Die Daumenkino-App Flip 7: Gewollte Flüchtigkeit zum Anfassen

Die App Flip 7 druckt aus Videos und GIFS nostalgische Daumenkinos. Der Trend zum Analogen wird damit um bewegte Bilder reicher. Unzählige Momente unseres Lebens geistern durchs Netz oder verstauben auf der Festplatte. Eine Masse an Fotos, Selfies, Schnappschüssen. Mit dem Erfolg von Shortvideos ist neuer Content hinzugekommen. Auf Plattformen wie Vine tummeln sich heute etliche Schlittenfahrten, Arschbomben und sonstige Schnipsel unseres Alltags. Bastien Allibert will solche Momente offline bewahren. Nur wie? Die Idee, Fotos zu drucken ist bekannt. Aber ein Video? Die Antwort liefert das Daumenkino.

Das Daumenkino ist eine alte wie simple Technik, um bewegte Bilder analog darzustellen. Durch den Stroboskopeffekt werden einzelne Stills zu einer fließenden Bewegungsabfolge. Damit gilt das Daumenkino auch als Vorläufer der Filmprojektion. Die Illusion der Bewegung erzeugt eine Magie der Unmittelbarkeit – man schaut zu, wie etwas passiert. Und wie das Daumenkino dem Video einst den Weg bereitet hat, kehrt Alliberts App Flip 7 diese Entwicklung wieder um – und druckt aus Videos und GIFs Daumenkinos.

Spieltrieb

Der 26-jährige Franzose Bastien Allibert kam vor vier Jahren nach Berlin um Teil der Gründerszene zu werden. Zuvor arbeitete er in der „Individualisierungsindustrie“ und entwarf Handy- und Laptophüllen nach Vorlage der Kunden. Customizing, das ist Alliberts Ding. Er mag Tools, mit denen Nutzer selbst kreativ sein können. „Das Cinemagramm zum Beispiel fasziniert mich. Aus künstlerischer Perspektive verändert so ein Detail die ganze Wirkung des Bildes.“ Der Trend zu animierten Bildern gibt ihm Recht. Die Leute spielen gerne, wie die Erfolge von .gram und .gif zeigen. „Wenn ich mir dann noch den Megatrend der Analogisierung angucke, dann bringt das Daumenkino das doch alles zusammen“, findet er und klingt ganz zuversichtlich.

Die Re-Analogisierung ist der Gegentrend zu all den digitalen Versprechungen. Unser Content ist immer schneller, größer und mobiler teilbar. Und dann? Ja was dann? Am Ende lassen wir doch die Lieblingsfotos ausdrucken und verschenken sie als Fotobuch. Oder wir wählen analoge Schallplatten, gegen die USB-Sticks lieblos und der Sache entfremdet wirken. Auch im Film gilt analog als charmanter. Diese Woche hat zum Beispiel Kodak eine analoge Super-8-Filmkamera vorgestellt, die mit nur ein paar digitalen Aufwertungen auskommt. Dass die Firma nach ihrer Pleite ausgerechnet mit so einem Liebhaberstück aufwartet, spiegelt die Zuversicht einer ganzen Branche in unsere fortwährende Retro-Liebe.

Das bewegte Bild

Als Allibert anfing, die App zu entwickeln gab es zwar schon Videoverarbeitungssoftware, aber nicht „die eine“, die auf alle Quellen und auf größere Datenmengen anwendbar wäre. „Aber der Content liegt heute nicht mehr nur auf der Festplatte. Sondern schwebt auf sämtlichen Kanälen im Netz, wie auf Vine, Facebook oder Youtube.“ Allibert, der Customizer, möchte das alles bündeln und auf einer Oberfläche bedienen. Und seine App Flip 7 heißt so, weil sie nicht maximal sechs, sondern bis zu 15 Sekunden Videomaterial zu einem Daumenkino, dem Flipbook schneiden kann.

Noch ist Flip 7 eine One-Man-Show. In Alliberts kleinem Berliner Atelier stehen Rechner, Drucker und Schneidemaschine. Seit Dezember hat er hier über 300 Daumenkinos zusammengeklebt. „Ich will kleine Schmuckstücke machen, die die Leute gerne anfassen“, mit gutem Papier und Ledereinband. 300 Aufträge im ersten Monat der Betaphase klingen vielversprechend, allerdings verzerrt das Weihnachtsgeschäft dieses Bild. Denn Babys erste Schritte als Daumenkino sind natürlich ein charmantes Geschenk. Ob aber auch jenseits von Weihnachten oder Geburtstagen die Leute ihren Content zu einem Daumenkino kuratieren wollen, wird sich zeigen.

Wenn man Allibert fragt, warum seine Idee funktionieren wird, dann sind es nicht nur der Erfolg von Shortvideos oder der Trend zur Analogisierung die ihn ermutigen. „Selbstgedrehte Videos haben für mich etwas Magisches“, sagt er. Hier gibt es Millisekunden, die ungeschminkt sind. Ein entglittenes Lächeln zum Beispiel kann als solches erkannt werden. Die Natur des Videos beziehungsweise des bewegten Bildes lässt also Raum für Zwischentöne. Ob flüchtige Blicke, liebevolle Gesten oder Slapstick – solche Nuancen können am besten in der Bewegung transportiert werden. Und es ist die Bewegung selbst, die eine Pointe überhaupt erst möglich macht. Diese Magie könne man mit dem Daumenkino jederzeit offline erzeugen. So wie das aktuelle Lieblings-GIF immer wieder angeklickt wird, weil die Pointe immer noch funktioniert.


Teaser & Image by Flip7


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Laura Selz

Laura Selz

hat Literaturwissenschaft und Politik studiert und an der Deutschen Journalistenschule das Handwerk gelernt. Als freie Autorin für Hörfunk und Print berichtet sie über Gesellschaft und Politik, u.a. für den BR, die SZ und den Münchner Merkur. Sie kommt aus Hamburg, lebte in Spanien und wohnt heute in München. Im Oktober geht sie als Herbert Quandt Stipendiatin nach Israel und Palästina.

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