Assassins Creed: Valhalla Test – Zwischen Frühmittelalter und Frühreif

Im Assassins Creed: Valhalla Test geht es nach Assasssins Creed: Syndicate aus dem Jahr 2015 erneut nach England. Dieses Mal jedoch nicht zur Viktorianischen Zeit, sondern im Frühmittelalter. Auch sind wir diesmal als Wikinger eher ungewollte Gäste auf der Insel, obwohl wir NICHT NUR zum Plündern gekommen sind.

Doch Wikinger und Assassinen? Passt das denn überhaupt zusammen? Wir haben uns durch England und Norwegen gekämpft und dabei den ein oder anderen Stein der riesigen Welt umdreht. Im Assassins Creed: Valhalla Test verraten wir euch, ob sich Ubisoft mit dem neuesten Ableger einen Platz an Odins Tafel verdient hat.

Ein Spiel mit toller Atmosphäre

Assassins Creed: Valhalla lässt einem angenehm leicht ins Setting finden. Es geht direkt los mit einem großen Wikinger-Festmahl, dass einen gleich mit ins Setting reißt. Das finde ich besonders wichtig, da die Wikingerzeit für viele weniger vertraut ist. Je schneller man eine Verbindung zur Kultur bekommt, umso besser.

Das Spiel macht sich dabei aber genau wie Crusader Kings 3 (unseren Test findet ihr hier) die Fernsehserie „Vikings“ zu Nutzen. Die erfolgreiche Serie machte die Geschichte des Wikingerhelden Ragnar Lodbrok und seiner Söhne weltweit bekannt. Auch im Assassins Creed: Valhalla Test stolpern wir schnell über diese Namen. Die Söhne Ragnars sind zu der Zeit schließlich dabei, große Teile Englands zu erobern. Gerade bei Ivar merkt man aber, dass nicht einfach aus der Serie kopiert, sondern eine andere Interpretation des „Knochenlosen“ gewählt wurde. 

Doch nicht nur die Erwähnung vertrauter Namen schafft Stimmung. Auch sonst weiß das Worldbuilding zu überzeugen. Auch wer wenig Erfahrung mit Wikingern hat, lernt schnell, dass es hier keine Hörnerhelme gibt und die Langhäuser ein wichtiges Zentrum eines jeden Wikingerdorfes sind. Außerdem gefällt mir, dass einige altnordische Wörter in der – übrigens recht gelungenen – Synchronisation verwendet werden. So wird statt Magie von „Seiðr“ gesprochen, in den Untertiteln aber entsprechend „Magie“ verwendet. Dadurch versteht man zwar alles, bekommt aber auch einiges von der alten Sprache mit.

Auch die angelsächsische Kultur bekommt man mit, die schließlich für den Hauptcharakter Eivor ebenfalls etwas fremd ist und Eivor sie nicht immer versteht. Meist aber zumindest besser als andere Wikinger.

Ein Kampf in Assassins Creed Valhalla, wo durchaus auch mal ein Kopf fliegt
Achtung, fliegende Köpfe! Assassins Creed Valhalla ist stimmig inszeniert. Dazu gehören natürlich auch recht brachiale Kämpfe.

Mann oder Frau? Du hast die Wahl

Apropos Eivor: Wie schon beim Vorgängerspiel Assassins Creed: Odyssey, haben wir die freie Wahl beim Geschlecht. Diesmal geht es sogar noch einen Schritt weiter, da der Charakter in beiden Fällen Eivor heißt und durch zwei überlagerte „Datenströme“ in der übergeordneten Animus-Geschichte jederzeit die Möglichkeit besteht, das Geschlecht zu wechseln.

Das geht natürlich nur, weil es an der Geschichte wenig ändert. Egal ob wir einen Mann oder eine Frau spielen, die Dialoge und was wir erleben, sind am Ende identisch. Das Setting bietet sich dazu auch wunderbar an. Die Wikingerfrauen waren in vielen Bereichen tatsächlich gleichberechtigter, führten mitunter Schiffe und Krieger an. Auch was Frisuren, Tätowierungen, und Rüstungen angeht, gibt es keine wirklichen Unterscheidungen.

