Nach Gutenberg: Journalismus muss Sprachgrenzen überwinden

In einer globalisierten Welt stellen Sprachgrenzen die letzten Barrieren der Kommunikation dar. Besonders im Journalismus sind diese Hürden unsinnig, doch der Wandel fängt hier erst an. Wir wissen in Deutschland viel über die neuesten Innovationen in den USA, wie die Huffington Post, Buzzfeed & Co. den Medienwandel vorantreiben und sind gespannt auf die Pläne des Amazon-Gründer Jeff Bezos mit der Washington Post. Außerhalb des englischen Sprachraums kennen wir uns aber kaum aus, was vor allem an den fehlenden Sprachkenntnissen liegt. Doch auch in Brasilien, Polen und Schweden wird der Medienwandel vorangetrieben. Es wird Zeit über den sprachlichen Tellerrand zu schauen.

In einem unbekannten Land

Gazeta Wyborcza” – auf Deutsch “Wahlzeitung”, ist die größte überregionale polnische Tageszeitung und entstand als Ergebnis der Beratungen des Runden Tisches während der politischen Wende im Frühjahr 1989. Ein Stück polnischer Geschichte, ein Stück der medialen Zukunft in Europa. Wenn die Zeitung nicht nur Medienexperten bekannt wäre, doch die auf Polnisch erscheinende Tageszeitung ist hierzulande relativ unbekannt. Dabei lässt sich von ihr vieles Lernen.

Die Gründe für die Schaffung dieser Zeitung sind zwar schon lange Vergangenheit, doch noch immer ist die Gazeta Wyborcza eines der wenigen Medien in Polen, dem die Bürger vertrauen und das sich eine gewisse moralische Unabhängigkeit bewahrt hat. Die Zeitung traut sich noch eine Position zu und für andere Meinungen eine Plattform zu sein. 2010 hatte sich das Blatt zum Ziel gesetzt, 10.000 Ärzte durch die Berichterstattung darin zu schulen, menschlicher mit den Patienten umzugehen. Motto der Zeitung ist: „Uns ist nicht alles egal“. Solche Artikelserien werden stark bei den Lesern beworben, die pointierte, präzise und auch unterhaltsame Berichterstattung über Missstände kommt gut an und hat zum Teil Züge von Sozial-Kampagne. Für seine Reportagen ist die Zeitung berühmt.

Grzegorz Piechota, der Sonderbeauftragte für Neue Medien bei der Gazeta Wyborcza, dessen Büro gleich neben dem von Chefredakteur Adam Michnik ist, erklärte dazu in einem Interview im Deutschlandfunk: “Wir von der Gazeta glauben, dass Zeitungen eine größere Aufgabe haben, als nur Nachrichten zu verbreiten: Wir sind ein Baustein im demokratischen System und tragen Verantwortung für diese Gesellschaft. Wenn wir also der Meinung sind, dass beispielsweise das polnische Gesundheitssystem marode ist, tun wir etwas, um das zu ändern.” Wann haben Sie das letzte Mal von einer deutschen Zeitung gedacht, dass diese Verantwortung für unsere Gesellschaft übernimmt? Wann hat das jemand mal laut gefordert?

Be of the web, not on the web

Um Sprachgrenzen zu überwinden ist Mut gefragt, in Zeiten der globalen Vernetzung durch das Internet aber auch ein Verständnis für die neuen Möglichkeiten. Buzzfeed hat dieses Verständnis schon oft bewiesen. Die von Jonah Peretti gegründete Nachrichtenplattform ist keine Übersetzung der analogen Presse in das Digitale, sie ist durch und durch digital. Deshalb mag die Lösung des Problems mit den Sprachbarrieren im Journalismus beeindrucken und verwundern, aber nicht das Buzzfeed sie gefunden hat. Die Sprachschüler der Duolingo-Lernapp in Stücke zerlegte Artikel als Teil ihrer Aufgaben übersetzen zu lassen ist der ultimativste Schritt die Möglichkeiten des vernetzten Miteinanders im Rahmen neuer Lern- und Arbeitswelten zu nutzen.

Digitales Lernen ermöglicht orts- und zeitunabhängig sich fortzubilden. Bei den Aufgaben in den Duolingo-Übungen stellen die Übersetzungen aber nur ein Nebenprodukt dar, dass bisher kaum genutzt wurde. Die Arbeit der Schüler sinnvoll einzusetzen war das Ziel von Duolingo-Gründer Luis von Ahn, der schon einmal soviel Weitsicht bewies und in ähnlichen digitalen Gefilden wie Peretti denkt. Ahn hat die Captchas erfunden, die etwas verzerrt dargestellten Buchstaben im Anmeldebereich von Websites, mit denen menschliche Nutzer von Bots unterschieden werden. Auch diese Tipparbeit war vergebene Mühe. Bis Ahn für die Identifizierung der Captchas Buchstaben aus eingescannten Büchern nahm. Mit reCaptcha konnten gescannte Bücher schnell digitalisiert werden. Google kaufte das Unternehmen 2009 und digitalisiert damit rund zwei Millionen Bücher im Jahr.

Die Zukunft liegt hinter dem Tellerrand

Das Beispiel der Gazeta Wyborcza ist ein Plädoyer für den mutigen Blick in andere Richtungen. Nicht jede Innovation muss aus dem Silicon Valley kommen und gerade im Journalismus lohnt sich der Blick auf andere Medien in anderen Ländern. Ein so konservativer und einmaliger Zeitungsmarkt wie der deutsche Markt kann davon noch viel lernen. Überhaupt sollten Medien mehr Mut beweisen, neue Sachen auszuprobieren. Dabei muss aber die Ausgangslage ein Verständnis für das Digitale sein. Das etwas wie reCaptcha nicht im Heimatland von Goethe und Schiller erfunden wurde, in dem man heute noch stolz auf seine riesigen Bibliotheken ist, zeugt von der Innovationsfeindlichkeit und digitalen Rückständigkeit in diesem Land. Aber auch der Regionalität unserer Medien. Auch die Süddeutsche Zeitung und die Frankfurter Allgemeine Zeitung sind im Zeitalter des Internets nicht mehr als deutschsprachige Regionalpresse, die selten über den eigenen Tellerrand schauen. Dabei würde mehr Offenheit für internationale Entwicklungen und eine Beteiligung daran nützlich sein. Für uns und für andere.


Dieser Beitrag ist in der Netzpiloten-Kolumne zum Medienwandel „Nach Gutenberg“ erschienen.


Image (adapted) „Frontera Chile-Bolivia, Hito Cajón (4.480 m)“ by Nico Kaiser (CC BY 2.0)


 

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