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Arbeitsgedächtnis: Wie man die Dinge auf kurze Zeit „im Hinterkopf“ behält

Schreiben (adapted) (image by picjumbo_com [CC09 via pixabay)

Mal angenommen, wir müssen uns eine Telefonnummer, eine Einkaufsliste oder eine Reihe von Anweisungen merken. Dabei verlassen wir uns auf das, was Psychologen und Neurologen als Arbeitsgedächtnis (auch: Kurzzeitgedächtnis) bezeichnen. Es ist die Fähigkeit, Informationen über einen kurzen Zeitraum festzuhalten und sich dieser zu bedienen. Das betrifft jene Dinge, die jetzt im Moment wichtig für uns sind, in 20 Jahren aber keine Relevanz mehr haben.

Forscher sind der Meinung, dass das Arbeitsgedächtnis von zentraler Bedeutung für einen funktionsfähigen Verstand ist. Es wird vielen anderen, grundlegenderen Fähigkeiten und Ergebnissen zugeordnet – unter anderem der Intelligenz und dem akademischem Abschluss – und es ist mit fundamentalen sensorischen Prozessen verbunden.

In Anbetracht dieser zentralen Rolle, die das Arbeitsgedächtnis in unserer Mentalität einnimmt, und der Tatsache, dass wir uns zumindest Teilen dessen Inhalts bewusst sind, könnte das Arbeitsgedächtnis ein wichtiger Faktor in unserem Bemühen, das Bewusstsein selbst zu verstehen, werden. Psychologen und Neurowissenschaftler forschen jeweils an verschiedenen Aspekten des Arbeitsgedächtnisses. Die Psychologie versucht, die Funktionen des Systems herauszuarbeiten, während die Neurowissenschaft ihren Fokus auf die neuronalen Grundlagen legt. Hier ist ein kurzer Einblick in den derzeitigen Stand der Wissenschaft.

Wie groß ist unser Arbeitsgedächtnis?

Die Kapazität ist eingeschränkt – wir können zu jedem Zeitpunkt nur eine bestimmte Anzahl an Informationen „im Hinterkopf“ behalten. Die Art dieses Limits wird von Wissenschaftlern jedoch noch debattiert.

Viele Forscher sind der Meinung, dass unser Arbeitsgedächtnis eine begrenzte Anzahl an einzelnen Begriffen („items“) oder zusammenhängenden Informationen („chunks“) speichern kann. Dabei kann es sich um Zahlen, Buchstaben, Wörter oder andere Einheiten handeln. Forschungen haben gezeigt, dass die Anzahl an Informationen, die im Arbeitsgedächtnis zwischengespeichert werden können, von der Art der Information abhängig ist – wie beispielsweise von Geschmacksrichtungen verschiedener Eissorten oder die Nachkommastellen von Pi.

Eine weitere Theorie schlägt vor, dass das Arbeitsgedächtnis als kontinuierliche Ressource agiert, die auf sämtliche gespeicherten Informationen aufgeteilt wird. Das bedeutet, dass je nachdem wie unsere persönlichen Ziele aussehen, unterschiedliche Informationen eine unterschiedliche Menge an Ressourcen zugeteilt wird. Neurowissenschaftler schlagen vor, dass diese Ressourcen der neuralen Aktivität entsprechen könnten. Dementsprechend widmen sich also unterschiedliche Aktivitätsmengen den unterschiedlich gespeicherten Informationen, abhängig von der aktuellen Priorität. Im Gegensatz dazu argumentiert ein anderer theoretischer Ansatz, dass die Ursache für die Kapazitätsgrenze unseres Arbeitsgedächtnisses durch Interferenzen zwischen den verschiedenen Informationen entsteht, die sich sozusagen gegenseitig behindern.

Natürlich schwinden Erinnerungen mit der Zeit. Jedoch kann dieser Prozess durch Wiederholung der Informationen, die sich im Arbeitsgedächtnis befindet, abgeschwächt werden. Das erhaltende Wiederholen (engl. ‚maintenance rehearsal‘), wie es von Wissenschaftlern genannt wird, beinhaltet die gedankliche Wiederholung der Informationen ohne Bezug zu ihrer Bedeutung – zum Beispiel die gedankliche Wiederholung einer Einkaufsliste und das Nachdenken über die darauf aufgelisteten Zutaten als einzelne Worte, ohne dabei an das Gericht zu denken, dass daraus gekocht werden soll.

Im Gegensatz dazu geht es bei der elaborierten Wiederholung von Informationen darum, den Informationen eine Bedeutung zu geben, und sie mit anderen Informationen in Verbindung zu bringen. Beispielsweise erleichtern Eselsbrücken das elaborierte Wiederholen von Informationen, indem sie den ersten Buchstaben jedes „items“ einer Liste mit einer bereits im Gedächtnis vorhandenen Information verknüpfen. Es scheint, als könnte nur die elaborierte Wiederholung Informationen aus dem Arbeitsgedächtnis festigen, und so in eine langlebigere Form umwandeln – das entspricht der Definition des Langzeitgedächtnisses.

Was die visuelle Domäne betrifft, kann Wiederholung unter anderem Bewegungen der Augen beinhalten, die visuelle Informationen einem bestimmten Ort zuordnen. Anders ausgedrückt, schauen Menschen möglicherweise an den Ort der ins Gedächtnis gerufenen Information, nachdem diese schon verschwunden ist, um sich wieder zu erinnern, wo sich die Information befunden hat.

Arbeitsgedächtnis versus Langzeitgedächtnis

Das Langzeitgedächtnis wird durch eine sehr viel größere Speicherkapazität charakterisiert. Außerdem sind die gespeicherten Informationen langlebiger und stabiler. Erinnerungen aus dem Langzeitgedächtnis können sowohl Informationen aus Lebensabschnitten einer Person beinhalten, Semantik oder anderweitiges Wissen, als auch implizite Informationen wie zum Beispiel die Verwendung bestimmter Objekte oder bestimmte Körperbewegungen (motorische Fähigkeiten).

Wissenschaftler betrachteten das Arbeitsgedächtnis lange als das Tor zum Langzeitgedächtnis. Wiederholt man Inhalte des Arbeitsgedächtnisses oft genug, können diese zu längerfristig abrufbaren Informationen werden.

