Dollar, Diebe und Dateien: Ein Blick auf den Schwarzmarkt für Ransomware

Der Angriff der Ransomware “WannaCry” hat Regierungen und Unternehmen weltweit in Alarmbereitschaft versetzt. Allerdings existiert der Schwarzmarkt für Exploits und Software Schwachstellen mindestens seit den 1990ern. Der Austausch über diese Schwachstellen fing bereits in der Anfangszeit der Computer an, hauptsächlich mit Telefon “Phreaking”. Also dem manipulieren von Geräten für die Telekommunikation.

Dem Massachusetts Model Railway Club wird zugeschrieben, ab den 1960er eine Hacker-Subkultur beherbergt zu haben. Von da an entwickelte sie sich in einen globalen Markt für den Verkauf von Exploits und Exploit Kits. Darunter gehören Hacking-Tools wie Blackhole, Zeus und Spyeye, manchmal auch als „Script Kiddies“ bezeichnet, weil die benötigten Programmierfähigkeiten eher trivial sind und die Hacks mithilfe eines menübasierten Programms erstellt werden.

Der russische Markt für Kreditkarten, der sich in den 1990ern zunächst als Online-Forum für gestohlene Kreditkarten entwickelte, verwandelte sich in ein ausgeklügeltes Geschäftsunternehmen. Es ahmte legale Online Märkte wie beispielsweise Ebay nach – mit anderen Worten: Die Kriminellen kommerzialisierten ihr Geschäft. Die “Australian Communication Media Authority’s Spam Intelligence Database” zeigte, dass durch Spam verbreitete Malware, die die Fähigkeit hatten, Daten in ungeschützten Computersystemen zu sperren, Anfang 2012 auftauchte und sich ab 2013 verbreitete.

Der moderne Malware-Markt

Die Industrialisierung eines Marktes für Cyberkriminalität entwickelte sich mit dem Aufkommen von virtuellen Privatnetzwerken (VPN) und The Onion Router (TOR) in der Mitte der 2000er rasant. Der Comprehensive Report on Cybercrime der UNODC aus dem Jahr 2013 markierte die Wichtigkeit dieser Märkte bei der Verbreitung von kommerzialisierten Hacking-Tools. Der Bericht der RAND Corporation über den Hacker Bazaar aus dem Jahr 2014 stellte fest: „Die Schwarzmärkte wachsen in ihrer Größe und Komplexität. Der Markt für Hacker, einst eine vielfältige Landschaft von diskreten, direkt verfügbaren Netzwerken von Einzelpersonen, die ihr Ego und ein möglicher Ruhm antrieb, hat sich inzwischen in einen Spielplatz für finanziell motivierte, hoch organisierte und entwickelte Gruppen verwandelt. Schwarzmärkte und halblegale Märkte für Hacking-Tools, Hacking als Dienstleistung und deren Belohnung bekommen immer mehr Aufmerksamkeit, je mehr Angriffe und Angriffsmechanismen mit diesen in Verbindung gebracht werden.“

Der Gefahrenbericht des Australian Cyber Security Centre aus dem Jahr 2015 hebt die Entwicklung von Cyberkriminalität als Dienstleistung hervor, mit der Einführung von neuen Geschäftsmodellen für Cyberkriminelle und ihrer steigenden Verbreitung und Weiterentwicklung. Gavin Corn, der Staatsanwalt der Abteilung für Cyberkriminalität des FBI, beobachtete, dass die Vernetzung zwischen kriminellen Gruppen durch neue Verschlüsselungsanwendungen deutlich verbessert wurde: „Cyberkriminalität war davor nicht einmal Teil des organisierten Verbrechens und jetzt ist es der Inbegriff dessen.“

Die Entwicklung des Internets hat auch für das rasche Entstehen verschlüsselter und anonymer Technologie gesorgt. Der Wert dieses Schwarzmarktes wird heute auf mehrere hundert Millionen US-Dollar geschätzt. Laut Berichten wurden neuerdings Sicherheitslücken für bis zu 900.000 US-Dollar verkauft. Es werden noch höhere Preise für Sicherheitslücken in besser gesicherten Systemen wie beispielsweise das Apple iOS bezahlt, niedriger istb der Preis für ältere Betriebssysteme wie Windows XP. Der Markt beschäftigt sich auf gewisse Weise mehr mit Tests und Evaluationen als vor dem Kauf. Die Branche ist dem Geschäft für Kartenbetrug in dem Punkt ähnlich, als dass sie versucht, einen stabilen und zuverlässigen Service anzubieten, der zur weiteren Benutzung aufrufen soll.

