hälfte der heutigen Foren haben wir selbst gestartet, die andere Hälfte im Laufe der Jahre dazu gekauft.

Wollt ihr noch expandieren?

Carsten: Zur Zeit betreiben wir vorwiegend deutsche Foren. Wir haben noch nicht aktiv nach Investoren gesucht, können uns aber vorstellen in naher Zukunft auch in anderen Ländern tätig zu werden. Für Investoren sind unsere technischen Voraussetzungen und unser Knowhow, das wir über die Jahre angesammelt haben, sicherlich sehr interessant.

Reden wir über das Knowhow: Was macht ein erfolgreiches Forum aus?

Carsten: Guter Content vor allem. Dann braucht man das richtige Thema. Wichtig ist es auch, die richtige Software zu verwenden. Ich würde eine der bekannteren Foren-Softwares verwenden, an die die User schon aus anderen Foren gewöhnt sind.

Tanja: Es ist auch wichtig, den Content vernünftig in die Suchmaschinen hinein zu bringen, also Suchmaschinen-Optimierung zu betreiben. Und man braucht einen guten Community Manager, der moderiert, Trolle abhält, die Community bei Laune hält und sich auch mit dem Thema auskennt.

Wie macht man ein Forum bekannt?

Carsten: Es muss organisch wachsen, unsere richtig großen Foren sind alle viele Jahre alt. Man kann ein Forum nicht wie ein Startup in kurzer Zeit pushen. Wenn du guten Content und ein gutes Thema hast, macht sich das Forum im Prinzip selbst bekannt. Content ist King, er kommt in die Suchmaschinen und die Leute finden ihn dort. Der meiste Traffic kommt über den Long Tail, das heißt aufgrund von Keyword-Eingaben mit zwei, drei, vier oder noch mehr Wörtern.

Welche Themen eignen sich für Foren?

Tanja: Eigentlich alle Themen, die Menschen interessieren und bei denen sie im Internet nach Informationen suchen. Wir haben Foren zu allen möglichen Lebenslagen und Produkten: Gesundheit, Sport, Automobil, wir haben auch Foren, die sich mit Lebens- und Sinnfragen beschäftigen, zum Beispiel ein Reiki- und ein Esoterik-Forum. Insgesamt sind Nischen immer gut, denn zu den meisten großen Themen gibt es schon riesige Foren.

Welche publizistische Bedeutung haben Foren?

Carsten: Ich würde sagen, der größte Teil des Internet besteht aus Foren-Content. Ohne Foren wäre das Internet um einiges ärmer. Sie sind der große Informationspool im Internet. Klar muss man die Informationen, die man in Foren bekommt, immer ein bisschen skeptisch beurteilen, aber sie dienen oft als erster Anlaufpunkt für weitere Informationen und als Möglichkeit, Experten zu finden. Foren sind eigentlich die Urväter des Web2.0, denn dort gab es schon immer Many-to-Many-Communication. Foren wird es auch in Zukunft immer geben, trotz Facebook und Twitter.

Was motiviert Leute, in Foren zu schreiben?

Tanja: Die meisten haben vorher selbst Informationen gesucht und sie in einem unserer Foren gefunden. Wenn sie die Ratschläge umgesetzt haben, stellen sie oft fest, dass sie ihre neu gesammelten eigenen Erfahrungen gerne weitergeben möchten. Darüber entspannt sich eine neue Diskussion im Forum.

Wie finanziert man ein Forum?

Carsten: Unsere Foren sind rein werbefinanziert. Viel läuft über Werbe-Netzwerke wie Google Adwords oder über so genannte Restplatz-Vermarkter. Allerdings lohnt sich das nur bedingt. Deswegen suchen wir parallel nach anderen Werbekanälen wie z.B. Direkt-Advertisern. Wir haben einen eigenen Vertrieb, der sich ans Telefon setzt und Werbung verkauft, ähnlich wie bei einer Zeitung.

Wie läuft das Anzeigengeschäft?

Carsten: Foren werden generell unterschätzt, leider auch in der Werbung und das, obwohl die Leute dort tatsächlich Kaufentscheidungen treffen. Sie diskutieren über Produkte, zum Beispiel über die Frage, welches Fahrrad sie sich kaufen sollten. Das alles hat die Werbeindustrie noch nicht so ganz erkannt.

Tanja: Man muss die Advertiser explizit darauf hinweisen: ein Forum besteht aus einer ganz spezifischen Zielgruppe, hier lassen sich Meinungsmacher erreichen und Leute, die gezielt Informationen zu Produkten suchen, bevor sie sich zu einem Kauf entschließen. Wenn man den Advertisern diesen Nutzen klar macht, schalten sie Werbung und bleiben auch dabei.

