Canvas-Fingerprinting: Vorgehen gegen Werbetrick

Wie kann man gegen die immer maßlosere Werbung im Netz vorgehen? Ideen liefert ausgerechnet die Fernsehserie „Jackass“. Die Produzenten von Werbe-Spam ersinnen immer wieder neue Methoden, um uns mit ihren Dünnbrettbohrer-Botschaften im Netz auf Schritt und Tritt zu verfolgen. Dazu zählt etwa das sogenannte „Canvas Fingerprinting“. Es ist eine Methode, um Nutzer gegen ihren Willen heimlich aufzuspüren, wenn sie Websites wechseln.

Die Funktion, die dazu verwendet wird, trägt den Namen ‚Canvas‘, auf Deutsch Leinwand. Die spezifische Art, wie ein bestimmter Webbrowser mit einem bestimmten Betriebssystem ein solches Bild auf der virtuellen Leinwand erzeugt, ermöglicht es, mit einer hohen Genauigkeit diesen individuellen Computer wiederzuerkennen. Das kann man sich so vorstellen, als würde ein erfahrener Kunstexperte den spezifischen Pinselschwung, die Farbpigmente und die Strichdicke eines Gemäldes einem bestimmten Maler zuordnen„, schreibt Constanze Kurz in ihrer „FAZ“-Kolumne.

Stalking mit Tracking-Systemen

So werde aus den Eigenheiten des Browsers ein individueller, oft einzigartiger Fingerabdruck, auf dessen Basis angepasste Werbung ausgeliefert wird. „Die Canvas-Funktion war zwar nie dazu gedacht, Nutzer durchs Netz zu verfolgen, sie wird aber schlicht für diesen Zweck missbraucht. Man umgeht absichtlich die Voreinstellungen und Erweiterungen, die Nutzer in ihren Browsern aktiviert haben, um dem Tracking zu entgehen„, erläutert Kurz.

Im Gegensatz zu Cookies ist eine Umgehung des Trackings nicht möglich, da der individuelle Fingerabdruck des Browsers nicht auf dem eigenen Rechner gespeichert wird, sondern beim Analysten liegt.

Hase-und-Igel-Wettlauf

Irgendwie kommt man sich wie der Affe im Zoo vor, der von irgendwelchen Marketing-Jägern eingekreist wird, um einen Ausbruch aus dem Käfig zu verhindern. Jedenfalls steigt die Wut der Netzgemeinde, wenn solche Nasenring-Systeme ohne unsere Zustimmung zum Einsatz kommen.

Gegen die Idioten im Maschinenraum des Marketings, die mit Software das schnelle Geld machen wollen, scheint kein Kraut gewachsen zu sein. Die kalkulatorisch-statistischen Stalker verfahren nach dem Hase-und-Igel-Wettlauf. Der Publizist Alexander Pschera empfiehlt in seinem Buch „Vom Schweben – Romantik im Digitalen“ als Gegenmittel eine Portion Anarchie in Anlehnung an die Amateurstunts des legendären „Jackass“-Teams. Sie setzen sich der Diabolik einer mechanischen Konstruktion bei der halsbrecherischen Talfahrt mit einem Einkaufswagen aus, an dessen Ende das Scheitern vorhersehbar ist. Das Lachen über dieses Scheitern sei ein Lachen über die anarchische Zerstörung des Industriellen, schreibt der Matthes-&-Seitz-Autor: „Es ist ein Lachen über die Regellosigkeit„.


Was ist „Jackass“? Diese Video von NtaNation zeigt die besten Momente der Serie:


Regellosigkeit mit „Jackass“

Stil bedeutet Unabhängigkeit von mechanistischer Konstruktion und technokratischem Funktionskalkül. Stil bringt nach Ansicht von Pschera einen Moment antiker Ruhe – das unbeeindruckbare Antlitz Buster Keatons, die Nonchalance Charlie Chaplins in „Modern Times“, die anarchische Dickköpfigkeit der „Jackass“-Stuntmen – in die nervöse Beweglichkeit der idiotischen Netz-Konstrukteure: „Stil ist regellos und deswegen grazil. Stil erzeugt eine personale Aura„. Mein Lieblingsschauspieler Steve McQueen hatte sie. Er setzte der Technik die Lässigkeit der Désinvolture entgegen. „Technik war etwas, das eben auch noch da war neben allem anderen. Technik berührte ihn nicht, vielmehr berührte McQueen die Technik„.

Auf die penetrante Distanzlosigkeit der liebwertesten Marketing-Gichtlinge im Internet könnte man auch mit einer Kombination von „Jackass“ und dem Film „Bullitt“ mit Steve McQueen in der Hauptrolle reagieren. Besondere Bekanntheit erlangte der Streifen wegen einer der längsten Verfolgungsjagden der Filmgeschichte zwischen einem 1968er Ford Mustang und einem Dodge Charger. Gewonnen hat übrigens der Ford Mustang mit McQueen am Steuer.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf The European.


Image (adapted) „Johnny Knoxville & Mike Judge“ by Apfelkasten.de (CC BY-SA 2.0)


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Gunnar Sohn

Gunnar Sohn

ist Diplom-Volkswirt, lebt in Bonn und ist Wirtschaftsjournalist, Kolumnist, Moderator und Blogger. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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