Big Brother 2020 – Social Media Extreme

Seit dem 10. Februar ist Big Brother wieder zurück. Nach einem missglückten Comeback-Versuch auf dem kleinen Sender Sixx und besserem Erfolg mit dem Promi-Ableger, gibt es zum 20-jährigen Geburtstag des Kult-Formats eine frische Staffel im klassischen, linearen Fernsehen. Bereits im Vorfeld sorgte die Staffel mit ihrem provokanten Slogan „Was ist ein Mensch wert?“ für viel Kritik. Hinter der Frage steht ein neues Feature von Big Brother 2020, das Social Media-Mechaniken ein wenig auf die Spitze treibt.

Wer im Glashaus sitzt, wird mit Steinen beworfen

Bei Big Brother 2020 gibt es zwei verschiedene Häuser. Bereits in früheren Staffeln, beziehungsweise im Promi-Ableger, hat man bereits mit zwei Bereichen gespielt, von denen einer gerne deutlich luxuriöser war. Dieses Jahr haben beide Bereiche ihre Vor- und Nachteile.

Das Blockhaus ist eine relativ klassische Big Brother-Erfahrung. Wie der Name es schon verrät, ist es eher gemütlich, aber auch einfach gehalten. Möchten die Bewohner mehr als die Basisration an Lebensmitteln, müssen sie etwas dafür tun. In der ersten Woche ist es, ein Unterstand fürs Holz zu bauen. Das bringt also gleich doppelt was. Das Holz ist trocken und es gibt zusätzliche Lebensmittel. Außerdem gibt es im Blockhaus Hühner, die sehr beliebt bei den Bewohnern sind.

Im Glashaus hingegen ist Luxus angesagt. Hunger müssen die Bewohner nicht leiden und ebenso keine Spiele bestreiten, um sich irgendwas zu verdienen. Das Haus verfügt sogar über einen kleinen Roboter und einen Fitness-Raum. Angenehmer ist das Leben im Luxus aber nicht zwingend. Die Bewohner im Glashaus bekommen nämlich jeden Tag vorgehalten, wie sie von den Zuschauern bewertet werden.

In der Eröffnungsshow überraschte, dass sich viele Bewohner für das Blockhaus entschieden. Vor allem die Hühner waren für die meisten der Grund, auf den Luxus zu verzichten. Vielleicht war es aber auch eine erste Angst davor, schlecht beim Zuschauer anzukommen, wenn sie sich gleich für das Leben in Saus und Braus entschieden.

Social Ranking in Big Brother 2020

Bewohner zu bewerten ist eigentlich nichts Neues bei Big Brother. Schließlich entscheiden seit jeher die Zuschauer, wer aus dem Haus rausfliegt. Die Bewohner im Glashaus bekommen bei Big Brother 2020 den Spiegel aber förmlich ins Gesicht gedrückt.

So bekommen die Bewohner jeden Tag ein aktuelles Ranking zu sehen. Dort sehen sie die Beliebtheit aller sieben Bewohner des Glashauses und ihre Entwicklung zum Vortag. Ebenfalls bekommen sie Kommentare angezeigt. Sowohl einen positiven Kommentar, als auch einen negativen.

Schon jetzt sieht man den Ansatz von Neid auf die beliebten Personen oder dass Bewohner auf negative Kommentare nicht ganz so gut reagieren. Es wird spannend, ob die Bewertungen mit der Zeit stärker zusetzen oder ob die Bewohner irgendwann ein dickes Fell entwickeln. Vielleicht gibt es sogar eine Person, die lange Zeit Everyones Darling ist und plötzlich an Beliebtheit verliert. In diesem Fall kommt es mit Sicherheit zu Gewissensbissen.

Big Brother 2020 verschenkt Potential

So spannend das Konzept von Big Brother 2020 ist, so laienhaft wirkt es dann doch wieder umgesetzt. Und dabei meine ich nicht nur die etwas dürftige Kandidatenauswahl für einen Pool aus angeblich 14.000 Bewerbungen. Mal ehrlich, ein paar bodenständige Menschen hätten da auch gut reingepasst. Stattdessen wirken fast alle Kandidaten wie eine Reise durch Reality Soaps und Social Influencer. Aber gut – arbeiten wir einfach mal mit dem, was uns Big Brother anbietet und leben damit, dass die Männer fast alle Fitness-interessiert sind und das Thema Sex schon gleich am ersten Tag dominiert.

Aber auch bei der Präsentation der Bewertungen versagt Big Brother 2020 ein wenig. Warum das gleichmäßige Zeigen eines positiven und schlechten Kommentars? Lieber ein gefühlter Querschnitt, der vielleicht auch als eine Art Collage präsentiert wird, wo der Bewohner einfach mal das gesamte Feedback so richtig schön in die Fresse bekommt. Wenn negatives überwiegt, dann muss das auch so deutlich werden.