Die Neurowissenschaft zieht eine klare Trennlinie zwischen diesen beiden. Das Arbeitsgedächtnis führt zu einer temporären Aktivierung von Neuronen im Gehirn. Im Gegensatz dazu wird vermutet, dass das Langzeitgedächtnis auf physischen Veränderungen von Neuronen und deren Verbindungen basiert. Dieses Modell kann sowohl die kurzfristige Natur des Arbeitsgedächtnisses als auch die größere Anfälligkeit auf Unterbrechungen oder Erschütterungen erklären.

Wie verändert sich das Arbeitsgedächtnis im Laufe des Lebens?

Die Leistungsfähigkeit bei Tests, die das Arbeitsgedächtnis beurteilen, steigt während der gesamten Kindheit an. Die Kapazität des Arbeitsgedächtnisses ist eine wesentliche Antriebskraft für die kognitive Entwicklung. Die Leistung bei Überprüfungen steigt kontinuierlich während der Kindheit und Jugendzeit und erreicht ihren Höhepunkt im jungen Erwachsenenalter. Auf der Kehrseite ist das Arbeitsgedächtnis eine der sensibelsten kognitiven Fähigkeiten im Bezug auf den Alterungsprozess. Die Leistung bei entsprechenden Tests sinkt demzufolge im fortgeschrittenen Alter.

Es wird angenommen, dass das Auf und Ab der Kapazität des Arbeitsgedächtnisses im Laufe des Lebens mit der normalen Entwicklung und dem Abbau des präfrontalen Kortex des Gehirns in Verbindung steht. Dieser ist ein Gehirnareal, das für höhere kognitive Funktionen zuständig ist.

Wir wissen, dass Schäden am präfrontalen Kortex zum Verlust des Arbeitsgedächtnisses (und vielen anderen Veränderungen) führen. Aufzeichnungen der neuralen Aktivität des präfrontalen Kortex zeigen, dass dieses Areal während der Verschleppungszeit (engl. delay period) aktiv ist. Das ist die Zeit zwischen einem Stimulus und der Antwort des Beobachters – also die Zeit, in der man versucht, sich an eine Information zu erinnern.

Verschiedenste psychische Erkrankungen, wie beispielsweise Schizophrenie und Depressionen, werden mit einer erniedrigten Funktion des präfrontalen Kortex in Verbindung gebracht, die durch ein Phänomen namens „Neuroimaging“ bildlich aufgezeigt werden kann. Aus demselben Grund sind diese Krankheiten auch mit einer reduzierten Leistung des Arbeitsgedächtnisses assoziiert. Interessanterweise ist dieses Defizit bei schizophrenen Patienten in visuellen Prozessen deutlicher ausgeprägt als in verbalen Aufgaben des Arbeitsgedächtnisses. In der Kindheit stehen Defizite des Arbeitsgedächtnisses mit Konzentrationsschwierigkeiten und Problemen bei Lese- und Sprachfertigkeiten in Verbindung.

Das Arbeitsgedächtnis und andere kognitive Funktionen

Der präfrontale Kortex wird mit einem breiten Spektrum an anderen wichtigen Funktionen assoziiert. Darunter fallen zum Beispiel Persönlichkeit, Planung und Entscheidungsfindung. Jeglicher Funktionsverlust dieses Areals führt mit großer Wahrscheinlichkeit zu Auswirkungen in verschiedensten Aspekten von Kognition, Emotion und Verhalten.

Entscheidend ist, dass viele dieser präfrontalen Funktionen als eng verbunden oder möglicherweise sogar abhängig vom Arbeitsgedächtnis angesehen werden. Beispielsweise ist es für Planung und Entscheidungsfindung notwendig, dass wir bereits alle relevanten Informationen „im Hinterkopf“ haben, um eine Vorgehensweise zu formulieren.

Eine Theorie der kognitiven Struktur, genannt die Theorie des globalen Arbeitsraums (engl. Global Workspace Theory), beruht auf dem Arbeitsgedächtnis. Diese Theorie nimmt an, dass die temporäre Speicherung von Informationen „im Hinterkopf“ Teil eines „globalen Arbeitsraums“ im Gehirn ist. Dieser verbindet viele verschiedene kognitive Prozesse und entscheidet darüber hinaus, welche Aspekte uns zu jedem Zeitpunkt bewusst sind. Angesichts der Tatsache, dass diese Theorie das Arbeitsgedächtnis als zentralen Entscheidungsträger unserer bewussten Wahrnehmung einsetzt, ist ein besseres Verständnis der Theorie möglicherweise ein wichtiger Teil in der Lösung um das Mysterium des Bewusstseins.

Wie man das Arbeitsgedächtnis verbessert

Es gibt Hinweise darauf, dass es möglich ist, das Arbeitsgedächtnis durch interaktive Aufgaben, beispielsweise durch einfache Spiele für Kinder zur Verbesserung der Merkfähigkeit, zu trainieren und zu verbessern. Auch eine verbesserte Leistung bei anderen Testarten, wie zum Beispiel Vokabel- oder Mathematiktests wird als möglich betrachtet. Zusätzlich gibt es Hinweise, dass Training des Arbeitsgedächtnissesdie Leistung von Kindern mit bestimmten Krankheiten wie ADHS verbessern kann. Allerdings zeigen viele Forschungsarbeiten, dass die Vorteile von kurzfristigem Erfolg und spezifisch für die trainierte Aufgabe sind.
Des Weiteren ist es möglich, dass die Verbesserungen, die in manchen Studien gefunden wurden, darauf zurückzuführen sind, dass die Testteilnehmer gelernt haben, ihr Arbeitsgedächtnis effizienter einzusetzen. Es handelt sich in diesem Fall also nicht um eine erhöhte Kapazität, sondern um eine effizientere Verwendung. Die Hoffnung in diesem Bereich des Trainings liegt darin, relativ einfache Aufgaben zu finden, die nicht nur die Leistungsfähigkeit der spezifischen Aufgabe verbessern, sondern auch auf ein breiteres Einsatzgebiet anwendbar sind.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Schreiben“ by picjumbo_com (CC0 Public Domain)


The Conversation

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Codewort Introspektion – Wie Veränderungen im Körper unsere Entscheidungen beeinflussen

Wie werden wir uns unserer eigenen Gedanken und Gefühle bewusst? Und was lässt uns wissen, wann wir eine gute oder schlechte Entscheidung getroffen haben? Jeden Tag sind wir mit vielschichtigen Situationen konfrontiert. Wenn wir aus unseren Fehlern lernen wollen, ist es wichtig, dass wir ab und zu über unsere gefällten Entscheidungen nachdenken. Habe ich die richtige Entscheidung getroffen, als ich mit der Hypothek meines Hauses gegen den Markt spekulierte? War die Ampel gerade noch grün oder doch schon rot? Habe ich wirklich Schritte auf dem Dachboden gehört oder war es nur der Wind?

