„Wenn es um Politik geht, wird Slacktivism zum Problem“

Interview mit Soheil Asefi über das Phänomen Slacktivism, Journalismus im Iran und die Rolle des Individuum im Internet. // von Jenny Genzmer

Berliner Festspiele / Ivar Veermäe

Soheil Asefi hat zehn Jahre als freier Journalist und politischer Aktivist in seinem Heimatland Iran gearbeitet. 2008 wurde er festgenommen und wegen Verleumdung des Regimes eingesperrt. Mit Hilfe des P.E.N. Stipendienprogramms „Writers in Exile“ konnte Asefi das Land verlassen und nach Deutschland kommen. Mittlerweile lebt er in Berlin und schreibt unter anderem für den Blog journalistsinexile.com. Auf der Netzkultur Veranstaltung „identity sucks“ Ende Februar sprach Asefi über das Phänomen Slacktivism.


Warum ist das wichtig? Nutzer von sozialen Netzwerken verbringen dort einen Großteil ihrer Zeit und teilen Inhalte. Soheil Asefi findet, dass vor allem die politischen Inhalte vorrangig von Massenmedien stammen.

  • Das viele Teilen von Inhalten der Massenmedien, verringert die Chance für alternative oder für ein bestimmtes Thema spezialisierte Medien, Menschen zu erreichen.
  • Asefi kritisiert, dass Massenmedien suggerieren, sie würden den wichtigsten Zugang zu den relevanten Themen abdecken, sodass die Leser unrealistische Vorstellungen bekämen, was in der Welt passiert.
  • Slacktivism wird als ein Internetphänomen kritisiert, bei dem Menschen zwar Dinge teilen, sich aber mit den Inhalten nicht weiter beschäftigen.

Jenny Genzmer: Du bist als freier Journalist im Iran festgenommen worden. Wie kam es dazu?

Soheil Asefi: Ich war ein unabhängiger, radikaler Journalist. Ich war nicht in den reformatorischen oder konservativen Medienflügeln tätig. In den westlichen Medien hätten sie mich wohl einen Hardliner genannt. Und nach zehn Jahren journalistischer Arbeit war es keine große Überraschung, im Gefängnis zu landen. Sie warfen mir Propaganda gegen die islamische Republik vor. Gegen mich stand dann sozusagen ein Archiv meiner über zehn Jahre verfassen Texte und ich wurde nach sämtlichen Details in meinen Artikeln befragt. Das passiert vielen Journalisten. Besonders dann, wenn man als unabhängiger Journalist arbeitet.

Das heißt der Auslöser war kein bestimmter Text – du bist über die Zeit auffällig geworden.

Ja genau. Sie haben mir gesagt, du bist wie eine Partei – eine große Politische Partei. Es war kein bestimmter Artikel, den ich geschrieben habe. Ich habe versucht, als unabhängiger Journalist zu arbeiten, seit ich 15 bin.

Auf der Netzkultur-Veranstaltung ging es um Identitäten im Internet. Ist mit dem Löschen deines Blogs ein Stück Identität verloren gegangen?

Der Blog war Teil meiner Identität, natürlich. Aber hier geht es ja nicht nur um den Blog. Meine Identität wird ja von meinem politischen Denken und Handeln bestimmt. Mein Blog war nur eine Möglichkeit, dies auch nach außen zu tragen.

Denkst du, Nutzer von Sozialen Netzwerken haben neben Userrechten auch Pflichten und Verantwortungen, die sie als Bürger in einem Sozialen Raum kennzeichnen?

Nein, das denke ich nicht. In meinem Vortrag auf dem Netzpolitik Festival habe ich über Slacktivism gesprochen. Ich glaube, dass viel von dem, was Menschen unter politischem Handeln im Internet verstehen, überhaupt nichts über ihre Identität bzw. ihre politische Identität aussagt. Es ist dann eher Teil ihrer momentanen Situation oder Verfassung. Viele nutzen das Internet auch, um sich selbst zu therapieren.

Ich denke, wir sollten Soziale Netzwerke nicht so ernst nehmen. Es sind nicht alle Menschen politisch. Die meisten benutzen Soziale Netzwerke dafür, sich über persönliche Dinge auszutauschen. 24 Stunden lang sind sie dort und, teilen, liken, laden Fotos hoch und schauen, ob sie jemand liked. Daran ist im Prinzip noch nichts Schlimmes. Sehr wenige von ihnen verfolgen dort politische Ziele.

Wo ist die Grenze zwischen politischem Handeln und Slacktivism?

Es kommt darauf an, was du über die Welt denkst und was du weißt. Hier in Berlin zum Beispiel, gibt es sehr viele Aktivisten, jeden Tag passiert hier irgendwas, vor allem in der alternativen Szene. Aber wenn du als interessierter, aktiver Mensch wissen willst, was in Griechenland, im Nahen Osten oder Thailand, Venezuela, der Ukraine etc. passiert, dann kommt es auf dich an und darauf, wie du dich dafür einsetzt, Wissen und Informationen über die komplexen Sachverhalte vor Ort zu erhalten. Das ist kein Slacktivism. Wenn du einen Artikel findest, der weiter geht, als die Agenda der Mainstream-Medien und ihn teilen willst, dann kämpfst du zwar gegen Windmühlen, aber dann bist du kein Sklacktivist.

