Videokolumne vom 23. März

In der Videokolumne geht es heute um einen Rückblick auf die letzte Staffel Game of Thrones und ganz reale Machtspiele: in der Ukraine und im ehemaligen Jugoslawien.// von Hannes Richter

First Gay Hug

Bald ist es soweit: die neue Staffel Game of Thrones beginnt. Wie kompliziert die Geschichte vom aufziehenden Winter ist, zeigt ein Staffelrückblick. Und weil man vor lauter Intrigen schnell den Blick für die tatsächlichen Ereignisse verliert, ruft eine lohnende Dokumentation über den Euromaidan die Revolution in der Ukraine nochmals in Erinnerung. Das nachdem Krieg nicht alles gerecht verläuft, zeigt Hans-Christian Schmid im Film Sturm. Und ganz ohne Krieg, dafür mit viel Herzenswärme kommt ein neuer Aufguss des viralen Kuss-Hits aus.


REVOLUTIONSNACHLESE: Videotagebuch vom Maidan

Mit der plötzlichen Einverleibung der Krim hat der russische Präsident Wladimir Putin der Maidan-Bewegung den Schneid abgekauft. Das dürfte auch im Kalkül des gerissenen Realpolitikers gelegen haben. Über Wochen haben die Ereignisse im Stadtzentrum von Kiew die Nachrichten bestimmt, Webcams übertrugen Livebilder, Journalisten twitterten aus dem Auge des Orkans und alle Welt war so überrascht von den Ereignissen, dass eine Einordnung zunächst schwer fiel. Selbst als sich westliche Regierungsvertreter auf dem Maidan schon die Klinke in die Hand gaben, war nicht abzusehen, wer am Ende die Oberhand behält. Und als man schon dachte, mit der Unterschrift eines handzahmen Janukowitschs unter einem international vermittelten Abkommen würde alles zu einem friedlichen Ende kommen, feierten die Menschen auf dem Maiden nur 24 Stunden später die Flucht des Präsidenten. Doch was bleibt von alldem übrig? Ein dräuender Großkonflikt zwischen Ost und West um Einflusssphären und in Deutschland eine gespaltene Öffentlichkeit über die Lesart der Krise. Und was ist mit den Kämpfern vom Maidan – je nach Ansicht Putschisten und Steigbügelhalter für Faschisten in der Regierung oder mutige Revolutionäre? Im Nachhinein lässt sich viel verklären und verteufeln, Argumente beider Seiten sind nicht von der Hand zu weisen. Auch die Protagonisten in Stephan Lambys Dokumentarfilm My Revolution – Video Diary from Kiev sind keine Unbeteiligten, die meisten haben sich direkt an den Protesten beteiligt. Und trotzdem vermittelt der Film mit seinen Unmengen an oft auf Handykameras gefilmtem Material eine authentische Atmosphäre. Auf die Problematik der einseitigen Sicht der interviewten Blogger und Aktivisten angesprochen, gibt sich Lamby im Interview mit Spiegel Online kleinlaut, wer genau auf die Demonstranten schießt, könne man nicht feststellen und einige Berichte seien „gefiltert“ worden. Eine Wahrheit gibt es wohl nicht mehr, zu viele kochen ihr eigenes Propaganda-Süppchen auf dem Rücken der Opfer des Aufstandes. Übrig bleiben diese Bilder aus dem Frühjahr 2014, trotz allem ein beeindruckendes Zeugnis.


POLITISCHES KINO: Sturm

AUS DER MEDIATHEK – SWR +++ Sendung vom 20. März +++ Achtung: nur nach 22 Uhr abrufbar:
Wo bleibt die Wahrheit im Krieg und wie geht die Geschichte mit denen um, die um Wahrheit bemüht sind? Hans-Christian Schmid stellt in seinem Film Sturm aus dem Jahr 2009 eine resolute Frau vor, die vor dem Jugoslawien-Gerichtshof in Den Haag für die Wahrheit streitet und unweigerlich in die Mühlen der internationalen Diplomatie gerät. Vertuschungen, falsche Versprechen und die offenen Wunden des Kriegs begleiten die idealistische Staatsanwältin Hannah Maynard, die einen angeklagten bosnisch-serbischen General hinter Gitter bringen möchte. Doch handfeste Beweise lassen sich schwer finden, in der Nachkriegsordnung des Abkommens von Dayton haben sich zuviele politische Kräfte gut eingerichtet, die juristische Aufarbeitung stört da oft nur. Und überhaupt: ist das bürokratische Ungetüm des Gerichtshofes, dass seine Protagonisten mit Handgepäck durch Europa schickt, Unmengen Papierberge schafft und dessen zähe Verfahren schnell aus dem Blick der Öffentlichkeit verschwinden überhaupt der richtige Weg mit den Verbrechen eines Bruderkriegs umzugehen? Diese Frage stellt sich Hannah zu Beginn des Films noch nicht. Im Gegenteil, unermüdlich macht sie sich auf die Suche nach Beweisen und zögernde Zeugen überredet sie zu entscheidenden Aussagen. In dem undurchsichtigen Alen und der schüchternen Mira sieht sie Werkzeuge für ihren Kampf um Gerechtigkeit, mit verhängnisvollen Folgen.
Die politische Konstellationen in Schmids internationaler Produktion geraten etwas hölzern, die Konzentration auf die Person Hannah Maynard verstellt die Frage nach den Wurzeln des Konflikts und lassen die tatsächlichen politischen Begebenheiten außerhalb der Welt des Strafgerichtshofs klischeehaft erscheinen. Doch genau hier liegt auch die Stärke des Film. Maynard verkörpert eine gewisse Ratlosigkeit mit der wir auf Konflikte reagieren, aus einer moralisch hervorgehobenen Position über gut und böse richten und am Ende doch nur Teil von etwas sind, das wir nicht selbst bestimmen können, ein Rädchen in einem Getriebe, dessen Richtung wir nicht kennen. Vieles davon meint man aus dem Gesicht der großartigen neuseeländischen Schauspielerin Kerry Fox lesen zu können.


