Shadow of the Tomb Raider im Test: Verbrauchte Heldin am Ende einer Ära

2018 ist ein aufregendes Jahr für das Franchise von Tomb Raider. Mit Alicia Vikander in der Hauptrolle kehrt Lara Croft, eine der berühmtesten Videospielfiguren der Welt, nicht nur auf die Kinoleinwand zurück. Mit Shadow of the Tomb Raider wird zudem die Reboot-Trilogie vervollständigt, die 2013 mit Tomb Raider begann.

Im ersten Teil begegneten wir einer verletzlichen und verängstigten jungen Lara, die es gerade so mit ihrem Leben von der gefährlichen und von Königin Himiko heimgesuchten Insel Yamatai schaffte. Zwei Jahre später begleiteten wir Lara in Rise of the Tomb Raider auf einer Reise in ihre Vergangenheit und im Kampf gegen die Geheimorganisation Trinity. Shadow of the Tomb Raider soll nun Laras Heldengeschichte beschließen, Fragen um ihren Vater und Trinity beantworten und uns mit der abgehärteten Heldin bekannt machen, die wir seit den 90ern kennen. Aber nur, wenn Lara nicht aus Versehen den Weltuntergang einleitet! Wir haben das von Eidos Montréal und Crystal Dynamics entwickelte und von Square Enix vertriebene Videospiel getestet.

Formelhaftes Setting: Laras dritte Story ist so lala

Schneller, besser, härter. In Shadow of the Tomb Raider begegnen wir einer Lara Croft, die schon einiges durchgemacht hat, aber auf diese Weise auch ein beeindruckendes Fähigkeiten-Repertoire erworben hat. Auf den Spuren der hinterhältigen Organisation, die für den Tod ihres Vaters Richard Croft verantwortlich sein soll, verschlägt es Lara zusammen mit ihrem besten Freund Jonah – einer der wenigen übrig gebliebenen Charaktere des ersten Teils – nach Mexiko.

Auf der Suche nach einem magischen Dolch, den sie vor Trinity schützen will, löst Lara aus Versehen apokalyptische Ereignisse aus und bringt die Handlung des Spiels ins Rollen. Fortan liefert sich unsere Heldin ein Kopf an Kopf Rennen mit Trinity, um die Welt entweder zu retten oder endgültig dem Untergang zu weihen. So weit, so generisch!

Shadow of the Tomb Raider Setting
Lara Croft löst apokalyptische Ereignisse aus und setzt damit die Geschichte in Gang. Image by Square Enix

In Sachen Plot-Twists und Storytelling erfindet Shadow of the Tomb Raider das Rad nicht neu. Stattdessen ist die Story sogar relativ belanglos und funktioniert im Endeffekt nur gerade so, weil der Bösewicht einigermaßen nachvollziehbare Motive besitzt. Hingegen im ersten Teil wirkte die Geschichte – trotz einer heimgesuchten japanischen Insel mitsamt irren Sonnenkult – durch das Kidnapping Laras bester Freundin Sam als Charaktermotivation noch in der Realität verankert.

Grandioser Nebendarsteller und stimmungsvolle Sprachausgabe

In Shadow of the Tomb Raider ist Lara Croft gleichzeitig Unheilsbringerin wie auch Jesus-Figur. Sie leitet die Apokalypse ein, bildet sich aber auch ein, die einzige Hoffnung zu sein, diese auch wieder abzuwenden. Dies bleibt von Jonah zum Glück auch nicht unkommentiert und das ist eine der großen Stärken der Story. Die meisten Charakter wirken ziemlich austauschbar, mit Jonah hat Lara aber einen Gegenpart, der ihr die Stirn bietet und ihr auch mal klar macht, dass die Welt sich nicht nur immer um sie dreht.

Die Motion-Capture und originalen Voice-Actor Camilla Luddington (Lara) und Earl Baylon (Jonah) liefern dabei regelrecht großartige Dialoge ab. Aber auch die deutsche Sprachausgabe kann sich hören lassen. Darin leiht Synchronschauspielerin Maria Koschny Lara Croft ihre Stimme. Sie ist als Stimme von Jennifer Lawrence bekannt.

Gameplay: Shadow of the Tomb Raider mit ausgewogener Rätsel-Balance

Zu wenig, zu viel, genau richtig – oder auch Tomb Raider, Rise of the Tomb Raider und Shadow of the Tomb Raider. Obwohl der dritte Teil mich Story-mäßig nicht vom Hocker haut, kann er mich immerhin in Sachen Gameplay überzeugen. Tomb Raider (2013) hatte eine tolle Geschichte, aber es fehlten die klassischen Gräber und Rätsel. Im Vergleich dazu bot Rise mehr vom beliebten Ur-Gameplay, übertrieb es aber mit dem halsbrecherischen Tempo. In Shadow hingegen gelingt die Balance am besten.