Gesprochen sind beide Eivors hervorragend, die weibliche Version im Deutschen von Maria Koschny, die unter anderem Jennifer Lawrence in den Tributen von Panem ihre Stimme geliehen hat. Ich hatte anfangs einen männlichen Eivor gewählt, mich dann aber durch den weiblichen Hauptcharakter in der Animus-Geschichte schließlich doch für Eivor als Frau entschieden.

Wozu noch Assassins Creed?

Gerade mit Assassins Creed: Odyssey machte Ubisoft einen größen Sprung in Richtung Rollenspiel. Und mit Assassins Creed: Valhalla geht man diesen Weg glücklicherweise weiter. Zugleich verliert sich aber die übergeordnete Story immer mehr. Die Spiele sind nämlich im Kern eine Matrix-ähnliche Simulation, in der die Protagonistin in das Leben einer Assassinenpersönlichkeit schlüpft. Nach den ersten Teilen war ich gespannt, ob es irgendwann auch einen Teil komplett in der Moderne geben könnte, wo die Fähigkeiten aus dem Animus sich in der Realität beweisen müssten.

Mittlerweile ist diese Geschichte aber immer bruchstückhafter und irgendwie auch überflüssig geworden. Nicht dass sie jemals bahnbrechend war, aber sie hatte Potential gehabt etwas Größeres zu werden. Nun ist sie mehr oder weniger eine Randnotiz. Auf der einen Seite freut es mich, dass die Atmosphäre nicht so stark durch ständige Digitalisierungseffekte der Umgebung gestört wird. Doch der letzte Rest wirkt dadurch umso mehr wie ein unnötiger Ballast.

Klar, der Name „Assassins Creed” ist halt eine bekannte Marke, aber für mich täte Ubisoft gut daran, sich davon zu lösen. Übermäßig viel hat Assassins Creed: Valhalla im Test nicht mehr mit Assassinen zu tun. Es gibt die Bruderschaft, wir haben auch die Möglichkeit zu meucheln, aber an sich passt Assassinentum und Wikinger nicht so wirklich zusammen.

Hätte man sich komplett von der Marke losgelöst, hätte man noch einige Freiheiten mehr gehabt und hätte sich statt des verbliebenen Assasssinen-Inhalts etwa noch mehr auf die Kampfausbildung der eigenen Krieger konzentrieren oder ein paar andere Kulturelemente noch weiter in den Vordergrund rücken können.

Eine riesige Welt – und dann kommt England

Die Entwickler*innen von Ubisoft Montreal haben Erfahrungen mit dem Erschaffen riesiger Welten. Dazu zählen neben über 10 Teilen der Assassinensaga auch die Reihen Far Cry und Watch Dogs. Trotzdem ist es immer wieder beeindruckend zu sehen, welchen Umfang diese Welten annehmen.

Im Assassins Creed: Valhalla Test sind wir vorerst “nur” in Norwegen unterwegs. Allein dort gibt es mehrere Städte und Dörfer und eine weitreichende Gebirgslandschaft, welche die Fjorde malerisch einfasst und dessen Gebirgsspitzen nur darauf warten, von uns erklommen zu werden. Allein hier kann man viele Stunden verbringen, wenn man auch einige der Geheimnisse ergründen will. Und dabei sind einige Regionen noch ein wenig zu gefährlich für uns.

So richtig öffnet sich die Welt aber erst, wenn es uns nach „Englaland“ treibt. England ist nämlich noch eine ganze Ecke größer und führt uns nicht nur in verschiedene Reiche mit unterschiedlich ausgeprägter Kultur, sondern auch in drei größere Städte: London, Winchester und York. Verglichen mit anderen Städten der Reihe, fallen diese aber eher blass aus. Das liegt aber auch am Setting, da London beispielsweise gerade erst wieder in den Ruinen der einst römischen Stadt aufgebaut wurde.

Norwegen und England sind übrigens nicht die einzigen Gegenden, die ihr im Verlauf des Spiels besucht. Im Assassins Creed Valhalla Test gab es im Verlauf der Geschichte auch noch die ein oder andere kleine Überraschung. Auch für Freunde vom Fotomodus in Spielen bietet die Welt einfach zahlreiche beeindruckende Landschaften.

Hraefnathorp – Mein eigenes Dorf

Mit der Ankunft in Englaland, errichten wir auch schon gleich unser eigenes Dorf mit dem Namen Hraefnathorp (Dorf der Raben). Dies ist nicht nur ein wichtiger Ankerpunkt für unseren Charakter, sondern lässt sich auch über den Verlauf des Spiels ausbauen.