Wenn wir es mit ungewissen Ereignissen zu tun haben, wenn beispielsweise die Windschutzscheibe unseres Wagens während der Fahrt beschlägt, sind wir nicht mehr so sicher, ob wir in dem Moment richtig hingeschaut und uns für die beste Lösung entschieden haben. Wir gehen davon aus, dass die Fähigkeit, unsere eigenen Erfahrungen bewusst zu untersuchen, davon abhängt, als wie zuverlässig oder „verschwommen“ unser Gehirn die Informationen beurteilt, die diese Erfahrungen bewirken. Dieses Erlebnis wird auch Introspektion genannt. Einige Wissenschaftler und Philosophen glauben, dass diese Fähigkeit zur Introspektion ein notwendiges Merkmal des Bewusstseins ist und das entscheidende Bindeglied zwischen Sinneseindruck und Bewusstsein bildet.

Man nimmt an, dass das Gehirn eine Art Statistik aufstellt, die Möglichkeiten gemäß ihrer Verlässlichkeit gewichtet, um ein Gefühl des Vertrauens zu erzeugen. Dieses Gefühl befindet sich mehr oder weniger im Einklang mit dem, was wir tatsächlich gesehen, gefühlt oder getan haben. Und obwohl diese Theorie einen vernünftigen Ansatz bietet, um unser Vertrauen angesichts einer breiten Palette von Situationen zu erklären, vernachlässigt sie eine wichtige Tatsache über unser Gehirn – es befindet sich in unserem Körper. Sogar jetzt, während Sie diese Worte lesen, werden Sie wahrscheinlich zumindest ein vages Bewusstsein davon haben, wie sich Ihre Socken anfühlen, wie schnell Ihr Herz schlägt oder ob der Raum, indem Sie sich befinden, eine angenehme Temperatur hat.

Auch wenn wir uns dieser Dinge nicht immer bewusst sind, gibt der Körper immer wieder vor, wie wir uns und die Welt um uns herum erleben. Das heißt, die Erfahrung ist immer von einem bestimmten Ort aus, in einer bestimmten Perspektive verkörpert. Tatsächlich legen die jüngsten Forschungen nahe, dass unser Bewusstsein von der Welt sehr stark von exakt diesen internen Körperzuständen abhängt. Aber was ist mit Vertrauen? Ist es möglich, dass, wenn wir über das nachdenken, was wir gerade gesehen oder gefühlt haben, unser Körper im Hintergrund die Fäden zieht?

Einrichten des Experiments

Um diese Möglichkeit experimentell zu testen, entwickelten wir ein Szenario, in dem wir subtile, unbewusste Veränderungen in der physiologischen Erregung der 29 Teilnehmer – wie Herzschlag und Pupillenerweiterung – nachvollziehen konnten. Wir wollten herausfinden, wie sich dies auf ihre bewussten Entscheidungen und ihr Vertrauen auf eines einfachen visuellen Reiz hin auswirken würde. Da wir wissen, dass wir Menschen im Allgemeinen unser Vertrauen gemäß der Verlässlichkeit eines Erlebnisses gewichten, wollten wir herausfinden, ob diesem Prozess durch eine plötzliche, unbewusste Veränderung des Erregungszustandes entgegengewirkt werden oder ob er sogar umgekehrt werden könnte.

Dies erforderte einen experimentellen Reiz, bei dem die Präzision oder die sunsicherheit eines visuellen Erlebnisses manipuliert werden konnte. Um dies zu erreichen, mussten Freiwillige auf einem Bildschirm eine Wolke aus sich bewegenden Punkten betrachten und entscheiden, ob diese nach links oder rechts zogen. Sie mussten auch ihr Vertrauen in diese Entscheidung bewerten. Unsere Punktreize wurden insbesondere dahingehend entworfen, dass sie entweder eine hohe oder eine niedrige Wahrnehmungspräzision zulassen.

Auf der linken Seite des Bildschirms bewegten sich die Punkte klar und relativ eindeutig nach rechts. Die rechten Punkte bewegten sich jedoch und verteilten sich über die ganze Fläche. In statistischer Hinsicht ist die Varianz ihrer Bewegung also höher. Wie erwartet, waren die Aussagen der Teilnehmer, die den den rechten Teil mit den verschwommeneren Punkten betrachteten, weniger genau. Die Teilnehmer hatten ein geringeres Vertrauen. Das Gehirn wirkt wie eine Art Statistiker. Ohne, dass unsere Freiwilligen zuvor darüber Bescheid wussten, intergrierten wir bei etwa der Hälfte der Testpersonen eine Abbildung eines angewidertschauenden Gesichtes. Dies wurde jedoch nur so kurz eingeblendet, dass es nicht bewusst wahrgenommen werden konnte.

Diese subtile Manipulation sorgte für einen erhöhten Herzschlag und erweiterte Pupillen bei den entsprechenden Teilnehmern. Dies hat evolutionäre Gründe, denn Gefühle wie Ekel stellen einen starken Reizfaktor für Situationen dar, in denen etwas in unserem Körper schief gegangen sein könnte. Wenn jemand in unserer Nähe also angewidert schaut und sich zu erbrechen beginnt, wird oftmals eine ähnliche Reaktion in unserem eigenen Körper ausgelöst. Durch eine kurze Reizung bei allen Teilnehmern, die dieses Signal erhielten, konnten wir eine Art „introzeptiven Vorhersagefehler“ bewirken – wir konnten ihr Gehirn dazu bringen, zu denken, dass in ihrem Körper gerade etwas Unerwartetes passiert sei. Dadurch konnten wir nicht nur untersuchen, ob ein vom Hirn gesteuertes Vertrauen mit Reaktionen vom Herzen und der Pupille korrelieren, sondern auch sehen, ob die Störung der Abbildung die Art und Weise verändert, wie die Menschen von ihren Erlebnissen berichteten.

