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Netzpiloten @Blogfamilia

Netzpiloten @Blogfamilia

Die Stimme von Elternbloggern und ihren Blogs kann etwas bewegen! Deshalb geht es am 18. Mai wieder los. Der Blogfamilia e.V. lädt zur diesjährigen Blogfamilia in Berlin. Das Event richtet sich dabei hauptsächlich an Elternblogger und verspricht digitale Familienpower. Wir haben bereits letztes Jahr berichtet und waren begeistert von der angenehm wuseligen und offenen Atmosphäre zwischen all den Eltern und Kindern.

Hier werden Themen wie Haltung, Verantwortung und Reichweite behandelt. So geht es zum Beispiel um die Frage, welche Verantwortung Elternblogger mit ihrer Reichweite haben und was sie damit bewirken können. Die über 200 Besucher erwarten diverse Möglichkeiten, sich mit anderen Bloggern zu vernetzen und weiterzubilden. Auch für die Kleinen ist gesorgt. Eine ganztägige Kindesbetreuung gehört selbstverständlich zu der Elternblogger-Konferenz dazu. Wir Netzpiloten sind zum zweiten Mal dabei und freuen uns schon auf die Vorträge, die das Team des Blogfamilia e.V. zusammen gestellt hat.

Welche Speaker werden da sein?

Zu den Speakern der Blogfamilia gehört Barbara Vorsamer, die einen Workshop zum Schreiben von Online-Texten geben wird. Es soll unter anderem darum gehen, was online funktioniert und wie mit dem Diktat von Keywords umgegangen oder das richtige Thema gefunden werden kann. Die Digital-Redakteurin ist festangestellte Autorin der Süddeutsche Zeitung Familie und daher sehr erfahren auf diesem Gebiet. Die Rechtsanwältin und erfolgreiche Bloggerin Nina Straßner betreibt den Blog Juramama und wird einen Workshop über die Nutzung von Bildern auf dem eigenen Blog halten. Sophie Pohle und Luise Meergans vom Deutschen Kinderhilfswerk werden außerdem einen Workshop zu Kinderrechten in der digitalen Welt leiten.

Welche Themen und Formate erwarten dich auf der Blogfamilia?

  • Workshops und Gesprächsrunden
  • Keynote
  • Vorträge
  • Kinderbetreuung!
  • Verleihung des Blogfamilia Award

Und sonst noch?

Auf der Blogfamilia wird auch dieses Jahr der Blogfamilia Award verliehen. Für diesen konnten Besucher der Konferenz sowie Leser verschiedener Elternblogs, die Blogger per Mail nominieren. Die Gewinner des Awards sind dann die drei meistnominierten. Die zehn Euro Teilnahmegebühr für Blogger gehen dabei zu 100 Prozent an die Gewinner des Awards. Diese verwenden das Geld für Projekte, die ihnen selbst am Herzen liegen. Die Blogger-Tickets sind allerdings schon ausverkauft. Firmen können hier noch eines der letzten Tickets für 250 Euro bekommen. Sehen wir uns in Berlin?

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Mythos Work-Life-Balance: Wenn man beim Sex kurz die Mails vom Chef checkt

apple-macbook (adapted) ( Image by Free-Photos [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Work hard, play hard – ein beliebtes Motto, um sich heutzutage ins Arbeits- und Feierabendleben zu stürzen. Dennoch hat sich über die Jahre keine Begrifflichkeit so etabliert wie unsere geliebte Work-Life-Balance.

Dabei sehe ich den Begriff an sich schon als problematisch. Wie Liebe und Hass, stellt die Balance einen Gegensatz dar: Arbeit vs. Leben. Der gängige Ausdruck „frei“ zu haben, wenn man nicht zur Arbeit muss, macht jedoch deutlich: Der Gegensatz von Arbeit ist Freizeit. Der Begriff „Work-Life-Balance“ wird von Wissenschaftlern daher sehr kritisch gesehen.

Im alltäglichen Gebrauch versteht man unter der Work-Life-Balance jedoch ein Gleichgewicht, dass dafür sorgen soll, dass das Private und der Spaß neben der Arbeit nicht zu kurz kommen. Firmenevents, Tischtennisplatten im Keller und Ausflüge auf Kosten des Unternehmens können damit gemeint sein. Kollegen werden zu Freunden – würde nicht jeder von uns gerne mit seinen besten Kumpels im Büro sitzen und Freitagnachmittags das Bier aus dem Firmenkühlschrank plündern? Natürlich würden wir das.

Der Heiligenschein beginnt zu flackern

Doch wenn man genauer hinsieht, muss man sich eingestehen, dass der Heiligenschein der angepriesenen Work-Life-Balance zu flackern beginnt: Ein paar Überstunden zu machen, wenn die Deadline eines Projektes ansteht, ist schon okay – doch dass es bereits Studien darüber gibt, wie oft Menschen beim Sex kurz aufs Handy schauen, um ihre Mails zu checken, ist einfach nur erschreckend. In seinem Buch nennt Markus Väth dies als einen Beweis, dass der Kapitalismus keine Privatsphäre kennt.

Des Weiteren nennt Väth die Digitalisierung als schwarzes Schaf, die der Work-Life-Balance einen Strich durch die Rechnung macht. Die „immer online“- Gesellschaft zerstört die verletzliche Grenze zwischen Arbeit und Privatleben, die in den 90ern durch die „nine-to-five“-Jobs existierten: Es wird zeitzonenübergreifend gearbeitet und man ist immer und überall erreichbar.

Mit der Digitalisierung wurde somit der Begriff des „Work-Life-Blendings“ geboren (aus dem Englischen von „to blend“: sich überschneiden), der beschreibt, dass Arbeit und Privatleben ineinander übergehen. Doch auch das Work-Life-Blending stellt eine ernstzunehmende Gefahr für den Einzelnen dar, denn durch die kontinuierliche Erreichbarkeit wird die arbeitsfreie Zeit verkürzt. Und auch die Firmenausflüge und das Freibier haben nur einen Zweck: Sie wollen die Verbundenheit zum Unternehmen stärken. Wenn alle Kollegen länger bei der Arbeit bleiben, dann tut man es eben auch –  die angepriesene Gleitzeit wird zur unbezahlten Arbeitszeit. All diese Faktoren treiben den Menschen nicht selten über die Grenzen seiner Belastbarkeit hinaus.

