Was soll Musik kosten?

Scheiden tut weh. Auch noch nach Jahren, wie auf der diesjährigen Konferenz für Musik- und Kreativwirtschaft Alltogethernow, die am Montag im Rahmen der Berlin Music Week gestartet ist, uneindeutig zu vernehmen ist. So präsentiert sich das Thema Filesharing auch 2010 noch immer als ungelöstes Dilemma in der Musikindustrie und legt damit auf den ersten Blick die Vermutung nahe, dass konservativ denkende Majorlabels nicht das Internet verschlafen, sondern ungeachtet ihrer zerbröckelnden Machtposition bewusst nicht wahrhaben wollen. Doch wer die Debatte als reines Problem einer raffgierigen Majorklientel aburteilt, irrt: denn nicht nur marktwirtschaftliche, sondern auch moralische Fragen begleiten das Thema Internet und ihre Urheberrechte. So ist der Ruf nach einer zur Gänze legalisierten Filesharer-Kultur von digitalen Gütern eben auch der Ruf nach dem Tod des Urhebers des digitalen Guts, der damit Geld verdienen will. So unvereinbar die beiden Positionen „Digital Goods for free“ versus „Copy kills music“ erscheinen, so vehement wurden sie bereits auf den ersten beiden Tagen der Konferenz, dem Alltogethernow Camp, in den verschiedenen Sessions vertreten. Neben hitzigen Diskussionsrunden gab es jedoch auch Lösungsvorschläge, wie der Musiker in Zukunft jenseits von „Zensursula“ vor dem Ruin zu retten ist. Doch festzuhalten gilt: eine Einigung beider Positionen gibt es vorläufig nicht. Warum eigentlich nicht? Ein kleiner Exkurs…

„Mit dem Download hat sich der Musikkonsument zu Wort gemeldet!“
Bereits in der Eröffnungsrede nahm der Vorsitzende des Veranstaltungskomitees der Berlin Music Week Olaf Kretzschmar die Grundkrux vorweg: „Mit dem Download hat sich der Musikkonsument zu Wort gemeldet!“. Und nicht nur das: mit dem Download zeigt der Musikkonsument, was es tatsächlich heißt, ein Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit zu sein. Als digitales Gut ist es unendlichmal kopierbar und verliert dadurch an Exklusivität. Mit sinkender Exklusivität sinkt jedoch auch sein Preis und landet schließlich bei Null. Fazit: das digitale Gut darf umsonst konsumiert sprich downgeloadet und weiter verbreitet werden, da es ja marktwirtschaftlich keinen Wert mehr besitzt und aufgrund seines technischem Formats auch nicht besitzen kann. Ergo: der Künstler muss seinen Tonträger umsonst auf den Markt schmeißen – komme, was wolle! Prima, findet der Konsument: denn so kann er sich nicht nur den überteuerten CD-Preisen der Musikindustrie entziehen, sondern er verhilft dem Künstler auch noch zu mehr Popularität, indem er wie früher unter Freunden seinen Tonträger durch weiteres filesharing im Internet verbreitet. “Reclaim the Musicbusiness“ – zufrieden, von der Konsumentenseite her den Markt nun steuern zu dürfen, ist sich der Konsument sicher: berühmt durch filesharing – wer den Markt noch nicht verstanden hat, ist selber schuld!

Dass es aber so einfach nicht ist, verrät eine kurze Besinnung auf das, was ein professioneller Musiker seiner Bestimmung nach eigentlich verkaufen sollte. Zunächst: ein digitales Gut auf Null Euro zu setzen, schadet nicht nur der Industrie, sondern natürlich auch dem Künstler, dessen Entlohnung so von wenig auf Null gerutscht ist. Der Streit darüber, ob es sich bei dieser inflationären Verbreitung von digitalen Gütern um ein „Marktversagen“ oder eine „Marktverschiebung“ im ökonomischen Sinne handelt, ist einer der Streitpunkte, die derzeit noch immer hitzig debattiert werden. Doch abgesehen davon drängt sich bei den Kritikern noch eine andere Überlegung auf: wie kommt der Konsument eigentlich dazu, über den Kopf des Künstlers zu entscheiden, ob seine Musik etwas kosten darf oder nicht? Denn auch wenn das digitale Format unendlich kopierbar ist, bleibt der Inhalt hierfür doch derselbe und dessen gibt es einen Urheber, der nicht ersetzbar ist: der Musiker selbst! Und selbst wenn die im besten Falle extrem hohe Verbreitung seiner Musik einen exorbitanten Popularitätsschub nach sich zieht, bleibt offen: wie verdient er denn jetzt Geld, der Künstler, wenn eine seiner zwei Möglichkeiten, seine Musik zu verkaufen, dem Internet zum Opfer gefallen ist?

