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Wie Kinder Humor entwickeln

Child (adapted) (image by Bellezza87 [CC0] via pixabay)

Wer einmal versucht hat, sein Kleinkind mit Sarkasmus oder einem Wortwitz zu unterhalten, hat vermutlich nur einen entgeisterten Blick geerntet. Babys sind sogar noch schwieriger zu beeindrucken – sie ignorieren gekonnt unsere Clownsnummern und fangen stattdessen bei völlig zufälligen Ereignissen an, herzhaft zu lachen. Natürlich haben auch Kinder schon ein bisschen Humor. Aber was finden sie in verschiedenen Altersstufen lustig und ab wann können wir davon ausgehen, dass sie Dinge wie Sarkasmus und Ironie verstehen?

Mein zweijähriger Sohn hat vor kurzem damit begonnen, meine Nase zu packen und hysterisch lachend so zu tun, als würde er sie in den Mülleimer in der Küche schmeißen. Das ist zwar kein Scherz, den ich beim nächsten Abendessen mit Gästen zum Besten geben würde, aber zumindest sieht man hier, dass mein Jüngster einen gewissen Sinn für Humor entwickelt.

Die wesentliche Grundlage, die Kinder für die Entwicklung von Humor brauchen, ist die Sozialisierung. Kinder müssen verstehen, dass sie eine Erfahrung mit einem anderen Menschen teilen, bevor sie einen Sinn für Humor entwickeln können. Wir machen das üblicherweise, indem wir gemeinsam lachen und gemeinsam Reaktion teilen – ein Prozess, der bereits beim ersten Augenkontakt und Lachen eines Neugeborenen beginnt. Der Psychologe Lev Vygotsky nahm an, dass humorvolle soziale Interaktionen dieser Art die kognitive Entwicklung eines Kindes unterstützen können.

Trotzdem braucht ein Kind auch ein paar grundlegende kognitive Fähigkeiten, um überhaupt Witze machen zu können, und zwar jenseits von der Fähigkeit, lustige Grimassen zu schneiden. Die wichtigsten Fähigkeiten sind eine gewisse Vorstellungskraft, die Fähigkeit, andere Sichtweisen anzunehmen und die Sprache. Diese Fähigkeiten entwickeln sich bei jedem Kind unterschiedlich schnell und wachsen und verändern sich auch noch im Jugend- und Erwachsenenalter. Deswegen existiert kein fixes Schema, um die Humorentwicklung anhand spezifischer, altersbezogener Stadien festzulegen.

Sprache

Fast alle Arten von Humor beinhalten eine gewisse Erkenntnis von Inkongruenzen zwischen einem Konzept und einer Situation. Anders ausgedrückt: wir lachen wenn wir überrascht werden, weil wir den Eindruck haben, dass die Dinge nicht zusammenpassen. Nehmen wir als Beispiel folgenden Witz: „Ein Pferd geht in eine Bar. Der Barmensch fragt: „Warum macht du so ein langes Gesicht?“ Zum Einen ist dieser Witz amüsant, weil Pferde normalerweise nicht in eine Bar traben. Zum Anderen ist die Pointe „Warum macht du so ein langes Gesicht?“ witzig, weil wir zuerst gar nicht verstehen, warum das Pferd traurig ist. Dann erst macht es in unserem Gehirn „Klick“ und wir begreifen, dass Pferde ja buchstäblich ein „langes Gesicht“ haben.

Es scheint also, als wäre die Sprache eine Voraussetzung für Humor. Babys, die natürlich noch nicht sprechen können und Kleinkinder, die erst geringe Sprachkenntnisse besitzen, haben normalerweise mehr Spaß mit Dingen, die einen physischen Bezug haben – zum Beispiel bei einer Runde Verstecken. Trotzdem haben auch einfache Witze, die im Vergleich mit sprachbasierten Witzen weniger kognitive Fähigkeiten benötigen, mit dem Erkennen von Inkongruenzen zu tun. Hierbei geht es meist um einen gewissen Überraschungsmoment – plötzlich erschient jemand wie aus dem Nichts. Viele Forscher behaupten, dass die Kommunikation der springende Punkt ist – und in Wahrheit der Humor den Spracherwerb fördert.

Vorstellungskraft

Die Vorstellungkraft spielt im Erkennen von Inkongruenzen eine große Rolle. Sie hilft den Kindern, eine andere Sichtweise anzunehmen und verschiedene soziale Rollen zu inszenieren, und sogar so zu tun, als würde sich die eigene Nase vom Körper entfernen.

Die Entwicklung der Vorstellungskraft beginnt bei Kindern ungefähr zwischen dem 12.bis zum 18. Monat. Interessanterweise ist das der exakt gleiche Zeitraum, in dem Kinder beginnen, die Witze der Eltern nachzumachen . So werden die Eltern angespornt, ihren eigenen Humor zu entwickeln. Tatsächlich können Kinder bereits im Alter von sieben Monaten willkürlich jedes Verhalten nachmachen, das Gelächter erzeugt, wie zum Beispiel ein lustiges Gesicht oder eine Runde Verstecken.

Vorstellungskraft zu entwickeln, ist für ein Kind essentiell, um später eigene Witze zu erfinden. Dieser Prozess beginnt ab einem Alter von etwa zwei Jahren, oft mit objektbasierten Witzen, etwa wenn sich ein Kind die Unterhose auf den Kopf setzt, oder konzeptuell, zum Beispiel mit der Aussage „Das Schwein macht Muuuh“.

Die Inspiration für eigene Witze bekommen Kinder meist von jenen Dingen, die sie gerade selber lernen. Darüber hinaus hilft ihnen das, um gesellschaftliche Regeln zu verstehen. Beispielsweise witzelt mein Sohn oft darüber, dass seine Freundin Lilly „auf den Fußboden gemacht hat“. Das kommt daher, weil bei ihm gerade das Töpfchentraining und Trockenwerden und Exkremente an erster Reihe stehen. Witze darüber zu machen ist eine gute Möglichkeit, die gesellschaftlichen Rituale und Gefühle zu erlernen, die mit diesem Prozess einhergehen – vor allem im Umgang mit Missgeschicken.

Perspektiven und Täuschungen

Kindern können außerdem ihr Humorverständnis entwickeln, wenn sie verstehen, wie unser Verstand funktioniert. Es ist wichtig, zu wissen, dass verschiedene Menschen einen unterschiedlichen Wissensstand oder eine unterschiedliche psychische Verfassung haben. Manche gehen auch von falschen tatsachen aus oder liegen schlichtweg auch mal falsch. Beispielsweise erkennt ein Kind, das das Konzept der Täuschung verstanden hat, wenn die Eltern nur so tun, als wären sie ahnungslos, während sich das Kind hinter ihnen anschleicht, um sie zu erschrecken.

Tatsächlich zeigen auch einige Forschungsergebnisse, dass dieses Wissen für Kinder entscheidend ist, um kompliziertere Witze mit Sarkasmus und Ironie zu verstehen. Eine Studie hat gezeigt, dass manche Kinder bereits im Alter von drei Jahren (normalerweise ungefähr fünf) in der Lage sind, einige Spielweisen der Ironie zu verstehen. In diesem Experiment wurde Kindern ein Puppentheaterstück vorgeführt. Dann wurden den Kindern Fragen gestellt, was sie denn gerade gesehen hatten. Ein Beispiel für Ironie ist eine Szene, in der eine Puppe ein Teller zerbrach. Eine zweite Puppe sagte daraufhin: „Deine Mutter wird sich aber freuen.“ Manche Kinder fingen zu lachen an und verstanden, dass der Satz nicht wörtlich gemeint war und die Mutter natürlich nicht glücklich sein würde.

Andere Wissenschaftler argumentieren, dass sich das Verständnis von Ironie erst durch die Erfahrung mit Humor an sich entwickelt, anstatt durch das Wissen um Täuschung und die Entwicklung von Vorstellungskraft. Witze sind gesellschaftlich und kulturell geprägt, ein Teil des Lernprozesses besteht daher aus sozialen Interaktionen.

Sobald Kinder Vorstellungsvermögen und ein grundlegendes Verständnis für andere entwickelt haben, können sie mit ihrem Humor tatsächliche und mögliche Emotionen erkunden. Beispielsweise können sie unsichtbares Essen herumschleudern und voll Freude herumschreien, dass sie sich bekleckert haben. Die Elternsollen dann so tun, als seinen sie verärgert. Dadurch können Kinder in einem sicheren Umfeld die Emotion Ärger erforschen.

Wenn es zum kindlichen Humor kommt, müssen wir also geduldig sein. Gott sei Dank, denn sonst wären Disney- und Pixar-Filme wohl um einiges anstrengender abzusitzen, wenn Kinder nicht über all die versteckten und teilweise recht gewagten Witze hinweggehen würden. Für’s Erste lachen wir einfach weiter über gestohlene Nasen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Child“ by Bellezza87 (CC0 Public Domain)


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Afrikanische Regierungen und die sozialen Medien: Warum ist das Verhältnis so unstet?

