Breitband in der Altmark: Start-ups in die Pampa locken

Deutschland gehört bei Glasfaseranschlüssen zu den Schlusslichtern in Europa. Laut EU-Statistik liegt die Bundesrepublik auf dem fünften Platz von hinten (Stand: 2015). Das zu ändern, nehmen mittlerweile so einige Kommunen selbst in die Hand. So zum Beispiel in der Altmark im dünn besiedelten Norden von Sachsen-Anhalt. Andreas Brohm, Bürgermeister der Stadt Tangerhütte, unterstützt diese Initiative. „Wir bauen die Autobahn, die dann jeder nutzen kann. Es geht hier um Daseinsvorsorge.“

Wir – das ist ein eigens dafür gegründeter Zweckverband, dessen Aufgabe darin besteht, das Verlegen der Glasfaserleitungen zu planen, zu finanzieren und zu koordinieren. Brohm sagt dazu: „Die bestehenden Technologien sind alle am ländlichen Raum vorbeigegangen. Die Frustration ist hoch.“ Das zeige schon das Beispiel, wenn es allein um Unternehmer gehe, die sich fragen müssten, zu welcher Tages- oder Nachtzeit ein Emailversand größerer Datenmengen am besten funktioniert. Tatsächlich hantieren viele mit einer Funklösung und versuchen, per LTE-Router das Nötigste abzudecken. An kollaboratives Arbeiten, Streaming oder Smart Services ist dabei gar nicht zu denken.

Für Brohm ist Glasfaser-Internet auch ein Puzzlestein in seiner politischen Strategie, um die Landflucht zu stoppen – und noch ambitionierter sagt er: „Als ländliche Region will ich doch das Berliner Startup in die Pampa locken. Dafür brauche ich grenzenloses Internet.“ Die „Pampa“ ist in diesem Fall rund zwei Stunden Autofahrt von der Hauptstadt entfernt.

Insgesamt 20 (Groß-)Gemeinden aus zwei Landkreisen tragen den gemeinsam gegründeten „Zweckverband Breitband Altmark“. Seit fünf Jahren werden die entsprechenden Pläne geschrieben, der Markt erkundet, Einwohner für die Glasfaser umworben. Mit der aufgesetzten Breitbandstrategie des Bundes sind nun die benötigten Fördermittel geflossen, um das 140-Millionen-Euro-Vorhaben auch in die Tat umzusetzen.

Kommunen suchen nach Mitteln und Wegen

Bernd Beckert, Innovationsforscher am Frauenhofer-Institut, sagt: „Das hat Pioniercharakter.“ Denn oft seien es gerade die Kommunen, die bei der Glasfaser vorangingen. „Der Schritt speist sich aus dem Versorgungsgedanken, dass Breitband genauso wichtig ist wie Wasser und Strom.“ Der sogenannte Digitalisierungsindikator 2017 des Frauenhofer-Instituts weist für den ländlichen Raum bei Geschwindigkeiten von 30 Mbit pro Sekunde eine Verfügbarkeit von gerade 36,4 Prozent der Haushalte aus.

Wo jahrelang privatwirtschaftliche Investitionen der Telekommunikationsunternehmen wegen fehlender Rentabilität ausblieben, springen nun teils Bürgermeister und kommunale Unternehmen in die Bresche, wollen für leistungsfähige Anschlüsse bei den Einwohnern sorgen – und setzen dabei vermehrt auf Glasfaser. Laut Beckert gehen die Kommunen dabei in ganz unterschiedlichen Modellen vor, zum Beispiel durch kommunale Unternehmen als Träger, wie es etwa Stadtwerke sein können. In der Altmark nun ist es ein aus der Taufe gehobener Zweckverband, der die Infrastruktur schaffen soll.

Konkurrenz zum „Vectoring“

Das altmärkische Vorhaben geht mit einem finanziellen Risiko einher. Den Löwenanteil von 80 Millionen Euro muss der Verband trotz Förderung selbst aufbringen. Dafür müssen am Ende die Erlöse stimmen. Das Projekt wird gemeinsam mit der DNS:Net als Betreiber gestartet.

