Check-Up Ireland: Die Felder von Athenry

Seit 1997 lebe ich nun schon in der irischen Hauptstadt Dublin. Mein erster Job bei AOL hatte auch ein wenig mit Tech zu tun – wenn man die berüchtigten Freistunden-CDs als “Tech” ansieht oder das Verbinden an die technische Hotline durchgehen lässt. Im November letzten Jahres hatte ich damit begonnen, die “Tech-Insel” ein Jahr lang aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Das Jahr ist nun fast rum. Zurücklesend muss ich sagen, dass Namen wie „Apple“ immer wieder aufgetaucht sind. Das Unternehmen stand schon in der allerersten Kolumne mit im Mittelpunkt und wurde im Bezug auf Steuer(nicht)zahlungen in der letzten Kolumne angesprochen. Auch diesmal fällt der Apfel nicht allzu weit von meiner Tastatur.

Anhaltende Investitionen sorgen für einen ordentlichen Haushalt

Als der irische Finanzminister Paschal Donohoe vor kurzem den Haushalt für 2018 vorstellte, stand vor allem das Thema Wohnungsnot im Vordergrund. Angesichts hoher Obdachlosenzahlen vor allem in Dublin und Cork, während zugleich immer mehr Familien mit Kindern in Notunterkünften wie Hotels oder B&Bs unterkommen müssen, sind Milliardeninvestitionen und finanzielle Anreize für Bauunternehmen nötig. Und steigende Mieten, hervorgerufen durch die geringe Zahl von Wohnungen, die auf dem Markt sind, sorgen dafür, dass auch Tech-Unternehmen Warnungen aussprechen. Immer öfter finden Fachkräfte keine passende oder bezahlbare Wohnung für sich und ihre Familie.

Ein weiterer für Tech-Unternehmen interessanter Punkt im Haushalt war das Thema „Intellectual Property“ (IP). Die Regierung hatte vor Monaten einen Report in Auftrag gegeben, der Ideen zur Erweiterung der Steuerbasis hervorbringen sollte. Eine zentrale Empfehlung des Reports – die steuerlichen Abschreibemöglichkeiten für Multinationals bei IP einzuschränken – wurde im Haushalt, nicht zuletzt angesichts internationalen Drucks vor allem innerhalb der EU, von Paschal Donohoe umgesetzt. Wo Unternehmen Investitionen in Irland, die mit der Verlagerung von IP (Copyright, Trademarks) zu tun hatten, bisher 100 Prozent abschreiben konnten, sind es ab jetzt nur noch 80 Prozent – zumindest vorerst, da über einen längeren Zeitraum auch die restlichen 20 Prozent abgeschrieben werden können. Dieser Kompromiss wurde offensichtlich bei den umfassenden Konsultationen geboren, die in den Wochen zuvor mit den wichtigsten Unternehmen stattfanden, die von der Neuregelung betroffen sein werden.

Voll des Lobes für den Haushalt war die Datenschutz-Beauftragte Helen Dixon, deren Büro weitere 4 Millionen Euro zur Verfügung gestellt bekam. Das Geld ist nötig, um weitere 40 Mitarbeiter einzustellen, die sich mit der Umsetzung neuer EU-Regularien befassen werden, die 2018 in Kraft treten. Das „Irish Research Council“ und die „Science Foundation Ireland“ stimmten angesichts eines zusätzlichen Betrages von 7 Millionen Euro, der für die Förderung von Forschern zur Verfügung gestellt wurde, in den Lobgesang auf den Haushalt für 2018 ein.

Wo wir gerade von Gesang reden – die wohl beliebteste Hymne irischer Sportfans, die bei der Fußball-EM auch einem breiten Publikum bekannt wurde lautet „Fields of Athenry“. Drei Jahre ist es her, seit Apple Pläne bekannt gab, sowohl in Dänemark als auch paralell in Athenry Datenzentren zu bauen. Die Investition in Athenry würde bei 850 Millionen Euro liegen. Das Data Centre in Dänemark ist mittlerweile fast fertig; ein zweites ist dort in Planung; Dänemark und Irland werden sich im November zweimal in den Playoffs zur WM 2018 gegenüber stehen, so dass Fans in Kopenhagen und Dublin in den Genuss der tollen Hymne kommen werden; aber der Bau in Athenry hat immer noch nicht begonnen.