Die Arbeit steht auf dem Siegertreppchen

Bye bye, Privatleben, könnte man sagen – die Leistungsgesellschaft hat den ersten Platz an die Arbeit vergeben. In Vorstellungsrunden folgt nach dem Namen direkt der Beruf, die Arbeit wird zum Teil der Identität. Dies ist nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, dass das Arbeitsleben der Deutschen im Schnitt 34,5 Jahre dauert: 34,5 Jahre, fünf Tage die Woche, eine Tätigkeit. Neben täglichen Besorgungen und der Familie scheint es schon bewundernswert, dass man es schafft, privat noch einem Hobby nachzugehen.

Kritiker der Work-Life-Balance würden an dieser Stelle auch die Zukunft der Arbeit erwähnen, die im Zuge der Digitalisierung und Automatisierung gewaltige Veränderung in der Arbeitswelt herbeiführen wird. Wenn die Lohnarbeit durch die Automatisierung entfallen wird oder durch die Digitalisierung immer mehr Menschen in prekären Verhältnissen arbeiten müssen, werden Prognosen einer Life-Life-Balance, oder besser: einer Work-Work-Balance gar nicht mehr so unrealistisch.

Die Work-Life-Balance ist ein individuelles Konzept

Ob es sich bei der Work-Life-Balance jedoch um einen generellen Mythos handelt, sei mal so dahingestellt. Fakt ist: Die Work-Life-Balance, also das Gleichgewicht zwischen Arbeits- und Privatleben, ist ein Konzept, das weder vom Staat noch vom Unternehmen in Schutz genommen wird. Wie bei den meisten Dingen des Lebens sind wir für uns selbst verantwortlich und müssen lernen, wo wir die Grenze ziehen. Explizites Abschalten sehe ich dabei von großer Bedeutung. Zudem lehnen nach Christoph Koch moderne Konzepte eine immer gleich bleibenden Balance zwischen Arbeit und Leben ab: Das Leben sollte vielmehr in Phasen gedacht sein, in der sich Müßiggang und Vollgas abwechseln.

In der Praxis scheint meiner Ansicht nach – vor allem für junge Menschen – der Ansatz sinnvoll, sich so früh wie möglich mit einem geeigneten Beruf auseinanderzusetzen: Sucht man sich eine Arbeit, die mit den privaten Interessen einhergeht, so wird der Drang nach einem Ausgleich nach der Arbeit vermindert. Die Yogastunden zur Stressreduktion kann man sich nach der Arbeit dann vielleicht sogar komplett sparen.


Image (adapted) „apple-macbook“ by Free-Photos (CC0 Public Domain)


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Oh du Rührselige: Die Psychologie der Weihnachtswerbung

Santa Claus, Weihnachtsmann, Weihnachten, Coca-Cola, Kamin, Weihnachtsbaum, Tannenbaum, Tanne, grün, Grün

Weihnachten ist traditionell eine Zeit des Gebens. Und für die meisten von uns bedeutet geben vor allem: kaufen – die perfekte Ausrede für große Einzelhändler, Werbespots zu nutzen, die bei uns die richtigen Knöpfe drücken und unsere Geldbeutel leeren sollen.

Saisonale Fernsehwerbung ist normalerweise voll mit Signalen und Symbolen, die mit unserem Unterbewusstsein spielen, und das ist auch im Winter 2016 nicht anders. Allerdings ist in diesem Jahr die Werbung ein bisschen weniger traditionell – manche Spots haben eventuell sogar einen politischen Unterton.

Politische Tiere

Dieses Jahr zeigen John Lewis und deren Schwesterfirma Waitrose Tiere als Hauptcharaktere in der Weihnachtswerbung. Die meisten Leute versuchen bewusst, sich nicht von Werbung verführen zu lassen. Tieren sind also eine gute Strategie, um die Leute zu überlisten – im Prinzip ist nur ein süßer Hund oder ein Rotkehlchen sehen. Und während sie sich auf das Tier konzentrieren, verarbeiten sie unbewusst den Rest der Botschaft.

Interessanterweise gibt es in diesen Fällen eine gewisse Unsicherheit in Bezug auf den Brexit. Die John Lewis-Werbung beispielsweise dreht sich um Buster, den Boxer. Buster ist ein Name, der sich auf kaputte Dinge beziehen kann. Er könnte die gefühlte Spaltung Großbritanniens in Bezug auf den Brexit darstellen. Die Werbung ist mit haufenweise britischen Insiderinfos gefüllt: ein archetypisches britisches Stadthaus, eine britische Telefonzelle und typische britische Wildtiere. Anhand dieser soll der Zuschauer dazu angeregt werden, sich aufgrund der gefühlten Nationalität und der Heimeligkeit verbunden zu fühlen.

Während sie auf einem Trampolin herum hopsen, gehen die Waldkreaturen zunächst vorsichtig miteinander um, haben dann aber bald Spaß daran, gemeinsam zu spielen. Die Botschaft hier scheint zu sein, dass wir unsere Schüchternheit überwinden und diejenigen, die anders sind als wir, akzeptieren müssen. Es ist eine berührende Szene.

Die John Lewis-Werbung zeigt auch zum ersten Mal eine schwarze Familie – eine klare Bekräftigung der Diversität in Großbritannien. Dazu singt Randy Crawford „Eines Tages werde ich davonfliegen und all dies dem Gestern überlassen“, was suggeriert, dass wir die politische Unsicherheit hinter uns lassen können – zumindest so lange, wie es dauert, sich Waren aus dem Hause John Lewis zu bestellen.

Die Waitrose-Werbung, die unter dem Motto „Nachhause kommen“ steht, erzählt die Geschichte eines Rotkehlchens, das aus kälteren Gefilden nach Hause zurückkehrt. Es ist eine schwierige Reise, die es beinahe das Leben kostet. Glücklicherweise schafft der Vogel es rechtzeitig zurück, um einen Mince Pie mit seinem Freund zu verputzen.

Die Botschaft der Geschichte ist, dass sich Notleiden lohnt, weil man ans Ziel gelangen wird – in diesem Fall stellt dies die Rückkehr in die Heimat dar. Es spiegelt auch Vorhersagen wider, dass Großbritannien bereit ist, auch finanziell harten Zeiten entgegenzustehen, wenn es die EU verlässt. Der kleine Vogel kann metaphorisch für etwas Kleines (Großbritannien) stehen, das auch stark sein kann, wenn es mit großen „Gegnern“ konfrontiert ist.

Wer auf intensive Gefühle baut, kann sichergehen, dass diese Werbung im Kopf bleibt und Menschen sich mit den Botschaften verbunden fühlen.

