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Überwachung, macht nichts?

Katharina Große, Tinka genannt, schreibt in ihrer Kolumne über den digitalen Wandel in unserer Gesellschaft. In diesem Artikel schreibt sie, wie sich Überwachung anfühlt.

Surveillance (Bild Jonathan McIntosh [CC BY-SA 2.0], via Flickr)

Die Enthüllungen von Edward Snowden haben uns allen gezeigt, dass wir in unserer sich stets mehr digitalisierenden Gesellschaft ständig überwacht werden. Die Bundesregierung spielt die Überwachung herunter, doch allein die Unsicherheit überwacht werden zu können, beeinflusst uns schon und verändert unser Verhalten. Überwachung bedroht nicht nur unsere Bürgerrechte, sondern ist auch eine psychische Bedrohung.

Liebe Sophie,

sitze gerade in Deutsch. Mordslangweilig mal wieder, die gute Frau. Feueralarm wäre gut, oder Bombenübung oder so. Habe die letzten 10 Minuten das Eichhörnchen draußen beobachtet – ist jetzt auch weg – schade. Schreibe ich halt dir – schön. Fahre das Wochenende nach Bremen. Wurde aber auch Zeit. Fernbeziehung ist sowas von nervig. Ich kann mich schon überhaupt nicht mehr konzentrieren. Du siehst, ich brauche dringend ein wenig zwischenmenschliche Wärme sonst lauf ich noch Amok – haha ;)

Anyways, ich habe mal ein Foto von mir beigelegt. Aber Vorsicht, ist nicht jugendfrei, haha ;) Meinst du, ich kann das so anziehen? (Hab natürlich auf der Zugfahrt was drüber. Lol! Das wäre ja noch schöner, obwohl, vllt bräuchte ich dann kein Ticket ^^)

Na gut, ich muss mal wieder interessiert gucken. So langsam fällt es auf, dass ich mehr schreibe als die gute Frau sagt. Bringe die Kladde nachher zur Post. Ich hasse dich übrigens zutiefst dafür, dass du dir die ganzen hotten Franzosen angelst und dafür billigend in Kauf nimmst, dass unsere geliebte Kladde ständig in irgendwelchen Poststationen rumliegen muss ;P Komm bald wieder! Dämlicher Austausch!

Hugs & Kisses! Tinka <3

„Willst du mich verarschen? Wie, der Umschlag war auf?“

„Ok, und das war nicht dein Gastbruder? Der war auf und ist wieder zugeklebt worden? Ach mit nem Aufkleber vom Staatsschutz sogar! Spinnen die eigentlich? Bin ich jetzt Terrorist, oder was?“

„Komm, du verarscht mich doch! Oh f***. F***. Und das Foto?“

„Ist noch da? Gut! … boah, aber das heißt ja nichts. Argh, Sophie, stell dir doch mal vor, dass die sich das angeguckt haben!“

„Wie wer? Ist doch egal! Irgend so ein ekeliger Beamter oder so! Bah, stell dir das bitte mal vor. Oh f***, vielleicht hat der sich das kopiert. Hallo, stell dir das bitte mal vor!“

„Wie, die dürfen das? Bist du durchgedreht? Was bitte geht DIE an, was ICH DIR schreibe?“

„Ja man, natürlich treff‘ ich den nicht. Ist doch egal. Was würdest du denn sagen? Schick doch gleich mal ein Foto von dir hinterher, das die Herren sich an die Wand pinnen können.“

„Ja, siehste!“

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Katharina GroßeDer Text ist fiktiv, aber er könnt genauso gut echt sein. In meiner Schulzeit gab es unzählige Kladden, die zwischen meinen Freundinnen und mir hin und her gingen. Hätte ich nur kurz daran gedacht, dass eventuell jemand Unbekanntes mitliest, wäre das eine Katastrophe gewesen.

Besprichst du wirklich alles mit deinen Freunden in der Öffentlichkeit, so dass jeder mithören kann? Guckst du nicht manchmal auch auf der Toilette, ob wirklich alle Kabinen unbesetzt sind? Machst du nicht auch manchmal eine Tür zu? Oder ein Fenster? Hast du keine Gardinen in deiner Wohnung?

Hast du? Dann betrifft auch dich, wie Deutschland und die Welt auf PRISM, Tempora & Co. reagieren.
Na komm, Tinka, wir wissen doch alle, das alles, was man über facebook, Whatsapp etc. schreibt sowieso quasi öffentlich ist. Darf man eben nichts Persönliches schreiben.

