WeFail

Liebe Werber, Social-Media-Berater, Webprominente und Diplom-Internetze,

jetzt hat es mal wieder brouhaha gemacht und ein kleiner, rundlicher Geschäftsführer einer Firma, der den Mund in punkto tablet-PC sehr voll nahm, ist von seiner Funktion als Obermufti des WeTab zurückgetreten. Stolperstein war mal wieder Astroturfing, also das hirnlose Verbreiten von Jodeldiplomen für Produkte, die entweder keiner kennt, keiner braucht oder niemand benutzen kann ohne größere Probleme.

Das Netz ist ja mittlerweile voll von tollen Kommentaren, die Werkstudenten und andere Praktikanten über 1001 Produkt in die schöne neue Welt der Social Media gießen. Dabei scheint all den Marketinggurus völlig entgangen zu sein, dass word-of-mouth und das Fluten von Kommentarfunktionen dann doch noch so einige Unterschiede aufweist. Dem hübsch pomadisierten Werbeverantwortlichen mögen die beiden Bücher von Emanuel Rosen ans Herz gelegt sein. Aber es geht um mehr…

Ulrike Langer hat an diesem Vorfall die Idee des Journalismus präzise vorgeführt. Aus kostenfreien Convenience-Bauteilen etwas zu produzieren, was die Verlage ins Web stellen können, damit man angesichts der selbst deformierten Werbeeinnahmen im Web wenigstens noch mit fast kostenloser Produktion jeden Tag was Neues auf den Tisch bringt, wenn die Kinderchen um 13 Uhr ins Netz gucken beim Rucolasalat, der Wurststulle oder dem leckeren Müsliriegel. Ich kann mich leider nicht mehr bei den Skandalrufen beteiligen. In vielen Redaktionen sitzen noch ein oder zwei Männchen und Weibchen, die die Beiträge der Freien Autoren für ein Honorar von 50 EUR verwalten. Dann und wann kommt ein preisgekrönter Journalist daher und darf solches Gewese als Online-Redaktion „führen“ und als Qualitätsjournalismus etikettieren. Diese Simulation einer ehemals demokratischen Institution entspricht exakt genau der Simulation die wir bei den Firmen sehen, wo früher mal Generationen von Familien Verantwortung übernahmen. Dieselbe Vorstellung liefern die Politiker, die eifrig die Interessen derjenigen verwalten, die die höchsten Parteispenden verteilen und dabei pflichtschuldig eine ernste Miene über den Marktplatz der Volksvertretung tragen. Da ist Helmut Hoffer von Ankershoffen für mich bei längerer Betrachtung der ganzen Misere nur ein banaler Clown, der das geglaubt hat, was die Medien geschrieben haben: Wann kommt endlich einer und bricht das Monopol von Apple von Google? Der hatte das tatsächlich nicht als rhetorische Frage verstanden sondern ernst genommen. Wer etwas länger Zeitung liest oder Fernsehen schaut, sollte wissen, dass man das nicht tun soll: Das Ernstnehmen der heißen Eisen, die die Medien anpacken. Wir sahen das bei Sarrazin, als die Atomlobby en passant ihren Willen bekam, wir sehen das bei Stuttgart 21 als die Privatversicherungen, die Pharmaindustrie und die Ärzte en passant ihre Milliarden bekamen und es wird so weiter gehen. Es ist wie im Krieg – links lärmen und rechts zuschlagen.

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)


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