Die feministische Weihnachtsfrau (und ihr Mann)

In ihrer vornehmen Werbung haben Marks and Spencer eine stylische Mrs. Claus mittleren Alters zum Star der Show gemacht. Mit mehreren Aufträgen bestückt, schickt sie ihren Mann mit seinem Schlitten davon, bevor sie per Schneemobil und Helikopter einen späten Weihnachtswunsch liefert. Während der Präsidentschaftswahlen in den USA waren Debatten zum Thema Feminismus weltweit Thema Nummer Eins. Die M&S-Werbung hat sich dieser Debatte offenbar angenommen, ohne traditionelle Werte zu verfremden.

Mrs. Claus unterstützt ihren Mann und stellt sich selbst dabei heraus. Eine schöne Frau mittleren Alters zum Hauptcharakter zu machen, wird den treuesten Kundenstamm ansprechen, der hauptsächlich aus eben jenen Frauen mittleren Alters besteht. Dennoch muss man wohl berücksichtigen, dass so mancher die moderne Darstellung des Weihnachtsmannes nicht gutheißen wird – wie auch die Eltern, die ihre Augenbrauen nach oben ziehen, als sie die Nachricht auf dem Geschenk für ihre Tochter sehen: „Für Anna, in Liebe, Mrs. Claus“.

Heilsame Werte

Sainsbury‘s animierte Werbung „Das größte Geschenk“ von Sainsbury’s zeigt einen Vater, der Schwierigkeiten dabei hat, alles rechtzeitig für Weihnachten zu besorgen. Durch einen Lebkuchenmann inspiriert, der aussieht wie er, geht er zu einer Spielzeugfabrik, um Nachbildungen von sich herstellen zu lassen. Er schickt diese ‚Doppelgänger‘ dorthin, wo eigentlich er sein müsste, einschließlich der Arbeit, um sicherzustellen, dass er stattdessen zuhause bei seiner Familie sein kann. Das Resultat: ein frohes Familienweihnachten.

Es ist eine entzückende Werbung mit einer tollen Botschaft: während der Feiertage zählt nur die Familie. Mit dem nebenher erwähnten Ziel, Geld für das Great Ormond Street-Krankenhaus zu sammeln, wird deutlich, dass Sainsbury’s ihren Kunden als Geschäft mit Grundwerten entgegentreten will, das da ist, um zu helfen.

Weihnachtsfüllung

Morrisons und Asda haben 2016 eine weniger komplizierte Herangehensweise gewählt. Morrisons konzentrieren sich schlicht auf Essen. Ihr Spot zeigt einen kleinen Jungen, der weihnachtliches Zubehör kauft, während er für eine Runde Trivial Pursuit mit seinem Opa am Weihnachtstag übt.

Und obwohl Asda sich eher für mehrere kurze Clips als für eine Weihnachtswerbung entschieden hat, sind diese gefühlt traditionsbehafteter als viele andere  Weihnachtswerbespots. Einer zeigt ein Kind, das sich entscheiden muss, ob es sich benimmt, um Spielzeug von seinem Wunschzettel zu bekommen. Ein anderer zeigt einfach eine Familie und Freunde, die zusammen an einer langen Tafel sitzen und Teller voller  Essen herumreichen.

Beide Marken nutzen Familienwerte wie fröhliches Beisammensein, ein festliches Essen und weihnachtliche Musik. Die Kunden assoziieren die Marke mit den Kernaspekten eines gelungenen Weihnachtsfests – allerdings müssen sie in diesem Jahr mit den umherhüpfenden Tieren und Mrs. Claus konkurrieren. Welche Spots bleiben uns wohl am ehesten im Kopf? Die zweifelsohne kreativen  Werbespots mit Wiedererkennungswert müssen jedoch stets zusätzlich sichergehen, dass den Kunden weiterhin bewusst bleibt, wofür geworben wird.

Ich habe mir Leuten gesprochen, die die Sainsbury’s-Werbung gesehen haben. Sie konnten sich nicht daran erinnern, welcher Supermarkt beworben wurde – nicht einmal das geschäftseigene Kassenpersonal. Bei so vielen verschiedenen Weihnachtsspots ist es ratsam, die Marke deutlich und durchgängig zu zeigen. Und obwohl das nicht auf die Werbung von John Lewis und Waitrose zutrifft, erinnert man sich an diese sehr viel eher – einfach dadurch, dass auf bereits existierende, tiefsitzende Werte gebaut wird.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „Santa Claus“ by karenwarfel (CC0 Public Domain)


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Unsere Welt ist keine reine Marktwirtschaft – doch Ökonomen wissen nichts davon

Grünes übergeben (adapted) (Image by Maik Meid [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

Wir halten es für selbstverständlich, dass wir in einer Marktwirtschaft leben. Die reguläre Wirtschaft ist besonders mit dieser Idee verbunden. Tatsächlich basieren die Grundpfeiler auch hierauf und die Entwicklung von Angebot und Nachfrage sowie die Preisbalance ergeben außerhalb dieses Marktkontexts keinen wirklichen Sinn. Doch heute ist der Markt in großen Teilen des dynamischen Sektors unserer Wirtschaft entweder nicht vorhanden oder nur ein Teil der Sache.

Natürlich beinhaltet die digitale Wirtschaft Firmen wie Apple und Amazon, die Produkte auf dem Markt verkaufen. Sie umfasst aber auch gänzlich unterschiedliche Modelle. Das Internet ist das Reich der Geschenke. Die große Mehrheit der Seiten, die wir herunterladen, sind kostenlos – und Seiten wie Wikipedia sind komplexe Beispiele für eine aktive Schenkökonomie.

Einige der erfolgreichsten kommerziellen Unternehmen, wie zum Beispiel Google und Facebook, verlassen sich auf Geschäftsmodelle, die Schenkungspraktiken mit dem freien Markt vermischen. Die Waren, die sie verkaufen, sind völlig von den Geschenken abhängig, die sie verteilen.

Damit diese Formen der Schenk- und Hybridwirtschaft sinnvoll eingesetzt werden können, entwickelt meine Forschung des kalkulatorischen Gewinns und der Schenkungs- und Digitalwirtschaft die Idee, dass wir die Wirtschaft als eine miteinander interagierende Mischung aus Marktpraktiken und und deren gegenteiligen Aktionen betrachten sollten.

Die Schenkökonomie in Aktion

Wikipedia, die größte und meistgenutzte Enzyklopädie, die die Welt jemals gesehen hat, ist ein beispielhafter Fall für die digitale Schenkökonomie. Wikipedia dominiert diesen Sektor und hat mehr oder weniger das Aussterben der Enzyklopädien besiegelt, die man sich noch kaufen musste. Das ganze begann damit, dass Microsoft seine Encarta an Leute verschenkte, die sich einen Computer zulegten.