Beim Ausbau sind wir auf bestimmte Bauwerke beschränkt, zu denen mit steigender Siedlungsstufe neue hinzukommen. Die Ressourcen für den Ausbau unserer Stadt bekommen wir neben dem Fortschritt der Hauptstory durch das Plündern von Klöstern. Die Gebäude haben einen festen Platz und wir dürfen lediglich ein paar Dekorationen selbst bestimmen. Dennoch eröffnen sich im Dorf immer mehr Möglichkeiten und man gewinnt einige Charaktere im Dorf über die Zeit richtig gern.

Einige Gebäude geben nur Buffs, andere, wie die Fischerhütte oder das Museum, auch neue Nebentätigkeiten. Am wichtigsten ist an dieser Stelle aber die Bruderschaft der Verborgenen, das euch mit den Assassinenmissionen ordentlich was zu tun gibt und euch ein Stück weit zurück zu den Wurzeln der Assassins Creed-Spiele führt. Aber auch die Seherinnen-Hütte bringt euch einige interessante Nebenquests.

Brachial aber im Assassins Creed: Valhalla Test nicht immer dreckig genug

Was erwartet man sich von einem Wikingerspiel? Natürlich muss es da ordentlich krachen. Assassins Creed war nie ein kindertaugliches Spiel, schließlich wurde schon immer fleißig gemeuchelt. Aber mal ehrlich: Als Wikinger wollen wir nicht die feine Klinge schwingen, sondern Äxte, Schwerter und Hämmer. Die bekommen wir zum Glück auch angenehm brachial inszeniert. Während ein Age of Conan seiner Zeit noch trotz FSK18 in Deutschland bei den Finishern zensiert wurde, fliegen im Assassins Creed: Valhalla Test die Köpfe nur so herum und Speerträger werden effektvoll von ihren eigenen Waffen an den Boden getackert.

Doch so brutal die Kämpfe inszeniert sind, so zurückhaltend ist man in anderen Bereichen. Da ist das kriselnde Ehepaar, dass nicht mehr richtig in „Stimmung“ kommt, seit sie nicht mehr auf Raubzügen sind. Wir müssen ihr Haus erst anzünden, damit sie in Fahrt kommen. So wirklich Fahrt wollte man in der Darstellung dann aber doch nicht aufkommen lassen. Auch war ich etwas verblüfft, als ich zwar die Optionen für „Nacktheit“ eingestellt hatte, aber ein „Nudistenlager“ sich überraschend bedeckt hielt. Zur Sicherheit vergewisserte ich mich, dass ich die Option wirklich angehakt hatte.

Insgesamt wirkt es gelegentlich ein wenig pubertär. Das Spiel versucht immer wieder versaut oder schlüpfrig zu sein, tönt dabei kräftig rum, kichert kindisch, aber ist nicht konsequent genug. Aber vermutlich wollte man es sich eben auch nicht mit der amerikanischen Prüderie verderben. Dabei bleibt aber doch immer wieder Atmosphäre liegen, wenn die Auflösung nur auf ein frühpubertäres Kichern abzielt.

Auch sonst sind viele Begegnungen in der Welt eher für das kurze Kichern gedacht und brechen damit auch mal mit der an sich authentischen Spielwelt. 

Ein Wikinger mit einer Axt im Kopf redet mit uns.
Ja, der Mann hat eine Axt im Kopf. Auch wenn der Humor mancher Weltbegegnungen die erwachsene Fassade zerkratzt, musste ich da doch etwas schmunzeln.

Noch mehr Rollenspiel

Wie schon mehrfach erwähnt, ist Assassins Creed mittlerweile durchaus als Action-Rollenspiel zu verstehen. Dafür sorgt nicht nur der immer stärkere Fokus auf die Geschichte, sondern auch das Gameplay. Zwar hat Assassins Creed: Valhalla kein Charakterlevel im klassischen Sinne, dafür aber einen Stärke-Wert. Mit jedem „Levelup“ erhaltet ihr 2 Punkte, die ihr in einen sehr umfangreichen Talentbaum investieren könnt, um damit euren Stärkewert zu erhöhen.

