Emoticons, Memes und GIFs: Wie Bilder langsam die Schrift ablösen

Kindisch, oder einfach nur kommunikativ? Im mobilen Zeitalter beginnen Fotos und bewegte Bilder den Buchstaben den Rang abzulaufen. Sich animierte GIFs, Emoticons oder kurze Clips zuschicken, mag heute ein wenig infantil wirken. Doch die Kommunikation, die heute in der mobilen digitalen Welt stattfindet, unterliegt, getrieben durch technischen Fortschritt, einem drastischen Wandel. Wenn die Bilder die Buchstaben verdrängen, hat das erhebliche Auswirkungen auf Arbeit und Alltag.

Das Bild kam vor der Schrift, so viel steht fest: Die ältesten Höhlenmalereien, die jemals gefunden wurden, sind 40.000 Jahre alt, die erste Schrift, die der Mensch erdacht haben soll, datiert etwa auf 6.600 vor Christus. Nun sieht es danach aus, dass das Bild als Mittel der Kommunikation die Schrift, die die letzten Jahrhunderte die Dokumentation von Information prägte, überdauern wird – ausgerechnet getrieben durch die Digitalisierung.

Wer sich schon die Liste jener Apps angesehen hat, die der Facebook Messenger als Plattform-Partner zum Start angekündigt hat, der könnte sich unter Umständen ziemlich alt vorkommen. Animierte GIFs, schrille Kurzvideos, Meme-Montagen, Emoticons und bearbeitete Fotos sollen sich die 600 Millionen User der Messaging-App offenbar künftig zusenden. Das sieht zuerst einmal alles sehr kindisch aus – welcher vernünftige Erwachsene würde zum Kommunizieren denn schon auf bunte Bildchen setzen? Facebook-Gründer Mark Zuckerberg geht jedenfalls fix davon aus, dass mobile digitale Kommunikation vor allem visuell sein wird. Waren Facebook und Twitter mit ihren Statusmeldungen zu Beginn noch sehr textlastig, sieht man bei beiden, dass sich die News Feeds und Streams mit immer mehr Fotos füllen.

Smartphone-Apps wie WhatsApp oder Snapchat sind schon von Beginn an sehr bildlastig: Bei WhatsApp werden täglich 700 Millionen Bilder und 100 Millionen Videos verschickt, bei Snapchat sind es ebenfalls mehr als 700 Millionen Fotos pro Tag. Das ist auch logisch: Einen Schnappschuss per Smartphone zu verschicken geht schneller und ist einfacher, als eine Statusmeldung am Touchscreen zu tippen. Facebook und Twitter kommen aus der Desktop-Welt, wo Tastaturen vorherrschen und Kameras (z.B. jene von Laptops) keine gute Qualität bieten und sich nicht wirklich zum Fotografieren eignen. Doch auch die Laptop-Welt reagiert auf den Trend zur visuellen Kommunikation: Mit einem Update seines Betriebssystems Mac OS X brachte Apple kürzlich 300 Emoji-Symbole, auf die man jederzeit mit der Tastenkombination Shift-Cmd-Space zugreifen kann.

Die nächste Ebene: Video-Sharing

Zuckerberg geht auch davon aus, dass nach den Bildern Video-Sharing ganz groß kommen wird. Die Live-Streaming-Apps Meerkat und Periscope könnten ein erster Vorgeschmack darauf sein. Parallel dazu werden auch die Kapazitäten der (mobilen) Netze (4G, 5G, Glasfaser) stetig ausgebaut, die es braucht, damit einmal Hunderte Millionen Menschen gleichzeitig in guter Auflösung unterwegs Live-Bilder übertragen können (Datenbrillen lassen grüßen). Die nächste Stufe nach Video ist laut Zuckerberg dann übrigens Virtual Reality – wenn man also mit Brillen in digitale Welten eintauchen kann und so etwa Live-Übertragungen von wichtigen Geschehen aus völlig neuer Perspektive erleben kann.

In der professionellen medialen Kommunikation haben Bilder und Videos der Schrift schon lange den Rang abgelaufen (TV, Illustrierte, etc.). Das Internet und stetig steigende Datenübertragungskapazitäten machen das Broadcasten von Bildern und Videos nun auch der breiten Masse möglich, die gerne davon Gebrauch machen. Noch bis zur weiten Verbreitung von E-Mail und Desktop-Computern war elektronische Kommunikation von Menschen vorwiegend schriftlich, doch dieses Verhalten dreht sich durch die einfache Produktion von (Bewegt-)Bild jetzt sehr schnell. Erste Anzeichen, dass dieser Trend faktische Auswirkungen auf den Alltag hat, gibt es bereits: In Finnland etwa wird ab 2016 die Vermittlung der Schreibschrift aus dem Schulunterricht gestrichen, weil die Schüler lieber auf Tastaturen tippen lernen sollen. Denkt man das weiter, wird es vielleicht auch einmal nicht mehr notwendig sein, das Zehnfingersystem auf einer Tastatur zu beherrschen – nämlich dann, wenn Computer mit Gesten, Sprache und Gedanken vollständig steuerbar sind.

Schon heute ist es mit neuen Geräten wie der Apple Watch nicht mehr notwendig, Text zu tippen – will man auf eine SMS reagieren, diktiert man der Hightech-Uhr einfach die Antwort. Auch in der Unternehmenskommunikation halten Bilder, in Verbindung mit Social Media, Einzug. IKEA Singapore etwa beantwortet Kundenanfragen auf Facebook mit lustigen Meme-Bildchen, Google schickte kürzlich einem US-Journalisten als Antwort auf eine Anfrage keinen Text, sondern ein animiertes GIF mit.


Teaser & Image “Emoticon army” by Gabriel Calderón (CC BY-SA 2.0)


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Jakob Steinschaden

Jakob Steinschaden

ist seit 2006 publizistisch auf Papier und Pixel tätig. Er arbeitet in Österreich als Journalist und hat die beiden Sachbücher "Phänomen Facebook - Wie eine Webseite unser Leben auf den Kopf stellt" (2010) und "Digitaler Frühling - Wer das Netz hat, hat die Macht?" (2012) veröffentlicht. In seinem Blog “Jakkse.com” und in Vorträgen schreibt und spricht er gerne über die Menschen und ihr Internet – von Social Media über Mobile Business und Netzpolitik bis zu Start-ups.

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