Wikipedia basiert im Allgemeinen auf drei Schenkungspraktiken: es bietet uns kostenlosen Zugang zu seinen Inhalten, diese Inhalte werden von Freiwilligen ohne Bezahlung redaktionell betreut und die laufenden Kosten werden aus Spenden finanziert. Sobald Arbeit ehrenamtlich verrichtet wird, gelten die alten Regeln nicht mehr. Die Redakteure von Wikipedia haben keine Manager über sich, die bestimmen, was sie nach den Regeln der Top-Down-Methode zu tun haben. Sie suchen sich ihre Aufgabe selbst und arbeiten in ihrer eigenen Geschwindigkeit. Die Qualität ihrer Arbeit wird nicht durch Leistungsbeurteilungen oder drohende Arbeitslosigkeit sichergestellt – stattdessen führt man miteinander Qualitätsdebatten im Wikipedia-Forum, die dem Austausch dienen. Dabei verpflichten sich die Redakteure selbst gemeinschaftlich zur Einhaltung der festgelegten Normen.

Die konventionelle Wirtschaft verfügt nicht über Instrumente, mit denen Phänomene wie die Wikipedia analysiert werden können. Die Seite verfügt über kein Einkommen, keine Börsenkapitalisierung und keinen kalkulatorischen Gewinn, nach dem wir sie einschätzen könnten. Weder menschliche Motivationen, noch kooperative Koordinationsmechanismen passen zu Marktmodellen der absoluten Maximierung und des absoluten Marktgleichgewichts. Wenn wir unsere Wirtschaft beurteilen wollen, wären wir eigentlich besser dran, Systeme wie die Wikipedia-Community zu ignorieren?

Ein hybrides Machtzentrum

Im Gegensatz dazu erscheint Google wie eine Firma, die man durch traditionelle ökonomische Theorien erklären können sollte. Die zweitgrößte Firma der Welt in Sachen Marktkapitalisierung erzeugte im Jahr 2015 Gewinne in Höhe von 75,5 Milliarden US-Dollar – und zwar größtenteils durch den Verkauf von Anzeigen.

Das ist durchaus ein Markt, oder? Dieser existiert allerdings nur, weil Google seinen Nutzern Geschenke macht. Sein Herzstück ist die kostenlose Internetsuche. Wenn Google uns Suchergebnisse liefert, erhält es als Nebenprodukt des Suchprozesses Informationen über unsere Interessen und benutzt diese, um sehr viel effektiver und gezielter zu werben, als je zuvor in den konventionellen Medien möglich war.

Hier haben wir zwei zutiefst voneinander abhängige Praktiken: eine Marktpraxis, bei der Werbung verkauft wird, die nur deshalb existieren kann, weil es eine Praxis des Verschenkens der kostenlosen Internetsuche gibt. Kostenlose Zeitungen bieten ein ähnliches Modell an, aber Google arbeitet in völlig anderen Dimensionen. Ganz egal, wie gut Nachfrage und Angebot die Ergebnisse auf dem Werbemarkt darlegen können, sagen sie uns doch nichts darüber, wie Google diese Werbemöglichkeiten zunächst überhaupt erhält.

Um hybride Modelle der Wirtschaft wie dieses erklären zu können, brauchen wir einen Ansatz, der Schenk- und Marktpraktiken in gleichem Maße als bedeutend ansieht und der die Art und Weise analysieren kann, wie diese kombiniert werden.

Wirtschaft und die Schenkökonomie

Obwohl ich die digitale Schenkökonomie hier hervorgehoben habe, ist die Schenkökonomie an sich viel älter und verbreiteter, als ich es je ausdrücken könnte – sie war lediglich weniger deutlich mit der Marktwirtschaft gepaart, als es für uns in der Wirtschaftswelt ersichtlich war. Um ein Beispiel zu nennen, haben Menschen seit jeher ökonomische Vorteile innerhalb ihres Haushalts produziert, ohne dass sie sich diese gegenseitig angeboten haben. Wenn ein Elternteil für seine Familie kocht, ist das ebenso produktiv, wie wenn ein Berufskoch für seine Kunden in einem Restaurant kocht. Der Unterschied ist bloß, dass hierbei kein Bargeld den Besitzer wechselt.

Eine Studie über den Haushalt in Australien fand beispielsweise heraus, dass bei einer Monetarisierung – der Fall tritt ein, wenn an einen Haushalt ein Betrag in Dollar entsprechend der Marktwirtschaft vergeben wird – der Haushaltssektor an sich bereits größer ist als der Marktsektor. Ebenso beschränkt sich die „alte“ Schenkökonomie nicht auf Geschenke für Freunde und für die Familie – Wohltätigkeit, Freiwilligenarbeit und Blutspenden sind bekannte Formen von Geschenken, die wir fremden Menschen machen.

Ökonomen neigen gern dazu, die Schenkökonomie zu übersehen, wo auch immer sie stattfindet – nicht nur, weil die Werkzeuge, die Ökonomen verwenden, wie beispielsweise die Einkommens- und Gewinnkalkulationen sowie der Aktienmarkt und Aktienkurs, nur Märkten einen Sinn entlocken können, aber auch, weil es keine Methode gibt, wie man Produkte bewerten kann, die nicht verkauft werden. Wir sind alle gewöhnt daran, Dinge nach dem Preis zu beurteilen, den sie auf dem Markt erzielen, aber solche Preise gibt es im Schenkungsbereich nicht.

Das bedeutet jedoch nicht, dass seine Produkte keinen Wert haben, sondern eher, dass wir eine vollkommen dysfunktionale Vorstellung des Wertes von Dingen verinnerlicht haben, im Rahmen derer wir eine Wirtschaft ausschließlich in marktwirtschaftlichen Aspekten betrachten. Wir konzentrieren uns so sehr auf die monetäre Seite der Wirtschaft, dass wir nicht die Absurdität der Bewertung derselben auf Kosten der Dinge, die wir für einander tun und die wir nicht beziffern können, erkennen.

Wenn wir erreichen wollen, dass die Wirtschaft von heute und die Möglichkeiten von morgen sinnvoll eingesetzt werden, müssen wir endlich damit anfangen, die Welt als ein komplexes Etwas zu betrachten, das aus Marktpraktiken und Nicht-Marktpraktiken zugleich besteht. Wir müssen damit anfangen, Produkte nach ihrem menschlichen Nutzen zu beurteilen, statt nach ihrem Preis.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Grünes übergeben“ by Maik Meid (CC BY-SA 2.0)


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Flexibles Arbeiten lässt uns länger schuften

Frustrated man at a desk (Image by LaurMG [CC BY SA 3.0], via Wikimedia Commons)

Freiheit ist Sklaverei. (George Orwell, 1984)

Stellen wir uns vor, wir könnten arbeiten wann und wo wir wollen. Würden wir weniger arbeiten und somit die Zeit mit Familie und Freunden genießen? Oder würden wir ununterbrochen arbeiten, sodass die Arbeit das restliche Leben bestimmt?