Tatsächlich haben wir festgestellt, dass diese überraschenden Veränderungen in der Erregung des Freiwilligen den Auswirkungen der veschwommenen Punkte auf ihr Vertrauen entgegenwirkten, was das Vertrauen für die einfacheren Punkte leicht verringerte und es für die schwierigeren stärkte. Darüber hinaus konnte diese Umkehrung in den Reaktionen von Pupille und Herz selbst beobachtet werden. Je mehr ein Körper eines Freiwilligen auf den unsichtbaren Ekel reagierte, desto deutlicher ging das Vertrauen bei dem jeweiligen Test verloren. Obwohl sich das Bewusstsein wie eine Art Statistiker verhielt, nutzte es auch Informationen des Körpers, um zu beeinflussen, wie sich die Teilnehmer fühlten.

Diese Ergebnisse, die in der Zeitschrift eLife veröffentlicht wurden, deuten darauf hin, dass sich unsere visuellen Erfahrungen auf mehr als nur das beziehen, was das Auge sieht. In der Tat hängt es auch von dem inneren Zustand unseres Körpers ab – von unserem Herzen und unserer physiologischen Erregung. Wenn wir unsere Erfahrung beurteilen und das Auge des Geistes gleichsam nach innen wenden, scheint es, dass der Körper beeinflusst, was wir vorfinden.

Dies ist ein wichtiger erster Schritt zum Verständnis, wie der Körper den Geist beeinflusst, auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind. Angesichts dieser Erkenntnisse ist unsere Forschergruppe gespannt darauf, aufwändige Computermodelle für diesen Prozess zu entwickeln. Unsere Hoffnung ist es, dass solche Modelle es uns ermöglichen, eine Vielzahl von psychiatrischen und medizinischen Zuständen, wie Angst und Psychose, besser zu verstehen, da Veränderungen der körperlichen Signale und des Selbstbewusstseins des Patienten möglicherweise in eine unrealistische, weil besonders sichere oder unsichere Welt einschließen könnten. Dies kann letztlich zu neuen Behandlungen führen, die auf die Auswirkungen der kardiovaskulären Erregung auf gestörtes Vertrauen und Selbstbewusstsein setzen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image “eye” (adapted) by BreaW (CC0 Public Domain)


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Von Medikamenten zu Hirn-OPs: Die Bewusstseins-Technologien der Zukunft

Thinking (adapted) (Image by Floyd-out [CC BY 2.0] via Flickr)

Unser kompliziertes Gefühlsleben kann sich oft wie ein Gefängnis anfühlen. Unsicherheiten, depressive Phasen und Angst können uns im Leben zurückhalten. Aber was wäre, wenn wir die psychischen Gegebenheiten, die uns nicht gefallen, einfach verdrängen könnten? Oder ganz einfach unsere Laune verbessern könnten? Es gibt genügend Gründe zur Annahme, dass dies in Zukunft alltäglich sein wird. Tatsächlich existieren viele der Technologien, die dies bewirken könnten, bereits. Mehr als die Hälfte von uns hat im Laufe ihres Lebens bereits eine längere Phase der Trauer durchlebt oder an extremer Niedergeschlagenheit gelitten und ungefähr einem Fünftel von uns ist eine ernsthafte Depression diagnostiziert worden, wobei diese Zahlen stark davon abhängen, in welcher Kultur man lebt. Die Tatsache, dass Störungen des Gemütszustandes so häufig auftreten – und auch so schwer zu behandeln sind – bedeutet, dass die Forschung sich auf dem Gebiet der Stimmungsregulierung stetig weiterentwickelt. Wenn man heutzutage in Großbritannien mit dem Verdacht auf Depression einen Arzt aufsucht, beginnt man, den Weg der Fürsorge zu beschreiten, welcher „Rede-Heilverfahren“, wie zum Beispiel kognitive Verhaltens-Therapien oder die Behandlung durch Medikamente, welche die Einnahme von Serotonin-Hemmern wie Prozac beinhaltet. Diejenigen, bei denen diese Behandlungsmethode keine Wirkung zeigt, müssen härtere Maßnahmen über sich ergehen lassen oder diverse Medikamente in Kombination einnehmen. Da die meisten Behandlungsmethoden mit psychoaktiven Drogen mit Nebeneffekten in Verbindung gebracht werden, existiert ein enormer Druck, der Anlass gibt, nach neuen Behandlungsweisen zu suchen, die durch die meisten Menschen mehr toleriert werden. Welche anderen Optionen könnte es möglicherweise noch geben? In der nahen Zukunft ist es wahrscheinlich, dass wir eine vermehrte Nutzung von nicht-invasiven Gehirn-Stimulationen beobachten werden können. Diese Technik nutzt magnetische oder elektrische Energie, um das Hirn zu durchwandern und um somit die Aktivität des Gehirns zu verändern. Da Menschen, die an Depressionen leiden, oftmals eine ungleiche Aktivität der rechten und der linken Gehirnhälfte aufweisen, wäre eine mögliche und sehr vielversprechende Behandlungsmethode, die Balance zwischen den Gehirnhälften durch Stimulation wiederherzustellen. Die Methode erscheint dabei vergleichsweise sicher und frei von den Nebeneffekten einer Behandlung mit Medikamenten. Außerdem handelt es sich hierbei um eine günstige Technologie, welche sogar zu Hause angewandt werden kann (auch wenn ich dies nicht unbedingt empfehlen würde). Leider kann diese Stimulation nur die äußerste Oberfläche der Hirnrinde erreichen. Nicht alle Regionen des Gehirns, auf die Depressionen Einfluss nehmen, können so bequem erreicht werden. In diesen Fällen kann ein operativer Eingriff namens Tiefen-Stimulation möglicherweise dabei helfen, die Funktion bei Menschen mit Stimmungsstörungen wiederherzustellen. Tiefen-Stimulationen beinhalten das Bohren eines kleinen Loches in den Schädel und das Einsetzen feiner Elektroden in die Zielregion des Hirns. Die Methode wurde mit einem gewissen Maß an Erfolg bei der Behandlung von Parkinson angewandt und wird nun als Behandlungsmethode für weitere Krankheiten getestet. Dennoch handelt es sich bei dieser Prozedur um einen risikoreichen operativen Eingriff und die Nebeneffekte können unter anderem Schlaganfälle oder Krampfanfälle sein. Ein andere Möglichkeit zur Verbesserung der Hirnfunktion könnte das Neurofeedback sein. In einer typischen Neurofeedback-Sitzung kann der Patient die eigene Gehirnaktivität auf einem Bildschirm betrachten und lernt dabei, durch Training diese Aktivität zu steigern oder zu mindern. Bei der Behandlung von ADHS wurde Neurofeedback dazu verwendet, die Anzahl der Theta-Wellen mit niedriger Frequenz zugunsten von Beta-Wellen mit einer hohen Frequenz zu verändern. Obwohl Neurofeedback bei der Behandlung von Depressionen getestet wurde, ist der Nutzen dieser Methode noch nicht eindeutig.