Außerdem ist Twitter bei Trashformaten wie Big Brother 2020 eine der wichtigsten Social Media-Plattformen. Viele Sendungen profitieren regelrecht davon, dass man sich nebenbei über die Tweets amüsiert und fleißig mitmacht. Nehmt die verdammten Tweets und zeigt sie inklusive des Autors! Stattdessen nimmt Sat.1 Kommentare aus der App und zeigt sie in sehr steriler und recht anonymer Form. Mit Tweets hätten die Zuschauer das Gefühl, als Community stärker eingebunden zu werden. Nutzt das doch!

Weiter verschenkt Big Brother 2020 Potential durch das Fehlen eines 24/7 Livestreams. Was man früher problemlos hinbekommen hat, ist im Jahr 2020 offenbar zu kompliziert. Ein Armutszeugnis auch Die Begründung durch Sat.1. Der Sender schreibt in den FAQs, dass sie das größte Online- und Social-Media-Paket in der Big Brother-Geschichte geschnürt hätten und es deshalb keinen Livestream braucht. Dabei macht die Internetseite zu Big Brother 2020 einen eher erschreckend dünnen Eindruck.

Gescheitertes Newtopia daran Schuld?

Vielleicht verzichtet der Sender aber auch auf einen 24/7 Livestream, um sich vor einem Debakel wie 2015 bei Newtopia zu schützen. Newtopia war ein ebenfalls von John de Mol entwickeltes Format, dass Big Brother auf ein neues Level heben sollte. 15 Menschen, ein abgegrenztes Areal und darauf eine leere Halle, ein Stall mit 2 Kühen und 25 Hühner. Gas- und Wasseranschluss aber sonst NICHTS!

Der Clou: Mit 5.000 Euro Startguthaben und einem Handy durften sich die Bewohner alles organisieren, um sich eine neue Existenz aufzubauen. Es war spannend zu sehen wie anfangs noch am Feuer gesessen und gekocht wurde und nach und nach Baumaterial, ein Ofen und mehr in die neue Gesellschaft kam. Keine künstlichen Challenges, sondern die Aufgabe Newtopia Stück für Stück selbst aufzubauen und eigene Geschäftsmodelle zum Erhalt zu überlegen. Sogar Gäste konnten für Veranstaltungen aufs Gelände.

So gut wie in den Niederlanden lief es in Deutschland jedoch nicht. Schon zu Beginn war das Interesse am neuen Format eher gering. Auch fiel Zuschauern auf, dass einzelne Kameraausfälle recht auffällig kamen, wenn sich die Bewohner mal versammelt haben. Einmal vergaß Sat.1, die Kameras auszuschalten, als es vom Team „Anweisungen“ gab, wie sich die Bewohner doch am besten zu verhalten hätten. Damit war für viele Zuschauer das Format endgültig abgehakt.

Die Entscheidung bei Big Brother 2020 auf einen 24/7 Livestream zu verzichten könnte eine Folge des ebenfalls auf Sat.1 ausgestrahlten Formats sein. Dabei wäre ein Livestream ein wichtiger Teil für die Glaubwürdigkeit einer solchen Sendung, selbst wenn nur ein Bruchteil der Zuschauer den Livestream nutzen würde. Das sind aber genau die Personen, die Big Brother 2020 auf Social Media befeuern und damit indirekt für mehr Sichtbarkeit sorgen.

Big Brother 2020 zum Scheitern verurteilt?

Das Grundprinzip der Jubiläumsstaffel ist ja durchaus spannend. Die Bewohner direkt mit dem Feedback zu konfrontieren, ist eine psychologische Komponente mit viel Potential.

Doch zum einen ist die Umsetzung mit fehlendem 24/7 Livestream und verschenkter Einbindung von Social Media noch etwas halbgar, zum anderen ist die Wahl der Kandidaten etwas zu trashig dafür, dass man den Trash nicht so kunstvoll und selbstironisch auf die Spitze treibt wie beim Dschungelcamp.

Big Brother 2020 wird es schwierig haben, das Publikum über 100 Tage zu unterhalten. Aber mit Promi Big Brother im Hinterkopf hat Sat.1 sicherlich noch ein paar Gemeinheiten in der Hinterhand, um das Geschehen in den beiden Häusern zwischendurch nochmal gehörig aufzumischen.

Big Brother für Zuhause gibt’s mit Sims 4 – und das 24/7 (Provisionslink)


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Stefan Reismann

Das Internet ist sein Zuhause, die Gaming-Welt sein Wohnzimmer. Der Multifunktions-Nerd machte eine Ausbildung zum Programmierer, entdeckte dann aber vor allem die inhaltliche Seite für sich. Nun schreibt er für die Netzpiloten und betreibt nebenher einen Let's Play-Kanal, auf dem reichlich gedaddelt wird.


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