Flexibilität der Arbeitswelt: Müssen wir unsere Modelle hinterfragen?

Flexibilität schien bisher das neue Zauberwort in der Arbeitswelt zu sein. Unternehmen überbieten sich geradezu damit, ihren Mitarbeitern immer mit immer flexibleren Angeboten entgegenzukommen. Modelle dafür gibt es mittlerweile viele, von Homeoffice über Jobsharing bis hin zu Zeitkonten. Denn, so die Theorie, das räumliche und zeitliche Entkoppeln von Arbeit, macht Mitarbeiter glücklicher.

Doch sind flexible Arbeitsmodelle wirklich immer die beste Lösung? Tim Weitzel, Professor für Wirtschaftsinformatik an der Universität Bamberg, hat da so seine Zweifel. „Wenn es um Flexibilität geht, stellen wir die völlig falschen Fragen“, sagt Weitzel im Netzpiloten-Interview. „Anstatt zu schauen, welche Jobs wir im Homeoffice erledigen können, sollten wir herausfinden, welche Aufgaben wirklich flexibel bearbeitet werden können.“

tim_weitzel (Image by Tim Weitzel)
Tim Weitzel setzt sich für flexiblere Aufgabeneinteilung ein. (Image by Tim Weitzel)

Homeoffice als Karrierekiller?

Flexible Arbeitsmodelle taugen seiner Meinung nach nur dann etwas, wenn sie die Aufgaben besser und schneller lösen und für die Mitarbeiter tatsächlich hilfreicher sind. Auch Unternehmen merken langsam, dass die Entkopplung der Arbeit von Raum und Zeit nicht immer die beste Lösung ist – auch wenn die Technik es uns erlaubt. So hat IBM in einer großen Aktion jüngst all seine Mitarbeiter aus dem Homeoffice wieder ins Büro geholt.

Denn das Arbeiten von Zuhause hat auch viele Nachteile. Das ergab auch eine Umfrage von Tim Weitzel unter verschiedenen Unternehmen, die das Modell anboten. Demnach gaben sowohl die Mitarbeiter im Homeoffice als auch die Mitarbeiter im Büro an, im Schnitt drei bis vier Stunden extra zu arbeiten. Die Mitarbeiter im Büro, weil sie davon ausgingen, dass die Kollegen im Homeoffice nicht die volle Stundenzahl arbeiteten. Die Mitarbeiter im Homeoffice, um den Generalverdacht der Faulheit beim Arbeiten zu Hause auszuräumen. Nicht umsonst sorgen sich Angestellte darum, dass Homeoffice ein Karrierekiller sein könnte.

Das bedeutet nicht notgedrungen, dass Flexibilität an sich schlecht ist, nur sollten laut Weitzel Unternehmen genauer überdenken, welche Aufgaben sich dafür eignen und welche eben nicht. „Nicht jede Arbeit ist flexibel“, gibt Tim Weitzel zu bedenken, „bei Piloten, Chirurgen oder Fußballprofis funktioniert das Homeoffice einfach nicht.“

Das Team abzuschaffen ist kontraproduktiv

Hinzu kommt, dass mittlerweile Computer viele einfach Tasks übernehmen, während unsere Aufgaben in der Arbeitswelt immer komplexer werden. So komplex, dass Unternehmen feststellen, dass sie nur im Team gelöst werden können. Wenn die Arbeitsmodelle aber so flexibel werden, dass das Team nicht mehr im realen Leben zusammen kommt, ist das kontraproduktiv.

Wie können Unternehmen also dem Wunsch der Arbeitnehmer nach mehr Flexibilität nachkommen, ohne dabei die eigene Zielsetzung zu vernachlässigen?