Afrika (adapted) (Image by WikiImages [CC0 Public Domain] via pixabay)

Viele kenianische Social-Media-Nutzer sind beunruhigt, dass die Regierung die Nutzung des Internets während der Parlamentswahlen stilllegen könnte. Der Regierungssprecher von Kenia hat versucht, die Wähler zu beruhigen, dass dies nicht der Fall sein wird. Trotzdem sind die Ängste, dass die Freiheit des Internets bedroht ist, nicht unbegründet.

Die Liste der afrikanischen Länder, die den Zugang zu den sozialen Medien während Wahlen und anderen politisch heiklen Phasen unterbunden haben, wächst stetig. Im vergangenen Jahr war dies in Kamerun, Tschad, der demokratischen Republik Kongo, Gabun, Gambia, der Republik Kongo und Uganda der Fall. Länder wie Äthiopien, Madagaskar und Tansania haben außerdem die Gesetze der Internetkriminalität so verschärft, dass die Meinungsfreiheit bedroht ist.

Anderswo sind die Nutzer sozialer Medien, Journalisten eingeschlossen, unter den geltenden Gesetzen für online geteilte Inhalte verfolgt worden. Solche Aktionen werden oft damit begründet, dass sie Frieden und Sicherheit sichern sollen, da die sozialen Medien eine potenzielle Plattform für die Verbreitung von Hassreden und Aufrufen zur Gewalt darstellen.

Dies ist besonders dann problematisch, wenn politische Kandidaten auf ethnische und religiöse Unterschiede aufmerksam machen, um Unterstützung zu bekommen. Die Rolle, die aufwieglerische Textnachrichten bei den gewalttätigen Ausschreitungen während der Wahlen von 2007 in Kenia spielten, wird immer wieder als Beispiel dafür genommen, welche potentielle Gefahr unkontrollierte Massenkommunikation bietet.

Im Südsudan wird der anhaltende Konflikt durch im Internet verbreitete Gerüchte und Hassreden weiter angefacht. Manche geben sogar einem „falschen“ Facebook-Beitrag die Schuld für 150 Todesopfer. In Teilen von Afrika sind die sozialen Medien für Terroristen eine Möglichkeit, um mit ihren Anhängern zu kommunizieren und neue Mitglieder anzuwerben. Deshalb behaupten die Regierungen, dass die sozialen Medien gefährlich sind und nicht immer für bare Münze genommen werden sollten. Neue Formen der Kommunikation erschüttern die politische Lage in Afrika genauso wie anderswo. Das führt zu beunruhigenden Unsicherheiten bei Regimen, die ihre Macht behalten wollen.

Alternative Informationsquellen

Soziale Medien bieten neue Möglichkeiten, um Informationen in kurzer Zeit mit einer großen Anzahl an Menschen zu teilen. In der Vergangenheit wurde ein Witz über einen Politiker vielleicht mit ein paar Freunden geteilt – heute kann er Tausende erreichen. Blogs und Plattformen wie WhatsApp sind zu Hauptinformationsquellen für viele Internetnutzer geworden. Manchmal informieren sie schon darüber, was in den ‚traditionellen‘ Medien berichtet wird.

SAber abgesehen davon können auch Zuwiderhandlungen von Regierungen bei Wahlverfahren oder Verstöße gegen die Menschenrechte online bloßgestellt werden. Soziale Medien spielten eine wichtige Rolle bei der Stärkung der Zivilgesellschaft und helfen Oppositionsbewegungen, sich in einigen der autoritärsten Länder Afrikas zu organisieren.

Außerdem bietet das Internet auch lokalen politischen Belangen ein globales Publikum. Dies war beispielsweise während der jüngsten Proteste in Äthiopien der Fall, als Gegner des Regimes in der Diaspora sich mithilfe der sozialen Medien beteiligen konnten. Allerdings bietet die eine vermehrte Online-Kommunikation auch neue Möglichkeiten für staatliche Überwachung und Zensur. Abschalten des Internets und eine Verfolgung von ‚Internetkriminalität‘ gegen Kritiker des politischen Systems sind Handwerkszeug, um politische Freiheiten einzuschränken. In Ländern wie Tansania wurden Beschränkungen der Auseinandersetzungen im Internet durch Offline–Maßnahmen begleitet. Dazu gehören ein Verbot von politischen Kundgebungen und Strafverfolgung von Oppositionsmitgliedern des Parlaments für Volksverhetzung.

Dem Staat standhalten

Angesichts der Regierungszensur haben die Bürger versucht, sich den Beschränkungen ihrer Internetfreiheit zu widersetzen. Zum Beispiel haben im Jahr 2016 viele Ugander virtuelle private Netzwerke (VPNs) miteinander verbunden, um dadurch die Versuche, die sozialen Medien zu blockieren, zu unterbinden. Mobile Netzwerkbetreiber müssen sich zur Frage, was sie in Zukunft machen können, um gegen die Regierungen standzuhalten, positionieren. Herausfordernde restriktive Rechtsvorschriften können sich vor Gericht jedoch auch als erfolgreich erweisen. So wurde zum Beispiel in Kenia eine gesetzliche Bestimmung über die ‚unsachgemäße‘ Nutzung eines Telekommunikationsgeräts für verfassungswidrig erklärt.
Dagegen wurde jedoch im benachbarten Tansania der Versuch, das Gesetz der Internetkriminialität in Frage zu stellen, abgetan.

Dies sind aber keineswegs nur Belange, die afrikanische Länder betreffen. Zwischen Juni 2015 und Juli 2016 gab es in 19 Ländern 81 kurzfristige Störungen des Internetanschlusses, unter anderem in Indien, der Türkei und Vietnam. Weltweit hat das Wachstum der sozialen Medien die Debatte darüber angeregt, wo die Grenze zwischen dem Schutz der Redefreiheit und der Stimme des Hasses und des Extremismus zu ziehen ist. Die Präsidentschaftskampagne des vergangenen Jahres in den Vereinigten Staaten hat zusätzlich Bedenken über die Rolle der sozialen Medien bei der Verbreitung von sogenannten Fake News mit wichtigen politischen Folgen ausgelöst.

Diese Debatten sind in Teilen von Afrika sehr dringend. Im Jahr 2017 finden Wahlen in einer Reihe von Ländern statt, bei denen es noch in der jüngsten Geschichte zu Gewalt bei Wahlen kam. Hier wurden in der Vergangenheit ethnische und regionale Unterschiede von politischen Kandidaten zu Wahlzwecken manipuliert. Es besteht daher die Notwendigkeit, zu prüfen, wie man sicherstellen kann, dass soziale Medien nicht dazu verwendet werden, zu Gewalt anzuregen oder gefährliche Gerüchte zu verbreiten. Ebenfalls bleibt aber auch die Frage, wie Regierungen daran gehindert werden können, die Möglichkeiten der sozialen Medien zur Beschränkung der Menschrechte zu nutzen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Afrika“ by WikiImages (CC0 Public Domain)


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Datenverantwortung: Ein neues soziales Gut für das Informationszeitalter

ruins (adapted) (Image by choukyin [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Während der Klimawandel zunimmt, wirken die zerstörerischen, rekordverdächtigen Naturkatastrophen fast wie die neue Normalität — von Hurrikan Matthew, der im vergangenen September mehr als 1.300 Opfer forderte bis zum Taifun Lionrock, der vor Kurzem in Nordkorea tobte und eine Flut verursachte, die 138 Menschen getötet und gut 100.000 Menschen obdachlos zurückgelassen hat.

Was können wir tun, um die Zerstörung durch Naturkatastrophen zu verringern? Man könnte möglicherweise die Hilfsaktionen mithilfe von Daten verbessern. Sehen wir uns einmal die Folgen des Erdbebens im nepalesischen Gorkha im April 2015 an, eine der schlimmsten Katastrophen seit mehr als 80 Jahren. Fast 9000 Menschen wurden getötet, etwa 22.000 wurden verletzt und mehrere hunderttausend sind nun obdachlos, nachdem ganze Dörfer dem Erdboden gleichgemacht wurden.

Trotz der umfassenden Zerstörung muss gesagt werden: es hätte schlimmer kommen können. Ohne die Katastrophe beschönigen zu wollen, die Nepal an diesem Tag traf, möchte ich dafür plädieren, dass Daten — und hier ist insbesondere ein neuer Typ von sozialer Verantwortung gemeint — den Nepalesen dabei geholfen haben, größeres Unheil zu vermeiden. Dies könnte für spätere Notfälle hilfreich sein.

Infolge der Katastrophe in Nepal sind viele verschiedene Akteure zusammen gekommen, um diese humanitäre Krise anzusprechen: die Regierung, die Bürger und privat engagierte Helfer. Als besonders herausragend hat sich dabei Nepals größter mobiler Netzwerkbetreiber Ncell gezeigt. Kurz nach dem Erdbeben entschied sich Ncell dazu, seine gesammelten mobilen Daten in unidentifizierbarer Form mit der gemeinnützigen schwedischen Organisation Flowminder zu teilen.

Flowminder hat diese Daten genutzt, um die Menschenströme zu kartographieren. Diese Echtzeit-Karten haben es der Regierung und humanitären Organisationen ermöglicht, Hilfe und Entlastungen besser zuzuschneiden und damit ihren Einfluss optimal auszunutzen. Diese Initiative hat sich als Modell der Datenzusammenarbeit als sehr positiv herausgestellt. Flowminder hat dafür im Jahr 2016 sogar den Mobile in Emergency or Humanitarian Situations-Award bei der GSM Association’s Global Mobile in Barcelona gewonnen

Was ist Datenverantwortung?