Viele Menschen können sich nicht vorstellen, was diese Freiheit bedeutet. Ungefähr ein Drittel aller Angestellten in Großbritannien verfügt über Flexibilität bezüglich der Arbeitsstunden und ungefähr ein Fünftel aller Menschen arbeitet gelegentlich von Zuhause aus. Etwa 17 Prozent aller Angestellten in der EU haben Gleitzeit, was bedeutet, dass der Arbeitsbeginn sowie das Arbeitsende flexibel sind. Weitere fünf Prozent können selbst bestimmen, wann und wie lange sie arbeiten.

Nun sieht es vielleicht so aus, dass Menschen mit mehr Kontrolle über ihren Arbeitsplan mehr arbeiten, als Menschen mit weniger Kontrolle. Tatsächlich neigen Menschen dazu, Mehrarbeit zu leisten, wenn ihnen flexible Arbeitszeiten erlaubt sind, verglichen mit Menschen, die fixe Arbeitszeiten haben.

Diese Ergebnisse stammen von einer Studie, die von meiner Kollegin Yvonne Lott und mir kürzlich durchgeführt und im European Sociological Review veröffentlicht wurde. Wir untersuchten Daten von Arbeitern aus Deutschland, um die Anzahl der Überstunden zu analysieren, die sich seit der Verfügung über mehr Kontrolle über die Arbeitszeiten in den letzten Jahren ergeben haben.

Diese Tendenz stellte sich als zutreffend heraus, wenn Menschen über mehr Kontrolle verfügen. Wir berücksichtigten auch eine Vielzahl von weiteren Faktoren, die einen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit haben, länger zu arbeiten. Solche Faktoren sind beispielsweise das Autoritätslevel und die Art der Tätigkeit. Der Anstieg der Arbeitszeiten war am höchsten, wenn Arbeiter ihre Arbeitszeiten selbst bestimmen konnten.

Diese Ergebnisse stimmen mit ähnlichen Forschungen von Arbeitern aus Großbritannien, an denen meine Kollegin Mariska van der Horst und ich arbeiteten, überein. Die Ergebnisse werden bei einer Konferenz im September präsentiert. Wir haben ein ähnliches Verhalten herausgefunden: Wenn Arbeiter mehr Eigenständigkeit über ihre Arbeitsstunden haben, verlängert sich sehr oft die Dauer ihrer Arbeitszeit.

Warum härter arbeiten?

Es gibt einige Gründe für dieses Verhalten. Ein Grund dafür könnte durch die „Gabentausch„-Theorie erklärt werden. Das bedeutet, dass Menschen die Freiheit als Geschenk ihres Arbeitgebers sehen, den sie im Gegenzug mit harter Arbeit entlohnen wollen. Die Arbeiter wollen beweisen, dass man ihnen diese Eigenständigkeit zutrauen kann.

Ein weiterer Grund könnte in der Selbstständigkeit liegen, die den Menschen gegeben wird. In vielen Fällen wird dies als Teil von erhöhten Personalleistungen gesehen, bei dem die Arbeit von spezieller Zeit unterschieden wird, aufgabenbezogener ist und das Einkommen in vielen Fällen von erbrachten Ergebnissen abhängt. Dies kann ein Anreiz für viele Menschen sein, härter zu arbeiten und in stärkerer Konkurrenz zu anderen Arbeitern zu stehen. Es erlaubt Arbeitgebern aber auch, das Arbeitspensum zu erhöhen ohne durch das Arbeitsrecht eingeschränkt zu sein, welches beispielsweise die Höchstarbeitszeit der Arbeiter regelt.

Aufgelockerte Grenzen zwischen Arbeit und anderen Lebensbereichen können auch zu einer Beeinträchtigung der Arbeit bezüglich Freizeit oder Zeit mit der Familie führen, speziell für Menschen, die sich der Arbeit widmen oder die Prioritäten setzen. Das ist der Grund, warum Menschen in leistungsstarken Jobs diese Eigenständigkeit wahrscheinlicher als Paradoxon sehen und Freiheit über die eigene Arbeit mit Selbstausbeutung endet. Elon Musk arbeitet 80 bis 100 Stunden in der Woche – im Silicon Valley wird die Anzahl der geleisteten Arbeitsstunden zelebriert und die Menschen sehen dies als Grund zum Prahlen.

Flexibilität muss nicht unbedingt etwas Negatives bedeuten. Viele Studien zu diesem Thema zeigen, dass ein gewisses Maß an Eigenständigkeit und Kontrolle über die Arbeit möglicherweise das Verhältnis zwischen Berufs- und Privatleben verbessert. In unserer Arbeit fanden wir heraus, dass Arbeiter mehr verdienen, wenn sie flexibel – statt länger – arbeiten. Es gibt Anzeichen von Leistungsprämien, wenn auf diese Weise gearbeitet wird.

Die Kluft zwischen den Geschlechtern

Wir haben auch einige Unstimmigkeiten zwischen Männern und Frauen herausgefunden. Frauen, die in Teilzeit arbeiten, leisten weniger Überstunden als Männer, die flexibel arbeiten. Dies ist wahrscheinlich der Fall, weil sich Frauen neben der Teilzeitarbeit zusätzlich um die Familie kümmern und die Arbeitszeit somit eingeschränkt ist.

Frauen, die einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen, leisten gleich viele Überstunden wie Männer mit flexibler Arbeitszeit – sogar als Mutter. Und das, obwohl sie nicht dieselbe Anerkennung hinsichtlich der Entlohnung wie Männer erhalten. Es kann sein, dass Arbeitgeber diese Flexibilität nicht anerkennen, wenn diese für persönliche Gründe genutzt wird.

Arbeitgeber denken auch, dass Frauen Flexibilität hauptsächlich für familiäre Zwecke nutzen. Dies führt dazu, dass Frauen nicht auf dieselbe Weise wie Männer belohnt werden, wenn sie Flexibilität, ohne Rücksicht auf das Ausmaß der Hingabe, nutzen. So kann eine Steigerung der Arbeitsflexibilität zu einer Verstärkung von traditionellen Geschlechterrollen und zu einem größeren Unterschied zwischen den Geschlechtern führen.