„Es kommt auf das Gesamtpaket an!“
Mit dem Wegfall des Tonträgers als kommerzielle Einnahmequelle bleibt dem Musiker zunächst erstmal nur eines: er muss auf Tour gehen und seine Musik live vergüten. Bei einer hohen Fluktuation an neuen Musikern im Netz könnte sich dieser Konkurrenzkampf jedoch als äußerst zäh erweisen. Also was tun?

Die verschiedenen Strategien, die auf dem Alltogethernow Camp vorgestellt wurden, lassen sich leicht auf die beiden Streitposition runterbrechen. So pochen die Verfechter der freien digitalen Güter auf Marketingstrategien, denen zufolge die Musiker um ihre Musik herum rare Güter herstellen und verkaufen sollen wie z.B. limitierte Sondereditionen und Fangebote. So schlug Mitgründer und Managing Director von Proud Music Stefan Peter Roos mit seinem Freemium-Geschäftsmodell (Free + Premium) für digitale Güter vor, die Musik selber kostenlos anzubieten und darüber hinaus “frequent touch points for fans“ einzurichten, die Geld kosten sollen. Als Beispiel nannte er den typischen Fan-Merchandise (beispielsweise der Verkauf von T-Shirts), kostenpflichtige Fanclubs oder sogar die Teilhabe der Fans an neuen Alben gegen Bezahlung – der kreativen Geschäftsader des Künstlers sind hierbei keine Grenzen gesetzt, sollten aber ironischerweise der Maxime folgen: “sell something that cannot be copied“.

Und warum kann das nicht der Tonträger sein, der, wenn sich zukünftig einfach alle zusammenreißen würden, wieder gekauft werden würde? Der Appell an die Freiwilligkeit der Leute in einem normativen Kontext ist die argumentative Basis der moralischen Gegenfraktion: Musik ist das Eigentum des Künstlers und demzufolge soll auch der Künstler entscheiden, ob und wenn ja, wieviel für seine Musik bezahlt werden soll. Eine interessante Alternative könnten hier Micropaymentmodelle sein, mit denen Konsumenten per Mausklick einzelne Titel oder Alben direkt beim Anbieter kaufen können. Preise sind hier je nach Software vom Käufer variierbar oder werden vom Verkäufer festgelegt. Interessant war in diesem Zusammenhang die Präsentation von Peter Sunde, Mitbegründer von ThePirateBay, der das schwedische System http://flattr.com/ auf der Alltogethernow als Idee erstmalig auch dem Musikmarkt vorgestellt hat. Überzeugend einfach kann hier ein Konsument, dem ein Text oder ein Musikstück im Internet gefällt, per Mausklick einen Sympathie-Obolus abgeben, der am Monatsende von seinem flattr-Konto abgebucht wird. Momentan feiert flattr erste Erfolge im Online-Journalismus, allerdings gibt es bislang nur eine Testversion für einen eingeschränkten Benutzerkreis. Ab wann flattr für die Allgemeinheit zur Verfügung steht, wusste Peter Sunde leider noch nicht zu sagen.

Bleibt also abzuwarten, was nach der all2gethernow 2010 an Ideen noch alles so zu Tage treten mag. Festzuhalten ist, dass beide Seiten sich bemühen. Hoffen wir auch auf das baldige Einsehen, dass ökonomische Strategien ohne ein moralisches Fundament und moralische Strategien ohne ein reales Fundament nur schwer durchzusetzen sind.

Bildnachweis: rollingroscoe

Beate Stender

ist als Musikredakteurin beim Radio und als Freie Autorin in Berlin unterwegs. Sie interessiert sich für alles, was klingt und experimentierfreudig ist. Neben den netzpiloten schreibt sie auch für kulturprozess.com. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.


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