Theater zu Hause mit SPECTYOU & Co

Am 27. März war World Theatre Day. Mit ziemlicher Sicherheit waren das erste Mal in der 58-jährigen Geschichte des Welttheatertages die meisten Theater weltweit geschlossen. Der wirtschaftliche Schaden für den gesamten Kulturbetrieb ist nicht abzuschätzen. Genauso wenig lässt sich sagen, was es für eine Gesellschaft bedeutet, wenn die Orte wegbrechen, an denen Menschen zusammenkommen, um gemeinsam Kunst zu erleben oder auch nur um sich unterhalten zu lassen. Viele Theater überbrücken die Zeit bis zur nächsten Vorstellung, indem sie Aufführungen im Internet zeigen. Das kleine Start-Up SPECTYOU aus der Schweiz arbeitet daran, dass das Theater nach Corona nicht wieder aus dem Netz verschwindet.

Renaissance des Bühnenfernsehens

Theater jenseits der Bühne gab es schon lange bevor Breitbandanschlüsse das Streamen zu Hause möglich gemacht haben. Nachdem das öffentlich-rechtliche Fernsehen der alten Bundesrepublik noch regelmäßig Aufzeichnung bekannter Inszenierungen im Programm hatte, verschwand die Theaterkunst in den 90ern vom Bildschirm. Ein Versuch der Wiederbelebung scheiterte: 2011 wurde der Theaterkanal, ein Kleinst-Spartensender des ZDF, eingestellt. Übrig blieb ein Archiv hoch-professionell aufgezeichneter Produktionen und die 3Sat-Reihe „Starke Stücke“, die jedes Jahr einige der zum renommierten Berliner Theatertreffen eingeladenen Inszenierungen ins Fernsehen bringt. Unter anderem aus diesem Schatz bedienen sich nun die großen Häuser, die während des Corona-Shutdowns auf ihren Webseiten für eine Renaissance des Bühnenfernsehens sorgen.

Die Berliner Schaubühne sendet jeden Tag eine historische Produktion in einem Online-Spielplan, auch das Thalia-Theater hat historische Aufzeichnungen im Programm und die Münchner Kammerspiele zeigen statt der auf Youtube frei verfügbaren 3Sat-Aufzeichnung einem beim Gastspiel in St. Petersburg noch aufwendiger gefilmten Mitschnitt ihrer Erfolgsinszenierung „Trommeln in  der Nacht“.  Für die Corona-Zeit wurde kurzerhand eine Online-Spielstätte, die Kammer 4, gegründet.

Andere Theater zeigen ihre zu Probenzwecken aufgezeichneten Produktions-Mitschnitte auf ihren Webseiten. Oft kann die Qualität nicht mit den Fernsehaufzeichnungen mithalten, doch gerade die kleineren Stadttheater zeigen dem Publikum so, dass sie auch in Zeiten des Shutdowns nicht stillstehen. Es sind starke Lebenszeichen der geschlossenen Bühnen, doch sie sind auf Zeit. Und das in doppeltem Sinne. Die meisten der eingestellten Videos sind nur für einen kurzen Zeitraum im Netz verfügbar, oft nur für 24 Stunden. Und: So schnell, wie sie gekommen sind, können sie nach der Krise auch wieder verschwinden. Es wird sich zeigen, ob sich das Theater im Netz behaupten kann, wenn die Theater wieder aufmachen.

Netflix für die Bühne?

Dass es auch nach der Corona-Krise noch einen Bedarf für Theateraufzeichnungen im Netz gibt, davon sind die Gründer*innen von SPECTYOU überzeugt. Denn die Plattform, auf der seit einer Woche Theatervideos hochgeladen werden können, richtet sich nicht nur an das theaterinteressierte Publikum. Am Anfang der Idee stand ein ganz anderer Gedanke:

Für die Szene sollte ein digitales Zuhause geschaffen werden, damit eine Regisseurin auch die Inszenierung eines Kollegen in einer entfernten Stadt schauen kann, Studierende mehrere Inszenierungen eines Stückes vergleichen können oder abgespielte Produktionen im Netz erhalten bleiben. Kurz, der Arbeitsraum Theater sollte ins Netz erweitert werden und ein umfangreiches Bewegtbild-Archiv entstehen. Dafür arbeitete das Team über zwei Jahre an einer Plattform, die ähnlich wie Youtube und Co die Möglichkeit zum selbstständigen Upload bietet, aber darüber hinaus auch Verknüpfungen und das Anlegen von Profilen ermöglicht, mit denen sich Professionals präsentieren und austauschen können.

Doch nicht nur für sie entsteht hier was. Gerade in Zeiten, in denen das Gewohnte in Frage gestellt und Neues ausprobiert wird, verschwimmt auch die Grenze zwischen dieser Szene und dem Publikum. Wenn SPECTYOU erfolgreich ist, bietet es Theatern, die jetzt noch auf ihren eigenen Seiten streamen (und dafür meist auf das Hosting von Youtube oder Vimeo zurückgreifen), eine unabhängige Plattform, auf der sie ihre Inszenierungen dauerhaft zugänglich machen können. Und das für Profis und Fans.

Auf Grund dieser doppelten Zielgruppe bezeichnen die Macher*innen SPECTYOU ungern als „Netflix für die Bühne“, obwohl man sich gut vorstellen kann, ein ganzes Wochenende auf der Couch zu sitzen und Theateraufzeichnungen zu bingen. Der Vergleich passt aber auch in Bezug auf das Bezahlsystem. SPECTYOU soll es im Abo geben, denn auch die Kunst kostet was und ebenso der Betrieb der Plattform, die anders als andere nicht von der Verwendung von User-Daten oder Werbung lebt. Aufgrund der aktuellen Situation ist die Registrierung und Nutzung von SPECTYOU vorerst kostenfrei. Schließlich muss es irgendwo ja noch Theater geben.

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Bild vonkozlik_mozlik via stock.adobe.com

Hannes Richter

wanderte schon früh zwischen den Welten, on- und offline. Der studierte Kulturarbeiter arbeitete in der Redaktion eines schwulen Nachrichtenmagazins im Kabelfernsehen, produzierte Netzvideos und stellte eine Weile Produktionen im Cabaret-Theater Bar jeder Vernunft auf die Beine, bevor er als waschechter Berliner nach Wiesbaden zog, um dort am Staatstheater Erfahrungen im Kulturmarketing zu sammeln. Er baute später die Social-Media-Kanäle der Bayreuther Festspiele mit auf und schoss dabei das erste Instagram-Bild und verfasste den ersten Tweet des damals in der Online-Welt noch fremden Festivals. Seitdem arbeitete er als Online-Referent des Deutschen Bühnenvereins und in anderen Projekten an der Verbindung von Kultur und Netz. 


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