Newsgame-Pioneer Marcus Bösch

Newsgames? Marcus Bösch über Spiele im Journalismus

Marcus Bösch möchte spielend Journalismus machen. Klingt nach uns, weshalb wir uns mal mit ihm über Newsgames unterhalten mussten. // von Lukas Menzel

Newsgame-Pioneer Marcus Bösch

Da dürfte auch die New York Times erstaunt gewesen sein, als sie feststellte, dass die erfolgreichste Geschichte im Jahr 2013 gar kein Artikel, sondern ein Newsgame war. Nur elf Tage brauchte das interaktive Quiz über Dialekte namens „How Y’all, Youse, and You Guys Talk.”, um zur meistgeschautesten Geschichte der New York Times im Jahr 2013 zu werden. Damit zeigte das Quiz eindrucksvoll, welches Potenzial in Spielen mit journalistischen Inhalten schlummert. Im Gespräch mit dem deutschen Newsgames-Pionier Markus Bösch haben wir uns über das Besondere an Newsgames, die Zukunft dieser und den Newsgames Hackathon unterhalten.

Lukas Menzel: Du hast das erste deutsche Newsgame „PRISM – The Game“ entwickelt. Woher kommt das Interesse an Newsgames?

Marcus Bösch: Ich habe zehn Jahre lang als freier Redakteur und Autor für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gearbeitet, war Moderator einer Radiosendung, hab ein kleines Magazin herausgegeben und multimediale Projekte betreut. Irgendwann ging es da nicht weiter. Alles immer so linear. Dann bin ich zufällig über den Begriff Newsgames gestolpert, hab da recherchiert, berufsbegleitend am Cologne Game Lab einen Master of Arts in Game Development and Research absolviert, an einem ersten Newsgameprototypen gearbeitet und dann ein Game Studio gegründet. The Good Evil konzipiert und entwickelt Spiele, die Inhalte vermitteln. Unter anderem auch journalistische.

Worauf kommt es dabei besonders an? Was sollte ein gutes Newsgame mitbringen?

Ein gutes Newsgame sollte den Spieler oder die Spielerin etwas erleben lassen und ihnen etwas zeigen, etwas klar machen, was sie vorher noch gar nicht wussten. Der Vorteil von Games liegt hier ganz klar im eigenen Erleben. Außerdem eignen sich Games perfekt, um Systeme zu verstehen. Etwas verkürzt: Ich kann ein Buch über Stadtplanung kaufen und lesen oder wilde, urbane Experimente bei SimCity anstellen. Das Letztere davon macht mehr Spaß und bleibt deutlich besser im Gedächtnis hängen. Vor allem, wenn man einfach mal die Straßen weglässt.

Gibt es Bereiche, in denen Newsgames nicht passen?

Nicht alles ist ein Spiel. Wenn ich ein Ticket am Bahnhof kaufen will, möchte ich nicht erst ein Spiel am Ticketautomaten spielen. Newsgames sind eine Ergänzung im Formatkasten des Journalisten oder der Journalistin. Sie sollten – genau wie alle anderen Medienformen – im Internet dann eingesetzt werden, wenn sie ihre jeweiligen Vorteile ausspielen. Und das heißt: Wenn Flugzeuge in Hochhäuser fliegen, ist ein Satz Text zunächst sicher das sinnvollere Medium. Das heißt allerdings nicht, dass sich Spiele nicht auch im Kontext Terror oder Epidemien einsetzen lassen, wenn sie zielführend im journalistischen Kontext einen Mehrwert bieten.

Was ist das Journalistische an Newsgames? Wie unterscheiden sie sich von anderen journalistischen Inhalten?

Newsgames sind – zumindest meiner Meinung nach – durch und durch journalistisch. Für sie gilt der gleiche Maßstab wie für alle anderen journalistischen Darstellungsformen. Der große Unterschied ist die Interaktivität. Damit eignen sich Newsgames perfekt für den digitalen Kontext, denn wir alle nutzen jeden Tag lauter Ein- und Ausgabegeräte. Und die können eben mehr, als Text, Ton und Bewegtbild darzustellen.