Mehr Flexibilität und Eigenständigkeit bezüglich Arbeit klingt zunächst verlockend und kann durchaus eine neue Ära einer verbesserten Work-Life-Balance ankündigen. Bis jetzt deutet jedoch vieles auf das Gegenteil hin. Wir müssen die Situation besser verstehen, um gegen einige dieser negativen Konsequenzen anzukämpfen.

Das bereits bestehende Arbeitsrecht schützt Arbeiter vor einer Ausbeutung seitens des Arbeitgebers. Wahrscheinlich brauchen wir Gesetze, die davor schützen, dass sich der Arbeitnehmer selbst ausbeutet. So wie das von Frankreich vorgeschlagene „Recht auf Abschalten“, um E-Mails außerhalb der Dienstzeiten zu regulieren. Freiheit muss nicht Sklaverei bedeuten – wir müssen nur verstehen, wie wir damit umgehen sollen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „Frustrated Man at a desk“ by Wikimedia Commons (CC BY SA 3.0)


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Nur Deutsche dürfen über Deutschland reden

Passentzug (adapted) (Image by Metropolico.org [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

Wer keinen “deutschen” Namen hat, macht sich verdächtig, wenn er bei der Einwanderungs- und Flüchtlingsfrage nicht “deutsche” Positionen und das “deutsche Vaterland” verteidigt. Das riecht nach Interessenkonflikt. Wer nicht die richtige Abstammung hat, sollte sich doch mit seinen öffentlichen Äußerungen zurückhalten. Jedenfalls meint das eine Kölner Juristin im Disput mit meiner Frau. Ein Patriot sei der, der sein Vaterland liebt. “Vaterland hingegen ist das Land, wo die eigenen Vorfahren herkommen. Also Bitte beteilige dich an einem Sinti- und/oder Roma-Diskurs. Danke”, schreibt Frau Schmidt, also waschechter germanischer Adel, der im Zuge der Völkerwanderung aus Zentralafrika irgendwann mal in nordische Regionen vorgedrungen ist. Es kommt halt immer auf die zeitliche Einordnung der Vorfahren an. Hier empfiehlt das Notiz-Amt einen Blick in Wikipedia. Was sagt denn der Blut- und Boden-Lehrmeisterin der Name “Gunnar Sohn”? Klingt doch irgendwie ok, um von Frau Schmidt nicht aus dem “Diskurs” über Einwanderung und Flüchtlinge ausgeschlossen zu werden?

Erinnerungskultur im „Vaterland“

Wenn wir schon von Vorfahren sprechen, sollte dabei die Erinnerungskultur nicht fragmentarisch ausfallen. Die Erinnerungskultur muss an die nächste Generation weiter gegeben werden. Meine Großeltern Frieda und Wilhelm Sohn zogen 1932 nach Kuschkow/Spreewald und kauften dort eine Gast- und Landwirtschaft. Hier begann 1935 die Schulzeit meines Vaters. Da mein Opa Jude war, zwang man die Familie Sohn durch Boykottaktionen zum Verkauf des Geschäftes. 1936 zogen die Sohns nach Österreich und eröffneten auf dem Danielsberg in Kärnten eine Hotelpension – den Herkuleshof. Anfang des Jahres 1939 – also kurz nach dem “Anschluss” Österreichs – wurde das Hotel meiner Familie auf dem Wege der sogenannten Arisierung weggenommen und eine Kärntnerin als Eigentümerin eingesetzt. Mein Opa kam in das KZ Dachau – später dann in die “Heil- und Pflegeanstalt der Reichsvereinigung der Juden in Bendorf-Sayn” bei Koblenz.

Krankenmorde im „Vaterland“

Der Krankenmord an jüdischen Patienten war Teil der von Hitler befohlenen “Aktion T4”, einer Mordaktion, der von Januar 1940 bis August 1941 70.000 Insassen aus Heil- und Pflegeanstalten zum Opfer fielen. Sie wurde als geheime Reichssache von einer Bürozentrale in der Tiergartenstraße 4 in Berlin (daher die Bezeichnung “T4”) aus organisiert. Die “T4”-Zentrale selektierte anhand von “Meldebogen” vor allem die nicht arbeitsfähigen Patienten und schickte sie mit Sammeltransporten über “Zwischenanstalten” in sechs der ihr unterstehenden Tötungsanstalten. Hier wurden die Menschen meist am Tag ihrer Ankunft in einer als Duschraum getarnten Gaskammer ermordet und ihre Leichen sofort in Verbrennungsöfen eingeäschert.

Ein „vaterländischer“ Erlaß

Noch während die “T4”-Sonderaktion lief, ordnete das Reichsinnenministerium mit einem “Runderlaß” am 12. Dezember 1940 an, dass jüdische Patienten künftig nicht mehr in die staatlichen Heil- und Pflegeanstalten aufzunehmen seien, sondern nur noch in die “Heil- und Pflegeanstalt der Reichsvereinigung der Juden in Bendorf-Sayn”. Begründet wurde die Anordnung wie beim “Erlaß” vom 30. August 1940, dass “Juden mit Deutschen” nicht mehr gemeinsam untergebracht sein sollten. Der “Erlaß” vom Dezember konnte jedoch aus organisatorischen Gründen nicht im geforderten Umfang umgesetzt werden. Obwohl die Bettenzahl in Bendorf-Sayn Anfang 1940 durch Aufstellung von Baracken von 190 auf 474 erhöht worden war, blieb die Anstalt überfüllt. Allein zwischen Januar und November 1941 waren 251 Neuaufnahmen zu verzeichnen. Die Deportationen der jüdischen Bürger nach dem Osten ab Frühjahr 1942 bedeuteten das Ende von Bendorf-Sayn. Die Anstalt wurde schrittweise geräumt.

Ohne Beruf, israelitisch und mit neuem Vornamen

Waggons mit den Patienten wurden an die Züge gekoppelt, mit denen die Koblenzer Juden im März, April, Juni und Juli 1942 deportiert wurden. Mit dem 10. November 1942 hörte die jüdische Anstalt auf zu bestehen.

Mein Großvater starb unter ungeklärten Umständen kurz vor seiner Deportation nach Auschwitz am 23. Mai 1942. In der Sterbeurkunde nannte man meinen Opa übrigens Wilhelm Alfons Israel Sohn – “ohne Beruf, israelitisch”. Das war die perfide Praxis der Nazis. Ein zusätzlicher Vorname, der die Stigmatisierung schon im Ausweis kenntlich machte. Israel für Männer und Sara für Frauen. Und selbst seinen erlernten Beruf als Land- und Gastwirt hat man in der Sterbeurkunde unterschlagen.