Behandlung gegen Verbesserung

Bisher haben wir gesehen, was passiert oder vielleicht passiert, wenn einer Person eine klinische Depression diagnostiziert wird. Aber was ist, wenn man sich nur ein wenig niedergeschlagen fühlt? Oder vielleicht fühlt man sich gut, aber man möchte sich noch besser fühlen – können diese Techniken für eine solche, nennen wir es einmal „kosmetische Verbesserung der Stimmung„, verwendet werden? Wir haben kürzlich gezeigt, dass nicht-invasive Stimulationen des Gehirns zu einer Verbesserung der Stimmung bei ansonsten gesunden und nicht-depressiven Menschen verhelfen können. Die Technologie, die wir verwendeten – hier war es die transkranielle Gleichstrom-Stimulation – ist recht günstig und für viele Menschen zugänglich. Könnte diese Methode also die eigene Stimmung erheblich verbessern, wann immer man dies nach einem harten Tag benötigt? Es sind bereits Produkte erhältlich, die behaupten, sie würden nicht-invasive Techniken der Gehirn-Stimulation verwenden, um den Gemütszustand zu regulieren. In ähnlicher Weise bieten so Privatkliniken kostenpflichtige Neurofeedback-Trainingskurse an. Momentan gibt es relativ wenige Beweise dafür, dass die Techniken die Fähigkeit besitzen, die Stimmung von nicht depressiven Menschen zu verbessern und sind oft nicht besser als Placebo. Damit soll nicht gesagt werden, dass neue Behandlungsmethoden nicht angeboten werden sollten, schließlich wollen manche Menschen gern homöopathische Behandlungen zahlen, obwohl es keine Beweise gibt, dass eine solche Behandlungsweise überhaupt wirkt. Dennoch wirft das Schlagwort der kosmetischen Verbesserung der Stimmung mögliche ethische Fragen auf: Sind wir in der Lage, die Schäden, die im Zusammenhang mit der anpassenden Stimmungs-Technologie stehen, völlig zu verstehen und stehen diese Risiken im Gleichgewicht mit den potentiellen Vorteilen? Könnte eine Person beispielsweise von der Stimulation des Gehirns in gleicher Weise abhängig werden wie man auch von Alkohol oder Drogen abhängig werden kann? Welche Rolle spielen die Hersteller und die Privatkliniken bei der Kommunikation und Überwachung solcher Gefahren? Und ist es gerecht, dass manche (wohlhabenden) Menschen Zugang zu einer Stimmungs-Anpassung haben – und andere nicht?

Stimmungs-Anpassung in der Zukunft

Wir sind gerade erst dabei, zu verstehen, wie sich die Stimmung mit Hilfe von neurowissenschaftlicher Technologien anpassen lässt. Es wäre einfach, sich in Science-Fiction-artigen Spekulationen über „Glücks-Chips“ im Hirn, in die Idee der verpflichtenden Stimmungsverbesserungen zur Erhöhung der Effizienz am Arbeitsplatz oder sogar in noch weitergehende Verbesserungen, die den schlimmsten Häftling für seine kriminellen Taten leiden lassen, zu verrennen. Aber mit einer vernünftigen Entwicklung dieser Technologie besitzen wir das Potential, das Leben von zahlreichen Menschen zu verbessern. Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Thinking“ by Floyd-out (CC BY 2.0)


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Könnten wir ein Gehirn hochladen – und sollten wir es überhaupt versuchen?

Nervenbahnen (image by geralt [CC0] via Pixabay)

Die Menschen träumten schon immer davon, über die Grenzen ihres Körpers hinauszugehen: die Schmerzen, die Krankheit und allen voran der Tod wollen überwunden werden. Jetzt weitet eine neue Bewegung dieses ursprüngliche Bedürfnis aus. Unter der Bezeichnung Transhumanismus will die Forschung einen Weg bereitstellen, der es uns ermöglicht, über unsere jetzigen physischen Verfassungen hinauszuwachsen und so unseren  Traum von Überlegenheit wahrzumachen.

Die möglicherweise schlimmste Art, wie die Technologie aus Sicht der Transhumanisten die menschliche Verfassung verändert, ist die Idee, dass der Verstand einer Person in digitale Daten konvertiert und in einen unglaublich leistungsfähigen Computer „hochgeladen“ werden könnten. Das würde es erlauben, in einer Welt der grenzenlosen virtuellen Erfahrungen zu leben und tatsächlich unsterblich zu sein – solange jemand daran denkt, Backups zu erstellen und den Computer nicht abschaltet.

Bisher scheint es, als würden die Transhumanisten die Tatsache ignorieren, dass dieser Upload des Bewusstseins einige unüberwindbare Hindernisse aufweist. Die praktischen Schwierigkeiten zeigen, dass es in der näheren Zukunft nicht umsetzbar ist – doch es gibt auch einige weitere fundamentale Probleme des gesamten Konzepts.

Die Idee des Hochladens des Hirns basiert auf Science Fiction. Ray Kurzweil, Autor und technischer Leiter bei Google, hat vermutlich am Meisten dazu beigetragen, den Eindruck zu erwecken, dass die Idee Realität werden könnte – eventuell schon ab dem Jahr 2045. Zuletzt hatte der Ökonom Robin Hanson die Konsequenzen eines solchen Szenarios für die Gesellschaft und Wirtschaft im Detail erforscht. Er hat eine Welt vor Augen, in der alle Arbeit auf körperlose Nachbildungen des menschlichen Geistes ausgeführt wird, die Simulationen einer virtuellen Realität durchlaufen, die Rechneranlagen nutzt, die so groß wie eine ganze Stadt sind.

