Kamera Überwachung (Bild: nolifebeforecoffee [CC BY 2.0], via Flick)

Spyware: Das Geschäftsmodell der Überwachungsindustrie

Ein weiteres Überwachungsunternehmen ist in den Schlagzeilen – es verdient, wie der Rest der Branche, Geld an Machtmissbrauch und Repression. // von Annika Kremer

Kamera Überwachung (Bild: nolifebeforecoffee [CC BY 2.0], via Flick)

In einer ausführlichen Reportage berichtet das bekannte Blog Netzpolitik.org über das Unternehmen „Advanced German Technologies“ (AGT), ein „deutsch-arabisches Firmengeflecht“, das sich auf sogenannte „Lawful Interception“-Technologie spezialisiert hat. Unter anderem bietet AGT auch Internet-Überwachung und Trojaner an. Das ist keineswegs ein neues Geschäftsmodell: Schon seit Jahren gibt es ganze Fachmessen, auf denen die Abhör- und Sabotage-Spezialisten ihre Produkte präsentieren.


Warum ist das wichtig? Das Geschäft der Überwachungsindustrie findet im Verborgenen statt, dabei rechtfertigen die zweifelhaften Praktiken der Branche ein genaueres Hinschauen.

  • Abhören jeglicher Telekommunikation, Trojaner, vielfältige Überwachungselektronik – die technischen Möglichkeiten sind immens und weithin unterschätzt.

  • Die angebotene Technologie wird bereitwillig auch an repressive Regimes verkauft und erlaubt diesen beispielsweise ein gezieltes Vorgehen gegen Aktivisten.

  • Auch in demokratischen Ländern kommt es häufig zu Missbrauch derartiger Technologie und exzessiven Eingriffen in individuelle Freiheiten.


Eine Industrie im Schatten

Lange Zeit war der Öffentlichkeit kaum bewusst, dass es eine ganze Industrie gibt, die den Bedarf an Überwachungssoftware und verwandten Produkten professionell bedient, dass im Jahr mehrere Fachmessen in aller Welt stattfinden, auf denen sich die Überwachungsdienstleister treffen und voller Stolz ihre Produkte präsentieren, und dass sich Politiker entsprechender Ressorts gerne auf derartigen Messen über die technischen Möglichkeiten informieren. Erstes Licht ins Dunkel brachte die Whistleblowing-Plattform WikiLeaks im Jahr 2011 mit ihren „Spy Files„, von denen seitdem noch mehrere weitere Ausgaben veröffentlicht wurden.

Seitdem gab es weitere journalistische Veröffentlichungen zum Thema, wie zuletzt die von Netzpolitik.org, sowie einige weitere Leaks. Dennoch operiert die Überwachungsindustrie, wie es ihrer Natur entspricht, größtenteils im Verborgenen und es sind viele Details der Öffentlichkeit nach wie vor unbekannt.

Alle Arten von Überwachungstechnologie

Das Angebot der verschiedenen Überwachungsunternehmen ist umfangreich und vielfältig. Da ist zum einen natürlich die ganze Bandbreite an Überwachungssoftware, häufig auch als „Lawful Interception“-Software bezeichnet. Satellit, Mobilfunk, Internet, praktisch jedes Medium kann damit abgehört werden. Daneben gibt es die verschiedensten Varianten von sogenannten „Staatstrojanern“, also Schadsoftware, die von den Behörden auf den Rechner der Zielperson gespielt wird und es beispielsweise erlaubt, diesen fernzusteuern oder Daten direkt, bevor eine mögliche Verschlüsselung greifen könnte, abzugreifen. Und damit der Trojaner auch gut ans Ziel kommt, bieten einige Firmen – etwa das berüchtigte Schweizer Unternehmen Vupen – auch gleich noch die passenden Exploits (also noch nicht behobene Schwachstellen in Betriebssystemen und Programmen) zum Kauf an.

Neben Software wird teilweise auch noch spezielle Hardware angeboten. Von Hardware für Manipulation und Abhören von Mobiltelefonen (IMSI-Catcher und ähnliches) über Keylogger, die in Computertastaturen eingebaut werden und eingegebene Texte übermitteln, bis hin zu allen Varianten von Abhörwanzen findet sich auf den Abhörmessen Technik, an der auch James Bond seine Freude hätte.

Ein gefährliches Geschäft mit der Unfreiheit

Ist das milliardenschwere Geschäft mit Überwachung und „Lawful Interception“ harmlos? Keineswegs. Derartige Technologie gibt dem Nutzer eine erhebliche Macht über seine Mitmenschen und das kann selten gut ausgehen.

Einerseits ist es natürlich immer möglich, dass einmal im Umlauf befindliche Technologie in die Hände Krimineller gelangt. Besonders bei Software, die unter Umständen ohne physischen Zugang, ohne große Logistik und mit einem Minimum an Spuren erbeutet werden kann, ist dies ein Risiko, das sich nie ganz vermeiden lässt. Dass es kaum wünschenswert sein kann, wenn Banden IT-Krimineller neben ihren eigenen, teilweise schon durchaus potenten Trojanern auch noch die mit ungleich mehr Ressourcen entwickelten Varianten der staatlichen Überwacher in die Hände bekommen, liegt auf der Hand.

Daneben gibt es natürlich den Fall, dass die Nutzer der Überwachungssoftware zwar nach unseren Maßstäben Kriminelle sind, gleichzeitig aber Positionen als Regierungsmitglieder, ranghohe Polizeibeamte oder Generäle inne haben. Viele repressive Regime setzen zunehmend auf modernste Überwachungstechnologie, um beispielsweise gezielt gegen Dissidenten und Aktivisten vorgehen zu können. Viele Unternehmen der Überwachungsindustrie verkaufen auch solchen Staaten ihre Produkte nur zu bereitwillig. So machen sie sich mitschuldig an Repression, Folter und Mord. Kontrolliert oder sanktioniert wird das bislang kaum.

Aber auch in westlichen, demokratischen Ländern ist es durchaus besorgniserregend, wenn der Staat mit Abhörschnittstellen und Trojanern aufrüstet. Auch hier gibt es das Risiko eines Machtmissbrauchs, einer übertriebenen Einschränkung individueller Freiheiten. Durch ein Fehlen wirksamer Kontrollen gab es in diesem Bereich bereits einige gefährliche Exzesse – und es wird sie, wenn sich nicht einiges ändert, auch in Zukunft geben.

Angesichts dieser Bedenken ist die Überwachungsindustrie ein gefährlicher Akteur in der heutigen politischen Landschaft, noch dazu einer, der weitgehend im Verborgenen agiert und sich so einer Kontrolle größtenteils entzieht. Wir müssen versuchen, denjenigen, die in dieser Form an der um sich greifenden Überwachung verdienen, auf die Finger zu schauen, müssen fordern, dass sie zukünftig stärker kontrolliert werden. Nur so lässt sich dieses gefährliche Geschäft mit Unfreiheit und Machtstreben zumindest ein Stück weit in die Schranken weisen.


Teaser & Image nolifebeforecoffee (CC BY 2.0)


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Annika Kremer

Annika Kremer

schreibt regelmäßig über Netzpolitik und Netzaktivismus. Sie interessiert sich nicht nur für die Technik als solche, sondern vor allem dafür, wie diese genutzt wird und wie sie sich auf die Gesellschaft auswirkt.

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