Andreas Kluge ist Geschäftsführer des Zweckverbandes Breitband und zeigt sich optimistisch, dass die Refinanzierung gelingt. Die Finanzplanung sei solide. Kluge sagt, die Leute seien pro Zweckbverband eingestellt. 2018 nun soll gebuddelt und verlegt werden. Tatsächlich war der Verband zuletzt nicht davor gefeit, dass im Zuge der Planungen doch private Player auf den Markt drängen. „Wir dürfen Anbieter nicht blockieren.“ Kluge hofft, dass die konkrete Technologie bei den Nutzern langfristig das überzeugendere Argument sein wird.

Ein Konkurrent wie die Telekom setzt vielfach eher auf so genanntes „Vectoring“, was zwar Glasfaser einsetzt, sich auf der so genannten „letzten Meile“ vom Verteilerkasten zur Wohnung jedoch nicht vom bisher verwendeten Kupfer löst. Beckert vom Frauenhofer Institut sagt: „Aus Innovationssicht ist Vectoring suboptimal, eine Brückentechnologie.“ Glasfaser eröffnet Geschwindigkeiten in den Gigabit-Bereich und lässt Kupfer damit weit hinter sich zurück.

Initiativen wie in der Altmark könnten langfristig dafür sorgen, dass Deutschland beim Glasfaser-Ausbau im Ländervergleich aufschließt. Beckert ist auch Autor einer Studie der Bertelsmann-Stiftung über „Ausbaustrategien für Breitbandnetze in Europa“. Darin wird Deutschland im EU-Vergleich eine Glasfaser-Verfügbarkeit von bislang 6,6 Prozent bescheinigt. Der Weg ist noch steinig. Steht die Infrastruktur eines Anbieters oder einer Kommune, sagt Beckert, komme die nächste Herausforderung erst noch: nämlich das Angebot für die Nutzer auch auf lange Sicht attraktiv zu gestalten. Das Potential, das von Kommunen als Impulsgeber jedoch ausgehe, sei bemerkenswert. „Der Glasfaserausbau hat dadurch in Deutschland eine Dynamik bekommen – auch wenn das immer noch zu wenig ist, wenn man andere Länder betrachtet.“

„Viele lernen von uns“

Laut der Bertelsmann-Studie sind über ein entsprechendes Bundesprogramm allein bis Anfang 2017 viele hundert Projekte gefördert worden. Weiter heißt es dazu in der Studie: „Die meisten Förderungen betrafen Beratungsleistungen für die Kommunen, die detaillierte Businesspläne für einen möglichen Ausbau vorlegen müssen.“ Im Landkreis Emmendingen in Baden-Württemberg, im Landkreis Cham in Bayern oder in der Gemeinde Grevensmühlen in Mecklenburg-Vorpommern kam Glasfaser mit finanziellen Zuschüssen unter die Erde. Auch in Brandenburg gibt es Projekte, die voll auf Glasfaser setzen, und zwar ähnlich wie in der Altmark in Kooperation mit der DNS:Net als Betreiber. So zum Beispiel im Trebbiner Ortsteil Stangenhagen. „Im Zuge der Straßensanierung konnten dort 95 Prozent der Einwohner überzeugt werden, dass Glasfaser bis ins Haus eine sinnvolle Option ist“, heißt es dazu auf Anfrage bei der DNS.

Nun soll der Ausbau in der Altmark bald vorangehen. Geschäftsführer Andreas Kluge sagt, inzwischen kämen im Wochentakt Anrufe aus anderen Landkreisen in Deutschland. „Viele lernen von uns.“


Image (adapted) Kabel by Hans (CC0 Public Domain)


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Mandy Ganske-Zapf

Mandy Ganske-Zapf

arbeitet als freie Journalistin in Magdeburg, Berlin und Russland. Sie schreibt über Sachsen-Anhalt, Berlin sowie über das Zusammenspiel von Digitalem und Gesellschaft – und was sie sonst noch bewegt. Russland sowieso und unbedingt. Was dabei so entsteht, findet sich auf www.mgzapf.de. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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