Es ist nur ein kleiner Schritt von der Idee, dass unser Bewusstsein hochgeladen werden könnte bis hin zu der Vorstellung, dass dies bereits geschehen ist und wir in einer Computersimulation im Matrix-Stil leben. Der Unternehmer Elon Musk hatte diese Diskussion wieder aufblühen lassen, indem er argumentierte, dass die Chance, nicht in einer Computersimulation zu leben, nur etwa eins zu einer Milliarde wäre. Natürlich ist das nur eine technische Wiederbelebung der Ansicht, dass die Realität eine Illusion ist, eine Idee, die von Philosophen und Mystikern seit hunderten von Jahren diskutiert wird.

Aber es gibt einige ernste Probleme mit der Idee, dass wir unsere Gedanken auf einen Computer hochladen können. Zunächst das praktische Problem: Unsere Gehirne haben jeweils Billionen von Verbindungen zwischen etwa 86 Milliarden Neuronen. Um das Gehirn digital zu replizieren, müsste jede dieser Verbindungen zugeordnet werden, was weit über unseren jetzigen Möglichkeiten liegt. Mit der jetzigen Entwicklungsgeschwindigkeit von Computern und darstellender Technologien könnte uns dies erst in einigen Jahrzehnten möglich sein. Dies würde jedoch nur für ein totes und zerlegtes Gehirn gelten.

Mehr als nur Moleküle

Auch wenn wir solch ein „Verbindungsdiagramm“ für ein lebendes Gehirn erstellen könnten, wäre das noch nicht genug, um zu verstehen, wie es funktioniert. Dafür müssten wir exakt beziffern, wie die Neuronen an jeder Verbindungsstelle interagieren. Das ist eine Detailangelegenheit auf molekularer Ebene. Wir wissen nicht einmal, wie viele Moleküle im Gehirn vorhanden sind, geschweige denn wie viele notwendig für dessen Funktionen sind. Was immer die Antwort sein mag, es ist zu viel, um es mit einem Computer zu replizieren.

Das bringt uns in die Richtung einer tiefergehenden konzeptionellen Schwierigkeit. Nur weil wir einige Aspekte davon simulieren können, wie das Gehirn funktioniert, bedeutet das nicht unbedingt, dass wir ein komplettes echtes  Gehirn nachbauen könnten – oder sogar ein Bewusstsein erschaffen. Kein denkbarer Zuwachs an Rechenleistung wird es uns erlauben, das Gehirn auf der Ebene einzelner Moleküle zu simulieren. Gehirn-Nachahmung wäre als nur möglich, wenn wir seine digitalen und logischen Abläufe von der chaotischen Molekularebene abstrahieren könnten.

Um die Abläufe eines menschengemachten Computers zu verstehen, müssen wir nicht die Ströme und Spannungen in jedem seiner Komponenten verfolgen und noch weniger verstehen, was jedes einzelne Elektron macht. Wir entwickelten den Schaltvorgang der Transistoren, so dass eine unmissverständliche Zuordnung der Stellung der Kreisläufe auf die einfache Logik von Einsen und Nullen erfolgt. Aber niemand hat ein Gehirn designed, sondern es hat sich entwickelt, also gibt es keinen Grund, eine einfache Zuordnung seiner Abläufe auf eine digitale Logik zu erwarten.

Gefährliche Idee

Auch wenn das Hochladen des Geistes ein unerreichbarer Traum ist, werden einige sagen, dass es niemandem schadet, von solchen Möglichkeiten zu träumen. Jeder muss an einem bestimmten Punkt seine eigene Sterblichkeit fürchten. Ich maße mir nicht an, darüber zu diskutieren, wie die Menschen mit diesen Ängsten umzugehen haben.

Das Verschmelzen des Transhumanismus mit grundsätzlichen religiösen Vorstellungen und wissenschaftlicher Sprache ist jedoch durchaus von Bedeutung, denn dies verzerrt die Art, wie wir über Technologie nachdenken. Transhumanismus tendiert dazu, die Technologie als Lösung zu verstehen, die alle unsere Wünsche erfüllen soll. Dies ist oft durch das Argument gerechtfertigt, dass Technologie die menschliche Entwicklung ausnahmslos in eine positive Richtung treiben wird.

Diese Annahme verfälscht unsere wissenschaftlichen Prioritäten und behindert uns dabei, bezüglich der Entwicklung der Technologien, die wir brauchen, um unsere derzeitig bestehenden Probleme zu lösen, vernünftige Entscheidungen zu treffen. Das Hochladen eines Gehirns ist eine wichtige Voraussetzung der spekulativen Fiktion, aber ist nicht als eine Basis für Diskussionen über die Zukunft geeignet.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „Nervenbahnen“ by Geralt (CC0)


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Was ist Denken – und wird eine Maschine je dazu in der Lage sein?

Thinking (adapted) (Image by Wade M [CC BY-SA 2.0] via flickr)

Wenn Maschinen denken könnten – wie wäre das? Seit Urzeiten beschäftigt dieses Thema die Menschen. Aber würden wir uns verstehen? Und woher wissen wir, was Denken wirklich ist? Die Vorstellung einer denkenden Maschine ist fantastisch. Es ist, als würden Menschen künstliches Leben schöpfen – nur noch beeindruckender, da wir ein Bewusstsein erschaffen würden. Oder etwa nicht? Es ist verlockend, sich auszumalen, dass eine Maschine, die denken kann, vielleicht sogar so denken könnte wie wir. Aber wenn man sich die Idee länger durch den Kopf gehen lässt, wird klar, dass das nicht zwangsläufig so sein muss.

Zunächst sollten wir uns klar machen, was wir unter “Denken” verstehen. Ein Vergleich mit menschlichem Denken ist vielleicht intuitiv, aber wie sieht es mit tierischem Denken aus? Denkt ein Schimpanse? Eine Kuh? Oder ein Oktopus?

