Dorfromantik Test – Carcassonne für Solospieler

Im Frühjahr 2021 sehnten sich viele nach Dorfromantik. Das war allerdings keinesfalls ein Urlaubstrend, sondern ein kleiner Überraschungserfolg auf Steam. Dabei handelt es sich um ein Spiel, das stark vom beliebten Legespiel Carcassonne inspiriert wirkt. Das Erstlingswerk des Berliner Studios Toukana Interactive erreicht zwar erst nächstes Jahr die finale Version, macht aber bereits jetzt einen sehr fertigen Eindruck. Ob das Spiel so entspannt ist wie der Name, verrät euch unser Dorfromantik Test.

Zen-Gaming für zwischendurch

Das Spielprinzip ist im Dorfromantik Test denkbar simpel. Wir starten mit einem hexagonalen Kärtchen in der Mitte und haben 40 weitere Karten, die wir nach und nach andocken. Während das Startkärtchen eine reine Grasfläche ist, bestehen die anderen Karten auch aus Häusern, Feldern, Bäumen, durch die sich auch Flüsse und Eisenbahnstrecken ziehen können. Oft sind mehrere verschiedene Geländetypen auf einer Karte und wir müssen sie möglichst so andocken, dass sich an den Schnittstellen identische Landschaftstypen verbinden. Wald mit Wald, Häuser mit Häuser, Felder mit Feldern, Gras mit Gras. 

Das ganze klingt nicht nur ein wenig nach dem Legespiel-Klassiker Carcassonne, es fühlt sich auch optisch sehr ähnlich an. Dafür sorgt die handgemalt wirkende, leicht seitliche Draufsicht. Nur sind die Felder hexagonal und die Landschaftstypen ziehen sich etwas bunter durcheinander. Oh, und wir müssen uns nicht mit anderen Spielern um Gebiete rangeln. Dorfromantik ist nämlich eine Einzelspielererfahrung, bei der wir uns weder um Mitspieler, noch Zeitdruck sorgen müssen. Wir haben dabei aber keine Entscheidungsgewalt über die nächste Karte, auch wenn wir zumindest die drei nächsten als Vorschau sehen.

Das klingt jetzt alles nach einem sehr entspannten Spiel. Das ist es eigentlich auch. Die entspannte Musik, die pastelllastige Farbpalette und das Spielprinzip eignen sich perfekt zum Runterkommen oder als Gaminghappen zwischendurch. Doch da gibt es auch noch diese böse Punktezahl in der oberen rechten Ecke. Diese unbarmherzige Quantifizierung unserer spielerischen Fähigkeiten steigt mit jeder gelegten Karte und spornt uns zu einem immer größeren High Score an.

Gehirnjogging für Highscore-Jäger

Als ich mir Dorfromantik kaufte, wusste ich, dass es auch ein Taktik-Spiel ist. Trotzdem war ich im Dorfromantik Test überrascht, wie viel Gehirnschmalz es mir dann doch abverlangt. Der Clou bei der Sache ist nämlich: Sind alle Karten gelegt, ist das Spiel vorbei. Nach 40 gelegten Karten wäre das Spiel also eigentlich vorbei. Allerdings gibt Möglichkeiten, unseren Kartenvorrat aufzustocken.

Manche Karten bringen euch zum Beispiel Quests. Diese erfordern dass die Karte Teil eines zusammenhängenden Gebiets wird das eine bestimmte Anzahl Felder, Bäume oder Häuser enthält. Manchmal erfordern sie mindestens eine bestimmte Zahl, manchmal aber auch eine genaue Anzahl. Die Quest kann scheitern, wenn wir sie an ein bereits zu großes Gebiet dran legen, keine Möglichkeit mehr besteht dieses Gebiet zu erweitern oder wir beispielsweise eine Karte mit 3 Häusern dranlegen, obwohl wir noch exakt 2 benötigen. Für jede abgeschlossene Quests gibt es 5 neue Karten. Einige Quests hinterlassen außerdem Fähnchen. Schließt man das Gebiet ab, sodass keine Teile des gleichen Typs hinzugefügt werden können, gibt es auch für jedes Fähnchen fünf weitere Karten.

Wichtiger als die Quests sind allerdings perfekt gelegte Teile. Das bedeutet, dass ein Feld an jeder Kante an den passenden Gebietstyp anschließt. Das gibt zwar „nur“ eine neue Karte, ist auf lange Sicht aber wichtiger. Denn für die Quests benötigt ihr in der Regel weitaus mehr als fünf Karten. Ohne perfekte Anordnungen gehen einem also bald die Karten aus. Außerdem gibt es für jede passende Kante 10 Punkte – also bis zu 60 Punkte pro Karte. Eine Quest gibt einen lediglich einen Bonus von 100 Punkten. Somit war ich im Dorfromantik Test also immer auf der Suche nach dem perfekten Platz zum legen.

Eine abgeschlossene Dorfromantik Partie mit neuen Highscore: 28710 Punkte
Der Highscore lockt. Das Spiel spornt zu immer besseren Layouts an, damit wir unsere Punktezahl nochmal verbessern. Screenshot by Stefan Reismann.

Genug Langzeitmotivation im Dorfromantik Test?