Mein persönliches Vater- und Großvaterland

Mein Groß-Onkel konnte sich noch nach London absetzen und überlebte. Für meinen Opa reichte das Geld nicht mehr, um den Nazi-Schergen noch zu entkommen. 1939 wurden meine Oma und mein Vater aus der “Ostmark” in das “Altreich” ausgewiesen. Sie zogen nach Berlin. Mein Vater besuchte die 6. Volksschule in Berlin Mitte. Da er nach dem Rassegesetz ein Mischling I. Grades war (meine Oma war Protestantin), durfte er keine höhere Lehranstalt besuchen. Im November 1943 wurden Oma und Paps ausgebombt und zogen zu den Großeltern mütterlicherseits nach Eggersdorf. Hier wollte mein Vater eine Laufbahn als Maschinenbauer beginnen, durfte aber, da das Rassegesetz verbot, einen handwerklichen Beruf zu ergreifen, seine Lehrstelle in Müncheberg bei der Firma Paul Sellin nicht antreten.

Daraufhin wurde ihm eine Lehrstelle als Landwirtschaftslehrling beim Landwirt Kurt Ehlert in Grünberg/Neumark zugewiesen. Als im Januar 1945 dort die Russen einmarschierten, wurde mein Vater als Gefangener nach Landsberg gebracht, kam aber im Juli 1945 wieder zurück nach Berlin. Er arbeitete zunächst in einem Elektrowerk in Köpenick, bis er am 25. September 1945 einen Straßenbahn-Unfall erlitt. Die Folge davon war ein steifes Bein. Nach seiner Genesung und einem langen Aufenthalt in Schweden (daher meine “nordischen” Vornamen Gunnar Erik) bei Onkel Pelle (so nannte ich den Sohn der Gastfamilie) wurde mein Vater ab dem 22. April 1947 Fahrscheinausgeber bei der BVG. Hier gelang ihm später unter sehr großen Anstrengungen eine Karriere in der Verwaltung als Dienstzuteiler – bis zu seiner Pensionierung, die er nur ein knappes Jahr genießen konnte. Er starb nach einem Unfall im August 1990. Das ist mein “Vater- und Großvaterland”, werte Frau Schmidt.

Und ich sehe es als meine Aufgabe als Sohn und Enkel meines persönlichen “Vaterlandes” an, Blut- und Boden-Rhetorikern entgegenzutreten.

Die Ausgrenzungsideologen

Wer Individuen auf die Zugehörigkeit zu einer Gruppe reduziert, wer Menschen nur über die Einteilung in Kategorien beurteilt und über Namen selektiert, speist eine Ideologie der Abgrenzung und Ausgrenzung. Es geht um bequeme Denkhaltungen, um sich abzugrenzen und abzuschotten. Es geht um Sündenböcke, die man als Allzweckwaffe benutzt. Nur nichts zulassen, um das vorurteilsbeladene Weltbild zu erschüttern. Kritisches Denken ist anstrengend. Am Schluss stellt sich vielleicht heraus, dass ja doch alles ein wenig komplexer ist als man anfänglich dachte. Einzelne Bäume will Frau Schmidt vor lauter Wald gar nicht wahrnehmen. Darum geht es, wenn von der Nation, von Vaterland, Patriotismus oder der sogenannten nationalen Identität gesprochen wird. Es sind Feindbilder, die in einer bequemen Komfortzone kultiviert werden. Der französische Philosoph Michel Serres hat das sehr gut auf den Punkt gebracht. Es geht um die Verwechslung von Identität und Zugehörigkeit. Ich gehöre zur Gruppe der Volleyball-Vereinsspieler. Ich gehöre zur Gruppe, die sich mit Livestreaming beschäftigt. Organisieren. Ich gehöre zur Gruppe, die gerne Himbeer-Marmelade mag. Ich gehöre zur Gruppe, die in Berlin geboren wurde.

An dieser Aufzählung merkt man sehr schnell, wie wenig die Zugehörigkeit über meine Identität aussagt. Ich bin ich. Das ist es. Herkunft und Vaterland sind Chimären, die nichts, aber auch gar nichts über den einzelnen Menschen aussagen.


Image (adapted) „Passentzug“ by Metropolico.org (CC BY-SA 2.0)


 

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Sponsored Post: Groß, weiß und pummelig – Disneys Baymax

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Heute kommt Disneys neuester Animationsfilm in die Kinos: „Baymax – Riesiges Robowabohu“. Der witzige Streifen erzählt die Geschichte eines 14-jährigen Technik-Freaks und seines treuen Roboters.

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Im Mittelpunkt der Handlung steht eine ungewöhnliche Freundschaft zwischen einem Teenager und einem riesigen, weißen Roboter. Die Regie dieses spannenden und witzigen Films übernahmen die beiden bekannten Disney-Mitarbeiter Don Hall und Chris Williams. Produziert wurde das Ganze von Roy Conlie, der sich auch für die Neuauflage von „Rapunzel“ verantwortlich zeigte.

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5 Lesetipps für den 24. Dezember

In unseren Lesetipps geht es heute um die Startup-Exits des Jahres, IT-Hilfe für die Familie, den Film „The Interview“ und die #Freiheit-Debatte. Ergänzungen erwünscht.

  • EXIT Inc.com: The 10 Biggest Exits of 2014: Auf Inc.com zeigt uns Jeremy Quittner noch einmal, für welche Startups im Jahr 2014 richtig Geld geflossen ist. Angeführt wird die Liste natürlich von WhatsApp, für das Facebook mehr als 19 Milliarden US-Dollar bezahlte. PLatz 2 nahm Trulla ein, dass von Zillow für vergleichsweise „nur“ 3,5 Milliarden US-Dollar gekauft wurde. Für 3,2 Milliarden US-Dollar erwarb Google dann Nest. Insgesamt waren die Top10-Akquisen alle sehr unterschiedlich: Technologie, etwas mobil, ein bisschen smart.

  • IT CROWD BR Puls: Rechtsklick hab ich gesagt!!!: Spätestens heute muss man sich der wohl härtesten Zeit im Jahr stellen und zum familiären IT-Crack der Familie werden, natürlich ohne ein Einkommen im oberen Bereich. Zu Weihnachten haben Eltern und Großeltern, neben Geschenken, noch jede Menge Computer- und Internetprobleme, die zwischen Familienessen und Großvaters Rumtopf gelöst werden sollen. David Württembeger vom BR war so nett, eine kleine Übersicht zu erstellen, um das Gröbste schneller in den Griff zu bekommen.