Es gibt möglicherweise sogar außerirdische Intelligenz, die wir nicht als solche erkennen, da sie sich zu sehr von uns unterscheidet. Sie könnte sogar ganz in unserer Nähe vorkommen, und auch ohne dass einer ahnt, dass der andere existiert, da wir keine gemeinsame Art der Interaktion haben. Sicherlich gibt es neben dem Menschen Tiere, die geistige Fähigkeiten haben, die auf das Verstehen von Werkzeugen und Kausalzusammenhängen, Kommunikation und sogar das Erkennen von gerichtetem und absichtlichem Denken bei anderen abzielen. Wir würden wahrscheinlich einiges oder alles davon als Denken bezeichnen.

Machen wir uns nichts vor: Wenn wir eine Maschine bauen würden, die alles oben genannte könnte, würden wir uns auf die Schultern klopfen und sagen: “Auftrag ausgeführt!” Aber könnte eine Maschine einen Schritt weiter gehen und wie der menschliche Verstand arbeiten? Darüber hinaus, wie würden wir wissen, ob sie es auch wirklich täte?

Nur weil ein Computer sich so verhält, als hätte er einen Verstand, heißt das noch lange nicht, dass er ihn auch wirklich hat. Es könnte auch alles nur Show und nichts dahinter sein, ein Beispiel für einen Zombie im philosophischen Sinne.

Es war diese Idee, die den britischen Codeknacker und Mathematiker Alan Turing dazu anregte, sich seinen berühmten “Turing-Test” auszudenken. Dabei sollte ein Computer mit einem Menschen per Bildschirm interagieren und den Menschen in der Mehrzahl der Fälle verunsichern, ob er tatsächlich ein Computer sei. Für Turing war nur das Verhalten von Bedeutung, man müsse sich keine Gedanken um ein rechnerisches “Innenleben” machen.

Aber einige von uns halten dieses Innenleben für bedeutend. Der Philosoph Thomas Nagel sagte, dass es etwas gibt, das “etwas Ähnliches” wie bewusste Erlebnisse schafft. Es fühlt sich irgendwie so ähnlich an, wie die Farbe rot zu sehen oder Wasserski zu laufen. Wir sind mehr als nur der Zustand unseres Gehirns.

Kann es je “etwas Ähnliches” geben wie den speziellen Fall, eine denkende Maschine zu sein? In einem fiktiven Gespräch mit der ersten intelligenten Maschine könnte ein Mensch fragen: “Hast du ein Bewusstsein?”, worauf sie antworten könnte: “Woher soll ich das wissen?”

Ist Denken nur Berechnung?

Dem Computer-Denken, wie wir es uns zur Zeit vorstellen, liegt reines Rechnen zugrunde. Es geht um Berechnungen pro Sekunde und die Anzahl der möglichen Rechenwege.

Aber wir sind eigentlich überhaupt nicht sicher, dass Denken oder Bewusstsein ein Resultat von Berechnung ist, zumindest in der Art, wie ein binärer Computer sie durchführt. Könnte Denken mehr als nur Berechnung sein? Was ist außerdem nötig? Und wenn es sich nur um Berechnung handelt, wieso ist das menschliche Gehirn so schlecht darin?

Die meisten von uns sind schon damit ausgelastet, ein paar zweistellige Zahlen im Kopf zu multiplizieren, geschweige denn Billionen von Berechnungen pro Sekunde durchzuführen. Oder findet eine tiefere Verarbeitung von Daten unterhalb unserer Wahrnehmung statt, die letztlich in unserem rechnerisch beeinträchtigten Bewusstsein mündet (das Argument der sogenannten starken Künstlichen Intelligenz)?

Allgemein kann gesagt werden, dass Computer gut in Anwendungsfällen sind, bei denen Menschen ziemlich schlecht abschneiden, so wie die Verarbeitung von Rohdaten. Und worin Computer schlecht sind, sind Menschen ziemlich gut, wie zum Beispiel Sprache, Poesie, Stimmerkennung, dem Deuten von komplexen Verhaltensweisen und das Bilden ganzheitlicher Urteile.

Wenn die Analogie zwischen Mensch- und Computer-“Denken” so schlecht ist, wieso erwarten wir dann, dass Computer letztendlich so denken wie wir? Oder werden Computer in der Zukunft ihre charakteristische rechnerische Befähigung verlieren, wenn sich ihr Bewusstsein voll entwickelt?

Glaube, Zweifel und Werte

Daneben gibt es Wörter wie “Glaube” und “Zweifel”, die für menschliches Denken charakteristisch sind. Aber was heißt es überhaupt, dass ein Computer etwas glaubt – abgesehen von der trivialen Bedeutung, dass dieser in Unwissenheit der Möglichkeit handelt, dass es falsch sein könnte? Anders ausgedrückt, könnte ein Computer echte Zweifel haben, dann aber trotzdem mit dem weitermachen, was er gerade tut?

Wenn es um Fragen wie Werte geht oder darum, was uns im Leben wichtig ist und warum, muss man zwei Dinge betrachten. Das erste ist, ob ein denkender Computer dazu fähig sein könnte, irgendetwas einen bestimmten Wert zuzuschreiben. Das zweite: Wenn er irgendetwas einen bestimmten Wert zuschreiben könnte, was genau wäre das? Wie es scheint, sollten wir hier vorsichtig bleiben, auch ohne die Möglichkeit eines maschinellen freien Willens.

Es wäre schön, wenn man ein den Menschen ähnliches Wertesystem in die Computer eingeben könnte. Aber auf der einen Seite sind wir nicht wirklich sicher, was das ist oder wie es bewerkstelligt werden könnte, und auf der anderen Seite wissen wir nicht, ob Computer anders entscheiden würden, wenn sie anfingen, sich selbst zu programmieren.