Ein Phänomen, das ich auch häufig beobachte, ist das des „modernen Akademikers“. Ich nenne sie „Akademikerberühmtheiten“. Menschen, die 24 Stunden nichts anderes tun, als über „ihren Artikel“ oder „ihr Interview“ zu reden. Hier entsteht eine „Like-Indutrie“, mit der wir uns im Zusammenhang mit sozialen Netzwerken noch viel detaillierter auseinandersetzen müssen. Slacktivism ist ein komplexes Phänomen, das in seiner fortgeschrittenen Phase zu großer Ungerechtigkeit führt.

Du sagst, wir sollten Soziale Netzwerke nicht so ernst nehmen. Wo liegt dann das eigentliche Problem bei Slacktivism?

Es ist ein Problem, wenn es um Politik geht. Mainstream-Medien suggerieren, sie würden den wichtigsten Zugang zu den relevanten Themen abdecken. So bekommen die Menschen unrealistische Vorstellungen von dem, was in der Welt passiert. Im Iran hat man das an der sogenannten „Grünen Revolution“ 2009 gesehen. Viele Iraner sind begeistert auf die Straßen gegangen und haben sich als Revolutionäre gefühlt, die gegen die Diktatur und für die Demokratie kämpfen. Aber wenige von ihnen haben sich wirklich für Politik interessiert. Und das, obwohl die Geschichte des Iran vom Kampf für Demokratie, Soziale Gerechtigkeit, nationale Souveränität und Unabhängigkeit geprägt ist. Das hat dazu geführt, dass viele sehr schnell von den Ereignissen desillusioniert wurden und enttäuscht nach Hause gingen. Das ist das, was man„saisonalen Aktivismus“ nennt. Das ist das Schlimme. Politik funktioniert anders. Politik an sich ist eine solide Angelegenheit. Sie bedeutet ständige Arbeit mit Hoch- und Tiefpunkten.

Slacktivism trägt dazu bei, Medieninhalte zu vereinheitlichen?

Ja, man verbreitet den Zugriff der Mainstream-Medien, sodass sie sämtliche Hintergrundinformationen über das, was vor Ort passiert vollkommen überlagern. Zur Zeit geht es viel um die Ukraine. Aber man müsste sich hier über so viel mehr Dinge informieren. Man muss die Dinge in ihrem historischen und geopolitischen Kontext sehen, die Akteure und ihre Hintergründe verstehen.

Ein sehr deutliches Beispiel für Slacktivism entstand im vergangenen Jahr im Zusammenhang mit der US-amerikanischen Human Rights Campaign (HRC) für die gleichgeschlechtliche Ehe. Sie riefen dazu auf, das rote Viereck mit dem mathematischen Gleichheitssymbol zu teilen und als Profilbild auf Facebook, Twitter, Instagram etc. zu nutzen. Die Slacktivists waren hier ganz vorne dabei. Hinterfragt wurde die Kampagne aber kaum. Dabei müsste über die veraltete Institution der Ehe und die Stellung von Homosexualiät im Zeitalter der Märkte gesprochen werden. Ich habe keine Texte gefunden, die sich mit der Frage beschäftigt haben, ob die Ehe noch zeitgemäß ist oder wie man das Recht auf bestimmte Sozialleistungen, Wohngeld und Gesundheitsfürsorge auch für gleichgeschlechtliche Paare zugänglich macht. Es geht hier nicht nur um das Recht auf Heirat, es geht in dem Zusammenhang auch um die Frage der Staatsbürgerschaft, um Steuererleichteurngen, Erbschaftsrechte etc. Slacktivists kümmern sich nicht um solche Dinge.

Wie bist du im Iran an Informationen gekommen?

Es gibt viele unabhängige Quellen im Iran, aber man braucht das politische Wissen, um die Quellen einschätzen zu können. Es gibt unabhängige Analysten und Journalisten, die wirklich versuchen, den Dingen auf den Grund zu gehen, aber um sie zu finden, braucht man Zeit.

Man hat im Iran die Wahl zwischen dem staatlichen Propagandafernsehen und den westlichen Massenmedien; und wenn du kein Englisch kannst, dann wird es noch schwieriger, dich zu informieren. Das ist ein einziges Desaster.

Wie sind die Menschen auf deinen Blog aufmerksam geworden?

Das waren interessierte Menschen, die Informationen gesucht haben. Ich habe keine genauen Zahlen darüber, wie viele meinen Blog gelesen haben, aber ich weiß, dass es zum Teil Menschen waren, die aus den entlegensten Dörfern des Iran kamen. Ich hatte aber auch persisch sprechende Leser aus der ganzen Welt. Außerdem bestand meine Arbeit nicht nur aus meinem Blog. Ich habe an der Basis gearbeitet und war innerhalb der sozialen Bewegungen und den Studentenprotesten im Iran aktiv. Das ist ja auch der Grund, weshalb ich am Ende festgenommen wurde.


Teaser & Image by Berliner Festspiele/Ivar Veermäe


Jenny Genzmer

hat in Heidelberg Geschichte und Übersetzungswissenschaft studiert. Sie sammelte bei der Studierendenzeitung ruprecht ihre ersten journalistischen Erfahrungen und probierte sich dann durch Tageszeitungen, Fernsehen und Radio in Peru, Mexiko und Frankreich. Zurzeit absolviert sie ihren Master in Zeitgeschichte an der Universität Potsdam und arbeitet nach einem Praktikum bei der Deutschen Welle und Deutschlandradio Kultur als freie Redakteurin. Sie bloggt unter neuspreeland.wordpress.com und ist neuspreeland auf Twitter.


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