Review: Die paranoide Maschine

buch19Nur eine neue Art der Logik kann den Computer als echte Hilfe für unser Denken nutzbar machen. Bisher sind die Datenmaschinen starrsinnig, nicht anpassungsfähig und zunehmend ineffizient. So lauten einige gut begründete Thesen des Buchautors Peter Krieg in seinem Buch „Die paranoide Maschine“.

“Die Gefahr der Computer besteht nicht darin, dass sie eines Tages so klug wie die Menschen werden, sondern darin, dass wir bereit sind, ihnen bis dahin auf halbem Wege entgegen zu kommen.“ Mit diesem weisen Satz beginnt ein spannendes Buch von Peter Krieg über die Hoffnungen und Illusionen rund um den Versuch, Intelligenz und Denken mithilfe von Technik umzusetzen. In “Die paranoide Maschine“ zeigt er auf, welchen Einflüssen und Erwartungen wir unterliegen, wenn Maschinen unser Problemlösen übernehmen sollen. Das Buch ist bereits 2005 erschienen, wurde aber bisher kaum beachtet. Den Einstieg wählt der Autor sehr leserfreundlich mit 10 Computerplagen wie “Computer sind starrsinnig“ oder “Computer können nicht ihre eigene Software schreiben“.

Das große Thema des Buchs verschließt sich jedoch hinter der großen Menge an Versatzstücken zu allen Themen der Postmoderne wie der Systemtheorie, Kybernetik zweiter Ordnung und dem radikalen Konstruktivismus: Es ist Kriegs Plädoyer für eine neuartige, mehrwertige Logik.

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Wir kannten bisher nur zweiwertige logische Systeme, die Aussagen in wahr und falsch eingruppieren konnten und auf diese Weise die Hierarchie (von der Wurzel zu den Ästen) als ordnendes Wesen hervorbrachten. Diese Architektur der formalen Logik ist Grundlage und zugleich Gefängnis des menschlichen Schöpfergeistes. Denn man geht immer von einem Axiom aus und schließt mit Hilfe strenger logischer Verfahren auf weitere Folgerungen. Die Axiome selbst können nicht hergeleitet werden. Dieses geschlossene System, bei dem der Anfang seltsam unbegründet in der “Luft baumelt“, ist die Grundlage aller Naturwissenschaften. Es ist das Verfahren, um Objektivität zu gewährleisten. Sogar Psychologen versuchen mit allerlei Tricks die vielgestaltige Welt der menschlichen Seele in objektive Strukturen zu drängen und klammern alles aus, was dem mechanischen Weltbild oder Formalisierung widerspricht.

Diese Verfahren lassen die akademische Sicht auf die Welt verarmen. Sie wird reduziert. Oder um es im Jargon der Postmoderne zu sagen: die Komplexität wird auf der Schlachtbank der Objektivität geopfert. Krieg nennt dies mono-logisch. Er setzt dieser reduzierten Perspektive die Gedanken von Heinz von Foerster und Gotthard Günther entgegen. Vor allem Letzterer versuchte sich an mehrwertigen logischen Systemen, um das Schwarz-Weiß-Bild der Objektivität zu erweitern.

Noch bekannter sind die Arbeiten von Gilles Deleuze zu diesem Thema. Noch spannender sollen die Arbeiten von Erez Elul zum Thema mehrwertige Logik sein, die das klassische zweiwertige System umfasst und sinnvoll erweitert. Elul erkennt das Problem des streng logischen Naturwissenschaftlers: „Er hat den Frosch als Ganzes in seine Teile zerlegt, aber die eigentliche Qualität des Frosches ging dabei verloren und lässt sich auch durch erneute Zusammensetzung seiner Teile nicht mehr wieder herstellen“. Elul nun versucht durch die Relation eines Gegenstands mit dem, was es offenbar nicht ist mehr auszusagen als nur A ist A und damit Nicht-B und auch Nicht-C. Er verlässt damit den alten Satz des „Tertium non datur“: Alles muss entweder A sein oder eben Nicht-A. Ein Drittes ist ausgeschlossen.

Erez Elul lässt zu, dass etwas beides sein kann. Für uns Alltagsmenschen ist das völlig klar, weil uns alles immer im jeweiligen Kontext erscheint. Die Naturwissenschaften verlangen sich selbst aber ab, alles zu reduzieren. Damit verlieren sie die Möglichkeit, komplexe Sachverhalte darzustellen. Peter Krieg lernt den jungen Israeli Elul kennen, der auf der Basis dieser neuen Logik ein Computerprogramm geschrieben hat. Er erklärt uns diesen neuen Schritt in eine echte Chance, mit Computern echte Komplexität mit dynamischen Datenbanken darzustellen und zu ordnen. Diese spannenden Gedanken werden dann leider nicht weiter ausgeführt. Was aber bleibt, ist ein kleines Guckloch in ein Universum außerhalb der verfahrenen und oft sinnentleerten Diskussionen um semantische Suchmaschinen, Wissensgesellschaft und Neues Denken.

Peter Krieg: Die paranoide Maschine. ISBN 3-936931-20-8. 205 Seiten. Preis: 16 €
Das Buch gibt es nur direkt beim dpunkt Verlag unter www.dpunkt.de. Leider ist es bei amazon nicht erhältlich.


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Jörg Wittkewitz

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)

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