Sehr zielgerichtet lässt sich aber ohne Hilfe nicht skillen. Zwar gibt es drei grundlegene Zweige mit unterschiedlichen Schwerpunkten, aber man kann nicht ersehen wo welche Spezialfähigkeit auf einen wartet und Boni auf Nahkampf, Fernkampf, schleichen und Co erhält muss man unabhängig des eigenen Fokus dennoch hier und da mitnehmen.

Dazu kommen noch weitere Sonderangriffe für Fern- und Nahkampf, die wir über in der Welt versteckte Wissensbücher finden und mittels Adrenalinpunkten im Kampf einsetzen können.

Bei den Sammelorgien macht das Spiel allerdings einen guten Schritt nach vorne. Die Karte ist übersichtlich mit Markern zu Schätzen und kleinen Weltereignissen gespickt, die sich allerdings vergleichsweise dezent halten. Die Schätze müssen außerdem oft erst in versteckten Kellern entdeckt werden und die Ereignisse in der Welt sind oft mit kleinen Rätseln oder Geschichten verbunden. Nur das hinterherjagen von Pergamenten für neue Tätowierungen ist ein bisschen nervig mit der Zeit.

Angenehmer ist da, dass es nicht übermäßig viele Rüstungssets gibt, die wir dafür aber upgraden und quasi durch das ganze Spiel mitnehmen können. Diese Verbundenheit zur Ausrüstung würde ich mir in mehreren Rollenspielen wünschen. Ja, ich rede auch mit dir, Cyberpunk 2077, der du mich immer in unpassende Kleidung zwingst, weil die Werte dort besser sind!

Der Umfangreiche Fertigkeitenbaum im Spiel
Im Laufe des Spiels könnt ihr über 300 Punkte in Fertigkeitenbaum versenken. Wirklich viel Einfluss hat es bis auf einige speziellere Skills nicht.

Fazit: Die Bequemlichkeit von Ubisoft

Leider bemerkt man im Assassins Creed: Valhalla Test immer wieder, dass die Spiele gewissermaßen Fließband-Spiele sind. Es ist durchaus beeindruckend, in welcher Frequenz der französische Publisher ein Assassinen-Spiel nach dem anderen auf den Markt bringt, jedes mit einer riesigen, offenen Welt.

Auf dem ersten Blick hat das Spiel alle Zutaten für einen echten Blockbuster: Neben der riesigen und größtenteils sehr ansehnlichen Welt, übernimmt die Reihe immer mehr Rollenspieltugenden und erzählt auch eine durchaus spannende und umfangreiche Geschichte. Auch einige Nebenaktivitäten und Begegnungen in der Welt sind richtig stimmig und sorgen für langen Spielspaß.

Man spürt aber trotzdem, dass Ubisoft nicht nochmal so viel Zeit in seine Spiele steckt, um auch noch die letzten 20 Prozente rauszuholen. Die Welt als ganzes ist spektakulär, doch im Detail unterscheiden sich die Dörfer wenig voneinander. Die Geschichte ist im Ansatz toll und fängt die Wikingeratmosphäre gut ein, die Animation und Mimik ist aber dennoch etwas steif. Manche Begegnungen in der Welt sind ganz amüsant, aber fast schon etwas zu oft vom Humor drüber und weniger fein inszeniert wie etwa in Cyberpunk 2077 oder Red Dead Redemption 2. Und obwohl das Spiel Dialogoptionen bietet, fehlt meist die Konsequenz.

Das ist insgesamt wirklich schade, weil ich immer wieder das immense Potential des Spiels spüre. Natürlich braucht der letzte Feinschliff eines Spiels immer vergleichsweise viel Zeit. Aber so ist Assassins Creed: Vallhalla „nur“ ein gutes Spiel, dass aber das Potential für noch viel mehr besitzt. Gespannt bin ich trotzdem, wie es weitergeht. Im zweiten DLC wird es mit Paris nämlich noch eine richtig fette Stadt als Handlungsort geben. Und selbst bis dahin warten noch einige metgeschwängerte Spielstunden auf mich.


Images by Stefan Reismann

Stefan Reismann

Das Internet ist sein Zuhause, die Gaming-Welt sein Wohnzimmer. Der Multifunktions-Nerd machte eine Ausbildung zum Programmierer, entdeckte dann aber vor allem die inhaltliche Seite für sich. Nun schreibt er für die Netzpiloten und betreibt nebenher einen Let's Play-Kanal, auf dem reichlich gedaddelt wird.


Artikel per E-Mail verschicken