Carsten: Man muss bei der Vermarktung sehr aktiv sein – und kreativ. Wir bieten gesponserte Foren-Beiträge an und entwickeln dazu gerade unter SponsorPost.com ein Selbstbuchungs-Tool für unser gesamtes Netzwerk und auch für andere Foren. Das ist noch in der Beta-Phase, es läuft aber schon ganz gut an.

Bezahlte Beiträge gibt es auch in der Blogosphäre. Dort sind sie aber eher verpönt …

Carsten: Wir haben eher positive Erfahrungen gemacht. Die bezahlten Beiträge müssen themenrelevant sein und werden ganz klar als Werbung gekennzeichnet. Sie sollen außerdem den Usern einen Mehrnutzen bieten, zum Beispiel in Form von Gewinnspielen oder Rabatt-Gutscheinen.

Wie sieht insgesamt die deutsche Foren-Landschaft in Deutschland aus?

Tanja: Dass man sich, wie Forumhome als Forenbetreiber bezeichnet und davon mehrere Leute finanzieren kann, gibt es in Deutschland ansonsten nicht, anders als in den USA.

Carsten: Es gibt allerdings riesige Einzel-Foren, die fast so viel Traffic wie alle unsere Foren zusammen haben. Auch klassische Verlage mischen im Markt mit.

Tanja: Die Zeitschriften-Verlage haben festgestellt, dass es sich für sie lohnt, auch eine online Frage-und-Antwort-Möglichkeit anzubieten. So haben sie teilweise ziemlich große Foren aufziehen können.

Carsten: Die überwiegende Mehrheit im Marktgeschehen besteht aber aus Einzelpersonen, die zwei bis drei Foren betreiben.

Stefan Mey

hat Publizistik und Soziologie studiert und lebt als freier Journalist in Berlin.


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11 comments

  1. Ich denke dass die Forenlandschaft immer weiter ausstirbt. Wer heutzutage noch versucht ein neues Forum zu betreiben und erfolgreich zu machen, hat dabei sogut wie keine Chancen. Grundsätzliche Fragen werden auf gutefrage.net oder ähnlich behändelt. Und Nischenbezogene Fragen zu Produkten wie einem Fahrrad werden vom User nur sehr selten gestellt, weshalb dieser sich dann auch nicht gleich in einem Forum anmeldet.

  2. Hallo,

    interessantes Interview. Erstaunlich auch, wie gut Foren immer noch in Suchmaschinen ranken. Die eingangs erwähnten Foren zumindest sind allesamt unter den Hauptsuchwörtern in den Top 10…

    Grüße

    Gretus

  3. @Gretus: stimmt. Und dabei habe ich die drei Beispiel-Foren eher zufällig ausgewählt, um einen „runden“ Überblick über deren Portfolio zu geben. Vermutlich haben auch die anderen Foren so gute Positionen.

    Dass sie bei „Schach“ und „Esoterik“ gut ranken, find ich jetzt nicht so krass. Beim Mega-Keyword „Abnehmen“ auf Platz 2 zu sein, ist aber schon eine Leistung (direkt hinter der Apotheken Umschau, und vor großen Marken wie FitforFun, Netdoktor und Weight Watchers, die vermutlich viel mehr Seo-Aufwand betreiben).

  4. In der Tat interessant. Aber ist es denn nicht so, dass Forenmitglieder seit jeher wenig bis gar nicht an Werbung interessiert sind, bzw. diese gar ablehnen? Und was ich mich dazu im Detail frage: Wie reagiert ihr denn auf das Thema social? Haben eure Foren Facebookpages/ Twitterkanäle etc. oder wie geht ihr damit um? Gruß. Ralf

  5. @Ralf: Generell bringen die User Verständnis auf, wenn man auf die kostenlose Nutzung des Forums hinweist oder auch auf Dinge wie Datensicherheit oder Features, die wir speziell für die User programmieren. Außerdem bemühen wir uns wie bereits im Interview erwähnt themenrelevante Werbung im jeweiligen Forum zu zeigen, so dass die User davon auch einen Nutzen haben können. Bezüglich Facebook und Twitter: Wir haben damit gerade erst gestartet z.B. http://www.facebook.com/Radforum und müssen selber erst mal sehen, wie sich das entwickelt. Gruß Tanja

  6. Wenn ich einen Rat zu irgendeinem Thema brauche, gebe ich bei Google eigentlich immer das Keyword „Forum“ mit ein. Allerdings sind die meisten Foren ziemlich leere Landschaften. Ich denke, das liegt auch am öden Design.

  7. Überall diese blöde Werbung.
    Fernsehen kann man schon nicht mehr schauen und jetzt auch noch alle Foren werbeverseucht. Danke

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