Abschaltung der Mittelwellen-Sender bleibt fragwürdig

Zum 31.12. werden die letzten verbliebenen Mittelwellen-Sender in Deutschland abgeschaltet. Das ist nichts zukunftsweisend, sondern eher geschichtsvergessend.

Die Mehrheit der deutschen Lang- und Mittelwellen-Sender wurde bereits abgeschaltet. Die noch verbliebenen Stationen sollen am 31.12. folgen. Grund dafür ist unter anderem eine Entscheidung der für die Rundfunkanstalten zuständigen Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs. Daneben gilt der Mittelwellen-Rundfunk aber auch als veraltet und soll deswegen neuen, digitalen Übertragungsverfahren Platz machen. Diese Entscheidung übersieht allerdings die kulturelle Bedeutung von Sprech- und Rundfunk ebenso wie ganz praktische Einwände, vor allem im Bereich des Notfunks.

Vor allem wegen ihrer großen Reichweite geschätzt

Die Mittelwelle (MW) deckt im Hörfunk den Frequenzbereich ungefähr zwischen 500 Kilohertz und 1600 Kilohertz ab. In den Anfangstagen des Rundfunks spielte sie eine große Rolle. Die erste Rundfunkübertragung in Deutschland fand am 29. Oktober 1923 über einen Mittelwellen-Sender statt.

Kenner schätzen die Mittelwelle vor allem aufgrund ihrer großen Reichweite. Gerade, wenn die Radiowellen an der Ionosphäre reflektiert werden – was je nach Wetterlage bei dieser Wellenlänge sehr gut funktioniert – können Mittelwellen-Sender beachtliche Entfernungen überbrücken. Das sorgte jahrelang für die Beliebtheit von Mittelwellen-Übertragungen nicht nur für den Rundfunk, sondern auch bei Seglern und Funkamateuren.

Reflektion von Funkwellen durch die Ionosphäre (Image: Sebastian Janke, CCBY-SA 2.5)
Reflektion von Funkwellen durch die Ionosphäre (Image: Sebastian Janke, CCBY-SA 2.5)

Zudem sind Mittelwellen-Übertragungen, die noch im traditionellen Verfahren der Amplituden-Modulation kodiert werden, mit geringem Aufwand zu empfangen und zu dekodieren. Einfache, teils selbst gebaute Radios mit sehr niedrigem Stromverbrauch reichen aus – und empfangen oft auch noch in ungünstiger geographischer Lage oder sogar im Keller ein Signal.

Deutschlandfunk schaltet am 31.12. ab

Trotz dieser historischen Relevanz und robusten Technologie verliert jedoch die Mittelwelle schon seit Jahren an Bedeutung. In den letzten fünf Jahren wurde der Großteil der deutschen Mittelwellen-Sender nach und nach abgeschaltet. Zum 31.12. werden die noch verbliebenen Sender des Deutschlandfunks folgen. Dann gibt es in Deutschland keinen einzigen Mittelwellen-Rundfunksender mehr. Im Nachbarland Österreich war es bereits 2010 soweit.

Grund für das Verschwinden der Mittelwelle in Deutschland ist die Überlegene Klangqualität moderner digitaler Empfangsverfahren. “Kein Knistern mehr und Rauschen, kein Pfeifen mehr und keine Lautstärkenschwankungen”, schreibt der Deutschlandfunk anlässlich der Mittelwellen-Abschaltung auf seiner Homepage. Auch der höhere Stromverbrauch der Mittelwellen-Sender spielt eine Rolle.

Der wohl wichtigste Grund für die Entscheidung ist aber wohl eine Auflage der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs. Sie genehmigte den Rundfunkanstalten die finanziellen Mittel für die neue Übertragungsart Digitalradio nur unter der Bedingung, dass dafür die Mittelwellen-Sender abgeschaltet werden. Verständlicher Weise möchte kein Sender beim neuen Digitalrundfunk DAB+ hinten anstehen.

Übereilte Entscheidung?

Noch allerdings steckt DAB+ in den Kinderschuhen. Viele Kritiker mahnen an, man hätte die Abschaltung der alten Mittelwellen-Sender erst dann forcieren sollen, wenn ein glaubwürdiger und ausgereifter Nachfolger-Standard bereit steht. Davon allerdings ist Deutschland noch ein gutes Stück entfernt. Gerade in ländlichen Regionen ist die DAB+-Abdeckung vielfach eher Glückssache.

Zumal digitale Signale empfindlicher sind als analoge. Wo geübte Hörer auch bei schlechten Bedingungen noch ein analoges Signal heraushören können, ist ein digitales Signal entweder lesbar – oder eben nicht. So entsteht der Eindruck, dass die Verantwortlichen mit ihrer Entscheidung, für die DAB+-Genehmigung das Mittelwellen-Aus zu fordern, den zweiten Schritt vor dem ersten gemacht haben.

Die Rundfunk-Geschichte als kulturelles Erbe

Wenige Technologien haben das 20. Jahrhundert, ohnehin eine Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs und technischen Fortschritts, so geprägt wie die Möglichkeit, Informationen drahtlos über weite Strecken zu übertragen. Der Rundfunk brachte Wissen ebenso wie Kultur und Unterhaltung in die Haushalte, und Funkverbindungen ermöglichten die schnelle Kommunikation mit weit enfernten Freunden und Verwandten.

Diese Geschichte ist es wert, bewahrt zu werden. Das betrifft bei weitem nicht nur die Mittelwelle. Auch andere scheinbar überholte Technologien wie die Morse-Telegraphie gehören zum kulturellen Erbe und sind es wert, sich damit zu befassen. Das fördert nicht nur ein tieferes Verständnis der technischen (Zeit-)Geschichte, sondern auch einen Forscher- und Entdeckergeist, einen Spaß an technischen Experimenten und Spielereien, der nur allzu gut ins 21. Jahrhundert und die digitale Informationsgesellschaft passt. Nicht umsonst gibt es eine gewisse Schnittmenge zwischen Hackern und Funkamateuren.

Wer sich mit den Technologien befasst, ohne die unsere digitale Kommunikation sich niemals hätte entwickeln können, hat weitaus bessere Chancen, dem Internet und anderen digitalen Technologien nicht nur als passiver Konsument, sondern als entdeckungsfreudiger Mitgestalter zu begegnen.

Notfunk und kritische Infrastrukturen

Doch neben kulturellen Erwägungen gibt es für eine Bewahrung altmodischerer, aber robusterer Technologien auch ganz handfeste praktische Gründe. Nicht umsonst wird die Sicherheit kritischer Infrastrukturen derzeit viel diskutiert. Unsere vernetzte Gesellschaft ist anfällig geworden für den Ausfall dieser Infrastrukturen, sei es durch eine Naturkatastrophe oder einen Cyber-Angriff.

In einer solchen Notlage können Notfunk-Systeme, aufgebaut aus Technologien, die Viele nur allzu gerne ad acta legen würden, buchstäblich Leben retten. Schon deswegen sollten diese Technologien nicht leichtfertig aufgegeben werden und sollte auch die junge Generation sich mit ihnen vertraut machen. Denn wer weiß, was die Zukunft bringt – es ist nicht unwahrscheinlich, dass wir die Ressourcen der Vergangenheit noch brauchen werden.


Image “Radioskala” (adapted) by Maximilian Schönherr (CC BY-SA 3.0)


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Annika Kremer

Annika Kremer

schreibt regelmäßig über Netzpolitik und Netzaktivismus. Sie interessiert sich nicht nur für die Technik als solche, sondern vor allem dafür, wie diese genutzt wird und wie sie sich auf die Gesellschaft auswirkt.

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