Aha, so sehen wir das also? Und wie bitte kommunizierst du dann heute mit deinen Freunden? Per Brief? Und wenn Briefe gelesen werden, dann eben nur noch, wenn ihr euch trefft – im Park, nachts, wenn keiner mithören kann?

Und was ist mit deinen Fotos beim Online-Dating und den ganzen Nachrichten, die du per Whatsapp noch schnell vor dem Einschlafen schickst?

Erinnere dich an den Aufschrei, als auf einmal persönliche FB-Nachrichten auf Pinnwänden landeten, wegen irgendeines Bugs. Sollte ja nicht so schlimm sein, wenn du eh davon ausgehst, dass alles öffentlich ist, was du so im Internet mit Freunden austauschst. War aber schlimm, und zwar, weil persönliche Nachrichten persönlich sind. Privatsphäre ist ein Menschenrecht. Sind wir bereit, das einfach so aufzugeben?

Ok, es ist nicht toll, wenn Geheimdienstmitarbeiter meine persönlichen Gespräche mitlesen, aber immerhin schützt uns das vor Terror.

Es stimmt, durch das Auswerten von gesammelten Daten werden Terroranschläge verhindert. Laut NSA über 50 insgesamt weltweit. Welche und wie viele Daten dabei halfen bleibt unklar. Auch ist unsicher, ob die unvorstellbar große Masse an Daten, die gesammelt wird, wirklich hilft, nutzlos ist für die Terrorbekämpfung oder sogar hinderlich. (Anja Seeliger fasst die Diskussion gut zusammen und verweist auf relevante Quellen.)

Fakt ist aber, dass jede Menge ungefährliche Durchschnittsbürger überwacht werden. Ihre privaten Konversationen werden gelesen, gespeichert, ausgewertet.

Das Forum Privacy macht klar, dass jeder Algorithmus fehlerhaft ist und regt das Gedankenexperiment an, sich vorzustellen, dass nur einer von einer Millionen Fällen fehlerhaft wäre (Quelle). Wenn die NSA wie angenommen monatlich 500 Millionen Anrufe, SMS, Mails und Chatnachrichten aus und nach Deutschland auswertet, dann werden pro Monat selbst bei dieser absurd niedrigen Fehlerrate 500 völlig irrelevante Nachrichten erfasst, 17 pro Tag.

Und es sind nicht nur die Verfasser dieser 17 Nachrichten, die an jedem Tag neu auf die Liste der Überwachten gelangen, sondern auch deren Kontakte und Gesprächspartner. Von nun an wird auch ihre Kommunikation überwacht. Sowieso verdächtig und damit auf jeden Fall überwacht wird, wer seine Nachrichten verschlüsselt.

OK, dann trifft es ab und an eben die Falschen, aber so richtig schlimm ist das auch nicht. Wir leben immerhin in einer Demokratie, was soll da schon groß passieren.

Ja, wir leben in einer Demokratie. Hier wird niemand gefoltert, wenn er gegen die Regierung protestiert und wir dürfen unsere Meinung frei äußern.

Hast du eigentlich von Daniel Bangert gehört, der mit Freunden zum Dagger Complex laufen wollte, einem NSA Standort in Deutschland? Seine Facebook-Einladung rief die amerikanische Militärpolizei auf den Plan. Der deutsche Staatsschutz kam vorbei.

Und wie geht es einem eigentlich, wenn nach einem Tweet plötzlich die Polizei vor der Tür steht? So geschehen im Rahmen der Diskussion um Gustl Mollath.

Politische Meinung kommt in den Verdacht, zum schwarzen Block zu gehören. Sie stört. Einzelfälle, natürlich. Was aber hat es für Auswirkungen auf uns, wenn diese Möglichkeit besteht? Poste ich noch Links auf Aljazeera-Artikel? Traue ich mich wirklich noch zu schreiben, was mich am TV-Duell der Kanzlerkandidaten gestört hat?

Wie geht es weiter, wenn wir unseren Unmut weiterhin für uns behalten? Dass aus demokratischen Staaten ziemlich schnell weniger demokratische werden können, hat Ungarn gezeigt. Und auch in einer der ältesten Demokratien der Neuzeit ist es scheinbar möglich, dass Journalisten als Terroristen gelten und Zeitungen in ihren Kellergewölben Daten zerstören müssen.