  • THE INTERVIEW I Spiegel Online: Sony zeigt „The Interview“ an Weihnachten: Zu Weihnachten wird „The Interview“ dann doch in den Kinos gezeigt. Auch wenn Sony das in öffentlichen Statements anders darstellt, bleibt festzuhalten, dass das Unternehmen dem öffentlichen Druck in den USA, unterstützt vom US-Präsidenten Barack Obama, nachgegeben hat und sich nicht von einem Diktator vorschreiben lässt, welche Filme gezeigt werden dürfen und welche nicht. Zwar bin ich überzeugt, dass die Komödie über Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un sicher nicht der beste Film aller Zeiten wird, aber sicher immer noch besser als „Team America“ von 2004, das leider damals wirklich nicht verhindert wurde.

  • THE INTERVIEW II Business Insider: Larry Flynt Making ‚The Interview‘ Into Porn: Regel 34: „Wenn es existiert, gibt es davon Porno. Keine Ausnahmen.“ Und so auch beim wohl schon meistdiskutiersten Film des Jahres 2014, den noch niemand gesehen hat: „The Interview“. Hustler-Chef Larrs Flint hat angekündigt, eine Porno-Version des Films zu drehen. Das läuft zwar entlang bekannter Muster, aber Flints Motivation ist diesmal nicht nur mit einem Porno Geld zu verdienen und dabei den Medien-Hype um den Film zu nutzen, sondern das Recht auf freie Meinungsäußerung durchzusetzen. Im Falle Flint, der dies wirklich stets vor Gericht ausfechtet, kann man ihm dieses politische Engagement sogar glauben, dass Aly Weisman im Business Insider erklärt.

  • #FREIHEIT Broadmark: 8 Fakten über #Freiheit: Die Debatte um den dramatisch initiierten Ausstieg des YouTube-Vlogger Simon Unge aus dem Multi-Channel-Netzwerk Mediakraft wirkt an sich wie die erste Lektion eines jungen Menschens, was es heißt, einen Vertrag abzuschließen. Doch die Zahlen scheinen eine andere Sprache zu sprechen. Unser Autor Lukas Menzel hat auf Broadmark.de insgesamt acht sehr beeindruckende Fakten zu diesem Fall zusammengetragen, die in den sozialen Netzwerken unter dem Hashtag #Freiheit diskutiert wird. Die Zahlen zeigen, dass hier etwas Größeres passiert zu sein scheint. Allein das Medieninteresse ist enorm.

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IN EIGENER SACHE: Wolfgang Macht im Interview mit LEAD Digital

Der LEAD Digital-Redakteur Frank Zimmer hat unseren Herausgeber Wolfgang Macht einmal zu seinem frisch im Handel erschienen Buch „Wir ohne Grenzen“ interviewt, welches er mit Katrin Viertel zusammen produziert hat. Mit freundlicher Genehmigung LEAD Digitals, könnt Ihr, liebe Netzpiloten-Leser, nun einen Crosspost des Interviews auch hier lesen. Viel Spaß dabei.


Social-Media-Buch: Wolfgang Macht: „Digitale Mediennutzung gehört als Unterrichtsfach in die Schulen“

    Wir ohne GrenzenBrauchen wir gedruckte Social-Media-Anleitungen? Netzpiloten-Gründer Wolfgang Macht hat gemeinsam mit Katrin Viertel das Buch „Wir ohne Grenzen – Social Media in Firma und Familie“ geschrieben. LEAD Digital wollte wissen, warum.

    Alle reden über Social Media und du lässt ein Buch dazu drucken. Was hat so ein Digital-Thema im Buchregal verloren?

    Unser Netzpiloten-Report soll idealerweise gar nicht erst in die Bücheregale der Käufer wandern. Wir malen uns aus, dass er in den Büros und zu Hause viele Monate verführerisch herumliegt. Er soll Angestellte und Eltern dazu einladen immer wieder mal hineinzuschauen und sich ein paar Tipps, Hintergründe und Neuigkeiten im Umgang mit Social Media abzuholen: Wie lesen sich die Social Media Guidelines einer Firma wie Audible? Wie streng oder locker sollte ich sein, wenn meine Kinder stundenlang bei Facebook abhängen? Was ist ein Haul-Video? – Wir haben bewusst eine lockere Mischform aus Buch und Broschüre gestaltet mit der wir möglichst viele Social Media –Interessierte und Gelegenheitsnutzer ansprechen wollen. Denn in diesem Punkt sind wir tatsächlich altmodisch: Wir verstehen uns seit Mitte der 90er Jahre als leidenschaftliche Mittler zwischen den Welten.

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Nahles-Interview: Das Private ist das Politische?

SPD / Florian Jaenicke

Frage: Vergangene Woche ist ein Interview von Ihnen in der Frauenzeitschrift Brigitte erschienen. Dort erzählen Sie von Ihren Plänen, schon zwei Monate nach der Geburt Ihres Kindes wieder zurück ins Amt zu gehen. Sie sagen: “Emotional stelle ich mir das für mich unheimlich schwer vor. Ich weiß, ich werde unser Kind nicht so oft sehen, wie ich es gern hätte.” Eine solche Entscheidung fällt man in der Regel nicht nur mit dem Bauch, sondern auch mit dem Kopf. Und nicht alleine. Wie haben Sie Ihre Lösung gefunden?

Andrea Nahles: Ich plane. Um mich ein wenig sicherer zu fühlen. Ob es am Ende so kommt… das hängt von dem Kind ab. Ist es gesund und munter, ja, dann werde ich bald wieder meiner Arbeit nachgehen. Das ist ohne die aktive Unterstützung meines Mannes nicht denkbar: Wir haben das intensiv besprochen. Wir möchten, dass unser Kind von einem Elternteil intensiv betreut wird, und das ist in unserem Fall eben mein Mann. Ich mache mir nix vor, dass wird sicher nicht so leicht – ich freue mich nämlich sehr auf das Zusammenleben mit unserem Kind. Es ist ein spätes Glück…

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Terzio launcht FamilyBlog

Der Terzio Verlag launcht mit FamilyBlog ein Blog-Portal, das sich inbesondere an Familien wendet, die ihren Alltag in einem Online-Tagebuch dokumentieren wollen.
Im Gegensatz zu freien Blog-Plattformen wie twoday.net oder blog.de allerdings, haben bei diesem Angebot nur geladene Gäste Zugriff auf die jeweiligen Weblogs.

Realisiert wurde der Auftritt, der nicht auf eines der etablieren Blog-Systeme setzt, vom Webteam in München.

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