Ravel: Ein phantastisch-böser Walzer

Gerade war das Seoul Philharmonic Orchestra im Rahmen einer Europa-Tournee in Deutschland unterwegs. Dabei kam auch La Valse von Maurice Ravel zur Aufführung.

Schwarze Wolken ziehen am Himmel entlang. Ein dunkler Bläserklang erhebt sich knurrend aus der Tiefe, Flöten trillern leise um Hilfe. Eine unheimliche Atmosphäre lässt erahnen: wo diese Musik her kommt, wächst kein Gras mehr. Schnitt. Liebliche Harfenklänge umspielen verzauberte Streicherglissandi. Die Melodie eines Wiener Walzers erklingt – fragil, phantastisch – und wird schon nach ein paar Takten wieder von dem Unheil in die Tiefe gerissen.


Bereits der Anfang von Maurice Ravels Klangrausch La Valse lässt vermuten, dass es in diesem Walzer nicht ums Tanzen geht. Frei nach dem Motto „Kunst sollte die Nachahmung dessen sein, was nicht existiert“ komponierte Ravel die choreographische Dichtung 1919 bis 1920 mit einer klaren szenischen Aufführung vor Augen: „Durch wirbelnde Wolken hindurch sind hier und da Walzer tanzende Paare erkennbar. Die Wolken zerstreuen sich nach und nach und geben (Buchstabe A) den Blick auf einen gewaltigen Saal frei, in dem sich eine Menschenmenge dreht. Allmählich wird die Bühne heller, bis im Fortissimo (Buchstabe B) der volle Glanz der Kronleuchter erstrahlt. Ein Kaiserhof um das Jahr 1855“.

Doch das ist erst der Anfang vom Ende: Walzer-Melodien taumeln immer wieder volltrunken in einen imaginären Abgrund, rauschende Glissandi enden in brachialer Verstörung, in schneller Folge wechseln melancholisch-zauberhafte Walzer-Melodien mit dämonischen Gewitterklängen ab. Am Ende schmettert ein „phantastischer, fataler Wirbel“ alles nieder, was nicht eh schon unterwegs in irgendwelchen Tiefen liegen geblieben ist. Richard Strauss meets Aphex Twin – gewürzt mit einer Prise Cabaret hat Ravel mit La Valse ein 12-minütiges Stück komponiert, dass seinen Charme aus dem Zerfall schöpft. Wie schon beim Bolero treffen in der Musik das Gute und das Böse aufeinander und erzeugen eine Vernichtungsorgie par excellence. Aber wie es Ravel hier geschafft hat, das Böse derart charmant hinter dem Fantastischen zu verstecken, das sollte man nachhören! Am besten in einer Version von den Franzosen selbst: mit Eliahu Inbal und dem Orchestre National de France. Un spectacle brut é grotesque!

Beate Stender

ist als Musikredakteurin beim Radio und als Freie Autorin in Berlin unterwegs. Sie interessiert sich für alles, was klingt und experimentierfreudig ist. Neben den netzpiloten schreibt sie auch für kulturprozess.com. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.


Artikel per E-Mail verschicken
Schlagwörter: , , ,

1 comment

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.