Mich beeindruckt am meisten die Art und Weise der Datennutzung bei der Initiative von Flowminder und Ncell – besonders, wenn man bedenkt, wie die privat gesammelten Daten für öffentliche Dienste genutzt wurden. Dies war ein Akt der Datenverantwortung. Diese Datenverantwortung und das genossenschaftliche Teilen der Daten ist ein noch junges Konzept und wird gerade entwickelt. Dennoch ist schon jetzt aufgefallen, dass es eine zentrale Rolle einnimmt, wenn es darum geht, verschiedene öffentliche Dienste zu fördern, wie zum Beispiel bei der Frage, wie wir an Naturkatastrophen und andere Notfälle herangehen.

Datenverantwortung könnte auch eine größere Rolle dabei spielen, um die für die Jahre 2015 bis 2030 gesetzten Nachhaltigkeitsziele zu fördern. Dazu sagt Jeffrey Sachs: „Die Datenrevolution kann die Nachhaltigkeitsrevolution antreiben, und den Prozess der Armut zu beenden, soziale Inklusion zu fördern und die Umwelt zu schützen.“ Nach jüngsten Schätzungen werden täglich etwa 2,5 Billionen Bytes an Daten erstellt. Neun Zehntel unserer heutigen Daten wurden in den Jahren 2013 und 2014 erstellt.

Dieser massive Anstieg der Datenverfügbarkeit hat einigen Enthusiasmus hervorgerufen, da man sie für potentielle ökonomische, kulturelle und politische Vorteile nutzen kann. Der Economist schrieb dazu, man wolle „Dreck in Gold verwandeln“, indem man große Ströme an „Daten-Müll“ abbaut, der oft unbeabsichtigt von permanent vernetzten Nutzern der sozialen Medien und mobilen Geräte hinterlassen werde.

Was jedoch seltener diskutiert wird, ist die Tatsache, dass diese Daten nicht zugänglich und damit geheim sind. Sie sind das Eigentum von Firmen, Regierungen und anderen Organisationen. Das schränkt die öffentlichen Vorteile ein. Datenverantwortlichkeit kann Organisationen dabei helfen, diese privaten Grenzen zu überwinden und diese Daten für das öffentliche Gut zu teilen. Besonders im Privatbereich  stellt dies ein Beispiel an gemeinsamer sozialer Verantwortung für das 21. Jahrhundert dar.

Heutzutage ist Datenverantwortlichkeit relativ ungewöhnlich. Das nepalesische Telekommunikationsunternehmen Ncell ist eines der wenigen, das seinen Datenfundus geöffnet hat. Aber es gibt auch einige ermutigende Anzeichen. Beispielsweise hat Twitter in Jakarta einige Daten mit australischen Forschern geteilt, mit deren Hilfe sie die Webseite PetaJakarta.org erstellten. Die Seite bietet Live-Informationen zu Überschwemmungen und ermöglicht vor allem während der Monsun-Saison eine verbesserte Einschätzung der Lage.

Im Senegal stieß die Orange Group eine Aktion für Entwicklungsdaten an und teilte ihre Daten mit verschiedenen Forschungsteams, um Muster und Lösungen zu identifizieren und damit die Gesundheit, die Landwirtschaft, die Stadtplanung und der Umgebung und landesweite Statistiken zu verbessern. Das Gewinnerteam benutzte Handydaten, um den Energieverbrauch nachzustellen und so Lösungen für veränderliche Energieanforderungen zu finden.

Die drei Säulen der Datenverantwortung

Solche Beispiele zeigen uns, dass Daten Leben verbessern oder sogar retten können. Aber um das volle Potential zu nutzen, müssen drei Bedingungen erfüllt werden. Diese kommen als die drei Säulen der Datenverantwortung zusammen:

  1. Die Pflicht zu teilen

    Dabei handelt es sich wohl um die offensichtlichste Pflicht: private Daten zu teilen, falls diese dem öffentlichen Gut dienen. Eine sekundäre Nutzung ist nicht immer beliebt unter den Nutzern (oft aus guten Gründen), aber wenn man es richtig anstellt, kann das Teilen starke, soziale Vorteile beinhalten, wie oben aufgezeigt.

  2. Die Pflicht zu schützen

    Teilen geht mit Risiken einher, besonders, was die Privatsphäre, die Sicherheit und andere individuelle Rechte angeht. Deshalb ist es unerlässlich, dass Organisationen ihre Daten auf verantwortliche Weise teilen, und dabei versuchen, die Daten selber zu schützen, aber auch die Individuen, die ihre Daten aufgeben (auch wenn dies oft unabsichtlich geschieht).

    Die Konsequenzen aus dem fehlenden Schutz der Daten wurden bereits gut dokumentiert. Die offensichtlichen Probleme treten auf, wenn Daten nicht genügend anonymisiert werden, bevor man sie teilt, oder wenn nicht anonyme Daten anderweitig an die Öffentlichkeit gelangen. Scheinbar anonymisierte Daten könnten selbst für eine Entschlüsselung anfällig sein. Informationen, die für das öffentliche Gut geteilt wurden, können auch Einzelpersonen Schaden zufügen.

    Im Jahr 2013 in New York folgten die ‚Taxi and Limousine Commission‘ einem öffentlichen Ersuchen und veröffentlichten vermeintlich anonymisierte Daten zur Abholungs- und Ankunftszeiten, Standorten, Preise und Trinkgelder, die von verschiedenen Taxifirmen und Mitfahrerorganisationen gesammelt wurden. Innerhalb weniger Tage jedoch hatten private Hacker die relevanten Taxi-Lizenzen und Nummernschilder identifiziert. Die Konsequenzen waren besorgniserregend und vielleicht sogar justiziabel: Die Daten konnten beispielsweise dazu genutzt werden, das Einkommen eines Fahrers zu berechnen und die Fahrten der Kunden sowie ihre Ausgaben zu identifizieren. Unter ihnen waren auch Prominente, was die Gefahr des Stalkings noch erhöht hat.

    Aus Gründen wie diesen muss das gut gemeointe Vorhaben, die Daten zu teilen, mit einem erhöhten Verantwortungsbewusstsein einhergehen, und zwar an jedem einzelnen Informationsknotenpunkt, von der Sammlung, über die Verarbeitung und Analyse bis hin zum Teilen und der Datennutzung.

  3. Die Pflicht zu handeln

    Damit veröffentlichte Daten dem öffentlichen Gut helfen können, müssen Beamte und andere auch Strategien und Vermittlungen annehmen, die Einblicke in die Veröffentlichung geben. Ohne eine Handlungsaufforderung bleiben die Möglichkeiten nur eben diese: Möglichkeiten, kleine Fakten.

    Die Pflicht zu Handeln ist im dem Kampf gegen die Korruption besonders offensichtlich. Weltweit haben Daten, die von den Regierungen oder anderen Organisationen und Individuen veröffentlichtu wurden, eine wichtige Rolle dabei gespielt, Betrugsfälle offenzulegen und die Transparenz zu erhöhen.

Das brasilianische Transparenzportal wurde im Jahr 2004 vom Büro des Rechnungsprüfers gegründet, um die steuerliche Transparenz zu erhöhen, indem sie Regierungsdaten geteilt haben. Diese Organisation ist nun eines der wichtigsten Werkzeuge dieses Landes, um Korruptionen zu identifizieren und dokumentieren. Monatlich registrieren sie um die 900 000 Besucher. In Mexiko bietet die Onlineplattform Mejora Tu Escuela Bürgern Informationen über Schulleistungen, damit Eltern die beste Bildung für ihre Kinder wählen können und besser in deren Ausbildung eingebunden werden.

Für Schuladministratoren, politische Entscheidungsträger und Nichtregierungsorganisationen bietet diese Plattform allerdings einen Weg, Korruptionsfälle von Lehrern, die nicht oder nicht mehr existieren und dennoch auf einer Regierungsgehaltsliste stehen, und Lehrern, die zu viel Lohn erhalten, aufzudecken.

Dennoch muss man handeln, um aus den Erkenntnissen auch Resultate zu schöpfen. Das beruht oft auf eilig herbeigeführten und schwierigen Veränderungen angesichts bestimmter Interessensverbindungen  und institutioneller Hindernisse.

Die Notwendigkeit einer kulturellen Veränderung

Die Schwierigkeit, Erkenntnisse in Ergebnisse zu übersetzen, deutet auf einige größere soziale, politische und institutionelle Veränderungen hin, die man erreichen muss, um eine wirkliche Datenverantwortung zu erreichen. Für Datenverantwortung muss man eine oft unbekannte Verpflichtung zur Transparenz und Rechenschaft eingehen. Man muss von den gewohnten Pfaden des Datenschutzes zu einer Sharingkultur gelangen und von einem traditionellen Strategiedenken zu einer von Daten getriebenen Steuerung. Daraus folgt eine kulturelle Veränderung, die die Herangehensweise bestimmt, wie Firmen, Regierungen und andere Akteure ihre Daten behandeln.