Diese Frage kann nicht allgemein beantwortet werden, sagt Tim Weitzel. „Das muss für jede Aufgabe und jeden Mitarbeiter bei jedem Unternehmen individuell geprüft werden.“ Das bedeutet aber auch, dass Unternehmen den Mut haben müssen, neue Lösungen auszuprobieren – und hinterher eventuell wieder zu verwerfen. Ein Prozess, in dem viele Firmen derzeit angekommen sind. Während klar ist, dass das Nine-to-Five-Modell überholt ist, scheint auch völlige Flexibilität nicht ideal zu sein. Die Antwort liegt für Unternehmen offensichtlich irgendwo dazwischen.

Flexibilität muss individuell verhandelt werden

Diese Erfahrung haben auch Simon Schütz, Moritz ten Eikelder und Johannes Lomnitz, Gründer des Berliner Startups optionspace gemacht. Nach dem Airbnb-Prinzip vermitteln sie auf ihrer Plattform flexible Büroräume und bringen so Mieter und Vermieter von Office Space zusammen. Sie liegen mit ihrem Angebot genau in diesem Mittelfeld zwischen flexibler Mietzeit einerseits und einem festen Büro andererseits. „Wir haben festgestellt, dass die sehr flexiblen Coworking-Spaces ab einer gewissen Größe und für bestimmte Teams einfach nicht die beste Lösung sind”, berichten die Gründer im Gespräch mit den Netzpiloten. Ein offener Raum, in dem jeder kommen und gehen kann wie er möchte, ist anscheinend für Unternehmen nicht immer hilfreich.
„Softwareentwickler, die an einem Projekt tüfteln, arbeiten beispielsweise besser zusammen, wenn sie gemeinsam in einem geschlossenen Raum sitzen”, berichten die optionspace-Gründer.

Das optionspace-Gründerteam (Image by optionspace)
Das optionspace-Gründerteam (Image by optionspace)

Es scheint sich also ein neuer Trend in der Arbeitswelt durchzusetzen: Weg von komplett flexiblen Modellen, hin zu aufgabenorientierter Flexibilität. Je nach Unternehmen, kann das Ergebnis völlig unterschiedlich aussehen. Für einige mag dies ein flexibler Büroraum auf Zeit wie bei optionspace sein, für andere Unternehmen kann es bedeuten, dass man alle Vollzeitstellen abschafft und für andere wiederum, dass fast das komplette Team nur aus Frauen besteht.

Was wir von „Raumschiff Enterprise“ lernen können

Was Flexibilität bedeutet, muss demnach im Einzelfall immer wieder neu verhandelt werden, auch im Hinblick auf technologische Prozesse. Genau das ist der Ansatz, den auch Tim Weitzel verfolgt. „Es gibt einige Aufgaben, die viel besser von Maschinen erledigt werden können. Bei anderen reicht ein Austausch über Skype und bei anderen Projekten muss man wiederum im Team zusammenkommen. Die Möglichkeiten sind alle vorhanden, nur haben wir noch nicht so ganz herausgefunden, wie wir sie am besten einsetzen können.”

Wie könnte also die ideale Arbeitswelt zwischen Produktivität, Flexibilität und Technologie aussehen? Tim Weitzel hat auch dafür schon eine Idee: „Wie das Universum von Raumschiff Enterprise. Ein Ort, an dem es keine Galeerenarbeit mehr gibt, Technologie intelligent genutzt wird und jeder nur noch die Arbeiten verrichtet, die er wirklich machen möchte.”


Image (adapted) Laptop by markusspiske (CC0 Public Domain)



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Marinela Potor

Marinela Potor

begann ihren journalistischen Werdegang bei kleinen Lokalzeitungen und arbeitete dann während ihres Studiums als Reporterin für den Universitätsradiosender. Ihr Volontariat machte sie bei Radio Jade in Wilhelmshaven. Seit 2010 hat sie ihren Rucksack gepackt und bereist seitdem rastlos die Welt – und berichtet als freie Journalistin darüber. Über alle „inoffiziellen“ Geschichten schreibt sie in ihrem eigenen Blog fest.

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