In der Mainquest begegnet dem Spieler ein ausgewogenes Maß an kniffligen Kletterpassagen, Rätseln, Unterwasser-Leveln, Exploration und Kämpfen. Wo sich Lara Croft in vergangenen Teilen von Schauplatz zu Schauplatz durch Massen von Gegner metzeln musste, sind diese Parts in Shadow viel realistischer gewichtet. Kämpfe treten jetzt nicht mehr so ätzend und unglaubwürdig oft auf. Stattdessen sind Rätsel und Gräber häufiger anzutreffen und dabei viel kniffliger und dabei sehr spannend und spaßig gestaltet!

Shadow of the Tomb Raider Klettern Wurfhaken
Beim Klettern sorgt ein Wurfhaken für neuen Nervenkitzel. Image by Square Enix

Neu in Sachen Gameplay ist das Nutzen der Umgebung beispielsweise durch Heilpflanzen, um sich etwa während eines Kampfes zu heilen oder Schlammlöcher, mit denen sich Lara tarnen kann. Beim Klettern verfügt Lara nun über einen Wurfhaken, der oft Kletterpassagen mit Nervenkitzel einleitet.

Das Hub-Level Paititi, eine indigene Inka-Stadt, ist der Schauplatz der Hauptstory. Dort wird man wohl die meiste Zeit im Spiel verbringen. Paititi bietet eine Vielzahl an Nebenmissionen und Herausforderungsgräbern, die man nach Belieben zu beinahe jedem Zeitpunkt im Spiel absolvieren kann und mithilfe der Schnellreisefunktion auch immer leicht erreichen kann.

Die auffälligste Änderung in Sachen Gameplay ist die Möglichkeit, den Schwierigkeitsgrad anhand von drei Kriterien den eigenen Vorlieben anzupassen. Jeder Spieler kann dabei die Schwierigkeit der Aspekte „Kämpfe“, „Rätsel“ und „Exploration“ personalisieren.

Fazit: Das Lara-Franchise braucht eine Kreativpause

Das Ende von Shadow of the Tomb Raider hat mich mit einem seltsamen Gefühl zurückgelassen – weder gut noch schlecht. Es ist definitiv das Ende einer Ära. Die Geschichte der neu definierten, emanzipierten, vermenschlichten Lara Croft ist vorerst zu Ende erzählt und dabei frage ich mich: Ist sie wirklich so neu oder dreht sich das Franchise im Kreis? Sind wir mit der taffen Lara gegen Ende von Shadow wieder in den 90ern angelangt und wollen wir das überhaupt?

Tomb Raider wollte sich mit dem 2013er Titel neu erfinden. Das ist jenem Teil auch gelungen. Denn es wurde eine mitreißende, menschliche Geschichte erzählt. Doch in Shadow of the Tomb Raider wird Lara als Jesus-Figur einer indigenen Zivilisation inszeniert. Dies ist in Hinsicht auf die Geschichte des Kolonialismus schon problematisch genug.

Zusätzlich ist Vieles, was die Hauptfigur im ersten Teil so authentisch machte, dahin. Eine Cutscene am Ende des dritten Teils zeigt Lara zuweilen so skrupellos, dass es mir Gänsehaut bereitete. Es hat etwas Gutes, dass die Trinity-Trilogie zu Ende erzählt ist.

Shadow of the Tomb Raider Lara Croft
Im dritten Teil wird Lara Croft zum Teil sehr skrupellos und gewalttätig inszeniert. Image by Square Enix.

Dennoch empfinde ich Shadow of the Tomb Raider als gelungene Unterhaltung. Schließlich macht das Spiel unheimlich Spaß und ist zudem einfach atemberaubend schön. Die Flora und Fauna des Dschungels, sowie Paititi und die Tempel sind eine Augenweide.

Außerdem habe ich das Franchise noch nicht abgeschrieben. Schließlich hat es mich durch Tomb Raider im Jahr 2013 mittels der neu erfundenen Lara Croft überhaupt erst zum Fan der Reihe gemacht und auch andere Kollegen aus der Redaktion für Tomb Raider begeistert. Jetzt ist es allerdings Zeit, der Figur eine Schaffenspause zu gönnen. Zukünftig sollte das Franchise wieder offen für eine neue Version der altbekannten Heldin sein!

Wir haben Shadow of the Tomb Raider auf der Playstation 4 durchgespielt. Außerdem ist das Game für PC und Xbox One erhältlich. Es kostet als Standard-Version rund 60 Euro.

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Images by Square Enix


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