Die folgenden drei Wege sollte man bedenken, um die benötigte Entwicklung in einer kurzen Zeit zur erreichen:

Als Erstes sollten öffentliche und private Dateninhaber eine öffentliche Verpflichtung (oder Zusage) zur Datenverantwortung herausgeben, sodass eine solche in Unternehmen zur Normalität wird.

Zweitens sollten in öffentlichen und privaten Unternehmen „Datenverwalter“ eingestellt werden. Sie werden die Veränderungen erkennen und leiten und bestimmen, was man wann teilt, wie man die Inhalte schützt und wie man mit verfügbaren Daten umgeht.

Und schlussendlich muss es eine Bewegung geben: es ist an der Zeit, eine Gemeinschaft für Informationsrecht zu erweitern und mehr „Datenverantwortung“ zu fordern. Damit könnte man das Leben vieler Menschen besser machen — und somit auch unser eigenes.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „ruins“ (adapted) by choukyin (CC0 Public Domain)


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Warum es sich lohnt, großzügig zu sein

EXPO_2015_Mangiare_tutti (adapted) (Image by Marco [CC BY 2.0] via Flickr)

Wonach suchen wir, wenn wir nach einem Partner suchen? Sicherlich hängt das davon ab, wofür der Partner da sein soll – von einem Geschäftspartner würden wir uns wahrscheinlich wünschen, dass er innovativ ist. Bei einem Mitstreiter in einem Chor wäre es wünschenswert, dass er musikalisch ist und von einem Partner in Liebesdingen, dass er beispielsweise attraktiv und lustig ist. Aber wie lassen sich solche Qualitäten und Fähigkeiten mit anderen, angesehenen Eigenschaften vergleichen, wie zum Beispiel mit Gerechtigkeit und Großzügigkeit?

Wir Menschen sind ungewöhnlich sozial – wir kooperieren, meist aus Gewohnheit, in den meisten Fällen mit Leuten, mit denen wir nicht einmal verwandt sind, und das bis zu einem Grad, der den eines jeden anderen Lebewesens weit überschreitet. Dennoch gibt es einen bedeutenden Nachtteil, wenn man anderen hilft: das Risiko, von einem Betrüger hereingelegt zu werden – jemandem, der die Vorteile der Kooperation für sich herauspickt, ohne zur Gemeinschaft beizutragen. Das Verständnis, wie Menschen wechselseitig produktive Beziehungen formen und gleichzeitig soziale Parasiten vermeiden, ist der Schlüssel, um die Evolution des absoluten Sozialgedankens beim Menschen verstehen zu können.

Das Ansehen ist beispielsweise ein Zeichen unseres früheren Verhaltens, das Beobachter dazu nutzen können, um daraus zu schlussfolgern, wie wir uns möglicherweise in der Zukunft verhalten werden – und das ist der ganze Kern der Angelegenheit. Ein Hauptgrund dafür, warum Einzelpersonen sich um ihr Ansehen sorgen und warum sie darin investieren, ist, dass wir uns einen oder mehrere Partner für soziale und romantische Interaktionen auf Grundlage dieser Information bewerten und aussuchen können wollen.

Aus der Sichtweise der Evolution sollten wir diesen Hinweis nutzen, um den besten Partner für unsere Interaktionen auszuwählen. Aber was bedeutet das überhaupt? Der „beste“ Partner könnte einer sein, der am ehesten dazu befähigt ist, uns Dinge zu geben, wie etwa Geschäftspartner mit einem großen Vermögen, Wissen und Kontakte. Der „beste“ Partner könnte vielleicht auch jemand sein, der geringfügig weniger Leistung erbringt und der in höherem Maße dazu bereit ist, die Qualitäten zu teilen, die er hat – in anderen Worten, jemand, der besonders großzügig ist.

In vielen Fällen korrelieren die Befähigung, teilen zu können und die Bereitschaft, dies auch tatsächlich zu tun  – es ist recht einfach, großzügig zu sein, wenn man über reichlich Ressourcen verfügt. Aber was ist, wenn dies nicht unbedingt der Fall ist? Bevorzugen wir den Partner mit den „höchsten Qualitäten“, selbst wenn dieser ein bisschen geizig ist, oder ziehen wir Individuen mit einer „geringeren Qualität“ vor, die aber gerechter sind?

Das Diktatoren-Spiel

Um dies herauszufinden, rekrutierten wir 788 Teilnehmer von einer Crowdsourcing-Seite, um an einer Online-Version eines klassischen anthropologischen Experiments in veränderter Form teilzunehmen: dem Diktator-Spiel. Es ist eine simple ökonomische Frage, die dazu verwendet wird, um soziale Tendenzen abzuschätzen. Individuen interagieren paarweise als „Diktatoren“ und als „Empfänger“. Die Diktatoren erhalten etwas Geld und es wird ihnen gesagt, dass sie davon abgeben können, so viel (oder so wenig) sie möchten. Die Empfänger haben keine Kontrolle über die Verteilung und müssen jedes Angebot annehmen, das ihnen der Diktator macht.

Unser Diktatoren-Spiel wurde etwas verändert, damit wir festzustellen konnten, wie Menschen Möglichkeiten gegen Gönnertum austauschen, wenn es um die Wahl eines Partners geht. Zunächst gaben wir reichen Diktatoren fünfmal so viel Geld, um dieses mit den Empfängern zu teilen, als es bei ihren ärmeren Gegenbeispielen der Fall war. Das bedeutete, dass die Reicheren einen höheren Gesamtlohn anbieten konnten – selbst wenn sie relativ geizig waren.

Wir veränderten auch die Wohlstands-Stabilität. In einem stabilen Umfeld blieben die Reichen reich und die Armen arm, während der momentane Wohlstand in einem instabilen Umfeld nichts über den Wohlstand im nächsten Spiel aussagte.

Schließlich konnten die Empfänger Diktatoren auf der Basis des Gerechtigkeitssinns oder Geizes aus dem vorigen Spiel auswählen oder diese vermeiden. Die Empfänger beobachteten die Entscheidungen, die zwei verschiedene Diktatoren im ersten Spiel trafen – und entschieden sich dann, welches dieser Individuen sie als ihren eigenen Partner für das zweite Spiel auswählen wollten. Wir waren besonders interessiert daran, wie die Empfänger der Frage nach Wohlstand gegenüber Gerechtigkeit bei einem Partner einordneten oder gar vorzogen, wenn sich diese Eigenschaften direkt gegenüberstanden.

Die Ergebnisse, die im Royal Society Open Science veröffentlicht wurden, waren verblüffend. Wie vermutet, wählten die Empfänger, wann immer Wohlstand und Gerechtigkeit sich gegenüberstanden (zum Beispiel, wenn zwischen reichen und gerechten und armen und gerechten Partnern gewählt werden muss), üblicherweise den reichen Partner – und diese Präferenz wurde insbesondere in einem stabilen Umfeld ausgesprochen.

Als es um die Wahl zwischen reichen und geizigen und armen und gerechten Partnern ging, bevorzugte die Mehrheit dennoch den ärmeren Partner – selbst in einem stabilen Umfeld, in dem die Armen dazu tendieren, arm zu bleiben (dies war bei 57 Prozent der Fall). Dies geschah trotz des Umstandes, dass sie mit einer Reduktion des Lohnes von fast 25 Prozent rechneten. Wie erwartet, zeigten die Empfänger eine noch stärkere Präferenz für arme und gerechte gegenüber reichen und geizigen Diktatoren in einem instabilen Umfeld, denn hier wurde mit über 85 Prozent der ärmere Partner ausgewählt.

Großzügigkeit in der echten Welt

Die Entscheidungsregeln, nach denen wir Partner auswählen, mögen in wirtschaftlicher Hinsicht vielleicht nicht rational sein, aber in ökologischer Hinsicht sind sie wahrscheinlich rational, insofern, dass sie auf irgendeine Art die Tauglichkeit des Umfelds erhöhen, in dem sie ausgewählt wurden.

Aber gibt es Beweise, dass Menschen tatsächlich so in der realen Welt handeln? Einige Hinweise auf die früheren Gesellschaften zur Zeit der Jäger und Sammler haben gezeigt, dass Großzügigkeit tatsächlich wichtiger ist als das Jagdvermögen, wenn es darum geht, die Popularität der Jäger in ihren sozialen Netzwerken zu bestimmen. Die besten Jäger erlegen vielleicht mehr Fleisch, aber es sind diejenigen, die das, was sie erbeuten, teilen, die als Jagdpartner bevorzugt werden. Unsere Studie stützt diese Erkenntnis: Es mag eine  wertvolle Fähigkeit sein, wenn man geben kann, aber geben zu wollen ist viel wichtiger.

Könnte das nun also auch für romantische Beziehungen gelten? Es ist schwierig, ein vergleichbares Experiment mit den Dingen, die wir bei einem Partner suchen, durchzuführen – wie etwa Intelligenz, Humor und gutes Aussehen – da diese tendenziell sehr viel stabilere Eigenschaften sind als beispielsweise Wohlstand. Jedoch entschied sich in diesem Experiment die Mehrheit der Leute für arme und gerechte Partner statt für reiche und geizige, selbst wenn der Wohlstand unveränderlich war. Also gibt es möglicherweise ein ähnliches Muster, wenn es um die Partnersuche geht, bei der Großzügigkeit und Gerechtigkeit über Aussehen und Intelligenz triumphieren könnten. Zukünftige Untersuchungen könnten die relative Wichtigkeit dieser Eigenschaften in Bezug auf die Partnersuche noch weitergehend erforschen.