Die Genehmigung ist schon lange erteilt, aber wegen des Widerspruchs von drei(!) Bürgern steht man immer noch in Dublin vor Gericht, statt brache Felder in Athenry zu bebauen. Dass Apple in der Zwischenzeit die Genehmigung für ein zweites Data Centre in Dänemark erhalten hat, die man schleunigst umsetzen kann und wird, lässt viele Bewohner von Athenry, die bis auf zwei Apple unterstützen, immer unruhiger werden. Das Unternehmen hat bis jetzt auch immer noch keine Pressemitteilung zur Verzögerung durch das Widerspruchsverfahren veröffentlicht.

Zwei Bewohner von Athenry haben aufgrund von Bedenken hinsichtlich des Umweltschutzes Widerspruch eingelegt. Und wer ist Kläger Nummer Drei? Interessanter Weise wohnt der Mann nicht nur in Dublin, sondern ist pikanter Weise Projektentwickler für welche Art von Projekten? Datenzentren! Ich liebe Irland, aber bei solch einer irischen Lösung eines irischen Problems gleitet mir die grüne Brille von der Nase herunter auf einen Haufen produziert von glücklichen (oder unglücklichen, wenn sie auf einem Feld in Athenry stehen) irischen Kühen.

Widerspruchsverfahren sind so unmodern und unlogisch, dass nicht nur Anhänger des Apple-Datenzentrums-Projekts eine Reform verlangen. In dieser Woche soll vor dem Dubliner High Court zumindest der Widerspruch der beiden Einwohner aus Athenry gehört werden. Ob der dreiste Projektentwickler aus Dublin sich dazugesellt, steht zwar noch nicht fest, das Recht dazu hat er trotz seiner Befangenheit.

Um ähnliche Fälle in Zukunft zu vermeiden – und um Investoren mehr an notwendiger Planungssicherheit zu geben – hat sich die irische Wirtschaftsförderung IDA, die sich um Investoren aus dem Ausland kümmert, kurzerhand dazu entschlossen, den Planungsprozess zu beschleunigen. Man hat landesweit 24 potentielle Standorte für Datenzentren identifiziert und wird von sich aus generelle Baugenehmigungen beantragen, um die Standorte dann Investoren im Paket anbieten zu können.

Übrigens – im dänischen Viborg beabsichtigt eine lokale Energiefirma, die überschüssige Wärme, die das dortige Datenzentrum generieren wird, zum Heizen der Stadt zu verwenden. Wie meinte da neulich in den Nachrichten jemand aus Athenry? „Stellt Euch mal vor, was man mit all der heißen Luft machen könnte, die aus dem irischen Planungssystem rauskommt? Man könnte auf den Feldern von Athenry Palmen wachsen lassen!


Image (adapted) „Dublin“ by Vladimir Kudinov [CC0 Public Domain]


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Rainer Kiebat

Rainer Kiebat

arbeitet als freier Journalist in der irischen Hauptstadt Dublin. Nach einem Rundflug über multinationale Unternehmen wie AOL und Google landete er 2013 wieder bei der “alten Liebe” Journalismus und berichtet seitdem für deutsche Medien wie die “Rheinische Post” und “Spiegel Online” aus Irland und Nordirland. Irische Medien wie die “Sunday Business Post”, der “Irish Independent”, sowie die “Sunday Times” & “The Times” (Irish Editions) gehören ebenfalls zu seinem Portfolio. Für die Netzpiloten wird Rainer von den Dubliner “Silicon Docks” - wo Google, Facebook, Twitter und zahlreiche Tech-StartUps sitzen – und aus anderen Tech-Clustern wie Cork, Galway oder Limerick berichten. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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