Laut Hannah Beitzer ist die jüngere Generation schwer dazu zu bewegen, sich für oder gegen etwas einzusetzen und auf die Straße zu gehen, denn „[s]ie leb[t] eine halbwegs erträgliche Gegenwart, ha[t] jedoch ständig eine unsichere Zukunft vor sich. […] Angesichts dieser Gemengelage halten viele doch lieber still, anstatt an Ort und Stelle radikal aufzubegehren.“

Liebe alle, es ist nicht eure Zukunft, die hier auf dem Spiel steht, es ist unsere Gegenwart 

Die Freiheit, das zu sagen, was man denkt; jeden Fernsehsender zu gucken – und dort auch Programme, die sich politischer Satire widmen; die taz zu lesen oder eben die FAZ; Tumblrs zu starten wie „Pofalla beendet Dinge“ oder „Ude holding things„; sich beim Bier darüber aufzuregen, wie dämlich Politik ist, oder wie ätzend der neue Nachbar – all dies ist in Gefahr, wenn wir uns mit einer totalen Überwachung abfinden.

Wenn wir jetzt nicht zeigen, dass es uns reicht, dann wird weiterhin so getan, als wäre das alles gar nicht so schlimm und halb so wild. Es geht hier um unsere Privatsphäre, um unsere Freiheit! Wenn uns die egal ist, dann können wir gleich unsere Gardinen abnehmen und unsere privaten Nachrichten öffentlich aushängen.

Überzeugt! Was jetzt?

Es gibt zwei Möglichkeiten, aktiv zu werden: Selbstverteidigung und Veränderungsdruck. Sich selbst durch Verschlüsselung zu schützen scheint wichtiger denn je, immerhin feiert die Regierung selbst schon Crypto-Parties. Es gibt allerdings auch Stimmen, die Verschlüsselung für zwecklos oder nicht praktikabel halten (Quelle; Quelle: PDF) Das ist ein zu facettenreichen Thema, um es hier kurz abzuhandeln. Ich werde mich hoffentlich in meinem nächsten Beitrag damit beschäftigen.

Und ganz ehrlich, wo leben wir denn? Sind nicht wir der Souverän in unserem Land? Ist es nicht unsere Demokratie? Wir müssen unseren Volksvertretern klarmachen, dass wir unzufrieden sind und dass wir erwarten, dass sie sich um diese Angelegenheit kümmern. Das schaffen wir, indem wir gegen die Resignation kämpfen, die sich verbreitet: Es wird doch eh alles überwacht. Nütz doch nichts, sich einzusetzen. Ich habe doch eh nicht zu verbergen. Erklärt euren Freunden, Bekannten und eurer Familie, warum jeder von dem betroffen ist, was NSA, GCHQ und die anderen Geheimdienste treiben. Hier noch ein paar weitere Erklär-Links:

Wir müssen zu Demonstrationen gehen, auch wenn die umstritten sind. Wir sollten unseren Abgeordneten Briefe schreiben. (Wer ist mein Abgeordneter?)Wir sollten unsere Kandidaten für die Bundestagswahl fragen, wie sie zu dem Thema stehen und was sie zu tun gedenken. Wir können Petitionen zeichnen, auch wenn sie es eventuell nicht in die Parlamente schaffen. Auch ein offener Brief an Angela Merkel wartet noch auf Unterschriften.

Wenn wir von Geheimdiensten überwacht werden, ist das keine abstrakte Gefahr, genau so wenig, wie wenn fremde Leute unsere Post lesen. Mitzeichnen, nachfragen, hinschreiben und auf keinen Fall Resignation akzeptieren! Denn was bitte geht DIE an, was ICH DIR schreibe?


Teaserimage by Katharina Große.


Image by Jonathan McIntosh [CC BY-SA 2.0]


Die Kolumne von Katharina Große ist Ergebnis der Medienkooperation zwischen dem Lehrstuhl für Verwaltungs- und Wirtschaftsinformatik an der Zeppelin Universität (ZU) in Friedrichshafen und Netzpiloten.de.

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Katharina Große

(Tinka) arbeitet und forscht am Lehrstuhl für Verwaltungs- und Wirtschaftsinformatik an der Zeppelin Universität (ZU) in Friedrichshafen. Nach ihrem Bachelorstudium an der International Business School in Groningen in den Niederlanden absolvierte sie an der ZU einen Master in Politik- und Verwaltungswissenschaften. Tinkas Forschung konzentriert sich auf die Rolle des Bürgers in der digitalen Demokratie. Außerhalb von Deutschland hat Tinka schon in Frankreich, den Niederlanden, Kanada und Spanien gelebt und spricht die jeweiligen Sprachen. Momentan arbeitet sie daran, der Liste noch Arabisch hinzuzufügen. Tinka reitet, rudert, fährt Snowboard und ist überzeugter Werder-Fan.

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