Anonymous – harmlos?

Die Operation Facebook, bei der anonymous einen Angriff auf die Datenkrake Facebook am 5.11. 2011 realisieren wollte, ist ausgefallen. Offenbar war es nur ein einzelner Aktivist, der dies ohne ausreichende Rückendeckung der Community, losgetreten hatte. Facebook war schon im vorhinein gelassen, weil es im Netz kaum Beifall zu der Aktion gab. Überhaupt scheint sich diese weitgehend selbstorganisierte Bewegung nur zu fokussieren, wenn es wirklich um etwas Ernstes geht. So ist an diesem Wochenende der Staat Israel bzw. dessen Sicherheitsbehörden Ziel von Attacken der Hacktivisten geworden. Das war ein Protest gegen die israelische Blockade der Schiffe mit Hilfsgütern für Gaza. Einige Server von Ministerien und des Geheimdienstes waren vom Netz. Offiziell war die Ursache ein technisches Problem. In den deutschen Medien wurden schon einige Stimmen laut, dass die Expertise in der Bewegung gering sei und deren größte Gefahr in der Überschätzung ihrer Möglichkeiten läge. Denn facebook blieb ungehacked und mit der mexikanischen Mafia hatte man sich offenbar eine zu große Nummer geangelt. Denn sie zog mit einem enormen Drohpotenzial gegen die Hacker ins Feld. Aber auch immer mehr Behörden nehmen diese Bewegung zum Anlaß, um Freiheiten der Nutzer im Netz zu limitieren. Offenbar hält nicht jeder anonymous für harmlos. Besser ist das.

Denn die relativierenden Meinungen in den Medien unterstellen, dass Einzelfälle, die nicht genug Leute mobilisieren oder Themen, die falsch angegangen werden repräsentativ für anonymous seien. Nun, in einer heterogenen Gruppe sind immer divergierende Ansichten und Absichten am Werk. Im Grunde ist so eine extreme Differenz zwischen den Aktionen ein Zeichen dafür, dass unter Umständen wenig oder wenig erfahrene Leute mitmachen. Das bedeutet jedoch nicht, dass man damit den Ansatz und das Potenzial der gesamten Bewegung einschätzen kann.

Im Kern steckt hinter anonymous der Versuch einer außerparlamentarischen Kontroll- und Exekutivinstanz. So haben nicht wenige angefangen, die später mit einem höheren Organisationsgrad aus dem Schatten getreten sind.

Festzuhalten bleibt, dass gerade Israel als Land mit besonders hohem Grad an Expertise in Sachen IT und Internet durch die Protestaktion von anonymous in einer Weise lächerlich gemacht wurde, die entweder die Relevanz der Hacktivisten in Sachen Webexpertise extrem erhöht hat oder Israel auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt hat. Wahrscheinlich ist beides. Allein die letzte große Aktion DarkNet, wo anonymous zusammen mit Leuten von Mozilla eine Kinderporno-Community lahmlegte, zeigt deutlich, dass ein Relativieren nicht angebracht ist. Keiner weiß, wer in welchem Umfang dort mittut. Es bleibt zu hoffen, dass selbstgerechte Aktionen eingedämmt werden. Der 5.11. war eigentlich ein Tag, der den Beweis erbracht hatte…

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)


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