Im Spiel lassen sich enorm viele Stunden versenken. Die ersten Runden sind nach wenigen Minuten vorbei, doch je besser man wird, desto länger brauchen die Partien. Nicht nur meine Landschaften wurden immer größer, auch mein Spielverständnis änderte sich. Anfangs konzentrierte ich mich mehr auf das schnelle Abschließen der Quests, mittlerweile sucht mein Auge  vor allem nach perfekten Abschlüssen. Im Optimalfall findet man die passende Karte um ein Loch mitten in der sonst geschlossenen Landschaft perfekt zu füllen.

Mit wachsender Landschaft gibt es da immer mehr Kanten, an denen man probiert, ob das Teil denn genau passt. So vergehen auch mal Minuten, bis man eine einzige Karte legt. Manchmal ist es aber trotzdem besser, zumindest eine Quest abzuschließen und dafür eine nicht optimale Positionierung in Kauf zu nehmen. Vor allem Flüsse und Eisenbahnen machen einen das Leben schwer, weil sie weniger flexibel zu platzieren sind.

Etwas Steigerungspotential sah ich im Dorfromantik Test bei den Belohnungen. Wir spielen immer mal wieder neue Karten oder Biome frei, die die Welt optisch abwechslungsreicher machen, aber keinen spielerischen Mehrwert bringen. Hier wäre es toll gewesen, wenn besondere Gebäude in einer Stadt beispielsweise Bonuspunkte oder -Karten bringen, wenn sie perfekt umrahmt werden und das Landschaftsgebiet abgeschlossen wird. An sich lässt das Spielprinzip allerdings nur wenig Änderungen zu, ohne die feine Balance der einfachen Grundmechanik zu gefährden.

Kreativmodus für den Schönbau

Die Landschaften, die sich aus dem Legen der Karten ergeben, sehen auch sehr anschaulich aus, wenn man nicht alles so ganz perfekt legt. Trotzdem können gerade die etwas wirren Fluss- und Eisenbahngebilde das Auge etwas stören. Außerdem ist die Jagd nach dem nächsten Highscore nicht immer so entspannt, wie das Spiel auf den ersten Blick anmutet. 

Das von manchen erhoffte Zen-Gaming, das entspannte Spielen ohne irgendwelche Zwänge, bekommt ihr aber trotzdem in Form des Kreativmodus. An sich funktioniert es wie der klassische Modus. Wir haben einen Stapel an Karten, die wir nach und nach aneinander legen. Allerdings haben wir beliebig viele Karten können Karten auf dem Stapel überspringen oder mit der Pipette ein Kärtchen duplizieren. 

Zwar kann man leider keine Wunschkarten direkt auswählen oder zusammenstellen, wir können aber wir können unsere Landschaft auf bestimmte Biome beschränken und die Häufigkeit von Häuser, Wäldern und Co per Slider festlegen. Habt ihr im klassischen Modus ein Spiel beendet, könnt ihr die geliebte Landschaft übrigens in den Kreativmodus übernehmen..

Eine symmetrisch gestaltete Landschaft in Dorfromantik
Dorfromantik mit Zen-Gaming. Der Kreativmodus lädt dazu ein, symmetrische Fantasielandschaften zu erstellen. Screenshot by Stefan Reismann.

Fazit: Eigentlich ein perfektes Mobile Game

Ich hatte richtig Spaß im Dorfromantik Test. Manche Spielsitzungen wurden länger als ursprünglich geplant, weil es immer etwas gibt, dass man noch schnell abschließen möchte. Nach einer schwachen Partie hatte mich der Ehrgeiz außerdem auch gerne gezwungen einen neuen Versuch zu unternehmen, meinen High Score zu knacken. Selten hat ein so einfaches Spielprinzip so viel Raum zum knobeln gehabt.

Dass auch die Dorfromantik sicherlich auch mal für mich vorbei ist, macht dabei nichts. Für den geringen Preis von nicht einmal 10 Euro erhält man hier genug Stunden Spielspaß, dass es sich für mich mehr als gelohnt hat.

Ich hole mir das Spiel vermutlich sogar noch ein zweites Mal. Zumindest gibt es bereits Überlegungen, Dorfromantik auf andere Plattformen wie Switch und Mobilgeräte zu bringen. Obwohl ich eigentlich in erster Linie PC-Gamer bin, habe ich schon sehr früh den Gedanken gehabt, dass das Spiel perfekt für unterwegs ist. Die Grafik, das entschleunigte Tempo und das Prinzip des Kartenlegens eignen sich einfach perfekt für Gelegenheitszocker und Touchscreens. Bis dahin werde ich es aber sicherlich noch einige Male am PC spielen und mich ärgern, dass die Uhr mal wieder viel zu schnell geht.


Image by Toukana Interactive

Stefan Reismann

Das Internet ist sein Zuhause, die Gaming-Welt sein Wohnzimmer. Der Multifunktions-Nerd machte eine Ausbildung zum Programmierer, entdeckte dann aber vor allem die inhaltliche Seite für sich. Nun schreibt er für die Netzpiloten und betreibt nebenher einen Let's Play-Kanal, auf dem reichlich gedaddelt wird.


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