This.cm: Limitierte Linkschleuder statt Instant-Inhalte

Während die großen Plattformen immer hermetischer werden, setzt der neue Dienst This.cm darauf, dass Nutzer Links auf andere Online-Angebote verbreiten. Egal ob Facebook oder andere soziale Netzwerke: am liebsten möchten die Macher, dass wir ihre Plattformen nie verlassen, um Inhalte anderswo im Netz zu rezipieren. Mit immer neuen Programmen und technischen Vorkehrungen steigern sie unsere Verweildauer, um Daten auszuwerten und Werbung zu präsentieren. Dieser Strukturwandel der Netzöffentlichkeit wird von Pionieren der Online-Kommunikation und den medialen Verlierern im Kampf um Aufmerksamkeit beklagt. This.cm rückt nun den Link in den Mittelpunkt seines Angebots.

Zuletzt war es die Facebook-Initiative für Instant Articles, die das Publikum in helle Aufregung versetzte: Der Gigant gestattet kooperierenden Medienunternehmen Artikel nicht nur als Links mit Vorschau-Text zu publizieren, sondern in Gänze einzuspeisen. Die Kooperation beinhaltet darüber hinaus Absprachen bezüglich der Anzeigen im Umfeld dieser Artikel, sowie über den Austausch von Daten über die Leser betreffender Beiträge. Dieser Deal kann im Detail als unfair kritisiert oder aus medienethischen Erwägungen problematisiert werden. Zeit Online warnte gar vor der “Privatisierung der Meinungsfreiheit”. Nun scheint aber die Umsetzung des Vorhabens insgesamt nicht ganz so geschmeidig zu funktionieren, wie die Integration der externen Inhalte in den Newsfeed der Nutzer.

Vom Bücher- zum Fernsehinternet

Unabhängig davon trifft die deprimierende Diagnose zu, die Hossein Derakhshan stellt, nachdem er nach mehreren Jahren Haft mit der aktuellen Anmutung des Netzes konfrontiert wurde. Der Vater der iranischen Blogger-Bewegung schreibt:

Der Stream, mobile Apps und Bewegtbild, all das zeigt, dass wir uns von einem Bücherinternet hin zu einem Fernsehinternet bewegen. Wir scheinen uns von einer nicht-linearen Art der Kommunikation – Knoten, Netzwerke und Links – hin zu einer linearen mit Zentralisierung und Hierarchien bewegt zu haben.

Publiziert wurde der Beitrag zuerst bei “matter”, einer Publikation bei Medium.com. Matter Ventures ist wiederum ein Akzelerator für Medien-Startups. Dieser hat gerade mit anderen Akteuren die Finanzierung für die nächste Version eines vielversprechenden Projekts übernommen.

Weniger ist mehr

Bei This.cm handelt es sich um eine Ausgründung aus dem Verlag Atlantic Media, der nicht nur das US-Magazin “The Atlantic”, sondern unter anderem auch das innovative Online-Angebot Quartz herausgibt. Im Mittelpunkt von This.cm. steht, dass Nutzer jeweils einen Link teilen. Im Gegensatz zu den großen Plattformen und zu magazinartigen Anwendungen wie Flipboard oder Zite, geht es jedoch nicht darum, diesen dann möglichst nahtlos in das eigene Angebot zu integrieren. Darüber hinaus soll Qualität vor Quantität gehen. In einer Pressemitteilung wird der Anspruch so formuliert:This. is a curation platform for people passionate about journalism, art and entertainment. It allows users to find and share the best of the web by limiting each to sharing just one link a day.” Oder wie Gründer und CEO Andrew Golis im Firmen-Blog proklamiert: “This. is a great place to be a link.” Bedarf es gegenwärtig noch der Einladung, soll die Anwendung dann ab Herbst allen offen stehen. Um bis dahin einen ersten Eindruck zu erhalten, bekommen Interessierte, die auf der Warteliste für die Registrierung stehen, einen Newsletter mit täglich fünf “Editor’s Picks”. Wie sich in seinem This.-Profil nachlesen lässt, hat Golis dort übrigens einen Link auf “The Web we have to save” von Hossein Derakhshan geteilt.


Image (adapted) “Social Media apps”by Jason Howie (CC BY 2.0)


 

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Erik Meyer

Erik Meyer

ist Politikwissenschaftler und zu seinen Schwerpunkten zählen Erinnerungskultur 2.0, Netzpolitik und politische Online-Kommunikation. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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