Das Ende der Publikation

Es rauscht mächtig im Bloggerwald. Und auch der Strom der professionellen Bedenkenträger bekommt langsam einen Spin in Richtung Kakophonie. Die Diskussion, welche Auswirkungen der endlose Datenfluss im Netz hat, scheint das Ideologische selten zu verlassen. Das Bildungsbürgertum sieht den Humanismus in Gefahr – zumindest dessen Deutungshoheit. Mit Blaulicht und Rettungswagen fahren die semantischen Sanitäter durchs Netz und bringen Ordnung ins Getümmel. Aber was war nochmal das Problem?

Sigmatik ist der Teil der Zeichenlehre, der aus Zeichen Daten bildet. Daten sind potenzielle Informationen. Sie haben also eine Anlage in sich, eine Auskunft zu geben. Was eine Auskunft ist, entscheidet die aktuelle Situation und der Fragende selbst. Massenmedien haben diese Aufgabe für den Leser übernommen und aus vorgefertigten Agenturbausteinen und einem durchschnittlichen Anteil von 25-30% selbst recherchierten Geschichten Informationspakete zu Produkten gebündelt. Aus diesen Bündeln wurde in dem Moment eine Publikation, als tausendfach Kopien auf einen möglichst großen Raum verteilt wurden. Auch wenn keine einzige Zeitung gekauft wurde, galt das Gesamtpaket als publiziert.


Wer heute seine Meinung bei twitter, auf facebook oder in einem blog online stellt, der schert sich nicht um die Verteilung. Er hat auch nichts gebündelt. Das Zauberwort heißt PULL. Die Leute finden die Information über eine Suchmaschine oder besuchen die Seite, weil sie den Autor kennen, das Blog schon mal irgendwann gelesen haben und gut fanden.

Das Internet ist also ein Bahnhofskiosk. Wer reingeht, der findet sehr viel Angebote. Aber sie sind selten nach Themen geordnet. Das hat einen Grund. Der überwiegende Teil des Netzes besteht aus dem Willen, seine Sicht auf die Welt zu verfestigen. Der Fluß der Information ist eine Lawine aus manifesten Meinungen. Dass im Web zu allem Überfluß weniger eine Leserschaft als ein paar Freunde oder gar nur ein Bekannter angesprochen wird, stimmt nur zum Teil. Es ist eher so wie die gute alte englische Tradition der Soapboxings. Im Hyde Park darf jeder sonntags einen Vortrag seiner Wahl halten und zwar an der Speakers’s Corner. Denn viele Leute im Web nehmen nicht nur billigend in Kauf, dass andere ihre Ergüsse lesen, sie wünschen es sich sogar. Wer wünscht sich keine Anerkennung? Aber das ist dann keine Publikation. Der Vergleich mit den Massenmedien hinkt. Dabei kommt weniger der Gemeinplatz des Broadcastings zum Tragen, der noch Rundfunkanstalten und gedruckte Presse einte – 1:n. Telefon rechnet man nicht zur Publikation weil es direkte Kommunikation ist, die nicht aufgezeichnet wird (naja, manche zeichnen sie schon auf – Schlapphüte zum Beispiel).

Es wäre an der Zeit, mal darüber nachzudenken, ob es ausreicht, indirekte Kommunikation und Archivierung als Kernkriterium für den Begriff Publikation zu nutzen. Denn dann wäre es bald zuende mit der schönen Welt der Publikation. Und auch die lustige historische Anekdote, dass Öffentlichkeit im Caféhaus entstand, ist ja eher ein Treppenwitz als Ausweis historischer Präzision. Die Publikation ist tot. Es lebe die Publikation.

Daten sind potenzielle Information. Wenn ich irgendetwas bei twitter in den Äther schicke, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es irgendwo auf fruchtbaren oder unfruchtbaren Boden fällt. So arbeiten übrigens auch die investigativen Journalisten 2.0 mit twitter. Etwas ins Netz zustellen ist insofern einfach eine Momentaufnahme von einer der vielen möglichen Realitäten, die im Code der Schrift repräsentiert wird. Je nach Kontext und Leser wird daraus eine Bombenstory, eine Scheidung, eine Buchidee, ein Grund den Job zu wechseln oder zu verlieren etc. pp.

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)


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