Andere Qualitäten, wie etwa Wohlstand oder der soziale Status, sind eher veränderbar und stellen deshalb eine bessere Analogie dar, wenn es um die Partnersuche geht. Der Status beispielsweise verändert sich möglicherweise in den verschiedenen Lebensstadien – so mag man auf der weiterführenden Schule vielleicht einen hohen Status gehabt haben, aber nicht auf der Universität. Wir würden sicherlich vorhersagen, dass die Menschen in solch wechselhaften Zeiten wie auf der Universität Faktoren wie Gerechtigkeit mehr wertschätzen als den sozialen Status. Sie würden vermutlich ebenso den sozialen Statur mehr wertschätzen, wenn diese Erfolge durch die Zeit und die Situation hindurch stabil wären.

Wenn Sie sich also beim nächsten Mal unter Menschen befinden und darauf erpicht sind, einen guten Eindruck zu machen, sind Züge wie Gerechtigkeit und Großzügigkeit schon ein guter Anfang. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich dies auszahlen könnte.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „EXPO 2015. Mangiare tutti“ by Marco (CC BY 2.0)


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Check-up Ireland: FoodCloud vertreibt dunkle Wolken der Essensarmut

Irland, Ireland, Natur, Sonne, Schnee, Frost, Winter, Sonnenstrahlen, Weihnachten

Seit 1997 lebe ich nun schon in der irischen Hauptstadt Dublin. Mein erster Job bei AOL hatte auch ein wenig mit Tech zu tun – wenn man die berüchtigten Freistunden-CDs als „Tech“ ansieht oder das Verbinden an die technische Hotline durchgehen lässt. Im Verlauf der kommenden zwölf Monate werde ich nun die „Tech-Insel“ aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten.

FoodCloud vertreibt dunkle Wolken der Essens-Armut

Wohltätigkeit wird nicht nur in Irland gerade in der Vorweihnachtszeit großgeschrieben. Es wird rege gespendet für Bedürftige in Haiti oder Syrien, aber auch für Obdachlose in der eigenen Stadt. Der Crash mag vorbei sein und die Wirtschaft mag wachsen, doch nicht überall ist die Wende zu spüren. Das hat die Regierung bei der Wahl erfahren, als trotz sinkender Arbeitslosigkeit aus einer satten Mehrheit eine wankende Minderheitsregierung wurde. Zu viele Erwachsene, aber vor allem zu viele Kinder werden in Dublin nicht satt. Das Gerede vom neuen Boom ist die alte Leier derer, die eh schon genug Geld haben. Statt des wiedererwachten keltischen Tigers sehen die Armen in Vororten wie Tallaght nur streunende Katzen – die aber wenigstens die Ratten vertreiben.

Nicht von ungefähr wurde Tallaght gewählt, um eine neue Initiative vorzustellen, die der Essensarmut den Kampf angesagt hat. „FoodCloud“, eine Online-Plattform, die Geschäfte, die überschüssige Lebensmittel haben, mit Wohltätigkeitsorganisationen zusammenbringt, hat sich mit der „Bia Food Initiative“ vereint, einem Betreiber von Depots in ganz Irland, über die Essen umverteilt wird. Deren neuer Name lautet „FoodCloud Hubs“ und im Sinne von „gemeinsam sind wir stark“ hilft man jetzt den Schwachen in Irland, Essensarmut zu überwinden. FoodCloud bietet Lösungen für überschüssige Lebensmittel bei jedem Schritt der Lieferkette an.

Neben Bedürftigen aus Tallaght und den unvermeidlichen Politikern fanden sich beim FoodCloud-Launch auch viele Mitglieder der Startup-Community, die sich auch bei „normalen“ Startup-Events über Technologien informieren oder Lösungen diskutieren. Das Wie, Wer und Wo zu Finanzierung und Talent-Aquise wurde bei diesem Anlass aber vom Was-kann-ich-tun und Wo-kann-ich-mich-einbringen in Bezug auf Social Enterprise ersetzt. Über der FoodCloud schwebten hier die Gedanken des Dubliner Tech-Kosmos zu Bereichen wie Umwelt, Verschwendung und Ernährung. Nichts fühlte sich hier abgehoben an. Für die Bodenhaftung sorgten allein schon die Menschen aus Tallaght und deren Schicksale, sowie die Lieder des High Hopes Choir, der aus Obdachlosen besteht.

So manch einer der anwesenden Gründer hat sich aber in Tallaght nicht zum ersten Mal mit Unternehmensvorsätzen beschäftigt. Mehr und mehr geht „Social“ mit „Enterprise“ einher – Startups und ihre Netzwerke diskutieren innovative Lösungen zu alten Problemen und sorgen somit dafür, dass Tech vollkommen neue Schichten der Bevölkerung durchdringt. Populistisches Gerede à la Trump von der „Tech-Elite, die nichts für die Zurückgelassenen tut“, würde zumindest in Tallaght nicht gut ankommen. Der Mann hat eh mit seinem Luxus-Golf-Ressort an der Westküste Irlands, wo die Elite Greenfees um die 200 Euro zu zahlen hat, genug zu tun.

Auch im Bereich Social Enterprise beweisen irische Initiativen und Unternehmen wie FoodCloud, dass die Lösungen, die lokal funktionieren, oft auch global eingesetzt werden können. CoderDojo oder ChangeX sind weitere Beispiele, die eine Würdigung verdienen – und das nicht nur zur Weihnachtszeit.


Image Irland by flesheatingbug (CC0 Public Domain)


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Schimpansen und ihre Freunde chillen besser: Neue Studie gegen Stress

Ob es um den Trost nach dem Tod eines geliebten Menschen geht oder um Mitgefühl, wenn unser Team wieder einmal verloren hat – unsere sozialen Beziehungen sind für den Versuch, ein glückliches, weniger stressfreies Leben zu führen, unbezahlbar. Die Rolle von sozialen Interaktionen und Bindungen zur besseren Stressreduzierung wurden bei vielen Spezien untersucht, von Ratten bis zum Elefanten.

Aber die Jury ist sich noch nicht sicher, wie Freunde uns dabei helfen, mit Stress auf einem psychologischen Level umzugehen. Neue Forschungen zu Beziehungen zwischen Schimpansen suggerieren, dass Freunde nicht nur einfach einen „sozialen Puffer“ erschaffen, indem sie uns in stressigen Zeiten helfen. Sie reduzieren möglicherweise auch das Stresslevel im Allgemeinen, indem sie in unserem Leben einfach nur anwesend sind, wodurch die Art und Weise reguliert wird, wie unser Körper mit Hormonen, die ein Anzeichen für Stress sind, umgeht.

Stress wurde ausführlich bei zahlreichen nicht-menschlichen Primaten erforscht, einschließlich bei Schimpansen, Makaken und Pavianen und wir wissen, dass er verheerend sein kann. Zum Beispiel können hohe Stresslevel bei Pavianen Magen- und Darmgeschwüre verursachen und sogar zu einem früheren Tod führen. Starke soziale Bindungen agieren anscheinend als ein Puffer gegen die schlimmsten Folgen von Stress. Es gibt einen umfassenden gesundheitlichen Nutzen hierdurch, zum Beispiel einen überraschenden Anstieg in der Überlebensrate von Säuglingen unter den weniger gestressten Pavian-Müttern.

Wenn es darum geht, was im Körper passiert, wissen wir, dass ein gutes soziales Umfeld mit einer Abnahme der Hormone, die ein Anzeichen für Stress sind, wie etwa Glucocorticoide, korreliert. Aber wir wissen nicht genau, wie das vonstatten geht.

Sozialer Puffer

Ein neulich veröffentlichter Artikel im Nature Communications Journal erforscht zwei mögliche Mechanismen hinter der Art und Weise, wie soziale Bindungen als ein Puffer in Sachen Stress bei Schimpansen agieren. Die Forscher betrachteten zwei gegensätzliche Theorien: ob „Bindungspartner“ (dies entspricht bei den Schimpansen einem Freund) die besonders stressigen Zeiten einfach weniger stressig machen oder ob die Effekte dieser Partnerschaft im Verlauf des Tages bemerkt werden.

Die Forscher beobachteten wild lebende Schimpansen auf einem schon seit langem bestehenden Gelände in Uganda über einen Zeitraum von zwei Jahren, wobei eine Reihe aggressiver und kooperierender sozialer Interaktionen beobachtet wurden.

Dazu gehörten die Zeiten, zu denen die Tiere geruht, gegenseitig Fellpflege betrieben oder zu denen sie Herdenmitglieder anderer Schimpansengruppen gesehen oder gehört haben. Die Forscher haben die Stresslevel der Schimpansen gemessen, indem sie umfangreiche Urin-Proben gesammelt haben, um diese auf das Vorkommen von Glucocorticoide zu testen.