Newsgames werden inzwischen auch von Medienhäusern wie der New York Times und The Guardian entwickelt. Angeblich möchte BuzzFeed sogar ein eigenes Game-Studio für Newsgames eröffen. Was denkst du, in welche Richtung sich die Newsgames entwickeln werden? Und welches Potenzial haben diese noch?

Das gesamte Genre ist noch relativ jung. Newsgames gibt es gerade mal 12 Jahre. Genau wie bei digitalen Spielen generell sehe ich ein riesiges Potential, das noch lange nicht ausgeschöpft ist. Spiele sind dabei, das Leitmedium des 21. Jahrhunderts zu werden. Acht von zehn Deutschen zwischen 14 und 29 spielen laut einer BITKOM-Studie. Das wird den gesamten Bildungsbereich und weite Teile der Wirtschaft nachhaltig verändern. Journalistinnen und Journalisten wären schön blöd, wenn sie sich den neuen Möglichkeiten und Chancen – mal wieder – zunächst verschließen. Vielleicht hilft ein Blick auf das US-Militär. Denn da gibt es keinen einzigen Bereich mehr, der nicht auf Spiele zur Wissensvermittlung, Vorbereitung und Nachbereitung setzt. Aus ganz rationalen Kostengründen übrigens.

Du hast unter anderem den ersten Newsgames Hackathon in Europa mit veranstaltet. Wie zufrieden bist du mit dem Hackathon und was kann man da noch in Zukunft erwarten?

Der Hackathon im Mai hat Journalisten, Programmierer und Game-Designer aus ganz Europa zusammengebracht. Unter den mehr als 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmern waren Leute aus mehr als acht Ländern, u.a. von der Süddeutschen Zeitung, Wired UK, dem Guardian, El Pais, Le Monde, dem Missy Magazine, dem NDR und der Universität London und Glasgow. Unterstützt wurden wir u.a. von der Deutschen Welle, der NZZ und dem Forum Journalismus und Medien in Wien. Alle erstellten Prototypen kann man sich online auf unserer Website anschauen. Derzeit sprechen wir mit verschiedenen Partnern über mögliche Kooperationen für eine Fortsetzung 2015.

Am Donnerstag wirst du auf dem Reeperbahn Festival in Hamburg einen Vortrag halten, den wir als Medienpartner präsentieren. Worauf kann sich das Publikum freuen?

Ich werde Englisch sprechen, Priscilla das Schweinebaby zeigen und mindestens ein animiertes GIF mitnehmen. Dazu gibt es einen schnellen und fundierten Überblick zum Status Quo des Genres plus 2,5 Gedanken über die Zukunft. Auf Wunsch händige ich auch Sticker unseres aktuellen Games „Squirrel & Bär“ aus – gerade frisch für den Deutschen Kindersoftwarepreis nominiert.

Vielen Dank für das Gespräch.

Am Donnerstag wird Marcus Bösch auf der Konferenz des Reeperbahn Festival 2014 über Newsgames als Spieleform des Journalismus reden. Die Netzpiloten sind Medienpartner des diesjährigen Reeperbahn Festivals und präsentieren die Session „Journalismus zum Spielen – Eine Reise in die Welt der Newsgames„.


Teaser & Image by Guy Degen (CC BY-NC-SA 2.0)


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Lukas Menzel

Lukas Menzel

ist als Digital Native tagtäglich in den Weiten des Netzes unterwegs. Er berät als Teil der Becker-Banse Medien Unternehmen zu den Themen Social Media, Webdesign und Webvideo. Dazu leitet er das Online-Magazin Broadmark und ist auch auf Twitter zu finden. Bis März 2015 war er Teil der Netzpiloten-Redaktion.

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