SERVICE FÜR DEN SERIENJUNKIE: Der Game of Thrones Staffelrückblick

Am 6. April ist es soweit: Game of Thrones geht in die nächste Runde und an den immer häufiger werdenden, himmelhoch jauchzenden Facebook-Einträgen selbst von Freunden, die sonst keiner Schwäche für Drachen und böse Könige verdächtig sind, sieht man, dass großes bevorsteht. Geschickt verstehen es die Macher der Kultserie, die Stimmung anzuheizen. Bereits seit Wochen ist der neue Trailer zu sehen und mit diesem Video hier zeigen sie sich serviceorientiert wie man es selten sieht. In einem 25-minütigen Special fassen die Darsteller die Ereignisse der letzten Staffel noch einmal zusammen. Denn was der eingefleischte Fan, der vielleicht sogar die Original-Wälzer gelesen hat, im Schlaf aufsagen kann, ist für Neueinsteiger gar nicht so einfach. Nur schwer durchschaut man das Geflecht an Interessen, Kriegsauslösern, Liebschaften und Machtspielen. Genau das ist es ja, was die Serie so spannend macht (die Drachen sind es nicht… nur.). Wer also nach fast einem Jahr den Faden verloren hat, für den lohnt sich diese knappe halbe Stunde zur Einstimmung.


VIRAL PICK: Wenn sich Feinde küssen

Wenn aus einem Hype was nettes entsteht, dann darf man sich auch schonmal wiederholen. Die Empfehlung für das Kuss-Video („We asked 20 Strangers…“, inzwischen bei fast 70 Millionen Klicks) kam in der letzten Woche schon recht spät, die allermeisten hatten es bestimmt schon gesehen. Ein Entkommen gab es nicht. Doch eine Reihe kluger Parodien haben das virale Phänomen über die übliche Lebensdauer von sehr kurz hinaus gerettet. Und wenn jetzt ein Video auftaucht, in dem die Schraube noch ein wenig weiter gedreht wird, gehört das auch hierher. Denn, sollte in diesem Video nichts gefaked sein (und wer möchte das schon glauben…), geht es in dieser Version nicht zuvorderst um den schnellen Lacher oder den werbewirksamen Awwww-Effekt. Nein, es gibt eine Aussage. Und auf den Süßfaktor verzichten muss man auch nicht. Denn es ist schon goldig, was hier passiert: Die Macher nehmen das Konzept „zusammen zu bringen, was nicht passt“ (im ersten Video einfach mir Fremde, die einen intimen Moment teilen sollen) und denken es weiter. Menschen, die schlecht über Homosexuelle denken, sollen Schwule oder Lesben mal so richtig lieb haben, sprich einfach mal drücken. Es ist schon klar, wer dabei die guten sind und auf wessen Reaktion man sich konzentriert. Trotzdem wirkt, was schon im Original funktioniert hat. Das Über-ihren-Schatten springen der Protagonisten reißt einen vom Hocker und ob es den Damen und Herren persönlich geholfen hat oder nicht, man hat das Gefühl, dass die Welt nach diesem Video ein wenig schöner geworden ist.


Teaser & Image by Screenshot, http://www.youtube.com/watch?v=j1WEtFFPVBU


Hannes Richter

wandert auch außerhalb des Netzes zwischen den Welten. Der Berliner arbeitete in der Redaktion eines schwulen Nachrichtenmagazins im Kabelfernsehen und hat Videos für tape.tv und die iPad-Ausgabe des SZ-Magazins produziert. Als studierter Kulturarbeiter war er jahrelang im Berliner Cabaret-Theater Bar jeder Vernunft beschäftigt und hat ein gutes Gespür für die aktuelle Kulturszene. Im Netz verbindet er seine Leidenschaften, dafür ist es ja da. Privat twittert er als berlinmeerkat. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.


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