Um eine potenzielle Stress-Situation zu erschaffen, wartete ein erfahrener Assistent der Fachrichtung, bis kleine Gruppen der Schimpansen in der Nähe der Grenzen des Territoriums waren und trommelte dann auf die großen Baumwurzeln. Dies ahmte das Trommelgeräusch nach, das die Schimpansen erzeugen, um innerhalb und zwischen den sozialen Gruppen zu kommunizieren. Man wollte sehen, wie diese Konfrontation mit dem Trommeln von den einzelnen Schimpansen wahrgenommen wird, abhängig von ihrer sozialen Unterstützung.

Der Hormonpegel im Urin der Schimpansen zeigte, dass sie – vielleicht wenig überraschend – dazu neigen, gestresster zu sein, wenn sie einem Tier einer anderen Gruppe begegnen (oder glauben, einem solchen zu begegnen). Aber die Forschung zeigte auch, dass die sozialen Beziehungen den Stress augenscheinlich immer reduzierten, aber eben nicht in den stressigsten Situationen. Dies suggeriert, dass es für Schimpansen wichtig ist, einen „Bindungspartner“ zu haben, mit dem sie regelmäßig in freundlicher und kooperativer Weise interagieren können und dem gegenüber sie sich nur selten aggressiv verhalten.

Es scheint, als ob die tägliche Präsenz von Bindungspartnern während, sowohl innerhalb als auch außerhalb stressiger Situationen, tatsächlich das System reguliert, das den Hormonhaushalt des Körpers steuert, wodurch das gesamte Stresslevel reduziert wird. Während die aktive Unterstützung eines Bindungspartners das Glucocorticoide-Niveau am meisten senkt, führt ihre bloße Anwesenheit auch zu weniger Stress.

Obwohl es in dieser Studie nicht bewiesen wurde, glauben die Autoren, dass Oxytocin (das oft auch als „Liebeshormon“ bezeichnet wird) möglicherweise auch für diese Regulierung verantwortlich ist. Allgemeiner gesagt hilft dieses Hormon-Gleichgewicht möglicherweise auch dabei, das Immunsystem, die Herzfunktion, die Fruchtbarkeit, die Stimmung und sogar die Wahrnehmung zu verbessern.

Es ist einfach, die Schimpansen in Gedanken durch Menschen zu ersetzen und statt der Bezeichnung „Bindungspartner“ die Bezeichnung „Freund“ zu verwenden. Wir alle stellen fest, dass schwere Zeiten mit einer freundschaftlichen Schulter zum Ausweinen einfacher zu bewältigen sind. Selbst in einem alltäglichen Kontext ist unser Leben dieses kleine bisschen schöner, wenn wir wissen, dass unsere Freunde da sind.

Aber diese Abhandlung zeigt auf, dass die Bildung und die Instandhaltung solcher enger sozialer Bindungen mit anderen einen bedeutenden, messbaren Nutzen für das körperliche und seelische Wohlergehen der Schimpansen hat und es wird auf einem physiologischen Level reguliert. Dies könnte uns nicht nur bei unserem weiteren Verständnis der Evolution des menschlichen Sozialverhaltens helfen, sondern auch die Art beeinflussen, wie wir mit körperlichen Krankheiten und seelischen Schmerzen innerhalb der menschlichen Gemeinschaften umgehen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „chimps“ by Pixel-mixer (CC0 Public Domain)


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Tratschen ist eine soziale Kompetenz – kein schlechter Charakterzug

Woman (adapted) (Image by oTschOo [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Vor Leuten, die gerne tratschen, schrecken wir oftmals zurück. Dabei kann gerade erfolgreiches Tratschen der Beweis dafür sein, dass man ein guter Teamplayer ist. Seien wir ehrlich: Tratschen hat einen schlechten Ruf. Wir sehen selbstgefällig aus einer moralisch höhergestellten Perspektive auf andere herab, und mit der Sicherheit, dass wir diesen schlechten Charakterzug nicht teilen, weisen wir diejenigen als oberflächlich von uns, die von den Angelegenheiten anderer besessen sind.

Und in der Tat ist Gossip in seiner rauesten Form eine Strategie, die von einzelnen genutzt wird, um das eigene Image und die eigenen Interessen auf Kosten anderer zu stärken. Meine durchgeführten Studien zeigen, dass Gossip auf brutale Art und Weise für egozentrische Zwecke genutzt werden kann.

Andererseits: Wie viele schaffen es, sich von einer pikanten Story zu lösen und sie für sich zu behalten? Sicherlich hat jeder von uns schon einmal selbst erfahren, wie schwer es ist, über spektakuläre Neuigkeiten, die sich auf jemand anderes beziehen, zu schweigen. Bei aller Herabsetzung übersehen wir die Tatsache, dass dies ein essentieller Bestandteil unserer sozialen Welt ist. Diese fiese Eigenschaft überschattet die gutartige Seite, die es bewirkt.

Tatsächliche kann Tratsch nicht etwa als schlechter Charakterzug, sondern als hochentwickelte soziale Fähigkeit betrachtet werden. Diejenigen, die das nicht beherrschen, sind oft nicht in der Lage, Beziehung aufrecht zu erhalten, und finden sich häufig als Betrachter von außen wieder.

Als soziale Wesen sind wir mit dem Tratschen fest verbunden

Ob es einem gefällt oder nicht: Wir sind die Nachkommen von Wichtigtuern. Evolutionäre Psychologen sind der Meinung, dass unsere Voreingenommenheit mit dem Leben anderer ein Nebenprodukt des prähistorischen Gehirns ist.

Laut Wissenschaftlern kannten sich unsere prähistorischen Vorfahren sehr genau, da sie in relativ kleinen Gruppen lebten. Um Feinde abzuwehren und in einer unwirtlichen Umgebung zu überleben, mussten sie innerhalb der Gruppe zusammenarbeiten. Sie nahmen jedoch auch wahr, dass die gleichen Gruppenmitglieder die Hauptkonkurrenten um Gefährten und begrenzte Ressourcen waren. Unter solchen Lebensbedingungen hatten unsere Vorfahren zahlreiche Probleme, sich sozial anzupassen: Wer ist zuverlässig und vertrauenswürdig? Wer ist ein Betrüger? Wer ist der beste Gefährte? Wie können Freundschaften, Allianzen und familiäre Verpflichtungen abgestimmt werden?

In solchen Umgebungen ist ein ausgeprägtes Interesse an den privaten Angelegenheiten anderer praktisch – und wird stark von der natürlichen Selektion bevorzugt. Menschen, die sich ihre soziale Intelligenz zu Nutze machen konnten, um das Verhalten anderer zu interpretieren, vorherzusagen und zu beeinflussen, waren erfolgreicher als diejenigen, die das nicht getan haben. Die Gene dieser Individuen wurden von Generation zu Generation weitergegeben.

Tratsch vermeiden: Die Eintrittskarte in die soziale Isolation

Heutzutage sind Schwätzer einflussreiche und populäre Mitglieder sozialer Gruppen. Geheimnisse miteinander zu teilen, ist eine Möglichkeit, zwischenmenschliche Verbindungen aufzubauen, und Lästereien sind ein starkes Zeichen von Vertrauen: Man signalisiert, dass man der Person gegenüber glaubt, dass sie die sensible Information nicht gegen einen selbst verwenden wird.

Daher wird jemand, der gut lästern kann, auch über ein großes Netzwerk an Leuten verfügen. Gleichzeitig wird er diskret Kenntnis darüber erlangen, was sich innerhalb der Gruppe abspielt.

Andererseits wird jemand, der beispielsweise nicht Teil des Tratsch-Netzwerks im Büro ist, zum Außenseiter – jemand, der weder Vertrauen noch Akzeptanz seitens der Gruppe erfährt. Sich als selbstgerechtes Gemüt zu präsentieren, das nicht am Klatsch und Tratsch teilnimmt, bedeutet also den ersten Schritt in die soziale Isolation. Studien haben gezeigt, dass harmloser Gossip im Arbeitsumfeld die Gruppenbindung und die Moral fördert.

Tratschen hilft zudem den Neuen der Gruppe, die Mehrdeutigkeit bezüglich der Gruppennormen und -werte zu überwinden. In anderen Worten: Dem Urteil anderer Menschen über das Verhalten anderer zu lauschen, hilft dem Neuling herauszufinden, was akzeptiert wird und was nicht.

Angst vor Lästerern hält uns wachsam

Andererseits kann der Umstand, dass uns die Lästerfreudigkeit der Anderen bewusst ist, uns durchaus wachsam halten. Innerhalb einer Gruppe von Freunden und Kollegen kann die Gefahr, das Ziel des Tratsches zu werden, eine positive Kraft sein: Es kann Trittbrettfahrer und Betrüger abhalten, die zur Nachlässigkeit neigen oder Ihren Vorteil auf Kosten anderer suchen.

Klatsch-Mädchen-Gruppe (Image by Baruska(CC0)via Pixabay)
Image (adapted) „Klatsch Mädchen Gruppe Porträt Schule“ by Baruska (CC0 Public Domain)

Der Biologe Robert Trivers hat die evolutionäre Bedeutung der Entlarvung von plumpen Betrügern (diejenigen, die sich auf selbstlose Taten hin nicht erkenntlich zeigen) und subtilen Betrügern (diejenigen, die sich erkenntlich zeigen, jedoch weniger geben als sie bekommen) diskutiert. Tratsch kann das Schamgefühl dieser Trittbrettfahrer wecken und sie zügeln.

