CD des Sommers 2010 – NUFA: das Wetter ist schön heute

Ich bin ja mit DAF, KFC und Fehlfarbens Monarchie und Alltag sozialisiert worden. Insofern war Ideal, Nina Hagen oder gar Nena für uns eher eine Strafe. Ideal hatte mit Effjott noch viel Glück. Als dann deutsche Texte über die Fantastischen Vier wieder salonfähig wurde, ahnte ich Schreckliches. Bands wie Juli, Wir sind Helden oder Silbermond hatten das Schreckliche vollständig erfüllt. Aber es gab ja noch die Sterne und Tocotronic zum Ausgleich.

Aber Rettung naht. Zwei Songs im Radio reichten, um mich zu amazon zu treiben und heute ist das Ding in meinem CD-Player. Sommermusik pur. Manchmal überschreitet es fahrlässig diese und jene Grenze des guten Geschmacks. Immer wenn es nicht bemüht ist, hat es Stil. Am Ende hat man wunderschönen Songs gelauscht, atmosphärischen Krach gehört und dem wilden 70er und 80er Jahre Exzess der Effektgeräte eine Seite abgerungen, die schon tot schien. Man experimentiert wieder – ohne Samples. Endlich. Die bis in den letzten Click hinein perfektionierten Arrangements der amerikanischen Studios hat man sich als Negativbeispiel genommen und einfach Musik produziert und nicht Produkte auf einen Markt hin optimiert. Ort, Farbe Stimme etc., Glitzer und in müden haben das Zeug zu großer Berühmtheit. Genau genommen noch mindestens drei weitere Stücke. Prädikat: Sehr empfehlenswert. Diese Band ist offenbar ein besonderer Wein, der langsam reift und dann zum Jahrhunderttropfen wird. Man wünscht den Jungs aber doch, dass jemand beim finalen Mastern einfach alles mit viel Fingerspitzengefühl durch eine der schönen Kisten von Universal Audio schickt. Aber das ist Jammern auf sehr hohem Niveau, das in Deutschland lange Jahre nicht im Ansatz erreicht wurde. Allererste Sahne. Meine persönliche CD das Jahres schon jetzt!

NUFA nehmen DAF, Durutti Column, Fehlfarben, Wishbone Ash, Sterne und Einstürzende Neubauten an die Hand und führen sie zurück auf das Wesentliche:
Unsichtbare Kraft. Absichtslose Leidenschaft. Der Hang zu Nebengleisen.

Kaufen das Ding, wer immer auf ein Crossover zwischen Rock, Indie, Krach und sentimentalen Texten steht. Ach ja, manche Songs sind zeitweise übrigens süß wie Sirup, das passt und ist weit entfernt von Krach. Macht nichts. Die Texte reißen es eh raus.

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)


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