Nicht nur der Schwarzmarkt ist Schuld

Wenn es auf die Effektivität der Produkte ankommt – wie dies bei Malware oder Ransomware der Fall ist – sind Unternehmen mit laschen Sicherheitsmaßnahmen besonders gefährdet. Legale Sicherheitstests durch Cyber-Sicherheitsfirmen und nationale Sicherheitsagenturen, die ihr digitales Arsenal für offensive Zwecke aufrüsten wollen, sind ebenfalls an der Wertsteigerung von Exploits schuld. Die geheime Beschaffung von Sicherheitslücken lässt viele Benutzer im Dunkeln über den “Bug” und verhindert die legale Jagd nach der Fehlfunktion.

Außerhalb des Netzes sollte jede Firma, die im Onlinemarketing arbeitet oder anderweitig vom Internet abhängig ist, ebenso eine Sicherheitsfirma sein. Eindringlinge, die es auf vertrauliche Daten oder Dienstleistungen abgesehen haben, sind jetzt normal und können das Vertrauen in ein Unternehmen zerstören. Ein herausragendes Problem sind ältere Computersysteme oder ältere Systeme, die nicht mehr vom Verkäufer unterstützt werden. Windows XP ist ein gutes Beispiel dafür und Exploits zielen immer öfter auf diese älteren Systeme. Man schätzt, dass die Hälfte aller Webseiten noch immer über das veraltete Http-Skriptformat laufen, statt über das besser gesicherte Https-Skript, das zugleich Industriestandard ist.

Das Erbe älterer Webseitenformate setzt alle dem Risiko aus, von Cyberkriminellen gehackt zu werden. Diese Kriminelle kapern Webseiten und erstellen Fake-Webseiten, um ihre Opfer auf diese umzuleiten. Die Opfer laden dann Trojaner und andere Malware unbewusst herunter. Die massenhafte Verbreitung der “WannaCry”-Ransomware macht die Verschiebung der von Spezialisten individuell auf einzelne Ziele erstellten Programme zur Fähigkeit, zahlreiche gefährdete Computer und Netzwerke zugleich zu befallen, deutlich. Zusammen mit der Schaffung von Botnets (ein Computernetzwerk, das auch ferngesteuert werden kann), die oft benutzt werden, um massenweise Spam-Mails oder Social-Media-Nachrichten zu verbreiten, steigt das Ausmaß dieser Ereignisse.

Diese Art von Angriffen wird im besten Fall als “Weapons of mass annoyance” (dt.: „Massen-Nerv-Waffen“) bezeichnet. Sie sind also störend, aber ziehen keine weiteren Konsequenzen nach sich. Allerdings sind kampagnenartige Angriffe dieser Art inzwischen leider normal. Diese sind in der Lage, gut gebaute Nachrichten zu verbreiten, die die Benutzer dazu bringt, gefährdete Webseiten zu besuchen und so bestimmte Dateien herunterladen, die ihre Daten verschlüsseln.

Bei anderen Angriffen können durch nicht gepatchte Bugs oder ältere Systeme versteckte Programme die Tastenanschläge aufzeichnen oder das Betriebssystem des Computers manipulieren. Der Begriff der “Digitalen Teilung”, dass also einige den Zugang zu bestimmter Technologie haben und andere nicht, trifft auch auf die Sicherheit zu. Konsumenten und Unternehmen, die die Vertrauenswürdigkeit ihres Onlineaustauschs immer wieder kontrollieren, werden vor eine echte Herausforderung gestellt. Denn Kriminelle können mit Leichtigkeit perfekte Kopien von bekannten und vertrauenswürdigen Unternehmen erstellen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Network“ by Martinelle(CC0 Public Domain)


The Conversation

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Roderic Broadhurst

Roderic Broadhurst

ist Professor für Kriminologie und Soziologie an der Australian National University in Canberra. Er forscht unter anderem zu organisierter Kriminalität, wie Cyberkriminalität oder Untergrundgesellschaften, und hat mehrere Studien zu Kriminalität in Entwicklungsländern durchgeführt.

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