Studien über kalifornische Viehzüchter, Hummerfänger aus Maine und College-Ruderteams bestätigen, dass Tratsch in einer Vielzahl von Situationen genutzt wird, um Individuen zur Rechenschaft zu verpflichten. In jeder dieser Gruppen wurden Individuen, die die Erwartungen bezüglich des Teilens von Ressourcen nicht erfüllten und ihren Verantwortlichkeiten nicht nachkamen, Ziel von Tratsch und Ausgrenzung. Dies drängte Sie wiederum dazu, bessere Teammitglieder zu werden.

Zum Beispiel wurden Hummerfischer, die die etablierten Gruppennormen und Regelungen, wann und wie Hummer geerntet werden, nicht respektiert, schnell von den Kollegen bloßgestellt. Die Hummerfischerkollegen mieden sie und weigerten sich zeitweise, mit ihnen zu arbeiten.

Tratschen über Berühmtheiten hilft uns tatsächlich in vielerlei Hinsicht

Die belgische Psychologin Charlotte de Backer unterscheidet zwischen strategischem Lerntratsch und Reputationstratsch. Wenn sich Tratsch um eine bestimmte Person dreht, sind wir nur daran interessiert, wenn wir die Person kennen. Einiger Gossip ist jedoch interessant, egal, um wen es sich dreht. Diese Art von Gossip kann Geschichten von Situationen um Leben oder Tod oder besonderen Leistungen beinhalten. Wir schenken ihnen Aufmerksamkeit, weil wir von ihnen Strategien ableiten können, die wir in unserem Leben anwenden können.

In der Tat entdeckte de Backer, dass unser Interesse an Promis diesen Durst, Lebensstrategien zu lernen, stillt. Wir schauen wohl oder übel auf die gleiche Art und Weise auf Berühmtheiten, wie unsere Vorfahren auf Vorbilder innerhalb ihres Stammes blickten. Unsere Fixierung auf Promis ist im Kern die Reflexion eines angeborenen Interesses am Leben anderer Menschen.

Von einem evolutionären Standpunkt betrachtet ist ein “Promi” ein neues Phänomen, das vor allem auf die Explosion der Massenmedien im 20. Jahrhundert zurückgeführt werden kann. Unsere Vorfahren jedoch entdeckten die soziale Bedeutung in den intimen Details des Privatlebens jedes anderen, da jeder in ihrer kleinen sozialen Welt von Bedeutung wahr.

Anthropologe Jerome Barkow führt jedoch an, dass uns die Evolution nicht darauf vorbereitet hat, zwischen den Mitgliedern unserer Gemeinschaft, die einen wirklichen Einfluss auf uns haben, und denen, die in Bildern, Filmen und Liedern existieren, die unser tägliches Leben begleiten, zu unterscheiden.

Von TMZ bis hin zu US Weekly, die Medien befeuert die Maschinerie aus Klatsch und Tratsch, die den Klatsch in unseren Arbeitsumgebungen und Freundesgruppen nachahmen. Unserem Gehirn wird ein Gefühl der Freundschaft oder zumindest der Intimität mit diesen Berühmtheiten vorgetäuscht – was uns wiederum dazu veranlasst, sogar noch mehr davon zu wollen. Letztendlich muss jeder, den wir so häufig sehen und von dem wir so viel wissen, sozial wichtig für uns sein.

Mit Hilfe des Gefühls der Intimität, das wir bei Berühmtheiten verspüren, können diese eine wichtige soziale Funktion erfüllen: Sie sind vielleicht die einzigen “Freunde”, die wir mit unseren Nachbarn und Kollegen gemein haben. Sie sind gemeinsame kulturelle Berührungspunkte, die die Art informeller Interaktionen erleichtern, die den Menschen dabei hilft, uns in neuen Umgebungen zurechtzufinden. Auf dem aktuellen Stand der Leben von Schauspielern, Politikern, und Athleten zu bleiben, macht eine Person zum sozialen Experten im Umgang mit Unbekannten und kann sogar den Weg in neue Beziehungen bereiten.

Die Quintessenz des Ganzen ist, dass wir die Rolle des Tratschens in unserem alltäglichen Leben überdenken müssen. Es gibt keinen Grund, davor zurückzuschrecken oder beschämt zu sein. Erfolgreiches Tratschen bedeutet, ein guter Teamplayer zu sein und die Schlüsselinformationen auf eine Art und Weise zu teilen, die nicht als selbstsüchtig angesehen wird. Es geht darum zu wissen, wann es angebracht ist, über etwas zu reden, und wann es besser ist, den Mund zu halten.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Woman“ by oTschOo (CC0 Public Domain)

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Rathaus 2.0 – Soziale Netzwerke für besseren Bürgerdialog

Wegweiser zum modernen Staat (adapted) (Image by m.a.r.c. [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

Die Kommunalpolitik hat die sozialen Netzwerke für sich entdeckt und versucht seine Bürger nun auch auf dem digitalen Weg zu erreichen. Der Politikwissenschaftler Felix Idelberger analysiert, wie sich Politik die neuen Medien erfolgreich zu Nutze machen kann. Die Bürokratie ist nicht gerade als flinke neugierige Katze bekannt, die unablässig nach neuen Wegen sucht, ihre Bürger zu erreichen. Das ist mitunter nicht schlecht, weil viele Hypes ebenso schnell verpuffen wie sie aufgekommen sind. Doch soziale Netzwerke sind längst als Kommunikationsmittel etabliert – und es steckt viel Potenzial für die Kommunalpolitik darin.

Ist Ihr Bürgermeister auf Twitter? Meiner, Dieter Salomon aus Freiburg im Breisgau, ist es nicht. Dafür ist die Stadt Freiburg sehr aktiv auf Twitter. Mit ihrem gemeinsamen Twitteraccount „Rathaus 2.0“ haben der Social Media-Experte Martin Fuchs und Franz-Reinhard Habbel, Sprecher des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, Twitterlisten erstellt, die die Twitteraccounts auf kommunaler Ebene, von Großstädten über Gemeinden bis hin zu Landkreisen, aufführen. Mit ihrem Twitteraccount wollen die Beiden einen zentralen Ort des Austauschs über den Einsatz sozialer Netzwerke in Kommunen und Verwaltungen schaffen, den es bisher in dieser Form nicht gibt.

Einsatz sozialer Netzwerke in der Politik

Während die Bundestagsabgeordneten inzwischen eifrig die sozialen Netzwerke zur Kommunikation einsetzen und immer mehr Landtagsabgeordnete nachziehen, schwankt der Einsatz auf Kommunalebene bundesweit sehr stark. Die 100 größten deutschen Städte sind in den sozialen Netzwerken bereits sehr stark vertreten: 79 Prozent von ihnen sind auf Facebook, 75 Prozent auf Twitter und 66 Prozent verfügen über einen YouTube-Kanal.

Als unverzichtbar gilt es landläufig für Kommunalpolitiker, im Wahlkampf sämtliche Vereine der Kommune abzuklappern und sich den Bürgern persönlich vorzustellen. Unlängst zeigte der Wahlsieg des neuen Bürgermeisters von Erlangen, Dr. Florian Janik, dass der Einsatz oder Verzicht von sozialen Netzwerken inzwischen über Sieg oder Niederlage entscheiden kann. Schillerndstes Beispiel auf Kommunalebene ist wohl der Bürgermeister der Gemeinde Wennigsen/Deister in Niedersachsen, Christoph Meineke, der Twitter äußerst rege zur Kommunikation mit seinen Bürgern nutzt.

Über die genaue Zahl aktiver Twitternutzer in Deutschland herrscht keine Klarheit, sicher ist hingegen, dass ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung deutlich kleiner ausfällt als in vielen anderen Staaten. Daher stellt sich unausweichlich die Frage nach dem Nutzen für eine Stadt oder Gemeinde, eigens personelle Ressourcen für einen Twitteraccount aufzuwenden.

Die Wahl der Strategie ist entscheidend

Für Martin Fuchs ist der Nutzen abhängig von der Strategie, die die jeweilige Stadt auf Twitter verfolgt: Liegt der Schwerpunkt auf der Verbreitung aktueller Service-Informationen (z.B. Hochwasser, Straßensperrungen oder geänderte Öffnungszeiten), auf Tourismuswerbung oder soll ein ernstzunehmender Rückkanal für die Kommunikation mit den Bürgern geschaffen werden? Von Facebook wissen wir, dass 26 Millionen Deutsche ein Profil in dem sozialen Netzwerk pflegen. Zur Einbindung ihrer jungen Bürger ist Facebook ein wichtiger Kanal in der Kommunalpolitik, da sich junge Menschen überwiegend auf Facebook über das aktuelle Zeitgeschehen informieren. Dagegen diene Twitter, so Martin Fuchs, vorwiegend als Wissensquelle und dazu, wichtige Persönlichkeiten und Multiplikatoren mit Informationen zu versorgen.