Während es viel Spaß macht, über all diese Dinge nachzudenken, sollten wir ein bisschen Zeit auf den Versuch verwenden, zu verstehen, was denkende Computer für uns darstellen sollen. Und vielleicht sollten wir uns ein wenig mehr Zeit dafür nehmen, uns selbst zu verstehen, bevor wir damit weitermachen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) “Thinking” by Wade M (CC BY-SA 2.0)


 

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Wir müssen Push-Benachrichtigungen wählerischer einsetzen

Physical Notifications (adapted) (Image by Johan Larsson [CC BY 2.0] via Flickr)

Fast jede App versorgt uns mit Push-Benachrichtigungen, wenn etwas passiert. Um dieser konstanten Ablenkung aber zu entgehen, müssen wir wählerischer sein. Ein leichtes Vibrieren und ein leiser Ton reichen aus, um uns kurzzeitig in leichte Aufregung zu versetzen. Unser Smartphone teilt uns mit, das irgendetwas in unserer vernetzten Welt passiert ist. Unmittelbar lenkt unser Gehirn die Aufmerksamkeit auf das eventuell wichtige Ereignis, dass sich letztendlich in den meisten Fällen als ziemlich unwichtig erweist. Jemand hat meinen Facebook-Beitrag oder mein Instagram-Bild gelikt. Toll. Doch Push-Benachrichtigungen sollten uns nur in wirklich dringenden Fällen von tatsächlich wichtigen Tätigkeiten abhalten. Es wird also Zeit, uns von ihnen zu trennen.

Benachrichtigungen als Sucht

Als ich vor einigen Jahren mein erstes Smartphone bekam, war ich ganz begeistert davon, immer erreichbar zu sein und immer zu wissen, was in meiner digitalen Welt passiert. Bei jeder Vibration zückte ich freudig das Mobiltelefon aus meiner Hosentasche und begann auf dem Display herumzuwischen. Im Laufe der Jahre fing ich an, immer mehr Dienste zu nutzen – die meisten haben mein Leben jedoch nicht nur mit vielen neuen Features erleichtert und bereichert, sondern meine Konzentrationsfähigkeit dank Push-Benachrichtigungen auf ein Minimum reduziert. Letztendlich haben sie meine Produktivität nicht erhöht, wie die meisten versprechen, sondern eher das Gegenteil bewirkt. Es wird also Zeit, etwas gegen diese Sucht zu unternehmen.

Der Begriff Sucht ist tatsächlich sehr nah an der Wahrheit. Bereits 2012 hat Psychology Today einen spannenden Artikel darüber veröffentlicht, warum wir nach SMS und Benachrichtigungen süchtig sind. Der entscheidende Punkt ist Dopamin, das Glückshormon, das auch als Belohnungssystem gilt. Jede eingehende Nachricht schüttet im Gehirn eine kleine Dosis des Glückshormons aus – die Tatsache, dass diese Nachrichten dazu noch unvorhergesehen und nicht dauerhaft eintrudeln, verstärkt den Effekt dabei nochmal. Jede Benachrichtigung ist also wie eine kleine Dosis einer Droge, die kurzzeitig dafür sorgt, dass wir uns gut fühlen. Das macht es auch so schwer, das Smartphone einfach mal aus der Hand zu legen und sich auf die Arbeit oder die Mitmenschen im Alltag zu konzentrieren, da diese nur in seltenen Fällen eine ähnliche Dopamin Ausschüttung bewirken.

Cold Turkey?

Wie kann man sicher aber von dieser Sucht lösen? Cold Turkey wäre eine, wenn auch sehr drastische Idee. Der komplette Verzicht auf Smartphone und Online-Dienste ist in unserer Gesellschaft zwar noch möglich, doch werden die meisten nicht komplett abstinent leben wollen. Es gibt auch gemäßigtere Ansätze. Die kontrollierte Stummschaltung des Smartphones mit der App Offtime zum Beispiel. Aber auch iOS und Android bieten in den jeweils aktuellsten Iterationen sogenannte „Do not Disturb“-Modi, bei denen über eine gewisse Zeit nur ausgewählte Benachrichtigungen oder Kontakte zu einem durchkommen. Die App Yo, die ursprünglich nach dem sinnlosesten und nervigsten sozialen Netzwerk aller Zeiten aussah, könnte das Benachrichtigungsdilemma ebenfalls lösen.

Yo bietet einen fast schon absurd einfachen Mechanismus, schnell Push-Benachrichtigungen zu abonnieren oder wieder abzuschalten. Wenn man während der Fußball-WM zum Beispiel Worldcup geyot hat, erhielt man für jedes erzielte Tor eine Benachrichtigung. In Zukunft könnte dies aber auch von Unternehmen aller Art genutzt werden, um den Kunden über den Verbleib der bestellten Pizza zu informieren, darauf hinzuweisen, dass das Boarding des gebuchten Fluges beginnt, oder aber als Kanal für Unwetterwarnungen. Die Anwendungsmöglichkeiten sind vielfältig – das Hauptproblem ist allerdings, dass bisher kaum nur sehr wenige Unternehmen oder Marken die App nutzen.

Langzeitbeziehungen

Die Idee von „Do not Disturb“-Funktionen oder Apps wie Offtime sind grundlegend gut und ich nutze sie persönlich auch regelmäßig, doch eigentlich sind sie auch nicht die Lösung des Problems. Müssen wir denn eigentlich immer alles mitbekommen, was in unserer kleinen digitalen Welt passiert und uns von den Benachrichtigungen über kleine Updates, Kommentare und Likes kontrollieren lassen? Wir werden von der Angst etwas zu verpassen (FOMO) geradezu abhängig von unseren Smartphones und dem nächsten kurzen Dopamin-Kick.

In seinem Beitrag auf The Next Web vergleicht Autor Owen Williams Push-Benachrichtigungen sehr passend mit einer Langzeitbeziehung. Die Entscheidung, einer neuinstallierten App zu erlauben uns mit Push-Benachrichtigungen zu versorgen, ist deutlich weitreichender als die Entscheidung was ich morgen anziehen werde. Die Benachrichtigungen werden uns jeden Tag und zu jeder Tageszeit beeinflussen. Daher ist es wichtig, dass wir uns die Frage stellen, ob wir bereit sind, diesen Schritt zu gehen, ob die entsprechende App tatsächlich das Potenzial für etwas ernstes hat, oder ob es nur um den kurzen Spaß geht. Wir sollten uns also bei allen Apps fragen, ob die Benachrichtigungen wirklich wichtig sind. Sind sie so wichtig, dass wir ihnen gestatten uns zu jeder Tageszeit von der Arbeit, dem Treffen mit Freunden oder der Zeit mit der Familie abzulenken? Wenn die Frage nein lautet, gibt es keinen Grund, die Benachrichtigungen nicht einfach abzuschalten. Dopamin kann der Körper schließlich auch auf anderem Weg ausschütten.


Image (adapted) „Physical Notifications“ by Johan Larsson (CC BY 2.0)


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