Einsatz muss ubiquitär sein

Entscheidet sich eine Behörde oder ein Politiker für den Einsatz sozialer Netzwerke, dann sollte sie diesen auch konsequent umsetzen und in alle Aktivitäten der Behörde oder Person mit einbinden. Nur dann kann das volle Potenzial der sozialen Netzwerken genutzt werden. Doch leider verlinken manche Behörden nicht einmal auf ihren eigenen Seiten auf ihren Twitteraccount oder tun dies nur sehr versteckt. Der verwaiste Twitteraccount des Landkreises Lippe oder der von Darmstadt-Dieburg, der nur eigene Informationen verbreitet, statt auch anderen Nutzern zu folgen, sind keine Musterbeispiele für die Nutzung sozialer Netzwerke auf Kommunalebene.

Facebook und Twitter sind nicht die einzigen sozialen Netzwerke

Schließlich darf sich die Diskussion um die Nutzung sozialer Netzwerke in Kommunen und Verwaltungen nicht zu stark auf Facebook und Twitter beschränken. Mit Seniorbook.de gibt es beispielsweise ein soziales Netzwerk aus Deutschland, das besonders unter älteren Menschen beliebt ist, u.a. weil es sich streng an die deutschen Datenschutzregeln hält. In einigen Städten gibt es zudem sogenannte Stadtwikis (z.B. Karlsruhe, Stuttgart, Köln), auf denen Bürger Informationen über die Städte zusammentragen können. Es offenbart sich also ein Strauß an Möglichkeiten für Kommunen und Verwaltungen, um den Dialog mit ihren Bürgern neu zu gestalten. Es ist ihnen nur noch mehr Mut zu wünschen, mit den sozialen Netzwerken zu experimentieren und anderswo Erprobtes selbst umzusetzen.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf politik-digital.de und steht unter Creative Commons Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 (CC BY-SA 3.0).


Image (adapted) „Wegweiser zum modernen Staat“ by m.a.r.c. (CC BY-SA 2.0)


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Facebook, Google+, Twitter und das Leben selbst

Soziale Netze (hotblack)Es ist wunderbar. Die Sonne lacht sonntags. Dorffeste rauschen im Affenzahn an einem vorbei. Tanzen, Trinken, schräge Instrumente spielen auf schwankenden Musikern und das Land ist in Weltmeisterlaune. Olympia. EM. All das ist Schmuck am Nachthemd, wenn man draußen lustwandelt. Wer wollte da noch quantifizieren. Etwa sein Selbst oder gar andere Selbste. Aber ein kleines Häuflein Elend ist auch jetzt noch imstande, das Thema Soziale Netzwerke ernst zu nehmen…

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Gayromeo – ein Hidden Champion im deutschen Internet

Bei einem Hidden Champion steht die öffentliche Aufmerksamkeit in keinem Verhältnis zum Ausmaß der tatsächlichen Erfolgsgeschichte. Ein solcher unterschätzter Gigant ist das ursprünglich deutsche Gayromeo. Es steht auch international gut da, und ist weit über die Grenzen seiner Zielgruppe hinaus bekannt.


Quelle: „Ein Gayromeo für Heteros?“ (Ausschnitt)

In seiner Zielgruppe hat das Portal eine beispiellose Marktdurchdringung. Und Karteileichen sind eher die Ausnahme, das „schwule Einwohnermeldeamt“ wird von den meisten Mitgliedern rege genutzt. Laut einer Marktforschungsstudie aus dem Jahr 2010 liegt die durchschnittliche monatliche Nutzungsdauer bei zwölf Stunden pro Monat – und damit mehr als doppelt so hoch als bei Facebook oder StudiVZ…

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Google+ und Suche rücken zusammen

Neulich ging ein Aufschrei durch die Web-Welt: In den USA haben eingeloggte Goggle+-Nutzer innerhalb der allgegenwärtigen Suche Ergebnisse, die sich auf ihre Homies aka Circles aus dem sozialen Netzwerk herleiten lassen. Auf diese Weise (social search getauft) soll die Personalisierte Suche noch besser werden und eine Empfehlungsmaschine (recommendation engine) via humanem Verhalten optimieren. Nun geht es wahrscheinlich auch andersherum.

Ein erster Schritt: Google+ ermöglicht direkt in der Suchmaske einzelne Suchergebnisse mit den eingekreisten Bekannten und Freunden in Google+ zu teilen und mit Kommentaren eine Konversation zu starten. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, dass diese Funktion auch in die große Suche der Googleianer Einzug hält. Dann wäre Search Plus Your World in beide Richtungen eine soziale Suche, dann würden Suchvorgänge in Google+ landen und vice versa.

Ob und wie das realisiert wird, hängt sicher von den Kartellbehörden und den anhaltenden Diskussionen rund um Datenschutz zusammen, die jetzt auch in den USA an Ernsthaftigkeit gewonnen haben. Sogar Jeff Jarvis macht keine Witze mehr über die Datenschutzdebatte. Es wird spannend, wie die Diskussion digitaler Verbraucherschutzrechte aus den Staaten bei uns aufgenommen und diskutiert wird. SOPA dauerte ein bißchen. Leider ist es bis dato berühmter als das europäische ACTA, das uns eigentlich eher ein Anliegen sein müsste. Ob es gut ist, immer erst dann Rechte und Pflichten im Web zu diskutieren, wenn ein Webgigant seine Arme ausbreitet, kann mit Gründen bezweifelt werden.

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Die Idee der sozialen Dreigliederung

Angesichts des totalitären Anspruchs des heutigen Wirtschaftssystems und der Perspektivenlosigkeit vieler Politiker ist es als Zeitgenossen nicht einfach, sich der Beklemmung der Gegenwart zu entziehen. Gibt es Antworten auf die drängende Frage nach einer sinnvollen, zukunftsfähigen Gestaltung des menschlichen Zusammenlebens auf lokaler wie auf globaler Ebene? Gibt es einen Ausweg aus der Vereinseitigung von Gesellschaft, Politik und Wirtschaft, eine Vereinseitigung, die nach dem Empfinden vieler geradezu apokalyptische Ausmasse angenommen hat? Die Idee der sozialen Dreigliederung hat das Potential, Perspektiven aufzuzeigen, ohne der Wirklichkeit ein weiteres ideologisches System überzustülpen. Es sei hier versucht, die Idee in kurzen Worten zu charakterisieren… Weiterlesen »

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2Aid: Onlinehilfe für Sri Lanka

2aid.orgMobilisierung ist die große Stärke von Onlinekampagnen. So ist es kein Wunder, dass sich eine Gruppe befreundeter Studenten aus Deutschland und Großbritannien gerade für’s Netz entschieden haben, um einem humanitären Anliegen nachzugehen: Auf ihrer (noch sehr jungen) Plattform 2Aid.org setzen sich Zahnmedizinstudentin Anna Vikky und Co für die zivilen Opfer des Bürgerkriegs in Sri Lanka ein. Im Norden des Landes bekämpfen sich seit Jahren Regierungstruppen und lokale Milizen. Leidtragende sind die Zivilisten. Besonders schlimm ist die Lage, da sein letztem Herbst praktisch alle internationalen Hilfsorganisationen aus dem Kessel, dem Vanni, ihre Helfer abziehen mussten.

Auf Rückfrage beschreibt Anna Vikky die Laget:

In dem akut betroffenen Gebiet ist nur noch das ICRC vertreten. In den umliegenden Gebieten (Vavuniya) sind auch noch Unicef, Save the Children, Oxfam und die UN vor Ort, die es etwa 2-3 mal im Monat mit Hilfe des ICRC in den sogenannten „Kessel“ schaffen, um nötigste Hilfe zu leisten.

Mehrere Tausend Menschen haben es mittlerweile durch Schiff-Transporte des ICRC geschafft aus dem „Kessel“ zu fliehen, auch um diese Menschen kümmern sich die oben genannten Organisationen. Doch die Kapazitäten reichen nicht einmal annähernd, deshalb ist unsere Unterstützung gefragt.

Für diese Unterstützung verfolgt 2Aid eine Doppelstrategie. Einerseits informiert die Website (und Twitter) über die Geschehnisse in Sri Lanka, andererseits werden Spenden gesammelt, die an die Hilfsorganisationen weitergeleitet werden. Mit Unicef, Save the Children, Oxfam und Sewalanka haben 2Aid hier eine zuverlässige Vorauswahl getroffen.

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Ich will spenden! Nur wofür?

Jeder hatte bestimmt schon mal den Gedanken, etwas für einen guten Zweck zu spenden. Doch an wen? Schließlich gibt es unzählige Hilfsorganisationen. Gerade wurde der Vorwurf gegen UNICEF laut, Spendengelder veruntreut zu haben – manche Spender wenden sich nun lieber anderen Hilfsorganisationen zu.

Hier tritt betterplace auf den Plan. Hier findet man zahlreiche kleine Hilfsprojekte aus der ganzen Welt – schön übersichtlich auf einen Blick, das Suchen nach dem richtigen Projekt wird leicht. Die Verwaltungskosten werden von einer Stiftung getragen: So garantiert Betterplace, dass alle privaten Spendengelder zu 100 Prozent an die Projekte weitergeleitet werden.

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